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"Nein! Aaahh! Neeiin! Nei.." Völlig verstört schreckte
er hoch. "Aua, verdammt, was für ein Mist!"
Durch die plötzliche und unkontrollierte Bewegung hatte er sich am Bettpfosten
aus massivem Messing die Stirn aufgeschlagen. Warmes Blut lief ihm ins
Auge und über die Wangen. Er presste die Hand auf die Wunde und schob
den Kopf in den Nacken. Er zitterte noch immer, sein Herz raste, sein
Mund war total ausgetrocknet. Für ein paar Minuten war er nicht fähig,
sich zu bewegen. Dieses Gefühl, mit dem er aufgewacht war, diese totale
Beklemmung, hatte ihn voll im Griff. Als er spürte, dass das Blut an seinem
Handgelenk entlang in den Ärmel seiner Schlafanzugjacke lief, löste sich
die Starre und er merkte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen. Er
schlug die Hände vor's Gesicht und weinte. Er heulte Rotz und Wasser,
er konnte gar nichts dagegen tun.
‚Oh mein Gott, was ist das für ein Scheißgefühl, was hab ich denn bloß
wieder für'n Mist geträumt?'
Nach kurzer Zeit hatte sich sein Pulsschlag aber wieder einigermaßen beruhigt
und er war jetzt in der Lage aufzustehen und ins Bad zu wanken. Er sah
sich im Spiegel an. Die Haare wirr, Blut lief über sein Gesicht, die Augen
verquollen und Rotz an der Nase.
‚Als wenn ich 'n Boxkampf hinter mir hätte. Mist, ich glaub, ich hab verloren.'
Er öffnete den Kaltwasserhahn und hielt seinen Kopf darunter. Das kalte
Wasser tat gut. Aus halb geöffneten Augen sah er, wie sich das Blut von
der Platzwunde mit dem ablaufenden Wasser vermischte, bevor es gurgelnd
im Abfluss verschwand. Er zog seinen durchgeschwitzten Schlafanzug aus
und stellte sich unter die Dusche. Nach ein paar Minuten ging es ihm schon
wieder besser. Er trocknete sich ab und versorgte den Riss auf der Stirn
mit einem großen Pflaster, zog sich einen Bademantel an und ging in die
Küche, wo er sich erst mal einen Mokka aufbrühte. Als er dann mit dem
starken Gebräu vor sich und einer filterlosen Zigarette in der Hand am
Tisch saß, begann sich der Kreisel in seinem Schädel aber wieder zu drehen.
‚Das war jetzt schon das dritte oder vierte Mal in diesem Monat. Was ist
bloß los? Dieses Gefühl. Angst, nein ..Todesangst. Ja, so muß es sein,
wenn man Todesangst hat. Aber warum, wovor?'
Er konnte sich nicht an den Inhalt des Albtraumes erinnern, wußte nur
noch, dass er irgend etwas rasend schnell auf sich zukommen sah. Oder
raste er auf irgend etwas zu? Auf jeden Fall war es so bedrohlich, dass
er davon dieses grauenhafte Herzrasen und dieses Gefühl bekam und aufwachte.
‚Werd ich jetzt langsam bekloppt oder was? Ich hab doch früher nie geträumt,
jedenfalls keine Albträume.'
Das diffuse, enge, beklemmende Gefühl kam langsam wieder in ihm hoch.
Er sah sich um. Er meinte die Wände der kleinen Küche auf sich zukommen
zu sehen. Er kam sich vor wie ein Gefangener.
‚Ich halt das hier nicht aus, ich muss hier raus.'
Er ging zurück ins Schlafzimmer und zog sich schnell ein paar Klamotten
über, stopfte sich Zigaretten, Portmonee und Schlüssel in die Taschen,
dann verließ er die Wohnung. Er sah auf die Uhr - halb Zwei. Er nahm nicht
den Aufzug, sondern ging die drei Etagen zu Fuß hinunter. Im ersten Stock
stank es erbärmlich im Treppenhaus. Es roch wie ...
‚GAS! Oh verdammt! Gas ..nix wie raus hier!'
Er rannte die letzten Meter bis zur Haustür, riss am Türgriff. Es war
natürlich abgeschlossen, wie jeden Tag ab 22.00 Uhr.
‚Diese Idioten hier verriegeln sich selbst den Fluchtweg. Mach bloß nicht
noch mal Licht an, dann fliegt hier womöglich alles in die Luft.'
Im Dunkeln fummelte er den Schlüssel ins Schlüsselloch und entriegelte
die Tür, dann stolperte er ins Freie.
Die Straße war dunkel und menschenleer.
‚Die Zelle an der Ecke, schnell, Feuerwehr oder Polizei anrufen.'
Er hatte noch nicht die andere Straßenseite erreicht, als hinter ihm die
Hölle ausbrach. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die nächtliche Stille
und dann wurde er von einem Regen aus Glassplittern und Steinen eingedeckt
und von einem starken Druck gegen ein parkendes Auto geschleudert. Völlig
benommen saß er, mit dem Rücken gegen das Vorderrad des Wagens gelehnt,
auf der Straße und sah auf das Haus, das er gerade verlassen hatte.
In Höhe der ersten Etage klaffte ein riesiges Loch in der Fassade, sämtliche
Fenster waren zerbrochen. Flammen leckten aus dem Loch an dem Rest des
Hauses hoch. Er hörte gellende Schreie und röchelndes Hundegebell. Die
Nacht war in ein bläulich-rot-orangenes Licht gehüllt. Es stank nach verbrennendem
Plastik.
Plötzlich war die Straße voller Menschen. Jemand beugte sich über ihn,
fragte, ob er okay sei. Er nickte nur. Ihm taten alle Knochen weh, er
blutete aus mehreren kleinen Schnittwunden, er hatte einen wahnsinnigen
Druck auf den Ohren, aber er lebte noch. Ein großes, brennendes Bündel,
ein Mensch, fiel aus großer Höhe auf das Straßenpflaster. Es gab ein ekelhaft
klatschendes Geräusch und die Flammen spritzten nach allen Seiten. Er
würgte und erbrach sich auf die Straße.
Von weit her konnte er Sirenengeheul ausmachen. Aus dem Haus vernahm er
jetzt noch mehrere Explosionen, dann ein Knirschen und Krachen, als die
gesamte zweite Etage in sich zusammenbrach. Er blickte hoch zur dritten
Etage. Seine Wohnung stand in hellen Flammen. Es war die Hölle. Entsetzt
verbarg er sein Gesicht in den Händen, konnte sich dieses Inferno nicht
länger ansehen.
Doch trotz der Todesschreie, des Lärms, des Gestanks und der immer größer
werdenden Hitze überkam ihn langsam ein Gefühl der Erleichterung.
‚Ich lebe. Mein Gott, ich lebe! Ich hab die verdammte Explosion überlebt.
Dieser Traum vorhin war eine Warnung, hat mich aus dem Haus getrieben.
Todesangst, Vorhersehung, Himmel noch mal, das gibt's doch gar nicht.
Ich lebe noch.'
Wie in Trance stand er auf und wankte, abwechselnd entweder heiser lachend
oder schluchzend, rückwärts die Straße hinunter.
‚Ich lebe. Ich hab das überlebt. Ich war noch nicht dran.'
Ein sehr lautes Geräusch hinter ihm riss ihn aus seiner Euphorie. Er drehte
sich um. Das letzte, was er in seinem Leben sah, war ein Notarztwagen,
der wahnsinnig schnell auf ihn zu raste.
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