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Warum das Horn vom Einhorn leuchtet
(© Moritz)

Es war einmal ein Einhorn. Es lebte in einem alten, verwunschenen Wald, und freute sich seines Lebens. Es streifte umher, knabberte hier an einem besonders saftigen Grasbüschel, pflückte sich da ein paar besonders rote Beeren von einem Strauch, und nahm dann und wann einen Schluck aus einem der vielen, kleinen und klaren Weiher, die über den ganzen Wald verstreut waren. Es freute sich über sonnige Tage, und es ärgerte sich über Regentage; in der Nacht jedoch war dem Einhorn das Wetter egal. Da lag es unter seiner schönen dicken Eiche und schlief tief und fest.
In einer dieser Nächte jedoch konnte das Einhorn nicht einschlafen, und so wanderte es langsam im Wald umher, und langweilte sich. Plötzlich sah es vor sich ein Lichtlein tanzen, und noch eins und noch eins...! Hunderte von kleinen Lichtlein, die hin- und hertanzten, auf und abschwebten, und das Einhorn von seinem Schlafplatz fortlockten, fort auch von dem Teil des Waldes in dem es sich auskannte. Das Einhorn war fasziniert von diesen Lichtlein, von ihrem fluoreszirenden Licht, ihrer Schwerelosigkeit, und es folgte ihnen so lange, bis es auf einmal bemerkte, dass der Boden sich veränderte, und dass plötzlich keine Bäume mehr da waren.
Auch waren Wolken aufgezogen, und keine Sterne und kein Mond waren mehr zu sehen, und auch die Irrlichter - denn das waren die schwebenden Lichtlein - waren verschwunden.
Das Einhorn konnte nur noch wenige Schritte sehen, und was es sah, war wenig ermutigend: Tiefe schwarze Teiche, schlammige Pfade und Moosüberwachsene Flächen, die sich in leichten Wellen zu bewegen schienen, kurz - das schöne Tier hatte sich in ein Moor verirrt!
Ängstlich trippelte es auf der Stelle, drehte sich im Kreis und suchte seine Spuren, um den sicheren Rückweg zu entdecken, doch da war nichts mehr zu sehen.
Vorsichtig lief das Einhorn nun los, bei jedem Schritt erst vorsichtig prüfend, ob der Boden wohl fest sei. Immer tiefer geriet es nun in das tödliche Labyrinth, und schließlich wollte es gerade aufgeben und einfach losgallopieren, um der Sache ein Ende zu machen, als es plötzlich wieder ein flackerndes Licht vor sich sah. Vorsichtig schlich das Einhorn darauf zu, und stellte fest, dass es ein Feuer war, um das viele dunkle Gestalten herumtanzten.
Es wieherte leise, um auf sich aufmerksam zu machen, dann, als niemand reagierte, noch einmal, diesmal schon lauter. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ging es schliesslich auf den Kreis der Tänzer zu, und zwickte eine der Tänzerinnen vorsichtig in den Hintern.
Diese quitschte laut auf, der Tanz wurde abrupt unterbrochen, und die ganze Hexengemeinde starrte nun auf das ängstlich zitternde Tier. Die Gezwickte ging zu dem Einhorn hin, legte ihr Ohr an die die Stirn des Tieres, direkt neben das Horn, und lauschte auf die Gedanken und Erinnerungen, die dort gespeichert waren.
"Es hat sich verirrt!" sagte die Hexe. "Wir müssen ihm helfen!" Darin waren sich alle einig, aber keiner wollte das Fest verlassen, das nur einmal im Jahr stattfand. Was also sollte man tun?
"Wir könnten es in eine Eule verwandeln, dann kann es fliegen wohin es will!" schlug eine vor.
"Man könnte es zähmen und als Haustier halten." meinte ein Hexer. "Wir sollten ihm das Schwimmen beibringen, dann können die Tümpel ihm nichts mehr anhaben!" sagte eine gab wiederum ein andere zu bedenken. Doch von all diesen Dingen wollten weder das Einhorn, das jedes Wort verstand, noch die Mehrzahl der Hexen und Hexer etwas wissen.
Eine ganz junge Hexe machte den Vorschlag, dem Einhorn doch einfach ein Licht mitzugeben.
"Eine gute Idee", meinte die Gezwickte, "doch was wenn das Einhorn das Licht verliert?"
"Je nun, dann müssen wir eben das ganze Tier zum Leuchten bringen!" schlug ein hutzliges, altes Männlein vor, und streichelte dabei über den Rücken des Einhorns.
"Nein, dadurch könnte man die grossartige Schönheit des Einhorns nicht mehr erkennen, so geblendet wäre man von dem vielen Licht."
Darauf der Alte:"Dann eben nur einen Teil von ihm, den Schwanz, oder ein Bein vielleicht."
"Deine Idee ist ansich gut, aber was nützt ein leuchtender Schwanz? Der ist doch viel zu weit weg von den Augen."
Plötzlich senkte das Einhorn den Kopf und piekste den Alten mit seinem Horn. "Hee, was soll denn das? sollen wir dir nun helfen oder nicht?" fragte dieser.
Doch die Gezwickte hatte sofort erkannt was da vor sich ging. "Das Horn! Wir bringen sein Horn zum Leuchten!" rief sie erfreut aus. Und genau das taten sie dann auch, und dann feierten sie wieder weiter, im Licht des Feuers, und das Einhorn machte sich wieder auf den Heimweg, begleitet vom weichen, hellen Schein seines leuchtenden Hornes.


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