Zurück
Wie Staub im Sturm
(© Thomas Salm)

 
Weiter

 

Stefan stand auf dem Hof seiner ehemaligen Schule und suchte nach Unterschieden zu seinen Erinnerungen.
Zur Zeit war er völlig allein, beinahe wie abgetrennt von allem anderen. Nur die Details dieser Schule waren es, die ihn fast in eine Hochstimmung versetzten: leere Coladosen auf den Bänken, die um eine Eiche aufgestellt waren, schmutzige Fenster, einfarbige, grobe Gardinen, verbeulte Müllkörbe, und sogar die Schmierereien auf der Seitenwand der Sporthalle waren unverändert.
Seit seinem Abschluß hatte er hin und wieder davon geträumt, wieder in der Schule zu sein, und nur selten waren es erfreuliche Träume gewesen; meist hatte er seine Hausaufgaben vergessen oder sollte eine Arbeit völlig ohne Vorbereitung schreiben.
Aber jetzt, als er sich der vergangenen Jahre zwischen Schulzeit und Gegenwart bewußt war, fand er diesen Ort angenehm erregend. Er fühlte sich sogar ein klein wenig glücklich, und das war eine große Verbesserung zum Abend zuvor, als er sich aus Einsamkeit in den Schlaf geweint hatte.
Noch eher sich Stefan überlegen konnte, wie er diese Gelegenheit nutzen könnte, bemerkte er eine junge Frau, die plötzlich neben ihm stand. Er hatte sie nicht kommen gehört und erschreckte nun etwas, aber daß sein Herz auch nach einigen Sekunden nicht wieder im gewohnten Rhythmus schlug, lag daran, daß er sie sofort wiedererkannte.
Zur Begrüßung sagten sie nichts. Sie lächelte ihn nur an, während er entzückt ihr Gesicht betrachtete. Es war anders als früher, nicht etwa älter geworden, sondern völlig anders geformt. Niemals hatte sie so gut ausgesehen wie jetzt. Alles, jedes noch so kleine Detail, war so, wie er es immer gesucht hatte. Und noch besser! Nun, als er die kleine Unebenheit - wohl eine kleine Narbe - auf ihrer Stirn bemerkte, wurde ihm erst klar, daß er immer nach genau dieser Ausschau gehalten hatte, aber eben nicht wissentlich.
Auch ihr Haar war so, wie es schon immer sein sollte: halblang, glatt, an den Spitzen leicht nach innen gebogen, meist locker zu dünnen Strähnen vereinigt, selten nur allein aus dieser Ordnung ausbrechend, dunkelbraun mit hellerem Flaum am Haaransatz.
Die Kette als einziger Schmuck, die Kleidung, das betonende, aber nicht überdeckende Make-up - nichts, rein gar nichts war an ihr auszusetzen.
Genau das war äußerst erstaunlich, hatte Stefan doch bisher immer Details bemerkt, die nicht in sein nur halb bewußtes Bild seiner Traumfrau paßten. In seinem ganzen Leben waren die attraktivsten Frauen, die er gesehen hatte, nur Annäherungen an dieses innere Bild gewesen. Stets hatte er durch ihr abweichendes Aussehen gemerkt, daß sie nur irgendwelche Mädchen oder Frauen gewesen waren, die die Welt etwas verschönerten, aber nicht sein Leben bereichern konnten.
Obwohl er es sich seit seiner Pubertät so sehr gewünscht hatte, es war ihm nicht möglich, sich in eine dieser bloßen Annäherungen zu verlieben. Nicht einmal aus Neugierde hatte er es schaffen können, mit einer Frau zu schlafen; ihre Unzulänglichkeiten waren zwar oft nur sehr gering, aber sein Gefühl, etwas Falsches zu tun, war stets sehr groß. Keine hatte ihm jemals seine Isoliertheit nehmen können, keine war je in der Lage gewesen, nicht nur seinen Körper, sondern auch ihn selbst zu berühren.
Doch jetzt stand sie vor ihm. Sie stand einfach dort und lächelte, als wüßte sie jeden einzelnen seiner Gedanken. Einige davon galten im Augenblick der Angst, sie könnte genauso schnell verschwinden, wie sie erschienen war. Er wünschte sich, sie umarmen, halten, gar festhalten zu können.
"Du!" war erst einmal alles, was er sagen konnte.
"Ja", antwortete sie ebenso schlicht, und ihr Lächeln wurde noch wärmer und verständnisvoller.
"Ich habe dich schon häufiger gesehen, oder nicht?"
Sie nickte leicht.
"Aber du sahst immer anders aus ..."
"Nun, jetzt weißt du ja, wie ich wirklich aussehe."
Diesmal nickte er, woraufhin sie seine Hand nahm und sie über den Hof zu schlendern begannen. Fast hätte er mit der Hand gezuckt. Sogar die Berührung ihrer Haut an einer so alltäglichen Stelle wie der Hand ließ ihn Unbewußtes wiedererkennen. Nie zuvor hatte er etwas Erschütternderes gefühlt. Den Gedanken an verborgenere Hautstellen schnürte er schnell ab, denn er schien überwältigend intensivere Folgen zu haben.
Sie war sich wohl ihrer Wirkung auf ihn bewußt, machte aber den Eindruck, als wäre diese ihr nicht so wichtig.
Abrupt blieb Stefan stehen.
"Hier haben wir mal zusammen im Schnee gespielt", erinnerte er sich. "Es kam zu einer kleinen Schneeballschlacht, bei der wir viel gelacht haben."
Wieder nickte sie lächelnd.
Noch einen Moment lang blieb er in seiner Erinnerung, dann wurde seine Miene etwas härter. Ernster und fast traurig sah er sie an.
"Du weißt gar nicht, wie sehr mir das gefallen hat, wie oft ich daran gedacht habe, wenn es mir schlecht ging. Das ist eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens."
Sie sah ihn nun ebenfalls beinahe traurig und noch immer voller Mitgefühl an. Sie drückte seine Hand ein wenig stärker, als sie sagte: "Doch, das weiß ich sogar ganz genau. Darum bin ich doch jetzt auch hier."
"Weißt du denn auch, wie sehr ich dich liebe? Es kommt mir vor, als sei in mir nichts anderes, als sei ich prall gefüllt damit, als durchdringe es jede Zelle. Ich bin dermaßen glücklich, dir so nah zu sein, daß ich weinen oder sterben könnte."
"Auch das weiß ich."
Nun nahm sie auch seine andere Hand. "Du hast so lange suchend ausgeharrt, daß du immer öfter aufgeben möchtest. Aber das geht nicht. Das darfst du nicht. Was du jetzt fühlst, wird die Belohnung für deine Ausdauer sein. So fühlt sie sich an."
"Darf ich meine Belohnung denn auch behalten?"
"Erst, wenn du sie dir verdient hast. Es wird der Moment kommen, in dem du mich in einer Frau erkennst. Die Jahre des Wartens werden dann wie Staub im Sturm von dir gerissen werden, und du wirst dich kaum noch an dein Leiden erinnern können."
Nun strich sie ihm über die Wange, und er begann zu weinen. Er versuchte sich so genau wie möglich einzuprägen, wie sich diese Berührung anfühlte, damit er auf keinen Fall auch nur einen Hauch davon vergessen würde. Er wollte diesen Augenblick für immer behalten, aber er wußte, daß dies nicht möglich war.
Während Stefan jetzt erwachte, wischte er sich seine Tränen fort und empfand einen Verlust, den er in milderer Form schon aus anderen Träumen kannte. Er war im Laufe der Zeit schon sehr unterschiedlich aufgewacht. Manchmal scheinbar, wenn er nur geträumt hatte, aufzuwachen, manchmal erregt, einmal sogar lachend, und einige Male auch weinend.
Aber diesmal versiegten seine Tränen sehr bald, und zurück blieb der Klang ihrer Worte "wie Staub im Sturm" und ein Gefühl der Hoffnung, das ihn länger am Leben hielt.

Zurück
Anfang
Weiter