| Elke |
Seit Tagen war der Mann unterwegs. Er war auf
der Suche nach der Stille! Schon oft hatte er davon gehört, doch
er konnte sich nichts darunter vorstellen. STILLE!!! Das klang schön.
Etwas ganz Besonders musste es sein. Aber, so wurde ihm gesagt,
man musste sie selbst erleben. Und wenn man Glück hatte, konnte
man sie sehen und hören, ja, sogar spüren. Das wünschte er sich
sehnlichst. Er musste sie finden, diese Fremde, diese Stille. Unbedingt.
Er kam in eine Stadt. Es war eine große Stadt. Vor ihm starteten
und landeten Flugzeuge. Laut flogen sie über ihn hinweg.
Nein, dachte der Mann und ging weiter. Hier kann es keine Stille
geben. Es dauerte lange, bis er die Straße, die zur Stadtmitte führte,
überquert hatte. Autos, Busse und Lastwagen rasten an ihm vorbei.
Motoren dröhnten, Reifen quietschten, Hupen heulten auf. Vorsichtig
ging der Mann am Straßenrand entlang. Er war froh, als er die ersten
Häuser der Stadt erreicht hatte. Aufatmend blickte er sich um. Doch
was er sah, enttäuschte ihn.
|
| KarlHeinz |
Was er sah, befriedigte ihn
überhaupt nicht: Am Straßenrand stand eine riesige Menschenmenge und
schrie laut gestikulierend auf zwei Autofahrer ein, die mitten auf
einer Kreuzung einen Unfall verursacht hatten. Von hinten hörte er
das Martinshorn eines Polizeiwagens näher kommen. Auch hier konnte
er die Stille nicht finden und wendete sich um. Dort hinten sah er
einen Park mit einem Kinderspielplatz. |
| Corinna |
Auf dem Spielplatz tummelten
sich viele Kinder. Sie tobten und lachten dabei laut. An einem Klettergerüst
stritten sich zwei kleine Jungen. Auch bei der großen Rutsche herrschte
großes Geschrei. Dort wollte jeder der erste sein. Der Mann schaute
sich das Treiben eine Weile an, schüttelte den Kopf und ging weiter.
Er schlenderte die Straße entlang und entdeckte eine Bank, auf der
eine Frau saß. Da ihm die Füße weh taten, setzte er sich neben sie
. |
| KarlHeinz |
"Ach, diese Ruhe," dachte er
und sah sich zufrieden um. Doch zu früh gefreut, denn plötzlich, als
habe sie nur auf ihn gewartet, begann die Frau neben ihm zu reden.
Sie erzählte von ihren ungezogenen Kindern und ihrem Ehemann, der
abends die Kneipen unsicher machte. Die Frau steigerte sich immer
mehr in ihre Erzählung hinein, dass sie gar nicht merkte,dass sie
immer lauter wurde. Schließlich wurde es dem manne zuviel. auch hier
würde er keine Ruhe und Stille finden. In der Ferne entdeckte er eine
riesige Kirche, einen Dom. Dorthin lenkte er nun seine Schritte. |
| Britta |
"Hier," so dachte er, "werde
ich die Stille finden. In Kirchen ist es immer ruhig."
Aber in dem Moment begannen die Glocken zu schlagen. Entmutigt liess
er den Kopf hängen.
"Nein, da finde ich sie auch nicht", sagte er sich, und lenkte seine
Schritte weiter die Strasse hinunter. Er merkte erst gar nicht, dass
er die Häuser weit hinter sich gelassen hatte, und erst als ein Radfahrer
wütend klingelnd an ihm vorbei fuhr, schreckte er aus seinen Gedanken
hoch.
Erfreut sah er, dass er sich an einem Waldesrand befand.
"Hier finde ich sie bestimmt!" rief er aus und eilte in den Wald hinein.
Aber was musste er dort feststellen. |
| Corinna |
Im Wald hatte sich eine Gruppe
Jugendlicher ein Lager aufgeschlagen und sie saßen laut grölend vor
ihren provisorischen Zelten und prosteten dem Mann zu, als sie ihn
entdeckten. Als er wiederum den Kopf traurig schüttelte, lief plötzlich
einer der Jugendlichen auf ihn zu, haute ihm kräftig auf die Schulter,
hielt ihm eine Flasche vor die Nase und lallte, "Hey, Alter, willste
'n Schluck?" |
| Gabriella |
Frustiert winkte er kopfschüttelnd
ab und ging wieder aus dem Wald heraus. Ziellos lief er umher.
"Ich weiß, was du suchst!" sagte da plötzlich eine sanfte Frauenstimme
zu ihm.
Verblüfft drehte er sich um und sah eine junge Frau mit smaragdgrünen
Augen, die ihn freundlich anlächelte.
"Du weißt, was ich suche?" fragte er verdutzt.
Sie nickte. "Komm mit mir. Ich weiß, wie ich dir bei deiner Suche
helfen kann."
Sie nahm ihn wie einen kleinen Jungen bei der Hand. Er ging bereitwillig
mit. Sie gingen etwa 20 Minuten und gelangten auf eine große Wiese.
Mitten auf der Wiese blieb sie stehen.
"Ah", rief er freudig aus, "hier werde ich die Stille finden!"
"Nein", erwiderte sie, "dieser Ort hat damit nichts zu tun. Die Stille
kannst du nur in dir selbst finden! Ich habe die Wiese ausgesucht,
weil es dir leichter fallen wird, deinen Zugang zu deinen inneren
Welt zu finden, wenn es äußerlich keine ablenkenden Geräusche gibt!"
"Meine innere Welt, Stille in mir selbst finden? Das verstehe ich
nicht!" sagte er verwirrt.
"Setz dich in den Schneidersitz auf den Boden", forderte sie ihn auf.
Er tat verblüfft, wie ihm geheißen.
"Jetzt schließe deine Augen und lasse dich fallen", sagte sie.
Er tat dies, fühlte sich aber irgendwie gar nicht wohl. Wer war diese
Frau überhaupt?
"Ich heiße Jessi und du?"
"Äh, i-i-ich heiße Alexander", antwortete er stotternd. Hatte sie
seine Gedanken gelesen?
"Alexander, entspanne dich. Du wirst jetzt eine Reise machen. Es wird
wunderbar für dich sein, glaube mir. Also, schließe deine Augen und
lasse deine Schultern sinken, lass dich richtig fallen und lausch
dann meinen Worten, einverstanden?"
Er nickte. Als er endlich entspannt war, sagte sie: "Stell dir vor,
du stehst an einem wunderschönen, türkisfarbenen See. Am Ufer liegt
ein Boot. Du bewegst das Boot, springst hinein und paddelst in die
Mitte des Sees. Jetzt stell dir vor, wie du von einer riesigen hellen
Schutzglocke geschützt wirst. Und nun sinkst du mit dem Boden in den
See hinein, tiefer, tiefer, immer tiefer. Du kannst ganz normal atmen,
du bist ganz geschützt. Du kommt auf dem Boden des Sees an. Du steigst
aus dem Boot. Du siehst eine alte verrostete Kette. Du nimmst die
Kette und ziehst daran. Ein großer Deckel öffnet sich. Du legst den
Deckel zur Seite und schaust in die Öffnung hinein. Du siehst eine
Treppe. Du gehst die Treppe hinunter. Schon weitem siehst du ein Licht.
Als du vorsichtig die glitischigen Stufen runtergegangen bist, kommst
du unten an und du siehst.... |
| Elke |
Gerade wollte Alexander in Worte
fassen, was er zu sehen glaubte, als ein Düsenjäger über die Waldwiese
jagte.
Er schüttelte den Kopf.
"Konzentriere dich", sagte die junge Frau. "Wie ich schon sagte: Auf
die innere Stille kommt es an!"
Bemüht schloss er wieder die Augen und versuchte, sich erneut in die
Stille am Grunde des Teiches zu versenken. Ja, da war wieder dieses
Licht. Und jetzt konnte er auch etwas sehen. Ella, seine zänkische
Frau, die ihm zum hundersten Mal einen Vortrag über Emanzipation und
Frauenfreiheit an die Birne knallte, dahinter Franz und Arno, seine
beiden pubertären Söhne, die sich im Takt lauter Technohämmer durch
den Raum bewegten. sowie Dani, seine Tochter, die laut weinte, um
einen ihrer vielen Wünsche durchzusetzen. Nein, diese Bilder wollte
er nicht sehen.
Alexander schüttelte sich und versuchte es von neuem: Sein Chef, Dr.
Bröselmeier, tauchte mit lautem Dröhnbass vor ihm auf mit den neuesten
Auswertungsbögen, Telefone läuteten rings um ihn herum in diesem lauten
Großraumbüro, Frau Quatschmeier vom Schreibtisch nebenan klagte laut
über ihre Eisprungbeschwerden und Mara, die unlustige Azubi, klimperte
irgendein Monsterspiel auf ihrem Computer. Von allen Seiten dröhnte
und kreischte und klingelte und jaulte es auf ihn ein.
"Nei-ei-ein!", schrie Alexander laut. "Ich kann nicht mehr! Ich habe
die Nase voll, so voll-ll-ll-ll..."
Gnädiges Dunkel umfing ihn. Er hatte das Bewusstsein verloren. |
| Gabriella |
"Alexander, komm, beruhige dich
wieder. Es ist alles gut!"
Sanft streichelte Jessi ihm über den Kopf. Er saß ganz verdattert
da, eben war noch alles schwarz, jetzt wußte er gar nicht mehr, was
ihn so umgehauen hatte.
"Alexander, du gibst deinen negativen Gedanken zuviel Macht! Laß sie
wie kleine Wölkchen einfach vorüberziehen. Puste sie in Gedanken einfach
fort. Dann können sie dir nichts mehr anhaben. Willst du es noch einmal
versuchen?" fragte Jessi sanft.
"Ich weiß nicht. Ich habe Angst", entgegnete er.
"Du brauchst keine Furcht zu haben. Du nimmst mit deiner Innenwelt
Kontakt auf, und ist dieser Kontakt erstmal hergestellt, wirst du
die absolute Ruhe im größten Chaos finden, und das ist die größte
Kunst, verstehst du? Also, wollen wir es noch einmal versuchen?" versuchte
Jessi, ihn aufzumuntern.
"Also gut!" meinte Alexander und setzte sich wieder in den Schneidersitz.
"Alexander, schließe die Augen, und wenn du Geräusche von außen, wie
Flugzeuge oder ähnliches hörst, nehme sie wahr, aber laß sie einfach
vorüberziehen. Laß dich nicht beirren, einverstanden?"
Alexander nickte.
"So, jetzt begebe dich wieder mit dem Boot in die Tiefe des Sees,
bis du auf dem Grund angekommen bist. Und denke daran, du bist umhüllt
von einer riesigen schützenden Lichtkugel, egal, wo du bist. Nicke
mit dem Kopf, wenn du wieder an der Treppe stehst!"
Nach einer Weile nickte er. Er sah die Treppe. Sie sah aus wie eine
dieser Treppen aus uralten modrigen Gewölbekellern. Die Decke war
ganz niedrig und die Stufen glitschig. Es roch muffig und faulig.
Er war jetzt wirklich in diesem Bild drin. Er roch und sah alles.
Er nickte.
"Gut, gehe jetzt langsam die Stufen hinunter und sage mir, was du
siehst, wenn du am Ende der Treppe stehst."
Er nickte. Langsam ging er die Treppe runter. Eine unheimliche Atmosphäre
hüllte ihn ein. Erwartungsvoll und gespannt wollte er das Ende der
Treppe erreichen, aber auf der anderen Seite fürchtete er sich davor.
Aber er ging tapfer weiter. Fast wäre er ausgerutscht. Noch 4 Stufen.
Noch 3, 2, 1, jetzt war er am Ende der Treppe und stieß einen Laut
der Freude aus.
"Oh mein Gott, was ist das? Es ist unglaublich!" rief er.
"Was siehst du?" fragte Jessi.
"Oh, es ist wunderschön, es ist über 10 m groß, ganz aus Licht, und
es kommt auf mich zu. Es spricht zu mir. Wer bist du?"
Eine tiefe, ruhige Stimme antwortete ihm: "Ich bin in dir. Ich bin
das, was du suchst. Schon lange warte ich darauf, daß du Kontakt mit
mir aufnimmst."
"Aber, du bist so groß, wie kannst du da in mir sein?"
"Ich bin groß, und ich bin klein. Du kannst mich sehen, doch bin ich
unsichtbar. Du bemerkst mich nicht, doch bin ich immer da. Komm zu
mir, damit wir |
| Britta |
endlich Eins werden, es ist
an der Zeit!"
Alexander wurde ganz leicht ums Herz, er wusste plötzlich, dass das
der richtige Weg war.
Aber noch während er sich mit dem Gedanken vertraut machte, hörte
er, ganz in der Ferne, ein lautes Geräusch hinter sich.
"Lass Dich nicht ablenken", raunte Jessi ihm zu, "lass es vorüberziehen!"
Aber zu spät! Wie aus einem tiefen See tauchte Alexander wieder aus
seinem Inneren auf und schüttelte verwirrt den Kopf. Eine tiefe Traurigkeit
ergriff ihn. Langsam dreht er sich um und sah, |
| Elke |
und er sah plötzlich diese Lichtgestalt
näher und näher auf sich zukommen.
Alexander erschrak. Sie hatte unzählige Köpfe, diese Gestalt, die
ihm nun eher wie ein böser Geist vorkam. Und diese Köpfe ähnelten
denen seiner Peiniger:
Ella, seinen Kindern, Dr. Bröselmeier und die anderen Kollegen, ja,
sogar Nachbar Obermecker glaubte er in einem der sich hin-und herwindenden,
meckernd lachenden Gesichtern zu erkennen.
"Nein!"
Alexander hielt sich die Augen zu.
Da fingen die vielen Köpfe an zu lachen. Laut und lauter, und in Alexanders
Ohren dröhnte es. Es war die Hölle!
"Oder bin ich schon tot und in der Hölle?", murmelte er hilflos.
Dann aber nahm die Wut überhand, und mit einem Schrei rannte Alexander,
der sich nun auf dieser Waldwiese, nun allerdings alleine, wiederfand,
davon.
"Ich will meine Ruhe!", rief er. "Es muss doch verdammt nochmal einen
Ort geben, an dem ich meine Ruhe habe. Ohne diesen Hokuspokus und
Zauber!"
Er rannte und rannte, stolperte über Steine und Wurzeln, Äste peitschen
ihm ins Gesicht.
Weg, nur weg hier.
Sein Herz raste vor Angst. Um keinen Preis wollte er dieser fremden
Frau nochmals begegnen. Dieser Fremden, die es vermochte, all seine
Peiniger in einem in sein Gedächtnis zu rufen.
"Nein!", rief er. "Nicht mit mir!"
Er kam zu einem Waldweg. Schnaufend blieb er stehen. Ruhig war es
hier, sehr ruhig. Zu ruhig. Nicht mal ein Vogel sang hier sein Lied,
keine Fliege summte herum, kein Windhauch ließ die Blätter rascheln.
Nichts. Eine unheilvolle Stille herrschte.
Alexander wollte weiterlaufen, doch wie festgeklebt vermochte er keinen
Fuß vor den anderen zu setzen. |
| Britta |
"Du wolltest doch Stille!" höhnte
eine Stimme ihm zu.
Verwirrt sah Alexander sich um, aber er konnte niemanden entdecken.
"Nun hast Du die Stille, geniesse sie!" flüsterte die Stimme.
Nein!" schrie Alexander, "das ist nicht die Art Stille, die ich suchte!"
"Tz, auch noch Ansprüche stellen!" tönte es hinter ihm.
Alexander konnte die Bedrohung förmlich riechen und alles in ihm drängte
ihn weg, aber noch immer konnte er sich nicht von der Stelle rühren.
"Was willst Du von mir?" rief er. |
| Gabriella |
"Was willst du von mir?" plapperte
diese Stimme wie ein Pagagei nach. Alexander drehte sich im Kreis.
Er konnte beim besten Willen nichts erkennen. Das war ihm jetzt zu
doof. Er rannte aus dem Wald heraus auf die Straße. Dort ging er so
lange, bis er eine Telefonzelle fand. Im Telefonbuch suchte er etwas
ganz Bestimmtes. Ah! Da war es schon. Er notierte sich die Adresse
und stellte sich an den Straßenrand, um nach einem Taxi Ausschau zu
halten. Binnen weniger Minuten kam eines. Er hielt es an und hielt
dem Fahrer den Zettel mit der Adresse hin. Der Fahrer machte gleich
ein sehr mitleidvolles, tragisches Gesicht.
"Der arme Mann. Daß er da hingehen muß. Sicher war es ein schwerer
Verlust für ihn", dachte der Taxifahrer und sah sich den Fahrgast
im Rückspiegel an. Er sah in der Tat ziemlich mitgenommen, verwirrt
und zerzaust aus. Nach 10 Minuten Fahrt kamen sie an der gewünschten
Adresse an. Alexander zahlte, und der Taxifahrer sagte noch: "Mein
herzliches Beileid" und fuhr weiter.
Alexander machte die Tür des Geschäftes auf und sah sich um. Kein
Mensch war weit und breit zu sehen.
"Ach, wunderbar, das werde ich sofort ausnutzen", dachte er und schaute
sich die verschiedenen Exemplare an. Sollte es Eiche sein oder Kiefer?
Ach, das war doch völlig egal. Seine Ruhe wollte er haben, sonst nichts.
Er ging zum Hintersten, nahm den Deckel hoch, legte sich rein, und
schlug den Sargdeckel über sich zu. "So, endlich hab ich meine Ruhe",
dachte er zufrieden. |
| Britta |
Plötzlich bemerkte er, wie sich
der Sargdeckel wieder hob.
"Uups, der ist besetzt!" hörte er, wie eine Stimme sprach und schon
schloss sich der Deckel wieder, nur, um sich einen Moment später erneut
zu öffen, und noch bevor er auch nur einmal tief Luft holen konnte,
wetterte die Stimme los:
"Also hören Sie mal, was machen Sie denn hier eigentlich? Das darf
doch wohl nicht war sein! Da will man sich zur Ruhe betten, und was
passiert? Mein Sarg ist besetzt! Ja glauben Sie denn, dass ich gleich
mit jedem in die Kiste hüpfe? Für was halten Sie mich denn? Das ist
doch nicht zu fassen! Ich glaub's einfach nicht! Ey, Sie da, machen
Sie sofort, dass Sie daraus kommen und suchen Sie sich gefälligst
ein eigenes Bett! Ich hatte einen langen und anstrengenden Tag und
brauche meine Ruhe!"
Entsetzt stand Alexander auf und kletterte wieder aus dem Sarg.
"Das gibt es doch wohl nicht", dachte er bei sich, "in was für einem
Film bin ich denn hier gelandet?"
Aber er fasste sich schnell wieder und musterte die Frau, die zu der
Stimme gehörte, während diese leise weiterschimpfend in den Sarg stieg.
|
| Corinna |
Mit dieser Frau stimmte irgendetwas
nicht. Wer schläft schon in einem Sarg??? Aber als er den Gedanken
gerade zu Ende gedacht hatte, bemerkte er den Widersinn. Schließlich
hatte er sich dort auch zur Ruhe begeben wollen. Wie von Furien gehetzt,
stürzte er aus dem Geschäft. Er rannte wie von Sinnen die Straße herunter.
Völlig außer Atem rannte er immer weiter. Als es wirklich nicht mehr
weiterging, bemerkte er, daß er mitten in einem Feld stand. Der Mais
war gerade abgeerntet worden.
Plötzlich hörte er über sich ein zischendes Geräusch. Als er seinen
Blick nach oben richtete, bemerkte er einen riesigen Ballon, der gerade
auf dem Feld landen wollte. "Das wäre doch ein idealer Ruhepunkt.
In einem Ballon fahren, durch die Wolken, hoch über allem Lärm, ja
das wollte er. Der Ballon kam näher, wurde immer größer und senkte
sich schließlich auf das Feld. Alexander rannte darauf zu so schnell
er konnte.
Der Ballonführer schaute ihn verwirrt an, als da ein Fremder völlig
aufgelöst auf ihn zustürzte. "Bitte", rief Alexander, "bitte lassen
sie mich mitfahren!!!" |
| Gabriella |
Der Ballonfahrer schüttelte
den Kopf. "Tut mir leid, das geht leider nicht!"
"Aber warum denn nicht?" fragte Alexander flehend.
"Weil er einen kleinen Defekt hat. Ich bin froh, daß ich noch heil
heruntergekommen bin!"
Enttäuscht und frustriert ging Alexander fort von dem Maisfeld. Es
mußte doch eine Möglichkeit finden, Ruhe zu finden. Sollte es wirklich
nur die eine, endgültige, definitive Ruhe geben? Er war mit den Nerven
am Ende. Er wollte nicht mehr. Er konnte diese laute Welt einfach
nicht mehr ertragen. In seinem Kopf hämmerte und dröhnte es. Alles
in seinem Körper tat ihm weg. Die laute Welt zerrüttene seine Nerven.
Tausend Gedanken gingen durch seinen Kopf. Sollte er es tun? Was bedeutete
ihm dieses Leben denn noch? Er hasste seine Frau, die für ihn inzwischen
unerträglich geworden war. Zu seinen Söhnen hatte er keine Beziehung.
Er hatte eine hohe Lebensversicherung auf sich abgeschlossen, für
seine Frau. Und die notwendige 3-Jahresfrist war abgelaufen. Nach
3 Jahren muß die Lebensversicherung auch bei Selbstmord zahlen, vorher
ist es ein Ablehnungsgrund. Merkwürdig, daß ihm das gerade jetzt einfiel.
"Ach, mir ist jetzt alles egal. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht
mehr", dachte er völlig fertig und ging ohne Ziel einfach die Straße
entlang. "Vielleicht bekomme ich ein Zeichen, irgend etwas, daß mir
meinen weiteren Weg zeigt", hoffte er.
Er ging auf eine Brücke zu. Ja, das war´s. Die Brücke, die sich so
hoch über dem Fluß beugte. Einen Schritt, und er hat seine Ruhe. Plötzlich
wurde er ganz ruhig innerlich, ganz still, keine Grübeleien mehr.
Es war inzwischen schon der Abend angebrochen. Langsam wurde es dunkel.
Er ging mit automatischem Schritt, wie ein Roboter, auf die Brücke.
Sein Blick war auf den Boden gesenkt. Als er in der Mitte stand und
den Kopf hob, erschrak er. Ein junges Mädchen kletterte gerade über
die Reling und wollte augenscheinlich springen. Geistesgegenwärtig
rannte er zu ihr und packte sie im letzten Moment. Er zerrte sie zurück.
Sie schrie wie verrückt.
"Laß mich los! Laß mich los!"
Alexander hatte alle Mühe, sie vom Geländer auf sicheres Terrain zu
bringen. Er schleifte sie von der Brücke runter. Am Ende stand eine
Bank. Er setzte sich mit ihr darauf. Sie klammerte sich plötzlich
an ihn und fing an zu weinen. Er sagte nichts, streichelte liebevoll
über ihr Haar. Schließlich hörte sie auf zu weinen und nahm seine
Hand. Hand in Hand saßen sie stundenlang schweigend da. Es bedurfte
keiner Worte.
"Diese wunderbare einträchtige Stille", dachte er glücklich.
|
| Elke |
Auf einmal standen zwei Herren
in Grün vor ihnen, gefolgt von einer hysterisch kreischenden Dame.
"Das ist sie!", schrie die hysterisch Kreischende und stürzte sich
auf Alexander. "Sie haben meine Tochter entführt! Herr Wachtmeister,
so tun Sie doch etwas! Geschändet hat der Kerl mein Töchterlein. Entehrt,
für alle Zeiten ihrer Unschuld beraubt. Das ist eine Ungehörigkeit.
Ich werde..."
Und sie begann, mit ihrem Regenschirm auf Alexander einzutrommeln,
nicht ohne ihr unsägliches Gekreische fortzusetzen.
Alexanders Ohren klingelten.
"I-i-ich...", wollte er erklären, doch er hatte keine Chance.
Die Fremde schrie ein in einem fort in den schrillsten Tönen auf ihn
ein. Endlich kam Bewegung in einen der Herren in Grün. Unsanft packte
er Alexander am Arm, zerrte ihn von der Bank und sagte:
"Nu komme se mal mit! Das klären wir auf der Wache!" "A-aber ich...!"
Doch Alexander hatte keine Chance, zu Wort zu kommen. Gefolgt von
der Dame, die nun auf der Höhe des zweistimmigen C kreischte, und
einer neugierigen Menge von empörten Gaffern zogen sie durch die Straße
zum Polizeirevier. |
| Gabriella |
Auf der Fahrt in der grünen
Minna saß Alexander wie ein zusammengesacktes Häuflein Elend. Er verstand
die Welt nicht mehr. Was war denn hier bloß los? Sind denn jetzt alle
verrückt geworden? Was hatte er mit dem Mädchen zu tun? Er rettet
ihr das Leben, obwohl er sein eigenes wegwerfen wollte, und jetzt
soll er sie entführt und auch noch vergewaltigt haben? Und die Kleine
hatte kein Wort gesagt! Grübelnd schüttelte er den Kopf. "Nein, nicht
mit mir. So nicht!"
Sie kamen in der Polizeiwache an. Alexander wurde in einen gesonderten
Raum gebracht, in dem ein großer Spiegel war. Er wußte aus unzähligen
Krimis, die er im Fernsehen gesehen hatte, daß dies kein Spiegel war,
sondern daß man ihn von außen genau sehen konnte, aber das war ihm
absolut egal.
Man setzte ihn auf einen Stuhl. Ein Casettenrecorder wurde auf den
Tisch gestellt. Der Wachmeister, der ihn mitgenommen hatte, setzte
sich ihm gegenüber und fing an zu fragen.
"Wie heißen Sie"
"Ich heiße Donald Duck", antwortete Alexander.
"Hören Sie auf mit dem Quatsch!" schimpfte der Polizist ärgerlich.
"Also, wie heißen Sie?"
"Ich heiße Donald Duck!" beharrte Alexander.
Der Polizist wurde jetzt wütend. "Sie wollen wohl hier einen auf verrückt
spielen, was? Damit Sie in die Klapse kommen und nicht ins Gefängnis?
Nee, nee, mein Lieber, nicht mit mir! Also, raus damit, wie heißen
Sie verdammt noch mal?" brüllte der Beamte.
Alexander war müde. Der Bulle konnte ihn mal kreuzweise. Er legte
seine Arme über Kreuz auf den Tisch und legte seinen Kopf drauf. Als
er die Augen schloß, wurde der Polizist immer wütender. Aber das war
ihm wurscht, im Gegenteil, es machte ihm sogar Spaß, zu sehen, wie
der Bulle langsam nicht mehr weiter wußte. Vielleicht würde er ja
in eine ruhige Einzelzelle gebracht werden. Dann hätte er endlich
seine Ruhe. Aber dann überlegte er sich, daß es im Knast bestimmt
alles andere als Ruhe gibt. Also konnte hier die Lösung nicht liegen.
Er wartete erstmal ab, was weiter geschehen würde. Er würde jedenfalls
kein Sterbenswörtchen mehr über die Lippen bringen, und wenn der Bulle
sich auf den Kopf stellte! Eine Stunde lang versuchte der Beamte,
Alexander aus der Reserve zu holen, vergebens. Resignierend gab er
auf, verließ den Raum und sagte zu seinen Kollegen. "Das hat keinen
Zweck. Hat er denn überhaupt keine Papiere bei sich gehabt?"
"Nein, nur ein bißchen Geld, sonst nichts", antwortete ein Kollege.
"Also, dann bringen wir ihn erstmal in Untersuchungshaft. Einen Tag
in der Zelle, das wird ihn weich kochen!" meinte der Beamte.
Er ging wieder zu Alexander. "So, Sie kommen jetzt mit in Untersuchungshaft.
Morgen werden wir das Verhör fortführen!"
Der Beamte zückte Handschellen hervor. Alexander sagte kein Wort.
Ganz langsam stand er auf, so als ob er ein steinalter Mann wäre,
dem jede Bewegung wehtut. Aber das war nicht der Grund. Er mußte Zeit
gewinnen, bevor sie ihm Handschellen anlegen würden. Der Beamte kam
auf ihn zu, wollte ihm die Handschellen anlegen. In dem Moment, es
ging alles blitzschnell, drehte Alexander sich um, griff gezielt nach
Ledergurt, öffnete den Verschluß und holte die Waffe heraus. Er entsicherte
sie, zielte auf den kreidebleich gewordenen Beamten und sagte mit
monotoner, völlig gleichgültiger Stimme: "Machen Sie die Tür auf!
Und sagen Sie Ihren Kollegen, sie sollen den Weg freimachen, sonst
sind Sie Geschichte, verstanden?"
Der Beamte gab ein Zeichen zum Spiegel und rief: "Er ist durchgedreht
und unberechenbar. Gebt den Weg frei!"
Mit einem gewaltigen Tritt öffnete Alexander die Tür, den Beamten
vor sich haltend, die Waffe auf dessen Kopf gerichtet. Im Gang hatten
sich inzwischen mehrere Polizisten postiert, aber keiner unternahm
etwas. Sie befürchteten, daß sonst ihr Kollege sterben würde.
"Wo ist Ihr Streifenwagen?" rief Alexander. "Los, führen Sie mich
da hin!"
Dort angekommen, schubste er den Beamten zur Seite, startete den Motor
und raste wie ein Irrer aus dem Polizeigeländer heraus. "So, jetzt
werde ich die faulen Beamtenärsche mal etwas auf Trab bringen!" dachte
er grimmig und |
| Britta |
in Richtung Küste. Hinter ihm
folgten, mit viel Lärm, etliche Polizeiwagen. Ihm dröhnte der Kopf
und er dachte:"Verdammt, wie komm ich denn da jetzt wieder raus?"
Er fuhr so schnell, wie er noch nie gefahren war und hatte Probleme,
die Kontrolle über den Wagen zu behalten. Mehr als ein Mal kam er
ins Schlingern, konnte aber den Wagen noch rechtzeitig abfangen.
Er raste durch eine Ortschaft nach der anderen, sich nicht um Verkehrsregeln
kümmernd, und der Schweiss lief ihm in Strömen den Körper hinunter.
Er wusste gar nicht mehr, wo er sich eigentlich befand, er nahm auch
kaum noch etwas um sich herum wahr.
Plötzlich aber nahm etwas jäh seine Aufmerksamkeit wieder gefangen.
Ein Ball war auf die Strasse gerollt und ein kleiner Junge sprang
ihm hinterher. Alexander trat sofort auf die Bremse, aber der Wagen
reagierte nicht sofort. Spontan lenkte er auf die Gegenfahrbahn, musste
einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweichen und kam mitten im Eingang
einer Polizeiwache zu stehen.
Sofort war er von Beamten umringt.
Einer der Polizisten riss die Tür auf und zerrte ihn hinaus.
"Moment, immer schön langsam!" hörte er eine sanfte Stimme. "Sind
Sie ok?" fragte sie ihn.
"Ja, ja, mir geht es gut", antwortete er, "ist das Kind in Ordnung?"
"Sie haben Glück", sagte die Frau, "dem Jungen ist nichts passiert.
Brauchen Sie einen Arzt?"
"Einen Arzt?" Verwirrt sah Alexander sie an, "nein, ich bin in Ordnung,
ich brauche nur ein bisschen Stille."
Die Polizistin wandte sich an einen ihrer Kollegen und bat ihn: "Bringen
Sie den Mann in mein Büro, ich komme gleich nach."
Still ergab sich Alexander seinem Schicksal, denn ihn beschlich die
leise Hoffnung, er würde in diesem ländlichen Gefängnis nun vielleicht
doch zu seiner ersehnten Ruhe kommen. Dafür nahm er inzwischen nahezu
alles in Kauf.
Die Polizisten führten ihn in ihr Büro.
Neugierig sah Alexander sich um. Aha, dachte er, so also sieht es
bei der Landpolizei aus. Er sah von dem Schreibtisch, auf dem sich
das sprichwörtliche Chaos stapelte, zu dem Fenster, dass vergittert
war und anschliessend zur Tür, durch deren kleinen, offenstehenden
Spalt er erkennen konnte, dass vor ihr ein Polizist wartete.
"Setzen Sie sich bitte!" forderte ihn die Polizistin auf.
Alexander zuckte zusammen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Frau
durch eine zweite Tür das Büro betreten hatte.
"Und nun erzählen Sie mal, wie war das mit der Entführung?" fragte
ihn die Beamtin und sah ihn forschend an. Da war etwas in ihrem Blick,
dass er nicht richtig deuten konnte, aber er fühlte, dass er ihr vertrauen
konnte.
Alexander holte tief Luft und begann: |
| Gabriella |
"Könnte ich bitte auf die Toilette?
Das eben mit dem Kind hat mir einen Mordsschrecken verpasst!"
"Ja, sicher", antwortete die Polizistin und begleitete ihn auf den
Gang.
Ihm fiel plötzlich ein, daß die blöden Bullen ihm gar nicht die Waffe
abgenommen hatten! Das war die Gelegenheit! Hier würde ihm sowieso
keiner glauben. Fortuna war bei ihm. Das WC befand sich ganz in der
Nähe der Ausgangstür. Kaum vor der Tür, zog er die Waffe, riß die
Beamtin an sich und drohte, sie zu erschießen, wenn ihm jemand den
Weg versperrte.
"Hören Sie. Sie machen einen großen Fehler. Sie reißen sich immer
mehr hinein! So hören Sie doch. Werden Sie vernünftig!" rief die Beamtin.
"Nee, mit mir laß ich nicht mehr spielen. Ihr seid ja alle bescheuert.
Ich und ein Mädchen entführen. Im Gegenteil! Ich wollte von der verdammten
Brücke springen. Dann sah ich das Mädchen. Sie war bereits über das
Geländer geklettert und wollte springen, und ich habe sie zurückgezerrt,
ihr das Leben gerettet, und niemand glaubt mir. Nein, ich habe nichts
mehr zu verlieren. Also, verhalten Sie sich ruhig, ich will hier nur
raus, sonst nichts, verstanden?"
Sie nickte und sagte zu den Kollegen, sie sollen den Gang frei machen
und ihn unbehelligt gehen lassen. Alexander verschaffte sich erneut
zu Zugang zu einem Streifenwagen, drückte die Beamtin zur Seite und
raste los. Diesmal würde er es schlauer anstellen, hatte er sich fest
vorgenommen. Er bog sofort bei der nächsten Straße rechts ein und
fuhr den Wagen in einen Hinterhof. Hinter einem großen Stapel von
Kartons und Mülltonnen konnte er den Wagen gut verstecken. Er ließ
ihn dort stehen und stieg aus. Als er sich umschaute, entdeckte er
einen Hintereingang zum Haus. Er lief schnell hinein und ging in den
Keller runter. Dort verharrte er erstmal eine Weile. Da hörte er schon
die Sirenen der Polizeiwagen. Sie fuhren alle an der Seitenstraße
vorbei. Ha! Er lachte sich ins Fäustchen. Er ging im Keller weiter.
Der hatte sehr viele Gänge, das reinste Labyrinth. Schließlich gelangte
er in einen Wäscheraum. Viele Waschmaschinen standen da, und auf bunten
Wäscheleinen gingen Klamotten zum Trocknen. Er suchte sich was Passendes
aus und zog sich um. So konnte man ihn wegen der anderen Kleidung
schon mal nicht gleich finden. Er wartete ein Weilchen, dann ging
er aus dem Keller raus, vorsichtig zu allen Seiten schauend. Alles
war ruhig. Auf Umwegen kam er in die Innenstadt. Er ging in ein großes
Kaufhaus. Hier würde er alles finden, was er braucht. Haarfärbemittel,
eine Mütze, eine Schere.
|
| Britta |
Siedendheiss fiel ihm ein, dass
er ja gar kein Geld bei sich hatte.
"Das darf doch nicht wahr sein!" fluchte er innerlich. "Da gehe ich
los um die Stille zu finden, und dann so ein Käse!"
Kopfschüttelnd verliess er das Kaufhaus wieder und ging langsam in
Richtung Stadtpark. In der Ferne hörte er Polizeisirenen, aber er
nahm sie nur am Rande war. Ihm war plötzlich egal, ob man hinter ihm
her war, ihm war plötzlich alles egal.
An der Pforte zum Stadtpark hielt er inne. Ein kaum greifbarer Gedanke
schlich sich in seinen Kopf, schwirrte darin herum und liess ihn wieder
unruhig werden.
|
| Gabriella |
"Ja, genau, das werde ich jetzt
tun. Jetzt ist eh alles egal", dachte Alexander und ging noch einmal
ins Kaufhaus.
Er suchte die Strumpfabteilung und schlich dort, ständig um sich blickend,
durch die Gänge. In einem günstigen Moment schnappte er sich eine
Packung Nylonstrümpfe, versteckte sie unter seiner Jacke und machte,
daß er wieder rauskam. Er ging zur nächsten kleinen Sparkasse, schaute
von außen herein. Es waren nur 3 Kunden dort. Das war gut. Rasch zog
er den Nylonstrumpf über das Gesicht und ging mit gezogener Waffe
in die Bank.
"Das ist ein Banküberfall! Alle auf den Boden! Wenn der Alarm losgeht,
werde ich schießen. Ich habe nichs mehr zu verlieren, verstanden?"
schrie er.
Die drei Kunden legten sich sofort auf den Boden.
"Geben Sie mir den Schlüssel zur Eingangstür der Bank! forderte Alexander
eine Frau am Bankschalter auf.
Die ging zu einem älteren Herrn, anscheinend der Chef. Er gab ihr
den Schlüssel. Alexander schloß die Tür ab und ließ alle Jalousien
runter.
"So, Kleene, jetzt mal raus mit der Kohle, und zwar dalli!"
"Wo soll ich es denn reintun?" fragte die Frau ängstlich. Alexander
war für einen kurzen Moment ganz verwirrt. Daran hatte er gar nicht
gedacht. Er schaute sich um. Eine der Kundinnen hatte eine Plastiktüte
voller Lebensmittel. Kurzerhand nahm er die Tüte, entleerte den Inhalt
auf den Boden und schmiß der Frau am Schalter die Tüte hin.
"Darein, schnell, und zwar aus allen Kassen!"
Während die Frau die Geldbündel in die Plastiktüte warf... |
| Corinna |
bemerkte Alexander nicht, dass
sich ihm ein kleiner Junge näherte. Seine Mutter zischte ängstlich,
"Jakob, bleib hier!", aber der Junge sah sie nur stirnrunzelnd an
und ging weiter auf Alexander zu.
"Hat dich denn keiner lieb?", fragte er. Alexanders Kopf flog herum.
Der blonde Junge sah ihn mit großen Augen an und Alexanders Blick
wurde weich und er sah gar nicht mehr gefährlich aus.
"Ach, weißt du, das ist eine lange Geschichte ..." begann er. Aber
plötzlich viel ihm ein, wo er hier war und warum. Die Kassiererin
schaute wie erstarrt auf den kleinen Jungen, als erwarte sie, dass
Alexander ihn als Geisel nehmen würde. Aber nichts dergleichen geschah.
Wie aus einem Alptraum erwachend, sagte er, "Tut mir leid, Leute",
und bevor jemand etwas tun konnte, stürzte er aus der Bank und rannte
so schnell er konnte davon. |
| Gabriella |
Alexander rannte ziellos umher.
Er wußte nicht, wohin er sollte. Er war völlig durcheinander.
"Mein Gott, was habe ich da eben beinahe getan? Was ist aus mir geworden?"
dachte er verzweifelt.
Irgendwann gelangte er an einen Park. Er setzte sich auf eine Bank,
vergrub seinen Kopf unter seinen Händen und weinte.
"Ich verstehe das alles nicht. Was ist denn bloß passiert? Wie komme
ich aus dem ganzen Schlamassel wieder heraus? Dabei wollte ich doch
nur die Stille finden!" kreisten seine Gedanken und ließen ihn immer
mehr verzweifeln.
"Onkel, geht´s dir nicht gut?" fragte da eine Kinderstimme. Alexander
hob den Kopf und sah ein kleines Mädchen mit zwei langen blonden Zöpfen.
"Nein, Kleines, mir geht es nicht gut!" seufzte er.
"Warum geht es dir nicht gut? War jemand böse zu dir?" fragte die
Kleine beharrlich.
Alexander schüttelte mit dem Kopf.
"Onkel, du hast ja geweint!" rief das Mädchen. Sie setzte sich neben
Alexander auf die Bank und streichelte ihm den Kopf. Alexander war
so gerührt von dieser Geste, daß er noch mehr weinen mußte. "Onkel,
ich hab eine Idee! |
| Corinna |
Das Mädchen sprang auf und zog
an Alexanders rechter Hand. "Komm mit", sagte es. "Wohin denn?" fragte
Alexander mit weinerlicher Stimme. "Nirgends, wo ich hingehe, finde
ich meinen Frieden und die Stille, die ich schon so lange suche."
Die Kleine nahm nun auch seine linke Hand und sagte, "Ich weiß einen
Ort, wo du dich sicher sehr wohl fühlen wirst. Wir gehen jetzt zu
meiner Tante Irmi. Alle in der Familie sagen, sie sei etwas ganz besonderes.
Sie bringt jeden zum Lachen, egal welchen Kummer er auch hat. Bis
jetzt hat sie noch jedem geholfen. Manche Leute wollen gar nicht mehr
weg von ihrem Bauernhof, so gut ging es ihnen."
"Ich weiß nicht", zögerte Alexander. "Ich will niemandem zur Last
fallen." Aber das Mädchen sah ihn so bittend an, dass er sich ein
Herz fasste und endlich aufstand. "Na gut, ist ja auch schon egal.
Viel schlimmer kann's ja nicht mehr werden. Gehen wir also zu Tante
Irmi".
Hand in Hand gingen die beiden dahin und schon während Alexander die
Hand des Mädchens hielt, fühlte er sich wohler. Und nachdem sie eine
Weile gegangen waren, freute er sich bereits, Tante Irmi kennenzulernen.
|
| Britta |
Während sie gingen, unterhielten
sie sich angeregt. Er konnte kaum glauben, dass er so viel zu sagen
hatte und dennoch die Ruhe hatte, auch dem Mädchen zuzuhören. Sie
erzählte von ihrer Tante Irmi, von dem Leben auf dem Bauernhof und
von ihrer Familie und je mehr sie sprach, desto wohler fühlte er sich.
Er merkte kaum, dass sie die Stadt verlassen hatten und nun durch
die sanfte, hügelige Landschaft der Umgebung gingen. Immer leichter
fühlte er sich, ihm schien, als ob eine grosse Last von seinen Schultern
genommen war und er fragte sich verwundert, wie das nur geschehen
konnte, fand aber keine Erklärung.
"Siehst Du," sagte das Mädchen, "da vorn wohnt Tante Irmi!"
Er sah einen wunderschönen alten Bauernhof, mit einem gemütlichen
Fachwerk, kleinen urigen Fenstern und einem grossen Hof davor. Mitten
auf dem Hof stand eine grosse Linde, inmitten eines Rondells, das
gefüllt war mit den wunderbarsten Rosen.
Er fühlte, wie sein Herz einen Satz machte und musste sich förmlich
bremsen, um nicht einfach darauf loszustürmen. Ihm war, als müsste
er in den Rosen baden können und konnte kaum noch seinen Blick davon
losreissen. "Na, da seid Ihr ja endlich", hörte er plötzlich eine
Stimme, "ich hab Euch schon erwartet."
Verwundert sah er auf und konnte kaum glauben, was er da sah. |
| Corinna |
Er hatte, warum auch immer,
eine Tante erwartet mit grauen Haaren und gütigem Blick. Was sich
jetzt in seinen Augen spiegelte, war aber alles andere als das. Gütig
war der Blick zwar auch aber die Erscheinung dieser Frau faszinierte
ihn. Ihr langes, glänzendes schwarzes Haar hing ihr am Rücken herab
und einzelne Haarsträhnen wurden vom Wind hin- und hergeweht. Ihr
Augen waren strahlend blau. Sie streckte ihm ihre Hand hin, um ihn
zu begrüßen. Er starrte auf die funkelnden goldenen Armbänder, die
an ihrem Arm klimperten. Ihr Blick ging ihm durch und durch und er
hatte das Gefühl, als könne diese Frau in seiner Seele lesen. Und
es machte ihm noch nicht einmal etwas aus. Er ergriff ihre Hand, drückte
sie aber nicht, sondern führte sie mit einer galanten Bewegung zum
Mund, um einen Handkuss anzudeuten. Er hörte ihre Stimme, "Komm",
sagte sie. Seine Knie wurden weich und er fühlte sich wie ein pubertärer
Jüngling. Aber er folgte ihr ins Haus. Und kaum war er über die Schwelle
getreten, fielen alle Ängste und Sorgen von ihm ab.
"Wer bist du?", fragte er.
"Tante Irmi", sagte die samtene Stimme.
"Wer bist du wirklich?", fragte er fordernd.
Er blickte in die blauen Augen und versank darin. |
| Gabriella |
Sie führte Alexander in einen
ganz besonderen Raum. Es duftete nach seltsamen Kräutern. Hunderte
von Kerzen waren überall verteilt und schufen durch ihr Leuchten eine
geheimnisvolle harmonische Stimmung. Die Vorhänge waren zugezogen.
Alexander fiel auf, daß es im Raum keine Möbel gab, nur große Kissen
und die vielen Kerzen. In der Mitte des Raumes befand sich ein Kreis,
geformt aus lauter runden, schimmernden Steinen. Zwischen den Steinen
leuchteten kleine Lichter, so daß sie die Steine in allen Farben schillern
liessen. Um den Kreis herum waren verschiedene Kräuterbüschel angeordnet,
die die Frau jetzt anzündete. Kleine Rauchschwaden bildeten sich.
"Bist du eine Zigeunerin?" fragte Alexander verwundert. "Und wieso
hast du uns erwartet?" Sie lächelte. "Irgendwann kommen alle zu mir,
um das zu finden, was auch du suchst. Und hier wirst du es finden.
Komm, setz dich in den Kreis und schließe die Augen. Sei ganz beruhigt.
Es ist alles gut. Du wirst dich sehr wohl fühlen und ein ganz anderer
Mensch werden", sagte sie sanft und führte ihn in den Kreis. Alexander
setzte sich hinein. Sobald er im Kreis war und die Augen geschlossen
hatte, geschah etwas sehr Seltsames. Er fühlte sich, wie von einer
dicken Wattewolke hochgehoben. Es war ein berauschendes Gefühl. Die
Wattewolke begann sich langsam zu drehen. Alexander sah sein ganzes
Leben an sich vorüberziehen, seine Kindheit, wie er seine Frau kennenlernte,
seine Familie, seine Arbeit. Aber er sah dies alles aus einer ganz
anderen Sichtweise. Losgelöst und und unbelastet. Er sah sein eigenes
Leben, als ob es das eines Fremden wäre und stellte fest, daß dieser
Andere ein sehr schönes Leben hat. Dann sah er den Anderen weglaufen
auf zur hastigen, verzweifelten Suche nach der Stille. Alexander schüttelte
den Kopf. Warum suchte der Andere denn die Stille? Er hatte doch alles,
was man sich nur wünschen konnte, und die Stille hatte er in sich
selbst. Merkwürdig, daß dieser Andere das gar nicht merkte und hinter
etwas herrannte, das er die ganze Zeit in sich trug. Warum hörte der
Andere nicht auf zu suchen? Warum horchte er nicht nach innen? Es
war doch alles so klar und einfach! Dann begann die Wattewolke, sich
gemächlich in die andere Richtung zu drehen. Alexander wurde es ganz
leicht ums Herz. Was passierte hier? Wo war er? Die Gedanken flogen
an ihm vorbei. Ein angenehmer Schleier der Leichtigkeit legte sich
über sein Bewußtsein. "Papa, was ist denn jetzt? Du hast doch versprochen,
daß wir an diesem Wochenende auf den Rummel gehen! Du hast es ganz
fest versprochen! Also, gehen wir jetzt oder nicht?" Alexander öffnete
die Augen und sah sich vor seinen Kindern stehen, die ziemlich bockige
Gesichter machten. Seine Frau kam und zeterte. "Ach, seit wann hält
sich euer Vater schon an seine Versprechungen. Das wäre ja mal ganz
was neues!" Alexander sah seine Kinder an, dann seine Frau. Er blickte
etwas erstaunt um sich. Dann überzog ein Lächeln sein Gesicht und
er sagte: "Na klar, auf gehts, laßt uns richtig Spaß haben auf der
Kirmes. Liebes, willst du nicht mitkommen? Wir sind doch früher so
gerne in dem Kettenkarussel gefahren, weißt du noch? Es hat mich eine
halbe Stunde gekostet und ein Abendessen, bis ich dich dazu überredet
hatte, und dann konntest du gar nicht genug davon bekommen!" lachte
er. Seine Frau blickte ihn verwundert an. "Daß du dich daran erinnerst!
Ja, das stimmt. Ich liebte es. Ja! Ich komme mit!" rief sie fröhlich.
"Alexander, du bist ganz verändert, ein ganz anderer!" sagte sie noch
und holte ihre Sachen. Alexander nickte schmunzelnd und dachte: "Ja,
ich bin ein neuer Mensch, ein glücklicher Mensch, der nichts mehr
suchen muß, weil er alles hat!" |
|