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Die Drei
(© Tilman Thiemig)
 
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Ein schöner Herbsttag.
Die Sonne scheint.
Eine schöne Zeit,
eine besonders schöne,
bricht nun an:
Ferien!

Ein wenig anders
als sonst
läutet die Schulglocke
die Kinder
aus dem Schulhaus.

In Scharen, Wellen, Schüttungen
quellen sie heraus.
In Cliquen, Grüppchen,
zu Dritt, zu Zweit.

Nur ganz zum Schluß;
allein
tröpfelt ein kleines Kind
hinterher.

Langsam
trödelt es die Straße entlang.

Ein wenig ziellos
stochert es
durch die vor ihm
liegenden Wochen,
das frische und dennoch
graubestaubte Laub
am Bürgersteig.

Plötzlich
bleibt es stehen,
bückt sich,
hebt etwas auf,
das auf den ersten,
ja auch zweiten Blick
durchaus wert wäre,
übersehen zu werden.

Das Kind entdeckt
es trotzdem:

Ein Stückchen Schnur.
Ein Blau
Ein Braun
Ein Rot
In Schleifen
aus Buntpapier.

Das Ende eines Drachens,
den der Wind
schon weit
woanders
fortgetragen
hat.

Da liegt es nun
auf ausgestreckter
Kinderhand
und scheint sich
zu freuen, daß es
gerade noch rechtzeitig
der sich von hinten nähernden
Kehrmaschine
entkommen ist.

"Eine Hand wäscht die andere!"
sagt sich das kurze Ende,
und beschließt,
nun seinerseits
dem Kinde beizustehen.

... es spürt, daß auch
seinem kleinen Retter
eine Kehrmaschine
näher droht.
Obgleich sie jetzt
noch nicht
zu sehen ist.

So geht es los!
Die Drachenschnur
dem Kind
die Schritte
führt.

Das Kind -
es folgt
gebannt
und überhaupt
nicht mehr
ziellos.
Obwohl es überhaupt
keine Ahnung hat,
wohin es geht.

Zunächst
erst einmal
kreuz und quer
die Stadt
hindurch.
Schnurstracks,
sozusagen.

Dann aber
scheint die Schnur
die Spur
verloren zu haben,
der sie folgten.

Abstecher,
kurzatmig - überhastet -
abgebrochen:
die Buchhandlung,
ein Café,
ein Bestattungsinstitut.

Doch die Schnur
findet den Faden wieder.
Das Tempo steigert sich.

Das Kind und sein
nahezu unsichtbarer
kleiner Freund
bieten einen sonderbaren Anblick,
wie sie so
im Springbrunnen der Fußgängerzone
verschwinden,
der eh nur 60 Zentimeter tief
und überdies
seit einer Woche
abgelassen ist.

Tropfennaß
entsteigt
das Kind
dem
verwunschenen Weiher
und trocknet
binnen Augenblicken
bis auf die Knochen
am Ufer -
mitten im Märchenwald.

Die Schnur nun
nicht mehr zu halten ist,
entreißt sich flugs
der zarten Hand,
schüttelt das Gefieder
und entfleucht.

Das Kind
dem flinken Vogel Farbenfroh
nur schwer
durchs Dickicht
folgen kann.

Hier und da:
Ein Blau.
Ein Braun.
Ein Rot.
Im satten Grün
die Fährte legt.

Auf einmal
läßt Motorenlärm
dunkel
Träumereien
von Rumpelstilz + Rosenrot + Allerlei
ähnlichem
leiser werden.

Ein Feldweg -
ein besserer: asphaltiert! -
schneidet sich
grau durch das Grün.

Bringt einen
alten VW-Bus
heran.

Das Kind - zu jung,
um entsprechend
präpariert zu sein -
freut sich.
Müde ist es
und eigentlich auch allein.

Das Auto hält.
Darin drei Frauen,
die alle irgendwie
wie Mutti aussehen,
aber irgendwie
auch ganz anders.

Vielleicht,
weil Mutti
sich nie so komisch anzieht
und schon gar nicht
Sachen in immer nur
einer Farbe.

BLAU, BRAUN + ROT
sitzen die Drei
im schmuddliggelben
Innenraum.

Lächeln
unter Sonnenbrillen mit
Schmetterlingsflügeln.

Öffnen die Tür,
helfen
dem Kind
hinein.

Fragen, sagen
angenehm wenig.

Weiter geht die Fahrt!

Dame Rot
steuert
das klapperige
Gefährt.

Bis vor ihr Schloß.
Inmitten eines
lichten Kiefernhains.

Von außen
erwartet man
augenblickspäter
den Einsturz .

Kartenhausgleich.
Vier bis fünf Stockwerke.
Aberwitzig konstruiert.
Aus gespanntem Leinwandeck hundertfach.
Die Seiten -
altbaudecken- bis
zwergenhüttenhoch.
Unterteilt in Hallen,
Gänge, Kabinette.
Hier und da ein kecker Turm.
Eine Bilderburg!

Von innen
erlebt das Kind sein
blaues, rotes, braunes
Wunder.

Man geht wie von selbst darin.
Passiert ohne festen Schritt
die Etagen.
Gelangt in jeden Winkel.
Und jedes Zimmer
erscheint anders,
wenn man es erneut "betritt".
Ein spannendes Haus!

Die Damen scheinen sich
in ihm
fast zu verlieren.
Nur selten begegnet
das Kind
ihnen in den folgenden
Stunden, Tagen, Wochen.

Sie malen -
ohne daß das Kind
sie jemals mit
Farben oder Pinseln sieht.
Die Burg, sie wächst,
verändert sich in
Stunden, Tagen, Wochen.

Eine schöne Zeit.
Eine sehr schöne!

Das Kind
sieht sich satt und
wieder hungrig
auf Neues.

Marschiert
hunderte von Kilometern,
ohne je vor die Tür zu kommen.
Durchstreift Welten,
die es alle jetzt und dann
nie wieder geben wird.

Wacht eines Abends auf
vom Klang
zerbrochenen
Geschirrs.
Die Drei
stehen in der Küche -
sie hat das Kind
zuvor noch nicht gesehen.

Sie streiten.
"Ach Mutter, laß das doch.
Setz dich doch lieber wieder hin!"
Merkwürdig:

Gefliest die Wände.
Und das da, die Kittelschürze,
das ist doch
Tante Jutta!
Und daneben Mutti
und Omi schleicht
bedröppelt in´s Wohnzimmer.

Keine der Drei
in Braun, Rot, Blau
gewandet.
Höchstens bunt mit Blümchen.

Das Kind ist wieder da,
wo es gemäß der
Adresse in seinem Kinderpaß
auch hingehört.

Aber nicht zuhaus.
Es wird bald wieder verreisen!


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