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Die Stille
(© Elke Bräunling, Britta Lüthe, KarlHeinz Graumann, Gabriella Marten, Corinna)
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Elke

Seit Tagen war der Mann unterwegs. Er war auf der Suche nach der Stille! Schon oft hatte er davon gehört, doch er konnte sich nichts darunter vorstellen. STILLE!!! Das klang schön. Etwas ganz Besonders musste es sein. Aber, so wurde ihm gesagt, man musste sie selbst erleben. Und wenn man Glück hatte, konnte man sie sehen und hören, ja, sogar spüren. Das wünschte er sich sehnlichst. Er musste sie finden, diese Fremde, diese Stille. Unbedingt. Er kam in eine Stadt. Es war eine große Stadt. Vor ihm starteten und landeten Flugzeuge. Laut flogen sie über ihn hinweg.
Nein, dachte der Mann und ging weiter. Hier kann es keine Stille geben. Es dauerte lange, bis er die Straße, die zur Stadtmitte führte, überquert hatte. Autos, Busse und Lastwagen rasten an ihm vorbei. Motoren dröhnten, Reifen quietschten, Hupen heulten auf. Vorsichtig ging der Mann am Straßenrand entlang. Er war froh, als er die ersten Häuser der Stadt erreicht hatte. Aufatmend blickte er sich um. Doch was er sah, enttäuschte ihn.

KarlHeinz Was er sah, befriedigte ihn überhaupt nicht: Am Straßenrand stand eine riesige Menschenmenge und schrie laut gestikulierend auf zwei Autofahrer ein, die mitten auf einer Kreuzung einen Unfall verursacht hatten. Von hinten hörte er das Martinshorn eines Polizeiwagens näher kommen. Auch hier konnte er die Stille nicht finden und wendete sich um. Dort hinten sah er einen Park mit einem Kinderspielplatz.
Corinna Auf dem Spielplatz tummelten sich viele Kinder. Sie tobten und lachten dabei laut. An einem Klettergerüst stritten sich zwei kleine Jungen. Auch bei der großen Rutsche herrschte großes Geschrei. Dort wollte jeder der erste sein. Der Mann schaute sich das Treiben eine Weile an, schüttelte den Kopf und ging weiter. Er schlenderte die Straße entlang und entdeckte eine Bank, auf der eine Frau saß. Da ihm die Füße weh taten, setzte er sich neben sie .
KarlHeinz "Ach, diese Ruhe," dachte er und sah sich zufrieden um. Doch zu früh gefreut, denn plötzlich, als habe sie nur auf ihn gewartet, begann die Frau neben ihm zu reden. Sie erzählte von ihren ungezogenen Kindern und ihrem Ehemann, der abends die Kneipen unsicher machte. Die Frau steigerte sich immer mehr in ihre Erzählung hinein, dass sie gar nicht merkte,dass sie immer lauter wurde. Schließlich wurde es dem manne zuviel. auch hier würde er keine Ruhe und Stille finden. In der Ferne entdeckte er eine riesige Kirche, einen Dom. Dorthin lenkte er nun seine Schritte.
Britta "Hier," so dachte er, "werde ich die Stille finden. In Kirchen ist es immer ruhig."
Aber in dem Moment begannen die Glocken zu schlagen. Entmutigt liess er den Kopf hängen.
"Nein, da finde ich sie auch nicht", sagte er sich, und lenkte seine Schritte weiter die Strasse hinunter. Er merkte erst gar nicht, dass er die Häuser weit hinter sich gelassen hatte, und erst als ein Radfahrer wütend klingelnd an ihm vorbei fuhr, schreckte er aus seinen Gedanken hoch.
Erfreut sah er, dass er sich an einem Waldesrand befand.
"Hier finde ich sie bestimmt!" rief er aus und eilte in den Wald hinein.
Aber was musste er dort feststellen.
Corinna Im Wald hatte sich eine Gruppe Jugendlicher ein Lager aufgeschlagen und sie saßen laut grölend vor ihren provisorischen Zelten und prosteten dem Mann zu, als sie ihn entdeckten. Als er wiederum den Kopf traurig schüttelte, lief plötzlich einer der Jugendlichen auf ihn zu, haute ihm kräftig auf die Schulter, hielt ihm eine Flasche vor die Nase und lallte, "Hey, Alter, willste 'n Schluck?"
Gabriella Frustiert winkte er kopfschüttelnd ab und ging wieder aus dem Wald heraus. Ziellos lief er umher.
"Ich weiß, was du suchst!" sagte da plötzlich eine sanfte Frauenstimme zu ihm.
Verblüfft drehte er sich um und sah eine junge Frau mit smaragdgrünen Augen, die ihn freundlich anlächelte.
"Du weißt, was ich suche?" fragte er verdutzt.
Sie nickte. "Komm mit mir. Ich weiß, wie ich dir bei deiner Suche helfen kann."
Sie nahm ihn wie einen kleinen Jungen bei der Hand. Er ging bereitwillig mit. Sie gingen etwa 20 Minuten und gelangten auf eine große Wiese. Mitten auf der Wiese blieb sie stehen.
"Ah", rief er freudig aus, "hier werde ich die Stille finden!"
"Nein", erwiderte sie, "dieser Ort hat damit nichts zu tun. Die Stille kannst du nur in dir selbst finden! Ich habe die Wiese ausgesucht, weil es dir leichter fallen wird, deinen Zugang zu deinen inneren Welt zu finden, wenn es äußerlich keine ablenkenden Geräusche gibt!"
"Meine innere Welt, Stille in mir selbst finden? Das verstehe ich nicht!" sagte er verwirrt.
"Setz dich in den Schneidersitz auf den Boden", forderte sie ihn auf.
Er tat verblüfft, wie ihm geheißen.
"Jetzt schließe deine Augen und lasse dich fallen", sagte sie.
Er tat dies, fühlte sich aber irgendwie gar nicht wohl. Wer war diese Frau überhaupt?
"Ich heiße Jessi und du?"
"Äh, i-i-ich heiße Alexander", antwortete er stotternd. Hatte sie seine Gedanken gelesen?
"Alexander, entspanne dich. Du wirst jetzt eine Reise machen. Es wird wunderbar für dich sein, glaube mir. Also, schließe deine Augen und lasse deine Schultern sinken, lass dich richtig fallen und lausch dann meinen Worten, einverstanden?"
Er nickte. Als er endlich entspannt war, sagte sie: "Stell dir vor, du stehst an einem wunderschönen, türkisfarbenen See. Am Ufer liegt ein Boot. Du bewegst das Boot, springst hinein und paddelst in die Mitte des Sees. Jetzt stell dir vor, wie du von einer riesigen hellen Schutzglocke geschützt wirst. Und nun sinkst du mit dem Boden in den See hinein, tiefer, tiefer, immer tiefer. Du kannst ganz normal atmen, du bist ganz geschützt. Du kommt auf dem Boden des Sees an. Du steigst aus dem Boot. Du siehst eine alte verrostete Kette. Du nimmst die Kette und ziehst daran. Ein großer Deckel öffnet sich. Du legst den Deckel zur Seite und schaust in die Öffnung hinein. Du siehst eine Treppe. Du gehst die Treppe hinunter. Schon weitem siehst du ein Licht. Als du vorsichtig die glitischigen Stufen runtergegangen bist, kommst du unten an und du siehst....
Elke Gerade wollte Alexander in Worte fassen, was er zu sehen glaubte, als ein Düsenjäger über die Waldwiese jagte.
Er schüttelte den Kopf.
"Konzentriere dich", sagte die junge Frau. "Wie ich schon sagte: Auf die innere Stille kommt es an!"
Bemüht schloss er wieder die Augen und versuchte, sich erneut in die Stille am Grunde des Teiches zu versenken. Ja, da war wieder dieses Licht. Und jetzt konnte er auch etwas sehen. Ella, seine zänkische Frau, die ihm zum hundersten Mal einen Vortrag über Emanzipation und Frauenfreiheit an die Birne knallte, dahinter Franz und Arno, seine beiden pubertären Söhne, die sich im Takt lauter Technohämmer durch den Raum bewegten. sowie Dani, seine Tochter, die laut weinte, um einen ihrer vielen Wünsche durchzusetzen. Nein, diese Bilder wollte er nicht sehen.
Alexander schüttelte sich und versuchte es von neuem: Sein Chef, Dr. Bröselmeier, tauchte mit lautem Dröhnbass vor ihm auf mit den neuesten Auswertungsbögen, Telefone läuteten rings um ihn herum in diesem lauten Großraumbüro, Frau Quatschmeier vom Schreibtisch nebenan klagte laut über ihre Eisprungbeschwerden und Mara, die unlustige Azubi, klimperte irgendein Monsterspiel auf ihrem Computer. Von allen Seiten dröhnte und kreischte und klingelte und jaulte es auf ihn ein.
"Nei-ei-ein!", schrie Alexander laut. "Ich kann nicht mehr! Ich habe die Nase voll, so voll-ll-ll-ll..."
Gnädiges Dunkel umfing ihn. Er hatte das Bewusstsein verloren.
Gabriella "Alexander, komm, beruhige dich wieder. Es ist alles gut!"
Sanft streichelte Jessi ihm über den Kopf. Er saß ganz verdattert da, eben war noch alles schwarz, jetzt wußte er gar nicht mehr, was ihn so umgehauen hatte.
"Alexander, du gibst deinen negativen Gedanken zuviel Macht! Laß sie wie kleine Wölkchen einfach vorüberziehen. Puste sie in Gedanken einfach fort. Dann können sie dir nichts mehr anhaben. Willst du es noch einmal versuchen?" fragte Jessi sanft.
"Ich weiß nicht. Ich habe Angst", entgegnete er.
"Du brauchst keine Furcht zu haben. Du nimmst mit deiner Innenwelt Kontakt auf, und ist dieser Kontakt erstmal hergestellt, wirst du die absolute Ruhe im größten Chaos finden, und das ist die größte Kunst, verstehst du? Also, wollen wir es noch einmal versuchen?" versuchte Jessi, ihn aufzumuntern.
"Also gut!" meinte Alexander und setzte sich wieder in den Schneidersitz.
"Alexander, schließe die Augen, und wenn du Geräusche von außen, wie Flugzeuge oder ähnliches hörst, nehme sie wahr, aber laß sie einfach vorüberziehen. Laß dich nicht beirren, einverstanden?"
Alexander nickte.
"So, jetzt begebe dich wieder mit dem Boot in die Tiefe des Sees, bis du auf dem Grund angekommen bist. Und denke daran, du bist umhüllt von einer riesigen schützenden Lichtkugel, egal, wo du bist. Nicke mit dem Kopf, wenn du wieder an der Treppe stehst!"
Nach einer Weile nickte er. Er sah die Treppe. Sie sah aus wie eine dieser Treppen aus uralten modrigen Gewölbekellern. Die Decke war ganz niedrig und die Stufen glitschig. Es roch muffig und faulig. Er war jetzt wirklich in diesem Bild drin. Er roch und sah alles. Er nickte.
"Gut, gehe jetzt langsam die Stufen hinunter und sage mir, was du siehst, wenn du am Ende der Treppe stehst."
Er nickte. Langsam ging er die Treppe runter. Eine unheimliche Atmosphäre hüllte ihn ein. Erwartungsvoll und gespannt wollte er das Ende der Treppe erreichen, aber auf der anderen Seite fürchtete er sich davor. Aber er ging tapfer weiter. Fast wäre er ausgerutscht. Noch 4 Stufen. Noch 3, 2, 1, jetzt war er am Ende der Treppe und stieß einen Laut der Freude aus.
"Oh mein Gott, was ist das? Es ist unglaublich!" rief er.
"Was siehst du?" fragte Jessi.
"Oh, es ist wunderschön, es ist über 10 m groß, ganz aus Licht, und es kommt auf mich zu. Es spricht zu mir. Wer bist du?"
Eine tiefe, ruhige Stimme antwortete ihm: "Ich bin in dir. Ich bin das, was du suchst. Schon lange warte ich darauf, daß du Kontakt mit mir aufnimmst."
"Aber, du bist so groß, wie kannst du da in mir sein?"
"Ich bin groß, und ich bin klein. Du kannst mich sehen, doch bin ich unsichtbar. Du bemerkst mich nicht, doch bin ich immer da. Komm zu mir, damit wir
Britta endlich Eins werden, es ist an der Zeit!"
Alexander wurde ganz leicht ums Herz, er wusste plötzlich, dass das der richtige Weg war.
Aber noch während er sich mit dem Gedanken vertraut machte, hörte er, ganz in der Ferne, ein lautes Geräusch hinter sich.
"Lass Dich nicht ablenken", raunte Jessi ihm zu, "lass es vorüberziehen!"
Aber zu spät! Wie aus einem tiefen See tauchte Alexander wieder aus seinem Inneren auf und schüttelte verwirrt den Kopf. Eine tiefe Traurigkeit ergriff ihn. Langsam dreht er sich um und sah,
Elke und er sah plötzlich diese Lichtgestalt näher und näher auf sich zukommen.
Alexander erschrak. Sie hatte unzählige Köpfe, diese Gestalt, die ihm nun eher wie ein böser Geist vorkam. Und diese Köpfe ähnelten denen seiner Peiniger:
Ella, seinen Kindern, Dr. Bröselmeier und die anderen Kollegen, ja, sogar Nachbar Obermecker glaubte er in einem der sich hin-und herwindenden, meckernd lachenden Gesichtern zu erkennen.
"Nein!"
Alexander hielt sich die Augen zu.
Da fingen die vielen Köpfe an zu lachen. Laut und lauter, und in Alexanders Ohren dröhnte es. Es war die Hölle!
"Oder bin ich schon tot und in der Hölle?", murmelte er hilflos.
Dann aber nahm die Wut überhand, und mit einem Schrei rannte Alexander, der sich nun auf dieser Waldwiese, nun allerdings alleine, wiederfand, davon.
"Ich will meine Ruhe!", rief er. "Es muss doch verdammt nochmal einen Ort geben, an dem ich meine Ruhe habe. Ohne diesen Hokuspokus und Zauber!"
Er rannte und rannte, stolperte über Steine und Wurzeln, Äste peitschen ihm ins Gesicht.
Weg, nur weg hier.
Sein Herz raste vor Angst. Um keinen Preis wollte er dieser fremden Frau nochmals begegnen. Dieser Fremden, die es vermochte, all seine Peiniger in einem in sein Gedächtnis zu rufen.
"Nein!", rief er. "Nicht mit mir!"
Er kam zu einem Waldweg. Schnaufend blieb er stehen. Ruhig war es hier, sehr ruhig. Zu ruhig. Nicht mal ein Vogel sang hier sein Lied, keine Fliege summte herum, kein Windhauch ließ die Blätter rascheln. Nichts. Eine unheilvolle Stille herrschte.
Alexander wollte weiterlaufen, doch wie festgeklebt vermochte er keinen Fuß vor den anderen zu setzen.
Britta "Du wolltest doch Stille!" höhnte eine Stimme ihm zu.
Verwirrt sah Alexander sich um, aber er konnte niemanden entdecken.
"Nun hast Du die Stille, geniesse sie!" flüsterte die Stimme.
Nein!" schrie Alexander, "das ist nicht die Art Stille, die ich suchte!"
"Tz, auch noch Ansprüche stellen!" tönte es hinter ihm.
Alexander konnte die Bedrohung förmlich riechen und alles in ihm drängte ihn weg, aber noch immer konnte er sich nicht von der Stelle rühren.
"Was willst Du von mir?" rief er.
Gabriella "Was willst du von mir?" plapperte diese Stimme wie ein Pagagei nach. Alexander drehte sich im Kreis. Er konnte beim besten Willen nichts erkennen. Das war ihm jetzt zu doof. Er rannte aus dem Wald heraus auf die Straße. Dort ging er so lange, bis er eine Telefonzelle fand. Im Telefonbuch suchte er etwas ganz Bestimmtes. Ah! Da war es schon. Er notierte sich die Adresse und stellte sich an den Straßenrand, um nach einem Taxi Ausschau zu halten. Binnen weniger Minuten kam eines. Er hielt es an und hielt dem Fahrer den Zettel mit der Adresse hin. Der Fahrer machte gleich ein sehr mitleidvolles, tragisches Gesicht.
"Der arme Mann. Daß er da hingehen muß. Sicher war es ein schwerer Verlust für ihn", dachte der Taxifahrer und sah sich den Fahrgast im Rückspiegel an. Er sah in der Tat ziemlich mitgenommen, verwirrt und zerzaust aus. Nach 10 Minuten Fahrt kamen sie an der gewünschten Adresse an. Alexander zahlte, und der Taxifahrer sagte noch: "Mein herzliches Beileid" und fuhr weiter.
Alexander machte die Tür des Geschäftes auf und sah sich um. Kein Mensch war weit und breit zu sehen.
"Ach, wunderbar, das werde ich sofort ausnutzen", dachte er und schaute sich die verschiedenen Exemplare an. Sollte es Eiche sein oder Kiefer? Ach, das war doch völlig egal. Seine Ruhe wollte er haben, sonst nichts. Er ging zum Hintersten, nahm den Deckel hoch, legte sich rein, und schlug den Sargdeckel über sich zu. "So, endlich hab ich meine Ruhe", dachte er zufrieden.
Britta Plötzlich bemerkte er, wie sich der Sargdeckel wieder hob.
"Uups, der ist besetzt!" hörte er, wie eine Stimme sprach und schon schloss sich der Deckel wieder, nur, um sich einen Moment später erneut zu öffen, und noch bevor er auch nur einmal tief Luft holen konnte, wetterte die Stimme los:
"Also hören Sie mal, was machen Sie denn hier eigentlich? Das darf doch wohl nicht war sein! Da will man sich zur Ruhe betten, und was passiert? Mein Sarg ist besetzt! Ja glauben Sie denn, dass ich gleich mit jedem in die Kiste hüpfe? Für was halten Sie mich denn? Das ist doch nicht zu fassen! Ich glaub's einfach nicht! Ey, Sie da, machen Sie sofort, dass Sie daraus kommen und suchen Sie sich gefälligst ein eigenes Bett! Ich hatte einen langen und anstrengenden Tag und brauche meine Ruhe!"
Entsetzt stand Alexander auf und kletterte wieder aus dem Sarg.
"Das gibt es doch wohl nicht", dachte er bei sich, "in was für einem Film bin ich denn hier gelandet?"
Aber er fasste sich schnell wieder und musterte die Frau, die zu der Stimme gehörte, während diese leise weiterschimpfend in den Sarg stieg.
Corinna Mit dieser Frau stimmte irgendetwas nicht. Wer schläft schon in einem Sarg??? Aber als er den Gedanken gerade zu Ende gedacht hatte, bemerkte er den Widersinn. Schließlich hatte er sich dort auch zur Ruhe begeben wollen. Wie von Furien gehetzt, stürzte er aus dem Geschäft. Er rannte wie von Sinnen die Straße herunter. Völlig außer Atem rannte er immer weiter. Als es wirklich nicht mehr weiterging, bemerkte er, daß er mitten in einem Feld stand. Der Mais war gerade abgeerntet worden.
Plötzlich hörte er über sich ein zischendes Geräusch. Als er seinen Blick nach oben richtete, bemerkte er einen riesigen Ballon, der gerade auf dem Feld landen wollte. "Das wäre doch ein idealer Ruhepunkt. In einem Ballon fahren, durch die Wolken, hoch über allem Lärm, ja das wollte er. Der Ballon kam näher, wurde immer größer und senkte sich schließlich auf das Feld. Alexander rannte darauf zu so schnell er konnte.
Der Ballonführer schaute ihn verwirrt an, als da ein Fremder völlig aufgelöst auf ihn zustürzte. "Bitte", rief Alexander, "bitte lassen sie mich mitfahren!!!"
Gabriella Der Ballonfahrer schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, das geht leider nicht!"
"Aber warum denn nicht?" fragte Alexander flehend.
"Weil er einen kleinen Defekt hat. Ich bin froh, daß ich noch heil heruntergekommen bin!"
Enttäuscht und frustriert ging Alexander fort von dem Maisfeld. Es mußte doch eine Möglichkeit finden, Ruhe zu finden. Sollte es wirklich nur die eine, endgültige, definitive Ruhe geben? Er war mit den Nerven am Ende. Er wollte nicht mehr. Er konnte diese laute Welt einfach nicht mehr ertragen. In seinem Kopf hämmerte und dröhnte es. Alles in seinem Körper tat ihm weg. Die laute Welt zerrüttene seine Nerven. Tausend Gedanken gingen durch seinen Kopf. Sollte er es tun? Was bedeutete ihm dieses Leben denn noch? Er hasste seine Frau, die für ihn inzwischen unerträglich geworden war. Zu seinen Söhnen hatte er keine Beziehung. Er hatte eine hohe Lebensversicherung auf sich abgeschlossen, für seine Frau. Und die notwendige 3-Jahresfrist war abgelaufen. Nach 3 Jahren muß die Lebensversicherung auch bei Selbstmord zahlen, vorher ist es ein Ablehnungsgrund. Merkwürdig, daß ihm das gerade jetzt einfiel. "Ach, mir ist jetzt alles egal. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr", dachte er völlig fertig und ging ohne Ziel einfach die Straße entlang. "Vielleicht bekomme ich ein Zeichen, irgend etwas, daß mir meinen weiteren Weg zeigt", hoffte er.
Er ging auf eine Brücke zu. Ja, das war´s. Die Brücke, die sich so hoch über dem Fluß beugte. Einen Schritt, und er hat seine Ruhe. Plötzlich wurde er ganz ruhig innerlich, ganz still, keine Grübeleien mehr. Es war inzwischen schon der Abend angebrochen. Langsam wurde es dunkel. Er ging mit automatischem Schritt, wie ein Roboter, auf die Brücke. Sein Blick war auf den Boden gesenkt. Als er in der Mitte stand und den Kopf hob, erschrak er. Ein junges Mädchen kletterte gerade über die Reling und wollte augenscheinlich springen. Geistesgegenwärtig rannte er zu ihr und packte sie im letzten Moment. Er zerrte sie zurück. Sie schrie wie verrückt.
"Laß mich los! Laß mich los!"
Alexander hatte alle Mühe, sie vom Geländer auf sicheres Terrain zu bringen. Er schleifte sie von der Brücke runter. Am Ende stand eine Bank. Er setzte sich mit ihr darauf. Sie klammerte sich plötzlich an ihn und fing an zu weinen. Er sagte nichts, streichelte liebevoll über ihr Haar. Schließlich hörte sie auf zu weinen und nahm seine Hand. Hand in Hand saßen sie stundenlang schweigend da. Es bedurfte keiner Worte.
"Diese wunderbare einträchtige Stille", dachte er glücklich.
Elke Auf einmal standen zwei Herren in Grün vor ihnen, gefolgt von einer hysterisch kreischenden Dame.
"Das ist sie!", schrie die hysterisch Kreischende und stürzte sich auf Alexander. "Sie haben meine Tochter entführt! Herr Wachtmeister, so tun Sie doch etwas! Geschändet hat der Kerl mein Töchterlein. Entehrt, für alle Zeiten ihrer Unschuld beraubt. Das ist eine Ungehörigkeit. Ich werde..."
Und sie begann, mit ihrem Regenschirm auf Alexander einzutrommeln, nicht ohne ihr unsägliches Gekreische fortzusetzen.
Alexanders Ohren klingelten.
"I-i-ich...", wollte er erklären, doch er hatte keine Chance.
Die Fremde schrie ein in einem fort in den schrillsten Tönen auf ihn ein. Endlich kam Bewegung in einen der Herren in Grün. Unsanft packte er Alexander am Arm, zerrte ihn von der Bank und sagte:
"Nu komme se mal mit! Das klären wir auf der Wache!" "A-aber ich...!"
Doch Alexander hatte keine Chance, zu Wort zu kommen. Gefolgt von der Dame, die nun auf der Höhe des zweistimmigen C kreischte, und einer neugierigen Menge von empörten Gaffern zogen sie durch die Straße zum Polizeirevier.
Gabriella Auf der Fahrt in der grünen Minna saß Alexander wie ein zusammengesacktes Häuflein Elend. Er verstand die Welt nicht mehr. Was war denn hier bloß los? Sind denn jetzt alle verrückt geworden? Was hatte er mit dem Mädchen zu tun? Er rettet ihr das Leben, obwohl er sein eigenes wegwerfen wollte, und jetzt soll er sie entführt und auch noch vergewaltigt haben? Und die Kleine hatte kein Wort gesagt! Grübelnd schüttelte er den Kopf. "Nein, nicht mit mir. So nicht!"
Sie kamen in der Polizeiwache an. Alexander wurde in einen gesonderten Raum gebracht, in dem ein großer Spiegel war. Er wußte aus unzähligen Krimis, die er im Fernsehen gesehen hatte, daß dies kein Spiegel war, sondern daß man ihn von außen genau sehen konnte, aber das war ihm absolut egal.
Man setzte ihn auf einen Stuhl. Ein Casettenrecorder wurde auf den Tisch gestellt. Der Wachmeister, der ihn mitgenommen hatte, setzte sich ihm gegenüber und fing an zu fragen.
"Wie heißen Sie"
"Ich heiße Donald Duck", antwortete Alexander.
"Hören Sie auf mit dem Quatsch!" schimpfte der Polizist ärgerlich. "Also, wie heißen Sie?"
"Ich heiße Donald Duck!" beharrte Alexander.
Der Polizist wurde jetzt wütend. "Sie wollen wohl hier einen auf verrückt spielen, was? Damit Sie in die Klapse kommen und nicht ins Gefängnis? Nee, nee, mein Lieber, nicht mit mir! Also, raus damit, wie heißen Sie verdammt noch mal?" brüllte der Beamte.
Alexander war müde. Der Bulle konnte ihn mal kreuzweise. Er legte seine Arme über Kreuz auf den Tisch und legte seinen Kopf drauf. Als er die Augen schloß, wurde der Polizist immer wütender. Aber das war ihm wurscht, im Gegenteil, es machte ihm sogar Spaß, zu sehen, wie der Bulle langsam nicht mehr weiter wußte. Vielleicht würde er ja in eine ruhige Einzelzelle gebracht werden. Dann hätte er endlich seine Ruhe. Aber dann überlegte er sich, daß es im Knast bestimmt alles andere als Ruhe gibt. Also konnte hier die Lösung nicht liegen. Er wartete erstmal ab, was weiter geschehen würde. Er würde jedenfalls kein Sterbenswörtchen mehr über die Lippen bringen, und wenn der Bulle sich auf den Kopf stellte! Eine Stunde lang versuchte der Beamte, Alexander aus der Reserve zu holen, vergebens. Resignierend gab er auf, verließ den Raum und sagte zu seinen Kollegen. "Das hat keinen Zweck. Hat er denn überhaupt keine Papiere bei sich gehabt?"
"Nein, nur ein bißchen Geld, sonst nichts", antwortete ein Kollege.
"Also, dann bringen wir ihn erstmal in Untersuchungshaft. Einen Tag in der Zelle, das wird ihn weich kochen!" meinte der Beamte.
Er ging wieder zu Alexander. "So, Sie kommen jetzt mit in Untersuchungshaft. Morgen werden wir das Verhör fortführen!"
Der Beamte zückte Handschellen hervor. Alexander sagte kein Wort. Ganz langsam stand er auf, so als ob er ein steinalter Mann wäre, dem jede Bewegung wehtut. Aber das war nicht der Grund. Er mußte Zeit gewinnen, bevor sie ihm Handschellen anlegen würden. Der Beamte kam auf ihn zu, wollte ihm die Handschellen anlegen. In dem Moment, es ging alles blitzschnell, drehte Alexander sich um, griff gezielt nach Ledergurt, öffnete den Verschluß und holte die Waffe heraus. Er entsicherte sie, zielte auf den kreidebleich gewordenen Beamten und sagte mit monotoner, völlig gleichgültiger Stimme: "Machen Sie die Tür auf! Und sagen Sie Ihren Kollegen, sie sollen den Weg freimachen, sonst sind Sie Geschichte, verstanden?"
Der Beamte gab ein Zeichen zum Spiegel und rief: "Er ist durchgedreht und unberechenbar. Gebt den Weg frei!"
Mit einem gewaltigen Tritt öffnete Alexander die Tür, den Beamten vor sich haltend, die Waffe auf dessen Kopf gerichtet. Im Gang hatten sich inzwischen mehrere Polizisten postiert, aber keiner unternahm etwas. Sie befürchteten, daß sonst ihr Kollege sterben würde.
"Wo ist Ihr Streifenwagen?" rief Alexander. "Los, führen Sie mich da hin!"
Dort angekommen, schubste er den Beamten zur Seite, startete den Motor und raste wie ein Irrer aus dem Polizeigeländer heraus. "So, jetzt werde ich die faulen Beamtenärsche mal etwas auf Trab bringen!" dachte er grimmig und
Britta in Richtung Küste. Hinter ihm folgten, mit viel Lärm, etliche Polizeiwagen. Ihm dröhnte der Kopf und er dachte:"Verdammt, wie komm ich denn da jetzt wieder raus?"
Er fuhr so schnell, wie er noch nie gefahren war und hatte Probleme, die Kontrolle über den Wagen zu behalten. Mehr als ein Mal kam er ins Schlingern, konnte aber den Wagen noch rechtzeitig abfangen.
Er raste durch eine Ortschaft nach der anderen, sich nicht um Verkehrsregeln kümmernd, und der Schweiss lief ihm in Strömen den Körper hinunter. Er wusste gar nicht mehr, wo er sich eigentlich befand, er nahm auch kaum noch etwas um sich herum wahr.
Plötzlich aber nahm etwas jäh seine Aufmerksamkeit wieder gefangen. Ein Ball war auf die Strasse gerollt und ein kleiner Junge sprang ihm hinterher. Alexander trat sofort auf die Bremse, aber der Wagen reagierte nicht sofort. Spontan lenkte er auf die Gegenfahrbahn, musste einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweichen und kam mitten im Eingang einer Polizeiwache zu stehen.
Sofort war er von Beamten umringt.
Einer der Polizisten riss die Tür auf und zerrte ihn hinaus.
"Moment, immer schön langsam!" hörte er eine sanfte Stimme. "Sind Sie ok?" fragte sie ihn.
"Ja, ja, mir geht es gut", antwortete er, "ist das Kind in Ordnung?"
"Sie haben Glück", sagte die Frau, "dem Jungen ist nichts passiert. Brauchen Sie einen Arzt?"
"Einen Arzt?" Verwirrt sah Alexander sie an, "nein, ich bin in Ordnung, ich brauche nur ein bisschen Stille."
Die Polizistin wandte sich an einen ihrer Kollegen und bat ihn: "Bringen Sie den Mann in mein Büro, ich komme gleich nach."
Still ergab sich Alexander seinem Schicksal, denn ihn beschlich die leise Hoffnung, er würde in diesem ländlichen Gefängnis nun vielleicht doch zu seiner ersehnten Ruhe kommen. Dafür nahm er inzwischen nahezu alles in Kauf.
Die Polizisten führten ihn in ihr Büro.
Neugierig sah Alexander sich um. Aha, dachte er, so also sieht es bei der Landpolizei aus. Er sah von dem Schreibtisch, auf dem sich das sprichwörtliche Chaos stapelte, zu dem Fenster, dass vergittert war und anschliessend zur Tür, durch deren kleinen, offenstehenden Spalt er erkennen konnte, dass vor ihr ein Polizist wartete.
"Setzen Sie sich bitte!" forderte ihn die Polizistin auf.
Alexander zuckte zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Frau durch eine zweite Tür das Büro betreten hatte.
"Und nun erzählen Sie mal, wie war das mit der Entführung?" fragte ihn die Beamtin und sah ihn forschend an. Da war etwas in ihrem Blick, dass er nicht richtig deuten konnte, aber er fühlte, dass er ihr vertrauen konnte.
Alexander holte tief Luft und begann:
Gabriella "Könnte ich bitte auf die Toilette? Das eben mit dem Kind hat mir einen Mordsschrecken verpasst!"
"Ja, sicher", antwortete die Polizistin und begleitete ihn auf den Gang.
Ihm fiel plötzlich ein, daß die blöden Bullen ihm gar nicht die Waffe abgenommen hatten! Das war die Gelegenheit! Hier würde ihm sowieso keiner glauben. Fortuna war bei ihm. Das WC befand sich ganz in der Nähe der Ausgangstür. Kaum vor der Tür, zog er die Waffe, riß die Beamtin an sich und drohte, sie zu erschießen, wenn ihm jemand den Weg versperrte.
"Hören Sie. Sie machen einen großen Fehler. Sie reißen sich immer mehr hinein! So hören Sie doch. Werden Sie vernünftig!" rief die Beamtin.
"Nee, mit mir laß ich nicht mehr spielen. Ihr seid ja alle bescheuert. Ich und ein Mädchen entführen. Im Gegenteil! Ich wollte von der verdammten Brücke springen. Dann sah ich das Mädchen. Sie war bereits über das Geländer geklettert und wollte springen, und ich habe sie zurückgezerrt, ihr das Leben gerettet, und niemand glaubt mir. Nein, ich habe nichts mehr zu verlieren. Also, verhalten Sie sich ruhig, ich will hier nur raus, sonst nichts, verstanden?"
Sie nickte und sagte zu den Kollegen, sie sollen den Gang frei machen und ihn unbehelligt gehen lassen. Alexander verschaffte sich erneut zu Zugang zu einem Streifenwagen, drückte die Beamtin zur Seite und raste los. Diesmal würde er es schlauer anstellen, hatte er sich fest vorgenommen. Er bog sofort bei der nächsten Straße rechts ein und fuhr den Wagen in einen Hinterhof. Hinter einem großen Stapel von Kartons und Mülltonnen konnte er den Wagen gut verstecken. Er ließ ihn dort stehen und stieg aus. Als er sich umschaute, entdeckte er einen Hintereingang zum Haus. Er lief schnell hinein und ging in den Keller runter. Dort verharrte er erstmal eine Weile. Da hörte er schon die Sirenen der Polizeiwagen. Sie fuhren alle an der Seitenstraße vorbei. Ha! Er lachte sich ins Fäustchen. Er ging im Keller weiter. Der hatte sehr viele Gänge, das reinste Labyrinth. Schließlich gelangte er in einen Wäscheraum. Viele Waschmaschinen standen da, und auf bunten Wäscheleinen gingen Klamotten zum Trocknen. Er suchte sich was Passendes aus und zog sich um. So konnte man ihn wegen der anderen Kleidung schon mal nicht gleich finden. Er wartete ein Weilchen, dann ging er aus dem Keller raus, vorsichtig zu allen Seiten schauend. Alles war ruhig. Auf Umwegen kam er in die Innenstadt. Er ging in ein großes Kaufhaus. Hier würde er alles finden, was er braucht. Haarfärbemittel, eine Mütze, eine Schere.
Britta Siedendheiss fiel ihm ein, dass er ja gar kein Geld bei sich hatte.
"Das darf doch nicht wahr sein!" fluchte er innerlich. "Da gehe ich los um die Stille zu finden, und dann so ein Käse!"
Kopfschüttelnd verliess er das Kaufhaus wieder und ging langsam in Richtung Stadtpark. In der Ferne hörte er Polizeisirenen, aber er nahm sie nur am Rande war. Ihm war plötzlich egal, ob man hinter ihm her war, ihm war plötzlich alles egal.
An der Pforte zum Stadtpark hielt er inne. Ein kaum greifbarer Gedanke schlich sich in seinen Kopf, schwirrte darin herum und liess ihn wieder unruhig werden.
Gabriella "Ja, genau, das werde ich jetzt tun. Jetzt ist eh alles egal", dachte Alexander und ging noch einmal ins Kaufhaus.
Er suchte die Strumpfabteilung und schlich dort, ständig um sich blickend, durch die Gänge. In einem günstigen Moment schnappte er sich eine Packung Nylonstrümpfe, versteckte sie unter seiner Jacke und machte, daß er wieder rauskam. Er ging zur nächsten kleinen Sparkasse, schaute von außen herein. Es waren nur 3 Kunden dort. Das war gut. Rasch zog er den Nylonstrumpf über das Gesicht und ging mit gezogener Waffe in die Bank.
"Das ist ein Banküberfall! Alle auf den Boden! Wenn der Alarm losgeht, werde ich schießen. Ich habe nichs mehr zu verlieren, verstanden?" schrie er.
Die drei Kunden legten sich sofort auf den Boden.
"Geben Sie mir den Schlüssel zur Eingangstür der Bank! forderte Alexander eine Frau am Bankschalter auf.
Die ging zu einem älteren Herrn, anscheinend der Chef. Er gab ihr den Schlüssel. Alexander schloß die Tür ab und ließ alle Jalousien runter.
"So, Kleene, jetzt mal raus mit der Kohle, und zwar dalli!"
"Wo soll ich es denn reintun?" fragte die Frau ängstlich. Alexander war für einen kurzen Moment ganz verwirrt. Daran hatte er gar nicht gedacht. Er schaute sich um. Eine der Kundinnen hatte eine Plastiktüte voller Lebensmittel. Kurzerhand nahm er die Tüte, entleerte den Inhalt auf den Boden und schmiß der Frau am Schalter die Tüte hin.
"Darein, schnell, und zwar aus allen Kassen!"
Während die Frau die Geldbündel in die Plastiktüte warf...
Corinna bemerkte Alexander nicht, dass sich ihm ein kleiner Junge näherte. Seine Mutter zischte ängstlich, "Jakob, bleib hier!", aber der Junge sah sie nur stirnrunzelnd an und ging weiter auf Alexander zu.
"Hat dich denn keiner lieb?", fragte er. Alexanders Kopf flog herum. Der blonde Junge sah ihn mit großen Augen an und Alexanders Blick wurde weich und er sah gar nicht mehr gefährlich aus.
"Ach, weißt du, das ist eine lange Geschichte ..." begann er. Aber plötzlich viel ihm ein, wo er hier war und warum. Die Kassiererin schaute wie erstarrt auf den kleinen Jungen, als erwarte sie, dass Alexander ihn als Geisel nehmen würde. Aber nichts dergleichen geschah.
Wie aus einem Alptraum erwachend, sagte er, "Tut mir leid, Leute", und bevor jemand etwas tun konnte, stürzte er aus der Bank und rannte so schnell er konnte davon.
Gabriella Alexander rannte ziellos umher. Er wußte nicht, wohin er sollte. Er war völlig durcheinander.
"Mein Gott, was habe ich da eben beinahe getan? Was ist aus mir geworden?" dachte er verzweifelt.
Irgendwann gelangte er an einen Park. Er setzte sich auf eine Bank, vergrub seinen Kopf unter seinen Händen und weinte.
"Ich verstehe das alles nicht. Was ist denn bloß passiert? Wie komme ich aus dem ganzen Schlamassel wieder heraus? Dabei wollte ich doch nur die Stille finden!" kreisten seine Gedanken und ließen ihn immer mehr verzweifeln.
"Onkel, geht´s dir nicht gut?" fragte da eine Kinderstimme. Alexander hob den Kopf und sah ein kleines Mädchen mit zwei langen blonden Zöpfen.
"Nein, Kleines, mir geht es nicht gut!" seufzte er.
"Warum geht es dir nicht gut? War jemand böse zu dir?" fragte die Kleine beharrlich.
Alexander schüttelte mit dem Kopf.
"Onkel, du hast ja geweint!" rief das Mädchen. Sie setzte sich neben Alexander auf die Bank und streichelte ihm den Kopf. Alexander war so gerührt von dieser Geste, daß er noch mehr weinen mußte. "Onkel, ich hab eine Idee!
Corinna Das Mädchen sprang auf und zog an Alexanders rechter Hand. "Komm mit", sagte es. "Wohin denn?" fragte Alexander mit weinerlicher Stimme. "Nirgends, wo ich hingehe, finde ich meinen Frieden und die Stille, die ich schon so lange suche."
Die Kleine nahm nun auch seine linke Hand und sagte, "Ich weiß einen Ort, wo du dich sicher sehr wohl fühlen wirst. Wir gehen jetzt zu meiner Tante Irmi. Alle in der Familie sagen, sie sei etwas ganz besonderes. Sie bringt jeden zum Lachen, egal welchen Kummer er auch hat. Bis jetzt hat sie noch jedem geholfen. Manche Leute wollen gar nicht mehr weg von ihrem Bauernhof, so gut ging es ihnen."
"Ich weiß nicht", zögerte Alexander. "Ich will niemandem zur Last fallen." Aber das Mädchen sah ihn so bittend an, dass er sich ein Herz fasste und endlich aufstand. "Na gut, ist ja auch schon egal. Viel schlimmer kann's ja nicht mehr werden. Gehen wir also zu Tante Irmi".
Hand in Hand gingen die beiden dahin und schon während Alexander die Hand des Mädchens hielt, fühlte er sich wohler. Und nachdem sie eine Weile gegangen waren, freute er sich bereits, Tante Irmi kennenzulernen.
Britta Während sie gingen, unterhielten sie sich angeregt. Er konnte kaum glauben, dass er so viel zu sagen hatte und dennoch die Ruhe hatte, auch dem Mädchen zuzuhören. Sie erzählte von ihrer Tante Irmi, von dem Leben auf dem Bauernhof und von ihrer Familie und je mehr sie sprach, desto wohler fühlte er sich. Er merkte kaum, dass sie die Stadt verlassen hatten und nun durch die sanfte, hügelige Landschaft der Umgebung gingen. Immer leichter fühlte er sich, ihm schien, als ob eine grosse Last von seinen Schultern genommen war und er fragte sich verwundert, wie das nur geschehen konnte, fand aber keine Erklärung.
"Siehst Du," sagte das Mädchen, "da vorn wohnt Tante Irmi!"
Er sah einen wunderschönen alten Bauernhof, mit einem gemütlichen Fachwerk, kleinen urigen Fenstern und einem grossen Hof davor. Mitten auf dem Hof stand eine grosse Linde, inmitten eines Rondells, das gefüllt war mit den wunderbarsten Rosen.
Er fühlte, wie sein Herz einen Satz machte und musste sich förmlich bremsen, um nicht einfach darauf loszustürmen. Ihm war, als müsste er in den Rosen baden können und konnte kaum noch seinen Blick davon losreissen. "Na, da seid Ihr ja endlich", hörte er plötzlich eine Stimme, "ich hab Euch schon erwartet."
Verwundert sah er auf und konnte kaum glauben, was er da sah.
Corinna Er hatte, warum auch immer, eine Tante erwartet mit grauen Haaren und gütigem Blick. Was sich jetzt in seinen Augen spiegelte, war aber alles andere als das. Gütig war der Blick zwar auch aber die Erscheinung dieser Frau faszinierte ihn. Ihr langes, glänzendes schwarzes Haar hing ihr am Rücken herab und einzelne Haarsträhnen wurden vom Wind hin- und hergeweht. Ihr Augen waren strahlend blau. Sie streckte ihm ihre Hand hin, um ihn zu begrüßen. Er starrte auf die funkelnden goldenen Armbänder, die an ihrem Arm klimperten. Ihr Blick ging ihm durch und durch und er hatte das Gefühl, als könne diese Frau in seiner Seele lesen. Und es machte ihm noch nicht einmal etwas aus. Er ergriff ihre Hand, drückte sie aber nicht, sondern führte sie mit einer galanten Bewegung zum Mund, um einen Handkuss anzudeuten. Er hörte ihre Stimme, "Komm", sagte sie. Seine Knie wurden weich und er fühlte sich wie ein pubertärer Jüngling. Aber er folgte ihr ins Haus. Und kaum war er über die Schwelle getreten, fielen alle Ängste und Sorgen von ihm ab.
"Wer bist du?", fragte er.
"Tante Irmi", sagte die samtene Stimme.
"Wer bist du wirklich?", fragte er fordernd.
Er blickte in die blauen Augen und versank darin.
Gabriella Sie führte Alexander in einen ganz besonderen Raum. Es duftete nach seltsamen Kräutern. Hunderte von Kerzen waren überall verteilt und schufen durch ihr Leuchten eine geheimnisvolle harmonische Stimmung. Die Vorhänge waren zugezogen. Alexander fiel auf, daß es im Raum keine Möbel gab, nur große Kissen und die vielen Kerzen. In der Mitte des Raumes befand sich ein Kreis, geformt aus lauter runden, schimmernden Steinen. Zwischen den Steinen leuchteten kleine Lichter, so daß sie die Steine in allen Farben schillern liessen. Um den Kreis herum waren verschiedene Kräuterbüschel angeordnet, die die Frau jetzt anzündete. Kleine Rauchschwaden bildeten sich. "Bist du eine Zigeunerin?" fragte Alexander verwundert. "Und wieso hast du uns erwartet?" Sie lächelte. "Irgendwann kommen alle zu mir, um das zu finden, was auch du suchst. Und hier wirst du es finden. Komm, setz dich in den Kreis und schließe die Augen. Sei ganz beruhigt. Es ist alles gut. Du wirst dich sehr wohl fühlen und ein ganz anderer Mensch werden", sagte sie sanft und führte ihn in den Kreis. Alexander setzte sich hinein. Sobald er im Kreis war und die Augen geschlossen hatte, geschah etwas sehr Seltsames. Er fühlte sich, wie von einer dicken Wattewolke hochgehoben. Es war ein berauschendes Gefühl. Die Wattewolke begann sich langsam zu drehen. Alexander sah sein ganzes Leben an sich vorüberziehen, seine Kindheit, wie er seine Frau kennenlernte, seine Familie, seine Arbeit. Aber er sah dies alles aus einer ganz anderen Sichtweise. Losgelöst und und unbelastet. Er sah sein eigenes Leben, als ob es das eines Fremden wäre und stellte fest, daß dieser Andere ein sehr schönes Leben hat. Dann sah er den Anderen weglaufen auf zur hastigen, verzweifelten Suche nach der Stille. Alexander schüttelte den Kopf. Warum suchte der Andere denn die Stille? Er hatte doch alles, was man sich nur wünschen konnte, und die Stille hatte er in sich selbst. Merkwürdig, daß dieser Andere das gar nicht merkte und hinter etwas herrannte, das er die ganze Zeit in sich trug. Warum hörte der Andere nicht auf zu suchen? Warum horchte er nicht nach innen? Es war doch alles so klar und einfach! Dann begann die Wattewolke, sich gemächlich in die andere Richtung zu drehen. Alexander wurde es ganz leicht ums Herz. Was passierte hier? Wo war er? Die Gedanken flogen an ihm vorbei. Ein angenehmer Schleier der Leichtigkeit legte sich über sein Bewußtsein. "Papa, was ist denn jetzt? Du hast doch versprochen, daß wir an diesem Wochenende auf den Rummel gehen! Du hast es ganz fest versprochen! Also, gehen wir jetzt oder nicht?" Alexander öffnete die Augen und sah sich vor seinen Kindern stehen, die ziemlich bockige Gesichter machten. Seine Frau kam und zeterte. "Ach, seit wann hält sich euer Vater schon an seine Versprechungen. Das wäre ja mal ganz was neues!" Alexander sah seine Kinder an, dann seine Frau. Er blickte etwas erstaunt um sich. Dann überzog ein Lächeln sein Gesicht und er sagte: "Na klar, auf gehts, laßt uns richtig Spaß haben auf der Kirmes. Liebes, willst du nicht mitkommen? Wir sind doch früher so gerne in dem Kettenkarussel gefahren, weißt du noch? Es hat mich eine halbe Stunde gekostet und ein Abendessen, bis ich dich dazu überredet hatte, und dann konntest du gar nicht genug davon bekommen!" lachte er. Seine Frau blickte ihn verwundert an. "Daß du dich daran erinnerst! Ja, das stimmt. Ich liebte es. Ja! Ich komme mit!" rief sie fröhlich. "Alexander, du bist ganz verändert, ein ganz anderer!" sagte sie noch und holte ihre Sachen. Alexander nickte schmunzelnd und dachte: "Ja, ich bin ein neuer Mensch, ein glücklicher Mensch, der nichts mehr suchen muß, weil er alles hat!"

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