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Im Wald
(© Moritz)
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Eine düsterer Tag, die Wolken hängen tief, fast schon streifen sie an den Baumwipfeln, und es scheint, als wollten sie etwas verbergen. Immer wieder höre ich ein gedämpftes Heulen über den Wolken, und wenn ich lange genug hinaufstarre, dann kann ich ab und zu ein gespenstisches Leuchten sehen, wie von einem beginnenden Gewitter.
Ich lasse mich davon jedoch nicht abhalten, immer tiefer in den Wald hineinzuwandern, dahin, wo in diesem Jahr die schönsten Pilze wachsen, schließlich bin ich dick eingemümmelt, und so ein kleines Gewitter kann mir nichts anhaben - jedenfalls rede ich mir das ein.
Aber ich habe es meinem Bruder versprochen, wenn er mich wiedermal besuchen kommt, dann gibts Pilzragout mit selbstgepflückten Pilzen. Und wie heißt es so schön: "Ein Mann, ein Wort!"
Ach, warum muß ich so stur sein, so stolz, warum kann ich nicht einfach sagen, das Wetter war zu schlecht, oder sonst irgendeine schlechte Ausrede. Aber nein, hier bin ich, und wo ich schon mal da bin, gehe ich jetzt auch noch weiter, so weit ist es ja nicht mehr.
Jetzt ist es passiert, es beginnt zu schneien, schöne, dicke Flocken, die langsam und majestätisch zu Boden schweben, und den Waldboden langsam, aber unerbittlich verdecken.
Da, ist das nicht die dicke Eiche? Doch sie ist es, ich habe die Pilzgründe also doch noch erreicht. Nun aber schnell, den Rucksack mit Pilzen gefüllt, und dann ab nach Hause, in die warme Stube, zum Pilze waschen, schneiden, ...
Viel schönere Arbeiten, als Pilze zu suchen!
So, jetzt ist aber Schluß mit Träumen! Die Pilze gesammelt, und ja keine Falschen, sonst gibts wieder unfreiwillige Ferien. Da ist eine Habichtspilz, da noch einer, dort ein ganzes Nest von Schwammerln, hier ein Fliegenpilz, den lasse ich lieber stehen...
Was ist heute nur los, ich werde immer müder, fast schlafe ich schon im Stehen ein, jetzt muß ich mich aber wirklich zusammenreissen.
Plötzlich wache ich wieder auf, das Gesicht im Schnee, klatschnaß, und direkt vor mir sehe ich zwei so komische Abdrücke im Schnee; das sind ja die Abdrücke von nackten Füßen! Die waren aber vor einer Minute noch nicht da, und es sind auch nur die zwei, es führt keine Spur hin, und auch keine weg.
Ich hieve mich hoch, und will die Spuren abtasten, aber es geht nicht, da ist etwas dazwischen, etwas warmes, weiches, mit feinen Härchen - so wie ein Fuß, aber unsichtbar. So was gibts nicht, sage ich mir, und reibe mir noch etwas Schnee ins Gesicht.
Aber es nützt nichts, es ist immer noch das selbe: zwei unsichtbare Füsse stehen vor mir im Schnee! Ich taste mich daran empor, schlanke Fesseln, Knie, Schenkel, und plötzlich Fell, weich und mit langen seidigen Haaren, dann wieder Haut, und nun der Kopf, ein feingeschnittenes Gesicht, lange, strubbelige und zerzauste Haare. Eine Statue?
Doch da - plötzlich fühle ich eine Bewegung vor mir, und neue Spuren entstehen im jungfräulichen Schnee. Ob ich ihnen folgen soll?
Da fällt mir auf, daß ich gar nicht mehr wieß, von wo ich gekommen bin, war es von dort, an den hohen, alten Fichten vorbei, oder war es doch von da drüben, durch das Haseldickicht? Ich wieß es einfach nicht mehr.
Ich drehe mich um und sehe eine lange, schnurgerade Spur von nackten Füßen im Schnee, die irgendwo im Wald verschwindet. Ich folge ihr, was soll ich auch sonst tun? Nach einer Weile merke ich wie der Wald immer dichter wird, immer öfter mu&szig; ich mich unter schneebeladenen Ästen durchbücken. Doch egal, wie dicht der Wald auch wird, die Spur ist und bleibt schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen. Wo die wohl hinführt??
Vor mir bemerke ich ein Licht, das immer heller und strahlender wird, wie leuchtender Sonnenschein - und das ist es auch, wie ich verwundert feststelle! Der Schnee hört wie abgeschnitten auf, auch die Wolken bilden eine gerade Linie, und sogar der Wald hört ganz plötzlich auf, hier noch dicht und beinahe undurchdringlich, beim nächsten Schritt schon hinter mir, vor mir sanft gerundete Hügel, die wie im Sonnenlicht gebadet sind.
Und zwischen den Hügeln halten sich Leute auf, die hier zu leben scheinen, dort wird gekocht, da liegt ein Mann in der Sonne, von Kindern umgeben, und da direkt vor mir steht eine junge Frau. Sie muß wohl die Spur im Wald gelegt haben, denn sie steht in der Verlängerung der Fußspuren in der Sonne und genießt die Wärme.
Apropos Wärme: warum spüre ich die Sonne nicht? Ich gehe noch weiter vom Wald weg, und schaue zurück, und dabei bemerke ich, daß ich mich nicht sehen kann. Ich gehe auf die junge Frau zu, doch an ihren Augen kann ich erkennen, daß auch sie mich nicht sieht. Wie soll ich mich aber verständlich machen, wie soll ich mich für die Hilfe, die Rettung bedanken?
Da kommt mir eine Idee: ich könnte ja in den Schnee schreiben.
Also gehe ich zurück zur Grenze - ja, es ist ganz klar eine Grenze - und strecke meine unsichtbare Hand dem Schnee entgegen. Und da, als ich mit den Fingern und dann mit der ganzen Hand über die Grenze greife, kann ich die Hand wieder sehen. Schnell gehe ich ganz über die Grenze, und tatsächlich, da bin ich wieder, in Fleisch und Blut.
Ich schaue zurück, und sehe das Mädchen stehen und will etwas rufen, doch die Stille, die über der Szene liegt, hält mich davon ab, und so begnüge ich mich damit, hinüberzuwinken.
Auch sie winkt und lächelt mir zu, dann dreht sie sich langsam um und geht zu ihren Leuten, und auch ich drehe mich um und kehre zurück in meine Welt.
Immer wieder drehe ich mich um und schaue zum Licht, und als ich das Licht nicht mehr sehen kann, erfüllt mich eine seltsame Traurigkeit, und ich weiß, daß ich dieses Mädchen und diese Sonne wohl nie mehr wiedersehen werde.
Dafür sehe ich vor mir, halb zugeschneit, meinen Rucksack mit den Pilzen, und ich sehe auch die dicke Eiche, an der ich vorbei muß, um nach Hause zu kommen...


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