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Und erstens kommt es anders...
(© Uwe Stuerck)
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"Nein! Aaahh! Neeiin! Nei.." Völlig verstört schreckte er hoch. "Aua, verdammt, was für ein Mist!"
Durch die plötzliche und unkontrollierte Bewegung hatte er sich am Bettpfosten aus massivem Messing die Stirn aufgeschlagen. Warmes Blut lief ihm ins Auge und über die Wangen. Er presste die Hand auf die Wunde und schob den Kopf in den Nacken. Er zitterte noch immer, sein Herz raste, sein Mund war total ausgetrocknet. Für ein paar Minuten war er nicht fähig, sich zu bewegen. Dieses Gefühl, mit dem er aufgewacht war, diese totale Beklemmung, hatte ihn voll im Griff. Als er spürte, dass das Blut an seinem Handgelenk entlang in den Ärmel seiner Schlafanzugjacke lief, löste sich die Starre und er merkte, wie ihm die Tränen in die Augen schossen. Er schlug die Hände vor's Gesicht und weinte. Er heulte Rotz und Wasser, er konnte gar nichts dagegen tun.
‚Oh mein Gott, was ist das für ein Scheißgefühl, was hab ich denn bloß wieder für'n Mist geträumt?'
Nach kurzer Zeit hatte sich sein Pulsschlag aber wieder einigermaßen beruhigt und er war jetzt in der Lage aufzustehen und ins Bad zu wanken. Er sah sich im Spiegel an. Die Haare wirr, Blut lief über sein Gesicht, die Augen verquollen und Rotz an der Nase.
‚Als wenn ich 'n Boxkampf hinter mir hätte. Mist, ich glaub, ich hab verloren.'
Er öffnete den Kaltwasserhahn und hielt seinen Kopf darunter. Das kalte Wasser tat gut. Aus halb geöffneten Augen sah er, wie sich das Blut von der Platzwunde mit dem ablaufenden Wasser vermischte, bevor es gurgelnd im Abfluss verschwand. Er zog seinen durchgeschwitzten Schlafanzug aus und stellte sich unter die Dusche. Nach ein paar Minuten ging es ihm schon wieder besser. Er trocknete sich ab und versorgte den Riss auf der Stirn mit einem großen Pflaster, zog sich einen Bademantel an und ging in die Küche, wo er sich erst mal einen Mokka aufbrühte. Als er dann mit dem starken Gebräu vor sich und einer filterlosen Zigarette in der Hand am Tisch saß, begann sich der Kreisel in seinem Schädel aber wieder zu drehen.
‚Das war jetzt schon das dritte oder vierte Mal in diesem Monat. Was ist bloß los? Dieses Gefühl. Angst, nein ..Todesangst. Ja, so muß es sein, wenn man Todesangst hat. Aber warum, wovor?'
Er konnte sich nicht an den Inhalt des Albtraumes erinnern, wußte nur noch, dass er irgend etwas rasend schnell auf sich zukommen sah. Oder raste er auf irgend etwas zu? Auf jeden Fall war es so bedrohlich, dass er davon dieses grauenhafte Herzrasen und dieses Gefühl bekam und aufwachte.
‚Werd ich jetzt langsam bekloppt oder was? Ich hab doch früher nie geträumt, jedenfalls keine Albträume.'
Das diffuse, enge, beklemmende Gefühl kam langsam wieder in ihm hoch. Er sah sich um. Er meinte die Wände der kleinen Küche auf sich zukommen zu sehen. Er kam sich vor wie ein Gefangener.
‚Ich halt das hier nicht aus, ich muss hier raus.'
Er ging zurück ins Schlafzimmer und zog sich schnell ein paar Klamotten über, stopfte sich Zigaretten, Portmonee und Schlüssel in die Taschen, dann verließ er die Wohnung. Er sah auf die Uhr - halb Zwei. Er nahm nicht den Aufzug, sondern ging die drei Etagen zu Fuß hinunter. Im ersten Stock stank es erbärmlich im Treppenhaus. Es roch wie ...
‚GAS! Oh verdammt! Gas ..nix wie raus hier!'
Er rannte die letzten Meter bis zur Haustür, riss am Türgriff. Es war natürlich abgeschlossen, wie jeden Tag ab 22.00 Uhr.
‚Diese Idioten hier verriegeln sich selbst den Fluchtweg. Mach bloß nicht noch mal Licht an, dann fliegt hier womöglich alles in die Luft.'
Im Dunkeln fummelte er den Schlüssel ins Schlüsselloch und entriegelte die Tür, dann stolperte er ins Freie.
Die Straße war dunkel und menschenleer.
‚Die Zelle an der Ecke, schnell, Feuerwehr oder Polizei anrufen.'
Er hatte noch nicht die andere Straßenseite erreicht, als hinter ihm die Hölle ausbrach. Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die nächtliche Stille und dann wurde er von einem Regen aus Glassplittern und Steinen eingedeckt und von einem starken Druck gegen ein parkendes Auto geschleudert. Völlig benommen saß er, mit dem Rücken gegen das Vorderrad des Wagens gelehnt, auf der Straße und sah auf das Haus, das er gerade verlassen hatte.
In Höhe der ersten Etage klaffte ein riesiges Loch in der Fassade, sämtliche Fenster waren zerbrochen. Flammen leckten aus dem Loch an dem Rest des Hauses hoch. Er hörte gellende Schreie und röchelndes Hundegebell. Die Nacht war in ein bläulich-rot-orangenes Licht gehüllt. Es stank nach verbrennendem Plastik.
Plötzlich war die Straße voller Menschen. Jemand beugte sich über ihn, fragte, ob er okay sei. Er nickte nur. Ihm taten alle Knochen weh, er blutete aus mehreren kleinen Schnittwunden, er hatte einen wahnsinnigen Druck auf den Ohren, aber er lebte noch. Ein großes, brennendes Bündel, ein Mensch, fiel aus großer Höhe auf das Straßenpflaster. Es gab ein ekelhaft klatschendes Geräusch und die Flammen spritzten nach allen Seiten. Er würgte und erbrach sich auf die Straße.
Von weit her konnte er Sirenengeheul ausmachen. Aus dem Haus vernahm er jetzt noch mehrere Explosionen, dann ein Knirschen und Krachen, als die gesamte zweite Etage in sich zusammenbrach. Er blickte hoch zur dritten Etage. Seine Wohnung stand in hellen Flammen. Es war die Hölle. Entsetzt verbarg er sein Gesicht in den Händen, konnte sich dieses Inferno nicht länger ansehen.
Doch trotz der Todesschreie, des Lärms, des Gestanks und der immer größer werdenden Hitze überkam ihn langsam ein Gefühl der Erleichterung.
‚Ich lebe. Mein Gott, ich lebe! Ich hab die verdammte Explosion überlebt. Dieser Traum vorhin war eine Warnung, hat mich aus dem Haus getrieben. Todesangst, Vorhersehung, Himmel noch mal, das gibt's doch gar nicht. Ich lebe noch.'
Wie in Trance stand er auf und wankte, abwechselnd entweder heiser lachend oder schluchzend, rückwärts die Straße hinunter.
‚Ich lebe. Ich hab das überlebt. Ich war noch nicht dran.'
Ein sehr lautes Geräusch hinter ihm riss ihn aus seiner Euphorie. Er drehte sich um. Das letzte, was er in seinem Leben sah, war ein Notarztwagen, der wahnsinnig schnell auf ihn zu raste.


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