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Krähenflug
(© Tilman Thiemig)
 
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"Raben und Krähen
habe ich ausgesandt"
murmelnd repetiert
die stumme Zunge
des Alten
"Und sie stoben in Grauen
über das ziehende Land"
sich über Gleiswirrwarr
und Altmetallgehäuf.

"Aber sie fielen"
Mühe macht das Gehen.

Hier jedoch das Bein
nicht stört, das lang schon wund
"wie Steine
Zur Nacht mit traurigem Laut"
und hinderlich und -
förderlich
dem Traume ist
vom Schwebeflug.

"Und hielten im Eisernen Schnabel"
Fahl-kalt liegt der kleine Hafen.
"Die Kränze von Stroh und Kraut."

Rauhreifschleierstill.
Sonntag.

Kräne -
brontosaurierhalsig -
halten stählernd Wacht.

Es grinst der Kanal.
Er ladet zum Bade...

Vereinzelt nur zeigt huschend
rote Pudelmütz
Binnenschifferkinderleben an.

Ansonsten:
Ruhe - menschenleer.

Dafür regieren Vögel
hier
in Schwärmen groß.

Schwarzweiß kariert
der Himmel scheint:
Möwen
und
Krähen - hundertfach.

Das ist ihm recht!

Erneut er Heym zitiert
und zitternd,
freudig
zum Fernglas greift.

Er liebt sie sehr,
die
kreischend,
krächzend
ihre Bahnen ziehn.

Der Körper
unter schartgem Mantel bebt.
Das Herz frohlockt,
wird leicht.
Der Wind ihm weht,
der atmen läßt.

Silomauernhoch
sein nunmehr starkes Auge sucht.

Die Würdigen.
Die Weisen,
Stolzen.

Besonders liebt er jene,
glänzend Schwarz,
die er
Hugin, Mugin nennt.

Die Enkel sind
von denen,
die Begleitung einst
dem stürmend alten Brausegott.

Wilde Jagden durch Rauhenacht
träumt er hinfort,
derweil Schneehasenstumpen zwischen
spröden Lippen glimmt.

Beim Träumen jedoch bleibt es nicht.
Auf ölverschmierten Tonnenthron
der Alte seinen Ansitz nimmt.

Aus mitgeführten
mürben Aldiplastikblau
sodann er seine
Waffen zieht.

Ein Auslaufmodell
der Rekorder.
Ein solches Ding
zur Konfirmation
bekam, der heute an die Vierzig ist.

Angelaufen Chrom.
Geriffelt Imitat von Teak.

Der Alte dennoch ehrfürchtig
die grobe Tastatur bedient.

Und ebenso
er kleines Mikrophon aus
Kabelknotenvielerlei befreit
und funktionieren läßt.

Gebannt wird
nun
der flügelstarke Chorgesang
für ihn Musik.

Das schmale Band füllt scheppernd sich.

Sogleich
ein zweites Mal
der Alte in die Tüte greift.

Oktavheft -
wundenreich -
ein einzig Eselsohr
von
tabakgelben Fingern
andachtsvoll hervorgeholt.

Aus krümelsaumiger
Manteltasche
ein Rest von Bleistift folgt,
der wohlgespitzt,
der bald schon
kunstgewandt
über Liniengittern
tanzt.

Der Vogelflug,
skizziert vom emsig Kritzelnden.

In Kinderart
so "M" um "M" entsteht.
In lockrer Reih zur Formation
gebracht.

Die erste Seite,
rasch geschwärzt
in dieser Weis,
würd dem Betrachter,
könnt er schauen,
dennoch
täuschend echt
Krähen
in Geschwaderzahl
und fliegend zeigen.

Höhenflüge!

Mit drittem, viertem, fünftem Blatt jedoch
Wehmut im Blick des Alten wächst.
Wehmut dunkelt bald nun auch
das karge Areal.

Die Kräne schreien schattenstumm
"Geh heim!"
Zum Schlafbaum
eilt das Federvolk.
Verklingend Ton vorm Gutenacht.
Die Letzten:
Punkte nur
vor düstrem Wolkengrund.
Erst dann
der Gast
den Ort verläßt.

"Raben und Krähen
habe ich augesandt"

Vorfreudig
erfüllt
heiserer Klang
das
gilbblumigtapetige
Altmännerglücklosgeviert.
Präludiumgleich.

Ein Auftakt!!
Echoreich:
Rekordstartend Klick
stille Pause beißt.

Da ist er wieder:
Vielgestalt der Federchor
im Raume fliegt.

Ihn bald erfüllt
und
wandelt.

Der Alte
auf der Bettklappcouch
sieht alles andere nun,
als das,
was ihm zum Unten macht.

Weit unter ihm
der Ballast ruht.

Er steigt empor
und sieht
auf Nebel
nun in Tiefen fern
durchs Wolkenloch.

Die Decke -
fleckig bröckelnd Putz -
ihm Globus ist,
auf dem sein Aug spazieren geht.

Und alles ist ihm klein,
was Menschenwerk.

Er lächelt,
setzt sich kissengrad
und holt
aus ladeklemmend Nachtischschrank
das wundenwundervolle Heft.

Er schlägt es auf,
trennt sorgsam
eine Seite ab,
die er beskizzt am Hafenort.

Entflammt das Holz,
entzündet feuerloh
das kleine Blatt,
das rasch hinwelkt im
grünen Becherrund von Astrapils.

Schon rußgeschwärzt
der Rest
sich
aufwärts hebt zum Krähenton.
Spiralig froh
von Aberwitz
und heißer Luft getragen.

Ein Schattenspiel,
das weißbewimpert Augen bannt.

Seite
bald
um Seite folgt
und wird
sein Krähenvolk - ist ihm Geleit.

Das Werk
vom Nachmittag
es lichtet sich und
lebet fort.

In voller Montur
zieht -
schnarchend schon -
der Schläfer
das stockig Daunenbett
über seinen Flug.
"Zur Nacht mit traurigem Laut"

Ein
heiter-frostig
Wintermorgen
begrüßt
die Stadt.

Sonniges Blau
umspannt
die Geschäftigkeit ihrer Einwohner.

Wolke kaum
stört Krähen auf
ihrem Weg
am Firmament.

Ein Anblick,
den keuchatmend
sich
der Alte
mit Müh und Zeit
erkämpfet hat.

Den Aufzug im
im spiegelfensterreichen hohen Haus
er meiden muß.
Er paßt dort nicht.

Nun sieht er doch
mit weichen Knieen
vom Dach der Welt.

Tütenschwer er vorwärts wankt
und husten muß.

Zum Rande hin!
Wo nichts ihn trennt -
außer dem Mut? -
von dem,
was für ihn ALLES ist.

Es fröstelt ihm.
Allein,
der kalte Wind,
der Regen hier
schon tagelang
in spiegelnd Eis
gefangenhält;
er ist nicht schuld!

Die Krähen sind´s
und ihr wild und weites
"Folge uns!"

Das mitgeführte
mürbe Aldiplastikblau
nun neuerlich
wird ausgeleert.

Und bald schon
wohlbekannt
und blechernd
klingt ihr Chor
ihm näher noch.

Am Rand
er steht,
mit blinden Blick,
die Arme ausgestreckt.

Das Nichts
zum Greifen nah.
Mantel, Schal und Haare
fliegen schon.

Der Alte folgt
und
springt
mit etwas Ungelenk
in
irren, wirren
Hüpfern übers
große Feld.

Minutenlang
sein Schritt
so
über
viele Meter im Quadrat
Geteertes eilt.

Mit Grazie gar,
die wächst,
je länger
der luftge Sturmtanz
währt.

Erst
als
der Rekorder
leiser wird,
besinnt der Tänzer
sich,
dankt der Kapelle,
dem Ballett,
packt ein
und
geht.
Morgen ist auch noch ein Tag!


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