Mein Name ist Paul.
Ich bin Mitte dreißig, Single, habe einen guten Job und stehe mitten
im Leben, wie man so schön sagt.
Ich bin ein eher unauffälliger Typ.
Ich habe keine Marotten, mein Äusseres und meine Kleidung sind modisch,
aber unauffällig. Nichts liegt mir ferner, als aufzufallen.
Falsche Aufmerksamkeit ist mir ein Greul. Ich beobachte lieber, als
das ich beobachtet werde.
Erhalte ich eine Einladung zu einer Party oder einem Empfang, bin
ich derjenige, der am Rand der Gesellschaft steht und sich das Geschehen
ansieht.
Letzte Woche hatte ich wieder so eine Einladung erhalten.
Mein Chef wollte, im kleinen Kreis und mit mir, den dritten Advent
mit einem guten Essen begehen. Da ich der Nächste in der Firma sein
sollte, der in die Geschäftsleitung aufrückt, war mein Chef wohl der
Meinung, mich auch einmal seiner Frau vorstellen zu müssen.
Mein Boss ist ein netter Mensch und es ist bekannt, dass seine Frau
gut kochen kann.
Ich fuhr an dem besagten Abend mit meinem Wagen zu seiner Villa und
parkte in der Einfahrt.
Ich nahm die Flasche Rotwein vom Beifahrersitz, die ich als kleine
Aufmerksamkeit für die Gatsgeber ausgesucht hatte. Ein 93er Valdepanas.
Mein Arbeitgeber würde sich freuen, auch er war ein Weinkenner.
Meine Gastgeber hatten ihren Garten für den Winter gut vorbereitet.
Alle Beete waren sorgfältig mit Rindenmulch abgedeckt. Ein sehr ordentlicher
Garten, der meinem Naturell sehr entgegen kam.
Da ich wusste, wir würden uns nur im Haus aufhalten, bestand mein
Schuhwerk aus flachen Slippern, die dem winterlichen Wetter zwar unangemessen
waren, mir im Haus aber ein gutes Fussklima versprachen.
Auf dem Weg zur sorgfältig geschmückten Eingangstür begann das Dilemma.
Der den Blumen Schutz gebende Rindenmulch war in kleinsten Mengen
auch auf dem Gehweg gelangt. Vermutlich hatte der Wind die leichten
Teile des Materials von ihrem eigentlichen Bestimmungsort weggeblasen.
Eines dieser kleinen weichen Holzstücke war in meinen rechten Slipper
gelangt. Ich nahm ihn noch nicht bewußt als das wahr, was er war.
Der Teil meines Gehirns, der sich mit solchen Dingen beschäftigte,
gab für die Unstimmigkeit im Fussgefühl eine verrutschte Naht der
Socken an.
Mein Hauptaugenmerk galt überdies dem Moment der Begrüssung, der
immer immer ein gewisses Risiko birgt.
Innerhalb von Sekunden entscheidet sich, ob man die Einladung richtig
eingeordnet hat und es ein gelungener Abend wird.
Stimmt die Kleidung? Bin ich overdressed oder zu leger? Bin ich willkommen
oder nur geduldet? Auch sind diese Momente immer von einer gewissen
Unsicherheit geprägt. Beginnt man sofort ein Gespräch? Schweigt man
und kümmert sich erstmal um seine Garderobe? Erhält man höflich mit
Floskeln den Redefluss? Beginnt man mit Smalltalk, Weltpolitik oder
einem Kompliment für den Gastgeber?
In der Regel versuche ich es mit einem freundlichen Lächeln, das dem
Gastgeber zeigt, wie erfreut ich bin, ihn zu sehen. Nicht zu strahlend
-aufdringlich- und nicht zu bescheiden -unterwürfig-, die Mischung
macht es aus.
Eine schwierige Aufgabe, die höchste Konzentration erfordert.
Ich bemerkte daher erst nach dem Betätigen der Türglocke, dass sich
ein Fremdkörper in meinem Schuh befand. Ich beugte das Knie nach hinten,
ähnlich der Bewegung, die man bei gewissen Stretching-Übungen macht,
um im Stehen das Objekt aus meinem Schuh zu entfernen.
Mit der rechten Hand griff ich nach hinten und forschte nach dem Übeltäter.
Leider hatte sich der Holzspan mit seiner faserigen Beschaffenheit
gut in die Socke eingearbeitet. Es gelang mir gerade noch den Fuss
rechtzeitig zu senken, als ich einen Schatten hinter der Eingangstür
bemerkte und diese auch schon geöffnet wurde.
Mein Lächeln war zu breit, zu strahlend und zu gezwungen, doch ich
war überrascht worden. Mir wurde sofort bewusst, dass sich dieser
Abend meiner Kontrolle entzog.
Freundlich plaudernd führte mich die Gastgeberin durch die Eingangshalle.
Auf dem Weg zum Salon versuchte ich durch Verlagerung des Gewichtes
beim Gehen den lästigen Holzspan an den Rand des Fussbettes zu dirigieren.
Doch er sass fest im Gewebe und bewegte sich keinen Millimeter.
Im Salon angekommen erkannte ich, dass schon einige andere Gäste anwesend
waren, von denen mir aber niemand bekannt war. Gott sei Dank passte
die Gesellschaft in der Kleiderordnung perfekt zueinander, ich würde
also nicht auffallen, es würde ein Beobachterabend werden.
Ich nahm in einem bequemen Clubsessel Platz und war froh, den ungebetenen
Gast in meinem Schuh durch die nicht mehr vorhandene Belastung der
Fussohle nicht mehr zu spüren. Es war mir jedoch nur eine kurze Pause
von meiner Bewschwerde vergönnt, da es schon bald in den Speisesaal
ging.
Während des Essens dachte ich schon gar nicht mehr an Schuhe, Socken
und dem, was sich dazwischen befand. In falsche Sicherheit gewogen
von der Wirkung des Weins, bekam ich sogar den Eindruck, wieder alles
unter Kontrolle zu haben, nicht abgelenkt zu werden und mich voll
auf meine Rolle als Gast konzentrieren zu können.
Im Anschluss an das Dessert wandelte sich die Situation dramatisch.
Wir wurden in die Wandelhalle geführt. Es war vorgesehen, dass der
Abend dort ausklingen sollte.
Zu meinem Leidwesen gab es nur einige wenige Sitzgelegenheiten, die
ausnahmslos von älteren Herrschaften in Beschlag genommen worden.
Es wäre äusserst unhöflich gewesen, wenn ich das ohnehin schon rare
Angebot an Sesseln zu meinen Gunsten verringert hätte. Der Abend würde
für mich also stehend, und daher mit der Dauerbelastung meiner Füsse,
zu Ende gehen.
Zu allem Übel hatte sich der Fremdkörper im Schuh auch noch verändert.
Verursachte er zu Beginn lediglich nur ein drückendes Gefühl, so
war er nun zu einem spitzen, pieksenden Marterinstrument mutiert.
Selbstverständlich war es unmöglich, den Schuh einfach auszuziehen
und meine Socken zu untersuchen. Das ging an diesem Ort nicht. Auch
hatte ich dazu keine Gelegenheit, da die Gastgeberin offensichtlich
Gefallen an meiner Gesellschaft gefunden hatte und mir die Rolle des
stillen Beobachters unmöglich machte.
Meine Fussohle erwiess sich als ein weiteres Opfer der modernen Zivilisation.
Rannten unsere Urahnen noch in gebückter Haltung barfuss durch Wald
und Flur, so war das härteste und stacheligste, was meinen Füssen
vergönnt war, der kurzgeschorene Rasen einer öffentlichen Badeanstalt.
Ich beneidete meine Vorfahren in diesem Moment, ob ihrer robusten,
scheinbar unempfindlichen Fussohlen. Nach einem besonders schmerzlichen
Stich in meine Fussohle, nahm ich allen Mut zusammen und bat meine
Gesprächspartnerin, mich zu entschuldigen.
Ich ging Richtung Waschraum und versuchte dabei, so wenig wie möglich
zu humpeln.
Der Waschraum war belegt. Eine weitere unangenehme Situation.
Normalerweise wäre ich gegangen, um den die Toilette verlassenden
Benutzer nicht zu begegnen. Eine Situation, die es zu vermeiden gilt.
Eine Umkehr war mir aber unmöglich, ich musste den Schuh ausziehen
und den Quälgeist endlich loswerden!
Ich blieb also vor dem Waschraum stehen und wartete auf dessen Freigabe.
Einer Angestellten des Hauses fiel meine Lage auf. Sie vermute wohl,
dass ich ein besonders dringendes Bedürfnis hatte.
Um meine Biologie nicht zu überfordern, verwies die freundliche Dame
auf das Badezimmer im ersten Geschoss. Dies sei zwar eigentlich nicht
für Gäste, sondern das private Badezimmer der Hausbewohner, aber diese
hätten auch bei größeren Feiern nichts gegen dessen Mitbenutzung.
Ich eilte also nach oben und begann sofort zu humpeln, als ich mich
ausserhalb der Sichtweite eines jeden Beobachters wähnte.
Im Badezimmer angekommen, riss ich mir den Schuh vom Fuß.
Während ich mir wohlich entspannt die gemarterte Fussohle massierte,
spähte ich nach dem kleinen Fersenquäler. Ich fand nichts und machte
mich daher an die Socke. Auch dort wurde ich nicht fündig.
Ich wand mich also wieder dem Schuh zu. Heftig schüttelnd entfuhr
ihm schliesslich ein leichtes Rieseln. Es war nur noch ein kleiner
Holzsplitter vorhanden, der überwiegende Teile war zu kleinen Holzteilen
zersponnen.
Um das Badezimmer nicht übermäßig zu verschmutzen, schüttelte ich
den Schuh über dem geöffneten WC aus.
Nun, mir ist natürlich nicht bekannt, wie Sie ihren Schuh anfassen,
sollte dies einmal nötig sein, aber ich versuche, möglichst nicht
mit der Sohle in Kontakt zu kommen.
Ist sie doch der Teil des Kleidungsstücks, der uns von allem Schmutz
der Welt trennt, den man auf der Straße antreffen kann. Ich muss wohl
nicht aufzählen, was Natur und die moderne Industriegesellschaft alles
im Angebot haben, um den Zustand des Schuhs in das Gegenteil von "sauber"
zu verwandeln.
Da ein Slipper - wenn man die Fläche der Sohle abzieht - nicht viel
Griffläche bietet, wird es sie kaum verwundern, dass der Schuh beim
- bis dahin triumphalen, den Holzspan verfluchenden - Ausschütteln
mir entglitt und mit eine sattem „Plumps" in der Kloschüssel landete.
Modern wie die Villa war, handelte es sich natürlich nicht um einen
Flachspüler, der als Landeplatz für mein Schuhwerk kaum ein Risiko
dargestellt hätte, sondern es war eines jener WCs, die alles, was
unter den Rand des WC Sitzes gelangt, sofort mit abschließender Nässe
umfangen.
So erging es auch meinem Slipper. Eine Fontäne erzeugend tauchte er
- durch mein heftiges Schütteln kräftig beschleunigt - kopfüber in
die nassen Tiefen, um alsbald, wie ein Unterwasserboot beim Notauftauchen,
wieder an die Oberfläche zu schnellen.
Mein schneller Zugriff - jeden Ekel außer Acht lassend - bewahrte
das Leder nicht davor, sich sofort dunkel zu verfärben.
Der schwere Geruch von nassem Leder lag in der Luft.
Mein Gott, wie sollte ich mich aus dieser peinlichen Situation befreien?
Ich konnte schlecht mit einem hellen und einem dunklen Schuh zu der
Gesellschaft zurückkehren. Sofort würde man am Kontrast erkennen,
dass die dunkle Färbung auf Feuchtigkeit beruht.
Die wildesten Spekulationen würden entstehen, was mich denn dazu veranlasst
haben könnte, einen sauberen Schuh nach Benutzung der Toilette säubern
zu müssen! Ich konnte mir nur zu gut die Gedanken meines Chefs vorstellen.
Wenn ein Mann in Zeiten, in denen überall Schilder hängen „Männer
bitte hinsetzen", sein Geschäft in althergebrachter, archaischer Weise
vor dem WC stehend verrichtet und dabei sein Ungeschick preisgibt,
wie soll dieser Mann eine ganze Abteilung leiten?
Sorgend sann ich nun, wie ich beiden Schuhen den gleichen Farbton
zurückgeben konnte.
Zu warten, bis der Schuh wieder trocknete, war unmöglich. Ich konnte
mich schlechterdings eine Stunde in dem Waschraum einsperren.
Der Entschluss, den linken Schuh ebenfalls oberflächlich solange zu
befeuchten, bis die Schuhe auch farblich wieder ein Paar waren, lag
nahe.
Sehr vorsichtig öffnete ich den Wasserhahn und begann mit meiner Arbeit.
Ich gab dabei grösste Acht, nicht auch noch versehentlich Wasser auf
meinen Anzug zu spritzen.
Dummerweise befindet sich der Schritt eines Mannes in der Regel auf
Höhe des Wasserhahns.
Ein fremder Wasserhahn, unachtsam geöffnet, kann zum Verhängnis werden.
Selbst der reinlichste Mann ist spöttischen Blicken ausgesetzt, wenn
er mit Wassersprenkeln auf der Hose die Toilette verlässt. Könnte
dies ein Grund sein, warum so viele Männer vom Händewaschen „hinterher"
nichts wissen wollen?
Erstaunt, welche Umstände mich zu dieser Erkenntnis gelangen liessen,
fuhr ich mit meinem Werk fort, bis sich das gewünschte Ergebnis einstellte.
Da nun beide Schuhe einen - dunkleren - Ton hatten, war ich bereit
zurückzukehren und meine Rolle als Gast wieder aufzunehmen.
Einzig, der Geruch, der von den Schuhen ausging, verunsicherte mich.
Allen Anstand über Bord werfend, machte ich mich daran, das Bad nach
einer Sprühdose mit Deodorant zu durchsuchen. Dieses sollte, vorsichtig
in die Schuhe gesprüht, den Duft von feuchtem Leder übertünchen.
Ich versuchte, nicht auf all die Dinge zu achten, die ich in dem Badezimmerschrank
über dem Waschbecken entdeckte.
Das Eindringen in die Privatsphäre der Gastgeber war mir zu unangenehm.
Endlich fand ich eine Sprühdose. Ich visierte das Innere des rechten
Schuhs an und gab einen kurzen Impuls auf den Sprühkopf.
Zu meiner Überraschung entkam den Druckkörper nicht etwa ein feiner
Duftnebel, sondern ein weisser Schaum, der sich - obwohl ich schon
lange nicht mehr auf den Knopf drückte - unablässig vergrösserte.
Fönschaum.
Froh, nicht versehentlich eine Dose mit Montageschaum erwischt zu
haben, entfernte ich den Schaum wieder.
Der Schuh war nun nicht nur feucht, sondern auch noch klebrig.
Notgedrungen gab ich auch noch einen Hub Fönschaum in den andern Schuh,
damit dieser die gleiche Duftmarke wie der Rechte aufwies. Niemand
sollte zusätzlich durch einen Duftcocktail verunsichert werden.
Ich schlüpfte wieder in meine, nun feuchten und klebrigen, aber nicht
mehr durch Stiche schmerzenden Schuhe, und verliess das Badezimmer.
In der Wandelhalle suchte ich mir einen Platz, an dem mein Schuhwerk
für die anderen Gäste nahezu uneinsichtig war.
Getarnt durch eine große Topfpflanze, die unmittelbar auf dem Boden
stand, gab ich vor, die schöne Aussicht aus dem Panoramafenster zu
genießen.
Als ich erkannte, dass meine Schuhe zu trocknen begannen und es nur
noch kurze Zeit dauern würde, bis jedermann sehen konnte, wie sich
immer mehr helle Zonen auf der Oberfläche meiner Schuhe bilden würden,
sah ich auf die Uhr und entschied, dass der Anstand es mir gestattete,
mich um diese Zeit zu verabschieden. Es war nicht zu früh - schliesslich
hatte ich einige Zeit im Waschraum verbracht - und ich gehörte so
auch nicht zu den aufdringlichen Gästen, die ihre Gastgeber selbst
zu später Stunde nicht von ihrer Anwesenheit befreien können.
Zufrieden mit meinem Timing verabschiedete ich mich, dankte für den
schönen Abend und fuhr nach Hause.
Die Schuhe habe ich sofort auf den Müll geworfen.
Wenn ich nun Schuhe kaufen gehe, achte ich immer darauf, das diese
nicht zu niedrig sind. Schuhverkäufer wundern sich zuweilen über meine
genauen Nachfragen zum Thema Wasserdichtigkeit. Gerne trage ich nun
auch Schuhe aus Kunstfasern mit Klimamembran.
Im Büro wagt es niemand, mich nach den Gründen für mein ausgefallenes
Schuhwerk zu fragen.
Als Abteilungsleiter kann ich mir das nun erlauben.