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Die letzten Spuren des langen, bitterkalten Winters
waren seit einiger Zeit verschwunden. Die Sonne schickte ihre wärmenden
Strahlen zwischen die Bäume hindurch auf eine kleine Lichtung, die
mitten im ansonsten teertopfschwarzen Wald lag. Still war es. Unheimlich
still. Kein Vogel, kein Eichhörnchen, ja, nicht mal die Insekten
trauten sich, auf dieser Lichtung einen Mucks von sich zu geben.
Vor ihrer Hütte am Rande eben dieser Lichtung saß die Hexe
Silenzia Ausdemschwarzenwald und rasierte sich das mächtige Kinn,
welches über den Winter ganz heftig an Bewuchs zugenommen hatte,
als plötzlich über ihr ein grässliches Kknattern, Rauschen,
Brausen, oder was auch immer, ertönte. Ein Geräusch jedenfalls,
welches Silenzia noch niemals vernommen hatte. Ein großes, unförmiges,
schwarz-silber glänzendes Etwas verdunkelte die wenigen Sonnenstrahlen,
die den Weg auf die Lichtung gefunden hatten, als es mit unglaublichem
Getöse in den Wald einschwebte. Silenzia hatte sich vor Schreck in
das Kinn geschnitten und etwas grüne Sosse tropfte auf ihre neue,
gerade mal 17 Jahre getragene Schürze.
Das Ding kam genau vor der Hütte zum stehen und herab stieg Septerza
Ausderneuenwelt, eine alte Bekannte von Silenzia. "Hi Silly, altes Haus,
bis man dich mal findet ey, das ist ja echt ein act, du wohnst ja hier
echt am Arsch der Welt." Silenzia war total perplex. "Septerza, in drei
Kröten Namen, was ist denn das für ein grauenhaft lauter Besen?",
flüsterte sie. "Besen? Ich lach mich kaputt!", dröhnte Septerza,
"Das ist eine Honda "Gold Wing", Hexensonderausstattung mit echten Wings,
Polstersessel mit Sicherheitsgurt, Stereo-Anlage und Farb-TV! Aber hier
hinter´m Mond kennt man ja wohl nix davon, was? Aber willst du mich nicht
wenigsten hereinbitten, ich hasse diese viele frische Luft hier." "Ja,
ja, komm herein, aber schrei doch bitte nicht so laut, ich bin doch nicht
taub", entgegnete Silenzia, "was führt dich zu mir, du bist doch
sicherlich nicht zufällig hier, nicht wahr?" "Ja weißt du,
Silly, meine Besen machen gerade Frühjahrsputz in meinem Penthouse
in der Großstadt und das war so ätzend, da hab ich mich auf
meine Karre geschwungen und mich erst mal vom Acker gemacht. Unterwegs
ist mir eingefallen: "Ach, mach doch mal ´n Abstecher zu Silly, der alten
Waldeule. Hast zwar kein date mit ihr ausgemacht, aber die ist ja immer
at home und you see, here I am, hast du mal ´n Bier da, ist so dry hier."
"Septerza, Septerza, wie soll es mit dir bloß einmal enden? Nein,
ein Bier habe ich nicht, ich kann dir aber einen Schneckentee und ein
paar Knollenblätterteigkekse anbieten. Bleibst du länger?" "Schneckentee,
Knollenblätterteigkekse, du machst ´n joke, ja? Ich guck ma in meine
Satteltaschen, ich glaub, ich hab da noch ´n Burger drin und ´ne Dose
Pils. Ich kann doch über Nacht bleiben, oder? Ich bretter nicht so
gerne durch die darkness, you know?" Sie lehnte sich zurück und begann,
ihre schweren Biker-Boots auszuziehen. "Oh shit, der Fuß wird immer
dicker, kannst dir den nicht mal angucken? Ich war gestern schon beim
Doc damit, kennst du doch auch noch, den Druiden Aspirinus Bayerlein,
den Quacksalber, hat jetzt ´ne Promi-Praxis in der City. Sagt der Fool
doch zu mir: " Ja, liebes Fräulein, das ist die Gicht, das kommt
vom vielen Fast-Food. Sie müssen Diät halten! Und dann eine
Injektions-Therapie mit den Produkten meines Sponsors, sollen Sie mal
sehen, in ein paar Jahren sind Sie wieder fit wie ein Nike." "Paar Jahre?",
hab ich gesagt, "du hast wohl ´n Nagel im Kopp, wa?" Fing er an, ´rumzumeckern.
Na ja, jetzt ist er ein Ziegenbock im Streichelzoo, da kann er meckern,
so viel er will."
Silenzia sah sich den geschwollen Knöchel der alten Freundin an und
stellte sofort ebenfalls die Diagnose: "Ja. Ja, Aspirinus Bayerlein, ehemaliger
Druide und derzeitiger Ziegenbock, hatte Recht: das ist die Gicht, aber
da hab ich auch was für dich.
Glaube mir, liebe Sesterze, glaub mir oder glaub mir nicht
Was für Jammer und für Schmerze bringt die böse Krankheit
Gicht
Hier sind Mittel vorgeschlagen, die probat und wohlbewährt
Heilung gibt´s in ein paar Tagen, jedes ist zehn Taler wert.
Erstens nimm zwei Marmorsteine, schneide ihre Lebern ´raus,
von einem Floh zwei Vorderbeine und die Milz von einer Laus.
Alles dörren und dann stoßen, nimm es samt dem Löffel
ein:
eh die halbe Woch´ vergangen, wirst du schon geheilet sein.
Zweitens an dem Spieß gebraten zwei Maß Milch von einer Gans,
dazu sechs Lot kühlen Schatten und drei Ellen Hasenschwanz.
Laß´s drei Tage zugedeckt, schmier alsdann den Fuß mit ein,
Laß es einen Wolf ablecken: wird führwahr nichts besseres sein.
Auch drei Schenkel von der Zwiebel und ein achtel Eselswitz
koche mal in deinem Stiefel und rühr mit der Nadelspitz.
Mehr Gedanken von Jungfrauen und noch fünf Pfund Weiberlist
hilft genug, doch mußt du schauen, ob´s genug gesotten ist.
Sechs Lot Krachen von den Büchsen, gleichviel Schein von Mitternacht,
zwölf Lot Schlaues von den Füchsen wird zum Pflaster angebracht.
Will dies alles nicht verfangen, liebste Freundin, folge mir.
Schluck hinab zwei Hopfenstangen, das hilft ganz gewiß dafür.*
Na, wie gefällt dir das, liebe Sesterze, drei Tage Roßkur statt
ein paar Jahre Injektionen mit diesem neumodischen Kram und du bist wieder
die alte."
"Bah, das ist ja alles ätzend, aber gut, ich mach mit, weil es so
schnell geht. Ich hab nämlich Karten für das Rock-Konzert mit
den "Witches of Hell" für nächste Woche, mußt du wissen.
Da will ich natürlich mit abhotten auf dem dancefloor. Aber wehe,
das Zeug hilft nix, denk an den Quacksalber Bayerlein!"
Also begannen die zwei Hexen, Zutaten zu sammeln, zu schneiden, hacken,
rühren und diese, leise irgendwelche geheimen Formeln murmelnd, in
einem großen Kessel zu kochen. Da die Zubereitung und die Behandlung
aber, wie gesagt, mehrere Tage dauerte, unterhielten sie sich natürlich
auch über privates.
"Sag mal, Silly, wie hälst du das hier eigentlich aus? Hier ist ja
echt tote Hose und so ruhig, da hört man ja jeden Furz. Ich könnte
das nicht. Bei mir im Penthouse ist immer Hully-Gully."
"Ach weißt du, liebe Septerza, das täuscht. In letzter Zeit
war hier wirklich dauernd etwas los. Vor neunmalsiebzehn Jahren kamen
hier plötzlich zwei Menschenkinder an meine Hütte und begannen,
das Dach aufzufressen. Arme Dinger, von ihren Eltern ´rausgeschmissen.
Ich hab sie gleich zum Essen eingeladen, aber sie sind nach ein paar Tagen
wieder abgehau´n. Wollten nach Amerika, oder so. Vor achtmalsiebzehn Jahren
steh´n hier plötzlich wieder zwei Menschen, zwei junge Burschen von
der Presse, Brüder, glaub ich. Wollten ein - wie heißt das
doch gleich?- ach ja, ein Interview mit mir machen, wegen der zwei Kinder.
Hab mich ganz nett mit denen unterhalten und beim Abschied rief der eine
noch: "Tschüß Oma, wir schicken dir dann ein Freiexemplar",
und weg waren sie. Oh, wenn ich die in die Krallen kriege, ich mache Schweine
aus ihnen, denn als solche haben sie sich herausgestellt. Weißt
du, was diese Idioten geschrieben haben? Ich hätte die beiden Kinder
fressen wollen! Ich, Silenzia, die ich Vegetarierin bin, solange ich denken
kann. Na gut, ab und zu mal eine Kröte, aber nur als Medizin. Ist
das nicht eine bodenlose Gemeinheit gewesen? Na ja, vielleicht erwisch´
ich sie ja eines Tages. Auf jeden Fall ist seit dieser Veröffentlichung
hier die Hölle los. Alle siebzehn Jahre kommen irgendwelche Touristen
und gaffen und schreien: "Oh guck mal, ein Pfefferkuchenhaus, wie süüüß,
ob man das essen kann?", dabei mach ich überhaupt gar nichts aus
Pfefferkuchen. Dann laufen sie hier ´rum und trampeln meine ganzen Kräuter
platt, machen - wie nennen sie das noch?- ach ja, früher haben sie
Photographien dazu gesagt, heute nennen sie das Video-Takes, und dann
hauen sie wieder ab und ich hab dann die ganze Arbeit mit aufräumen
und so.
Im vorletzten Winter klopft es plötzlich an meine Tür. Ich mach
auf, ist da ´ne Schnecke und sagt: "Laß mich ´rein, es ist so kalt!"
Ich war so wütend über diese impertinente Störung meiner
Ruhe, daß ich sie genommen und ganz weit weggeworfen habe. Im letzten
Winter klopft es wieder an meine Tür. Ich mach auf, wieder die Schnecke.
Sie sagte: "Hör mal Hexe, was sollte das denn eben?" Na ja, seit
dem Tag gibt´s bei mir Schneckentee. Du siehst, liebe Freundin, hier ist
immer etwas los. Verdammt, kann man denn hier niemals seine Ruhe haben?"
So gingen drei Tage in den Wald und Silenzias Medizin hatte bei Sesterza
gut gewirkt ( Natürlich, bei den Zutaten!). Man verabschiedete sich.
"Ciao Silly, Süße, besuch mich doch mal in meinem City-Penthouse,
irrer Blick auf Downtown, sag ich dir. So was kannst du heute fast gar
nicht mehr bezahlen. Aprospros bezahlen; kannst mir nicht das Rezept mitgeben,
der Sponsor von Bayerlein tut bestimmt ´ne Menge Kohle dafür rüber."
Sie stieg auf ihre "Gold Wing Special Edition" und mit einem Höllenlärm
und einem "Tschüß, bis bald" verschwand sie über den Bäumen.
" Mal sehen", murmelte Silenzia, "vielleicht in siebzehn Jahren, hängt
vom Wetter ab. Aaahhh, endlich Ruhe!! Wehe dem, der mich in den nächsten
siebzehn Jahren nochmal stört! Ich mache einen Fisch aus ihm, die
sind wenigstens stumm."
Sie setzte sich vor ihre Hütte und begann, ihre gerade eben unterbrochene
Rasur fortzusetzen.
Still war es wieder. Unheimlich still. Kein Vogel, kein Eichhörnchen,
ja, nicht mal die Bienen und Schmetterlinge trauten sich, auch nur das
geringste Geräusch zu machen.
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