In dem Städtchen Bad Oeynhausen lebte einst eine Frau, die im folgenden
mit gutem Gewissen als Dame bezeichnet wird, da sie einen schönen, wenn
auch etwas älteren, dezenten Hut mit einem kleinen Schleierchen besaß.
Nun begab es sich eines Tages, daß ihr gar trist zu Mute war. So schmückte
sie sich mit ihrem Hut und begab sich auf die Promenade. Doch auch das
Flanieren konnte ihr Gemüt nicht aufheitern. Sehr in Moll gestimmt ging
sie die Straßen entlang, die ihr garstig grau erschienen.
Da berührte ein kurzes Augenblickchen der ansonsten schmollenden Sonne
für ein klitzekleines Momentchen ihr Gesicht. Ein ebenso klitzekleiner
Nieser erweckte die Dame aus ihrer Versunkenheit. Sie hob den Blick
und erkannte, daß sie vor einem Blumengeschäft stand.
Der Nieser hallte nach. "Nun ja...", dachte sich die Dame "...und schließlich
ist ja trotzdem Frühling. "Und überhaupt!" bimmelte ermunternd die Glocke
der Ladentür. So schenkte sie sich einen ausgesprochen fliederhaften
Strauß gefüllter Blüten. Lustig schaute es aus, wie das Lila doldenwippend
über den Rand des Einschlagpapiers hüpfte!
Ganz erfrischt von diesem Anblick und dem bezaubernden Duft blieb die
Dame nun vor dem spiegelnden Schaufenster eines Friseurs stehen, um
zu schauen, wie ihr die Frühlingspracht zu Gesicht stünde.
Da erstaunte sie doch sehr: Denn dort leuchteten ihr zwei Farbtupfer
im forschen Violett entgegen! Zum einen das umarmte Fliederbouquet,
zum anderen - aber nein - das war doch unmöglich: Vor Minuten noch dezent
+ zeitlos + gediegen in Braun und Schwarz gehalten, lächelte sie ihr
nun ihr Hut fliederfarbiger als der Flieder selbst fröhlich-vergnügt
entgegen!
"Nein, so etwas aber auch!" Vorsichtig nahm sie das veränderte Accessoire
vom Haar, ein Blick von Angesicht zu Angesicht: violett! Zurück aufs
Haupt: violett. Erneutes Staunen!
Höchst verwirrt riß sich die Dame von ihrem irritierenden Spiegelbild
fort. Schnelle Schritte trieben sie an, bis - zur nächsten Spiegelscheibe,
in der sie, unsicher herangepirscht - schein- und doch sichtbare Bestätigung
der wunderlichen Veränderung fand.
"Eiderdaus!" Langsam begann sie Gefallen an dem kecken Spiel zu finden.
"Ob das wohl auch den anderen auffällt?" Die Blicke der Passanten suchend,
eilte sie voller Vorfreude zum nächsten gläsernen Zeugen ihres kleinen
Privatwunders.
Dieses Mal nahm sie sich mehr Zeit zum Staunen über ihr eigenwilliges
Kleidungsstück. Zu und zu schön war es anzuschauen! Denn - es war nicht
nur einfach lila; es erschien wie ein Arrangement aus wahrhaftigen Blüten,
in denen laue Lüftchen, Hummeln und sonstige Schwebewesen herumtrollten.
Fasziniert vom quirligen Leben auf ihrem Haupt verweilte sie so etliche
Minuten. Da löste ein kleiner Aberwitz den Bann.
Ganz und gar Flitzebogen vor lauter vorfreudiger Neugier machte sie
sich auf den Heimweg. Hastig rotierte der Schlüssel im Haustürschloß,
das Stakkato ihrer Absätze trommelte die Treppe hinauf - Atemholen -
Türen schließen. Wortloses Kichern immer wieder angesichts solch wildgewordener
Flora.
Dann aber sorgsames Auswählen einer passenden Vase und ein bedachtes
Ausrichten der Dolden. Und dann - in den Korridor - vor den Spiegel,
den großen, dem Erbstück. Und tatsächlich - nun krönte sie wieder der
wohlbekannte, auch geschätzte, jedoch dezent und zeitlos und gediegen
in Braun und Schwarz gehaltene alte Hut. Nur teilweise ihre Verwunderung,
denn ihr kleiner Aberwitz hatte ja noch einen Trumpf im Ärmel!
So verließ die Dame mitsamt braun-schwarzem Hut ihre Wohnung. "Oh, schon
so spät. Gleich Ladenschluß". Sie eilte flugs, bevor es für heute zu
spät gewesen wäre in den Blumenladen. Rundum geschickt blieb ihr Augenpaar
am Eimerchen mit Veilchensträußlein haften. Ganz rasch drei Bund - ganz
schnell bezahlt - hinausspaziert!
"Wo ist er nur, der nächste Spiegel?" Nah genug, um den kleinen Aberwitz
erneut triumphieren zu lassen: Wahrhaftig und unmöglich zugleich: zartlila
nun und feingeädert transparent - ein chamäleonesker Hut! Jetzt bedurfte
es aber doch eines längeren Verschnaufens. Recht beschwipst von dem,
was vor Stundenfrist begann, setzte sich die Dame auf eine parkumkränzte
Bank. Alsbald schon wiegten sich die Veilchenblüten im Rhythmus der
Schnarcherin. Sanft vor und zurück und zwischendurch ein Wechselschritt
zum Atemholen.
Da kam ein Kolibri seines Wegs geflogen. Schon lange war er unterwegs
- stets offenen Auges für all das Sonderbare, was ihm das Abendland
zu bieten hatte.
Daher war es nur zu natürlich, daß das blaßviolette Gebilde von ihm
nicht übersehen wurde. Ganz im Gegenteil! Höchst erstaunt - "Was für
Wurzeln? In dieser Zahl? Und dann mit Handtasche!" - näherte sich der
kleine Flügelmann der Dame mit dem Veilchenhut.
Wohlgeruch und Blütenfülle ließen seine insgeheime Scheu vor so viel
Fremden recht schnell schwinden.
Er traute sich. Schnupperte voll Genuß. Traute sich ein bißchen mehr.
Schnäbelte hier. Schnäbelte da. Und noch anderswo.
Stolzierte schließlich ganz verzückt im Veilchenbeet, der Kolibri, der
kleine - der unvorsichtige! Zirr, raschel, ruck und zuck und schon zu
spät: verfangen hatte er sich - mit den Füßchen im Hutgewirk. Oh je!
Soviel Angst. Soviel Flattern. Soviel Kraft!
Dann - diejenigen, die es erleben durften, sprechen noch heute nur selten
von etwas anderem, als von dem ganz und gar unwahrscheinlichen Luftgefährt,
das sich an jenem Frühlingsabend in die Lüfte über Bad Oeynhausen erhob.
Aber, so war es wirklich. Er schaffte es! Er flog empor und zog sie
mit: die Veilchen, den Hut und auch sie. Sogar die Bank ließ er nicht
zurück!
Der Wind war günstig: warm und viel Passat von Nord-Nord-Ost. Ja und
irgendwann war er Zuhaus. Daheim. Endlich wieder in seinem Nest. Irgendwo
so mittenmang zwischen Amazonas und Orinoko.
Die etwas unsanfte Landung ließ die Bindungen zwischen den Reisenden
etwas lockern. Peu à peu purzelten sie für sich auf den gar dschungeligen
Boden. Die Dame erwachte, öffnete die Augen und sah nur noch Grün und
Bunt und ganz viel Lila.
Sie lächelte. Und freute sich und sagte laut: "Hier bleibe ich!"
Da freute sich auch der Kolibri, der sein Mitbringsel doch arg mochte.
Und beide und der schon bald tausendfach erblühte Hut und die Parkbank
aus Bad Oeynhausen führten fürderhin ein ausgesprochen vergnügliches
Dasein! .