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Michelle
(© Elke Bräunling, Britta Lüthe, KarlHeinz Graumann,
Astrid Hinkelmann, Gabriella Marten, Thomas Salm)

 

Gabriella

Michelle ging nachts durch die Straßen Richtung Brücke. Es regnete in Strömen, doch sie merkte es gar nicht. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders. Obwohl es stockdunkel war, konnte sie die Brücke genau erkennen. Sie war völlig durchnäßt, aber es war ihr egal. Sie stand in der Mitte der Brücke und

Elke starrte auf die Statue des Hlg. Christophorus, die als Schutzpatron hier die Passanten seit Jahrhunderten sicheren Fußes über die Brücke gelangen ließ. "Warum hast du nicht geholfen?" fragte sie leise die verwitterte, mit Algengrün überzogene Steinfigur.
"Warum hast du dieses eine Mal deinen Schutz versagt? Warum ausgerechnet mir?"
Michelle spürte, wie wieder die Tränen kamen und sich mit den Regentropfen auf ihrem Gesicht vermischten. Wie um Antwort bettelnd umklammerte sie den Sockel der Statue. Dort, ja dort hatte sie für einen kleinen, unbedachtsamen Augenblick den Kinderwagen abgestellt, um für ein, zwei Minuten mit Leon dem Treiben auf dem Fluß zuzusehen. Ein kurzer Augenblick der Unbeschwertheit. Doch dann war der Kinderwagen verschwunden.
"Wo ist Ines? Wo ist mein Kind?" Fast schrie Michelle diese Worte dem freundlich lächelnden Antlitz des Hlg. Christophorus zu. "Wo?"
Astrid Eine laute Stimme drang an ihr Ohr. Dann würde sie von 2 kräftigen Händen an den Schultern gepackt und ein wenig unsanft gerüttelt "Michele! Hallo, komm zu Dir Michele" ,diese Worte drangen an ihr Ohr und als sich der Tränenschleier in ihren Augen lichtete, erkannte sie ihren Bruder Felix.
Sie blickte sich um und stellte erstaunt fest, das sie sich gar nicht auf dieser Brücke befand, sondern am Kaffeetisch ihrer Mutter saß. Die ganze Familie war versammelt und sie bemerkte, wie man sie befremdet anstarrte.
Britta Verwirrt sah sie von einem zum anderen und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen! Es ist schon wieder passiert, dachte sie entsetzt! Ihr Bruder sah sie mit einem Blick an, der ihr klar machte, auf welch dünnem Eis sie wandelte. Noch während sie krampfhaft überlegte, was sie sagen sollte, klingelte es an der Tür.
Elke Erleichtert über diese Unterbrechung sprang sie auf und eilte zur Tür. "Wer ist da?", rief sie mit betont fröhlicher Stimme.
Ich bin´s!", antwortete es von draußen.
"Ach, du bist´s! Dann ist es ja gut!"
Mit einem Schwung öffnete Michelle die Tür, doch da war niemand.
Britta "Michelle", rief ihre Mutter von hinten, "Wer ist denn da?"
"Tja, wenn ich das jetzt so genau wüsste", dachte sie und antwortete:"Ach, das war nur ein Klingelstreich!"
Langsam ging sie wieder zurück zu den anderen, aber noch bevor sie sich wieder setzen konnte, klingelte es erneut.
Sie zögerte.
"Willst Du nicht aufmachen?" fragte ihr Bruder, "Du stehst doch gerade!"
Elke "Was soll ich tun?", fragte Michelle geistesabwesend.
"Die Tür öffnen", drängte ihr Bruder. "Es hat geläutet".
Michelle schüttelte verwundert den Kopf.
"Ich habe nichts gehört und ich höre auch nichts."
In ihrem Kopf aber dröhnte es, und eine fremde Stimme, die einen interplanetarischen Klang hatte, redete in einem fort auf sie ein: "Brücke! Geh zur Brücke! Brücke! Geh zur Brücke..."
Grausig klangen die Töne. Michelle fasste sich an den Kopf.
"Neiiiiin", schrie sie gellend.
Gabriella Sie konnte nichts machen. Diese innere Stimme war so mächtig. Sie war ihr hilflos ausgeliefert. Sie stand wortlos auf und ging zur Tür hinaus. Die Familie schaute nur stumm hinterher. Keiner unternahm etwas. Michelle ging zur Brücke. Niemand hielt sie auf. "Jetzt", dachte sie, "Jetzt!" Sie stand an der Mitte der Brücke und hörte die Rufe aus der Tiefe:
"Koooooooooommmmmmmmmmmmm Michelle, ein Schritt und alles ist gut. Kooooommmmmmmmmmmmmm" Michelle kletterte über das Geländer und
Britta sah hinunter. Unter ihr floss der Strom ruhig und träge vor sich hin, unterbrochen von einigen gelegentlichen Strudeln. Sie schloss die Augen und versuchte, die Stimme in ihrem Inneren zu überhören. Aber es gelang ihr nicht, zu gross war die Versuchung.
"Ach entschuldigen Sie, könnten Sie mir wohl sagen, wie spät es ist?" hörte sie plötzlich eine zarte Stimme hinter sich.
Sie zuckte zusammen und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Mit zitternden Knien kletterte sie wieder von dem Geländer.
"Wie bitte?"
Als sich ihr Blick wieder klarte, sah sie vor sich ein kleines Mädchen mit langen braunen Zöpfen und einem dünnen Kleidchen.
"Ich fragte, ob Sie mir wohl sagen könnten, wie spät es ist! Ich habe gleich eine Verabredung, die ich dringend einhalten muss!"
"Beinahe zu spät", murmelte Michelle.
Das Mädchen musterte sie neugierig. "Können Sie auch fliegen?" fragte sie.
Astrid Michelle blinzelte und als ihr Blick wieder klar wurde, versuchte sie den Blick erneut auf das Mädchen zu richten.
Doch da war niemand.
Auch die Stimme in ihrem Kopf war verschwunden. Wie war sie eigentlich hierhergekommen?? Ihr Kopf dröhnte ...
Gabriella Michelle stand ganz verwirrt da.
"Was hatte es mit diesem Mädchen auf sich? Das war doch kein Zufall, daß die Kleine plötzlich da war. Das war ein Zeichen. Ja, es war ein Zeichen!" dachte Michelle und ging weiter auf der Brücke in Richtung Stadt.
Sie ging ziellos umher. Sie suchte etwas, wußte aber eigentlich nicht genau, was. Plötzlich
Elke war da wieder dieses Dröhnen in ihrem Ohr.
"Dong! Dong! Dong!"
Michelle erschrak.
Nein, das war ein anderes Dröhnen als vorhin. Aber was nur?
Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass es die grosse Glocke vom Domturm war. Wie magisch angezogen lenkte dieses "Dong! Dong! Dong!" Michelle durch die Straßen über den Domplatz in den Dom. Zielstrebig eilte sie durch das lange Kirchenschiff und stieg die Stufen zur Krypta hinunter.
"HALT!", kreischte plötzlich wieder diese interplanetarische Stimme in ihrem Kopf.
Michelle blickte wie erwachend auf und sah sich stehen vor der Grabplatte des unglückseligen Kaisers.
Britta "Was in aller Welt soll ich hier?" fragte sie sich. Unsicher sah sie sich um. Aber sie war allein. Neugierig ging sie näher auf die Grabplatte zu und versuchte, die verwitterte Inschrift zu lesen. Plötzlich hörte sie ein Geräusch, ein leises Tapsen hinter sich. Schnell drehte sie sich um und sah gerade noch, wie eine kleine Person in einem Kleid, das ihr bekannt vorkam, hinter einer der Säulen verschwand.
"Halt warte!" rief sie und lief hinterher. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass die Kleine wichtig für sie sei.
Elke Aufgeregt folgte Michelle dem fremden Mädchen. Irgendetwas war anders an dem Kind, aber was nur? Und vor allem: Wohin war es nun schon wieder verschwunden?
Suchend durchquerte Michelle das Kirchenschiff. Da hörte sie ein Geräusch, wieder in der Krypta.
"Hier scheint des Rätsels Lösung zu liegen", murmelte sie und eilte die ausgetretenen Stufen zur Grabkammer hinunter.
Wieder stand sie vor dem Grab dieses Kaisers, dessen Name unleserlich im Stein eingemeißelt stand.
Es raschelte.
Michelle blickte hinüber zum Nachbarsarkophag. Er war sehr klein. So, als war er für ein Kind angefertigt worden.
Und plötzlich saß das Mädchen auf der Plattes des Sarges und winkte zu ihr herüber.
Michelle fühlte, wie es ringsum plötzlich kalt und kälter wurde.
Sie wollte zu dem Mädchen hinüber gehen, doch die Beine versagten ihr den Dienst. Wie gebannt starrte sie zu das Mädchen an.
Jetzt erst erkannte sie, dass das dünne Kleidchen keineswegs dem modischen Geschmack heutiger Kinder entsprach. Es war aus dünnem Nesselstoff, wadenlang, an einigen Stellen sehr abgetragen. Auch die Frisur des Mädchens, die Art des Geflechts der Zöpfe erschien iher fremd. Wie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit.
"Wer bist du?", fragte Michelle das Mädchen leise.
Ein kalter Hauch wehte ihr ins Gesicht, als das Mädchen zu sprechen begann:
Britta "Wer bist Du?" fragte das Mädchen leise.
"Ich heisse Michelle" antworte Michelle und man hörte das Frösteln in ihrer Stimme.
"Nein," sagte das Mädchen, "wer BIST Du?"
Verwirrt sah Michelle zu der Kleinen hin.
"Sagte ich doch schon, Michelle, aber wer bist Du denn?"
"Wollen wir dieses Spiel jetzt bis in alle Ewigkeit weiterspielen?" erwiderte die Kleine, "glaub mir, eine Ewigkeit ist lang! Aber nochmal: WER BIST DU?"
Elke Plötzlich sah Michelle ein Bild vor Augen, und schon stand auch sie mitten in diesem Bild in einer anderen Welt. Eine friedliche Welt, wie es Michelle schien. Die Wiese, der angrenzende Wald, der See und im Hintergrund die Burg.
"Wo bin ich?", fragte sich Michelle und sah sich um.
Sie bemerkte, dass sie nun das gleiche Kleid trug wie das fremde Mädchen.
Michelle erschrak. "Und wer bin ich?", murmelte sie.
"Du bist du!", sagte das Mädchen, das plötzlich neben ihr stand.
Es deutete auf die Reiter, die sich ihnen von der Burg her in schnellem Gallopp näherten.
"Gefahr!", flüsterte das Mädchen. "Versteck dich!"
Britta Michelle spürte, wie ein hysterische Kichern ihre Kehle hochkroch.
"Gute Idee, wo denn?" prustete sie los.
Das Mädchen sah sie befremdet an, nahm dann ihre Hand und zog sie schnell Richtung See. Wäre Michelle nicht so verwirrt gewesen, dann wäre ihr vorher schon aufgefallen, dass dichtes Schilf den See umgab.
Es gelang ihnen gerade noch rechtzeitig, sich zu verbergen, da preschte der Reiter auch schon an ihnen vorbei.
"Den kenne ich doch!" rief Michelle.
KarlHeinz "Das ist doch Felix, mein Bruder! Aber wieso ist der hier? Und warum ist der dein Feind? Was ist hier los?"
Langsam wurde Michelle hysterisch. Ihr Bruder hier, als Ritter, als Feind? Wo sollte das enden?
Mehr stolpernd als gehend stürzte sie hinter dem Mädchen her ins Schilf. Hier waren sie sicher, glaubten sie, aber
Elke schon waren Michelle und das fremde Mädchen von einer Schar Rittersleuten in Panzerkettenhemden, mit Schildern und Schwertern und kampfeswütigen Gesichtern umringt.
Michelle wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
"Hey, Felix, lass den Unsinn!", rief sie dem Anführer der Truppe zu. "Wir sind hier nicht im Fasching!"
"Felix! Der Glückliche!", herrschte sie der aber an. "Wen meint Ihr damit, Gräfin von Meyburg?"
Er sah Michelle mit so durchdringend kalten grauen Augen an, dass Kälteschauer über Michelles Rücken rieselten. Nein, das war nicht Felix, ihr Bruder, obwohl er ihm sehr ähnlich sah. Das hier war ein Fremder aus einer ihr fremden Zeit, und der schien ihr gar nicht wohlwollend gesinnt zu sein.
"Ich bin nicht Gräfin von Meyburg", sagte sie schließlich.
"Ihr seid, wer Ihr seid!", schrie der Fremde. "Und Ihr seid eine Entführerin! Oder wie erklärt Ihr Euch die Anwesenheit der vermissten Tochter Ihrer Majestät, unseres erhabenen Kaisers, in Eurer Obhut?"
"I-i-ich..." Michell wusste nicht weiter.
Britta Das wäre jetzt der passende Moment, aus diesem Traum wieder aufzuwachen, dachte Michelle.
"Nun? Ich höre nichts!" sagte der Ritter.
"Ich weiss, es wird sich etwas seltsam anhören, aber es gibt bestimmt eine Erklärung," erwiderte Michelle und dachte krampfhaft nach.
Hilfesuchend sah sie das Mädchen an. Diese aber tat plötzlich so, als wäre sie ihr nie begegnet.
"Nehmt die Frau fest!" herrschte der Ritter, "und bringt sie auf mein Schloss!"
Bedrohlich näherten sich ihr die Ritter
Elke Michelle sah ein halbes Dutzend kettenhemdtragender Muskelprotze auf sich zukommen. Erst jetzt spürte sie, dass sie in Gefahr war.
"Nein!", schrie sie. "Lasst ab!"
Die Männer aber lachten nur, und am lautesten lachte ihr Anführer.
"Gräfin, Ihr habt keine Chance!"
"Verdammt!!!", schrie Michelle, die sich bereits des ersten Angreifers erwehren musste.
"Bin ich im falschen Film oder was? Mit Eurem idiotischen Auftreten könnt ihr mir keine Angst einjagen. Und hört auf, so teuflisch fies zu grinsen. Ihr verfluchten Kerle, ihr!"
Michelle schöpfte ihren ganzen Vorrat an Schimpfworten aus, und es schien zu wirken. Mit jedem Fluchwort wichen die Männer verängstigt zurück.
"Sie ist eine Zauberin", schrie einer.
"Nein, eine Hexe", rief ein anderer.
"Schwarze Magie", ein dritter.
Wirr redeten die Männer aufeinander ein, die Gesichter angstverzerrt. Michelle grinste breit.
"Hosenscheißer!", sagte sie in genüsslicher Langsamkeit. "Ich werde euch alle verfluchen auf ewige Verdammnis..."
Das nämlich hatte sie erst kürzlich in einem Buch gelesen, und es wirkte wie in ihrer Lektüre. In sicherer Entfernung standen die tapferen Rittersleute vor ihr, keiner wagte, einen Schritt zu tun.
In Michelles Kopf aber machte sich ein teuflischer Plan breit.
Britta "Ihr hättet nur eine Möglichkeit, meinem fürchterlichsten Fluch zu entkommen! Nur, wenn Ihr Euch hinlegt, die Arme aufstützt und 99 Mal Euren Körper auf und ab von dem Fluch reinigt und dabei sagt 'weiche von uns' wird der Fluch zunichte werden!"
Ungläubig sahen die Ritter zu ihr rüber.
"Los, ergreift sie endlich!" brüllte ihr Anführer.
"Na los, macht es ruhig! Aber mein nächster Fluch wird nicht so ohne weiteres zu lösen sein!" höhnte Michelle.
Anfangs zögernd begab sich aber ein Ritter nach dem anderen in die gewünschte Position und nicht lange danach hörte man ein einstimmiges Gemurmel.
"Das darf doch nicht wahr sein!" rief ihr Anführer, "Ihr könnt Euch doch nicht so ins Bockshorn jagen lassen, ergreift sie endlich!"
Aber keiner seiner Ritter gehorchte ihm. Unsicher sah er zu Michelle hinüber. Sie machte einen drohenden Schritt auf ihn zu,
Elke Unsicher geworden durch Michelles drohenden Blick rutschte auch der Anführer vom Pferdrücken und stellte sich zwischen seine sich vom Fluch befreienden Mannen.
"Los!" befahl Michelle.
Zögernd sah sich der Anführer um, dann versuchte er die Fluchbefreiungsübung. Sie misslang, denn seine Rüstung und Bewaffnung bis unter die Zähne behinderten seine Beweglichkeit doch erheblich.
"So ein Unsinn! Ihr gehabt euch wohl nicht recht wohl!", schrie er wütend und wollte auf Michelle losgehen.
Die aber streckte nur die Hände mit weit gespreizten Fingern von sich und befahl: "Ausziehen!"
"Au-au-ausziehen? A-aaber, Gräfin!"
"Genug der Worte! Alle ausziehen. Nackt bis auf die Haut", befahl MIchelle, die nun doch Mühe hatte, sich das Lachen zu verkneifen. "Denkt an den Fluch!"
Plötzlich hatten es die Männer eilig, sich ihrer Rüstungen und Kleider zu entledigen.
"In den See mit euch!" befahl Michelle weiter. "Fünf Mal um den See schwimmen, und ich erlöse euch vom bösen Fluch!"
"I-i-ich kann nicht schwimmen!", stammelte einer.
"Dann schlägt gleich dein letztes Stündlein", drohte Michelle, "und..."
Sie brauchte nicht mehr zu sagen, schon sprangen die mutigen Rittersleute in das kalte Wasser und heulten miteinander um die Wette.
"Na bitte!" Michelle rieb sich zufrieden die Hände. "Männer! Ihr Denken scheint wirklich immer erst unterhalb der Gürtellinie zu beginnen."
Sie grinste, schnappte sich das fremde, kleine Mädchen und schwang sich auf das Pferd des Anführers. Dann ritt sie gemächlich auf die ferne Burg zu. Hoffentlich gibt es dort Telefon, dachte sie
Britta "Denkst Du nicht auch, dass es langsam an der Zeit wäre, mir zu verraten, wer Du eigentlich bist und was hier gespielt wird?" fragte sie nach einiger Zeit das kleine Mädchen.
Der Sieg über die Ritter hatte sie zwar stolz gemacht, aber andererseits fing sie allmählich doch an, sich etwas unbehaglich zu fühlen. Irgendetwas stimmte hier nicht, ganz und gar nicht.
"Ines", sagte da die Kleine.
"Wie bitte?"
"Ich heisse Ines und ich will nicht zurück zu meinem Vater, jetzt wo ich endlich meine Mutter gefunden habe!"
"Wie stellst Du Dir das vor? Du kannst doch hier nicht vaterseelenallein durch die Gegend wandern! Wo ist denn Deine Mutter überhaupt? Tolle Mutter, die Dich hier allein rumwandern lässt! Und ich warte immer noch auf eine Erklärung, wie ich hier bitte schön hergekommen bin!"
"Wenn Du mir versprichst, dass Du mich dahin bringst, wo ich hinmuss, dann beantworte ich Dir auch alle Deine Fragen! Bitte!!!" beschwor Ines sie...
Elke Michelle seufzte.
"Du bist genau so stur wie ich!"
Das Mädchen grinste.
"Das liegt dir im Blut! Alle unsere Vor-und Nachfahren sind von einer besonders ausgeprägten Sturheit gezeichnet."
Michelle stutzte. Dann begriff sie.
"Wir sind also in der Vergangenheit, sehe ich das richtig? Und du bist eine meiner Vorfahren?"
Das Mädchen lächelte und schwieg.
"Erfülle meine Bitte, und du wirst die Wahrheit erfahren."
"Aber wie um alles in der Welt soll ich dir hier helfen?"
"Reite einfach weiter geradeaus, bis wir das Meer erreicht haben. Dort wirst du Antwort finden", sagte das Mädchen in rätselhaften Worten.
"Einfach?"
Michelle sah sich hektisch um. Im Schein der untergehenden Sonne sah sie Metall aufblinken, und auch das Geräusch galoppierender Pferde war nicht zu überhören.
"Sie sind bereits wieder hinter uns her", sagte sie voller Panik.
"Noch einmal kann ich sie nicht mit meinem falschen Hexenzauber aufhalten. Was soll ich nur tun?"
Michelle gab dem Pferd die Sporen, doch die Verfolger kamen näher und näher.
Britta "Gebrauche die Kraft Deiner Gedanken!" rief Ines
"Witzig! Wie denn? Ich bin voll damit beschäftigt, mich auf dem Pferd zu halten!" rief Michelle zurück.
"Gebrauche die Kraft Deiner Gedanken, dann erübrigt sich alles von selbst!" rief Ines erneut.
Michelle versuchte sich zu konzentrieren. Sie rief vor ihrem inneren Auge das Meer herbei und plötzlich nahm sie verdutzt zur Kenntnis, dass sie an einem Strand langritten...
KarlHeinz Die Verfolger waren jetzt nicht mehr zu hören, geschweige denn zu sehen. Wahrscheinlich verfolgten sie sie immer noch am See. Michelle kletterte vom Pferd, alle Knochen taten ihr weh. Wann hatte sie zuletzt auf einem Pferd gesessen. Das musste Ewigkeiten zurückliegen. Die beiden Pferde zitterten vor Anstrengung, der Schweiß tropfte ihnen flockig von den Flanken. Was nun?
Elke Nachdenklich sah sich Michelle um.
Was nun? Gute Frage?
"Was nun?", fragte sie das fremde Mädchen.
"Die Antwort liegt in deiner Seele", antwortete das Mädchen mit geheimnisvoller Stimme.
"In meiner Seele?"
Michelle spürte, wie Wut in ihr hochkroch. Immer diese rätselhaften Andeutungen.
"Rede endlich deutlich mit mir!", fauchte sie das Mädchen an. "Was willst du von mir, wer bist du und wohin hast du mich verschleppt. Ja, und weshalb das ganze?"
Das Mädchen wurde blass.
"Du musst uns retten", sagte es nach einer langen Schweigepause. "Denn nur, wenn du uns jetzt rettest, wirst du später leben können."
"Wie bitte?" Michelle verstand gar nichts mehr. "Wer ist ´uns´?", fragte sie, doch da spürte sie den harten Schlag auf ihrem Hinterkopf. Im Fallen noch sah sie die schwarzen Stiefel neben ihr im Sand, dann fiel sie in ein tiefes Loch.
KarlHeinz Michell öffnete die Augen.
Es war dunkel. Wie lange mochte sie so gelegen haben? Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, seit sie mit dem Mädchen am Strand gestanden hatte. Sie versuchte sich zu erinnern. Was war geschehen? Ach ja, sie hatte einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen und im Fallen schwarze Stiefel gesehen.
Waren die furchtbaren Ritter doch so schnell gekommen?
Wer war das Mädchen?
Was sollten ihre dunklen Sprüche?
Was hatte sie gesagt?
Du musst uns retten, damit du später leben kannst!
Michelle zermarterte sich das Hirn. Wie sollte sie jetzt etwas unternehmen? Sie versuchte aufzustehen, merkte dann aber, dass sie gefesselt war. Der Kopf schmerzte höllisch. Um sie herum nur tiefste Dunkelheit. Sie wälzte sich herum. Neben sich sah sie wieder die schwarzen Stiefel. Sie sah hoch, der Kerl saß auf einem Fell und schlief.
Britta Sie zerrte an ihren Fesseln, aber das bewirkte nur, dass diese sich um so fester zogen. Verzweifelt überdachte sie ihre Lage.
Es muss doch eine Möglichkeit geben, hier wieder rauszukommen! überlegte sie. Sie liess sich noch einmal die Worte von Ines durch den Kopf gehen. Ein Gedanke blitzte kurz auf, zu kurz um ihn fassen zu können. Sie wusste, dass sie des Rätsel Lösung eigentlich schon hatte, aber sie konnte noch keinen klaren Gedanken fassen.
Vorsichtig sah sie zu ihrem Wächter und stellte beruhigt fest, dass er noch immer schlief.
"Gebrauche die Kraft Deiner Gedanken!" hörte sie da plötzlich eine Stimme in ihrem Kopf.
Naja, versuchen kann ich es ja mal, dachte sie, aber eine Strategie vorher wäre nicht schlecht. Sie liess alles, was sie bisher erlebt hatte, noch einmal Revue passieren und entschloss sich, sich in die Nähe von Ines zu denken, die offenbar der Schlüssel zu ihren bisherigen Erlebnissen war. Sie versuchte sich zu konzentrieren, aber das Hämmern in ihrem Kopf liess nicht nach. Noch einmal atmete sie tief durch, bündelte ihre Kraft und dachte...
Elke plötzlich wieder an die Krypta im Dom. Dort, an der Grabplatte des Domes, hatte sie das Mädchen zum ersten Mal gesehen. Es war das Grab eines Kaisers, doch die Inschrift war unleserlich gewesen.
Oje, dachte Michelle, da liegt des Rätsels Lösung. Hätte ich doch nur genauer im Geschichtsunterricht aufgepasst. Wie hieß dieser Kaiser denn nur noch mal?
Sie grübelte verzweifelt, doch ihr fiel nur ein, dass der Dom in ottonischer Zeit gebaut wurde. Ob dieses Wissen genügte?
Und ohne weiter nachzudenken, rief sie laut in das Dunkel hinein:

"Großer Kaiser der Ottonen,
du, vor dessen Grab ich stand,
mögest bitte mich verschonen
vor des Kerkers finstre Schand.
Kaiser, schenkt mir eure Huld,
sehe mich in Eurer Schuld,
sagt, was kann ich für Euch tun?
Sagt, und helfet Ihr mir nun."

Ein Blitzstrahl erhellte das Dunkel und eine grausame Kälte kroch in den Raum.

"Befreiet vom Fluche mein Töchterlein.
Die Freiheit wird euch zum Danke sein...",

hallte es als antwort durch den Raum.
Dann war es wieder dunkel um Michelle.
Britta Als sie erwachte, stand sie mitten in der Krypta, genau vor den beiden Sarkophagen. Verwirrt schüttelte sie den Kopf.
"Was hat das nur alles zu bedeuten?" fragte sie sich.
Da fiel ihr Blick wieder auf die Grabinschrift. Sie war sich sicher, dass sie dort des Rätsel Lösung finden würde, aber noch immer war es ihr nicht möglich, die Inschrift zu entziffern.
"Vielleicht hilft mir die Inschrift auf dem anderen Grab ja weiter" überlegte sie.
Sie ging hinüber und las,
Elke was auf der Grabplatte stand:
"GEBRAUCHE DIE KRAFT DEINER GEDANKEN!!!" und in leuchtend roter Schrift leuchtete auf:
"VERGISS DEIN VERSPRECHEN NICHT, SONST...!"
Britta "Wenn meine Gedanken in der Lage gewesen sind, mich hierher zu befördern, dann müssten sie doch eigentlich auch in der Lage sein, diese missliche Situation zu ändern, oder?" dachte sich Michelle.
"Sollte die Lösung wirklich so einfach sein?"
Sie stellte sich in die Mitte der beiden Gräber, schloss ihre Augen und versuchte sich auf ihr Inneres zu konzentrieren.
Plötzlich
Elke stand ein Schatten hinter ihr. Ein Schatten mit drohend erhobenem Schwert.
"Folge deinen Gedanken", sagte eine sphärisch klingende Stimme. "Sofort und auf der Stelle! Oder ich muss...
Britta sterben!"
Michelle spürte den Schatten hinter ihr und es blieb ihr keine Zeit, nachzudenken. Ihr schoss der Gedanke in den Kopf: bloss schnell weg hier! Sie merkte, wie sie in einen Strudel gezogen wurde und ahnte, dass sie nur knapp einer Gefahr entronnen war.
Plötzlich stand sie in einem kühlen Gang. Rechts und links von ihr sah sie roh behauene Steine und Fenster, in denen das Glas fehlte.
"Du lieber Himmel, wo bin ich den jetzt gelandet?" fragte sie sich selbst.
Zögernd ging sie den Gang entlang. Sie kam an eine Tür, die einen kleinen Spalt offenstand. Aus dem Raum klang leises Gemurmel. Leise schlich sie zu dem Spalt und sah vorsichtig hinein.
"Oh!" rief sie erstaunt aus, "hier bist Du ja!"
Die angesprochene Person sah sie erschrocken an. Es war niemand anderes als Ines. Die Kleine fasste sich schnell und legte einen Finger auf ihren Mund.
"Psst...leise!" flüsterte sie. "Du darfst nicht bemerkt werden!"
Schnell eilte sie zu Michelle, fasste sie an der Hand und zog sie in den Raum.
KarlHeinz Michelle schaute sich um.
In dem Raum brannten unzählige Kerzen. Die leicht flackernden Flammen tauchten ihn in ein diffuses Licht. Es war nicht leicht, etwas zu erkennen.
Michelle durchquerte den Raum. Sie stieß an eine Bahre. Sie zuckte zusammen, beinahe hätte sie aufgeschrien. Auf der Trage lag ein Mann. Er atmete noch, wenn auch sehr schwach.
Michelle trat näher heran und schaute ihm ins Antlitz.
Es war ein sehr edles Gesicht, schweißüberströmt vor Schmerzen. Auf der linken Brusthälfte war ein großer roter Flecken zu sehen.
Blut!
Wer mochte das sein?
Michelle wendete sich zu Ines um.
Der liefen die Tränen in wahren Sturzbächen über das Gesicht: "Das ist mein Vater, du musst ihn retten. Er wurde vor drei Tagen überfallen und ich vermute, es waren die gleichen Männer, die es auf uns abgesehen hatten."
Britta Michelle war klar, dass sie jetzt schnell handeln müsste, für Fragen musste später noch Zeit sein.
Sie kniete sich vor Ines Vater nieder und öffnete sein Hemd. Was sie sah, liess sie zusammenzucken: ein lange blutroter Riss zog sich über die linke Brusthälfte.
"Schnell, Ines, ich brauche ein paar Stoffstreifen! Ich nehme mal an, dass ihr hier kein Pflaster habt?"
Ines warf ihr einen verständnislosen Blick zu und sah sich dann im Raum um. Ihr Blick fiel auf ihr eigenes Bett. Schnell eilte sie dorthin und zog mit einem Handgriff das Laken herunter.
"So etwas vielleicht?" fragte sie.
"Das ist genau richtig! Wir müssen es in Streifen schneiden!" antwortete Michelle.
"Mit einem Messer?" Ines sah sie ungläubig an.
"Nein Du Dusselchen, mit einer Schere natürlich!"
"Eine Schere?" echote Ines, "was bitte ist eine Schere?"
"Das ist ein Ding zum Schneiden, aber ich hab jetzt keine Zeit, dir das noch gross zu erklären. Ein andermal! Also reissen wir das Tuch in Stücke!"
Schnell nahm Michelle das Tuch und riss mit beiden Händen kräftig. Aber nichts passierte.
KarlHeinz Das war anderer Stoff, als sie ihn kannte. Aber es musste etwas geschehen. Michelle nahm eine Stoffecke in den Mund und biss kräftig zu. Dann ging es: Mit einem Ruck zerriss sie den Stoff in zwei Hälften. Das ganze noch einmal und sie hielt die gewünschten Streifen in der Hand.
"Heißes Wasser wäre jetzt nicht schlecht!" rief sie aus.
Ines schaute verständnislos:"Wo sollen wir das herbekommen? Niemand darf wissen, dass Vater hier unten liegt."
"Egal, es wird schon gehen," antwortete Michelle. Sie schaute sich um. In einer Ecke stand ein Waschzuber mit frischem kaltem Wasser. Sie tauchte einen Stofffetzen ein und begann die Wunde auszuwaschen.
Britta "Du hast nicht zufällig Jod hier?" fragte sie Ines.
"Was ist das denn schon wieder?"
"Das ist etwas, mit dem die Wunde richtig gesäubert werden kann, aber vielleicht tut es ja auch Wein." antwortete Michelle.
"Wein? Du bist vielleicht komisch! Den trinkt man doch! Du willst doch meinen Vater nicht betrunken machen, oder?"
Die Verwirrung stand Ines im Gesicht geschrieben.
"Nein, natürlich nicht", lachte Michelle, "ich wollte ein bisschen davon auf die Wunde träufeln, damit sie sich nicht entzündet."
Ines schüttelte fassungslos den Kopf, aber sie ging zu einem Tischchen am Fenster und holte von dort einen Krug. Michelle tränkte ein Stückchen Stoff in dem Wein und tupfte damit vorsichtig auf die Wunde. Ein leise Stöhnen kam über die Lippen des Mannes, dann war er wieder ruhig. Anschliessend faltete sie einen der Streifen in ein kleines Viereck, legte es auf die Wunde und verband sie mit den restlichen Streifen fest.
"So müsste es erstmal gehen, jedenfalls bis professionelle Hilfe kommt." sagte sie.
"Bis was kommt?" frage Ines verwirrt zurück.
"Na, bis jemand kommt, der heilen kann!" antwortete Michelle.
Plötzlich hörten sie, wie sich draussen im Gang Schritte näherten.
KarlHeinz Es waren leise, schlurfende Schritte, nicht wie die eines Ritters.
Michelle hielt Ines Vater den Mund zu, weil dieser just in diesem Moment anfing zu stöhnen.
Wer mochte dort draußen auf dem Gang sein?
Michelle zitterte vor Angst, als sich die Tür ganz langsam öffnete.
Eine dunkle, kleine Gestalt trat ein, schaute sich sichernd nach allen Seiten um und versuchte im Halbdunkel etwas zu erkennen. Es war
Thomas der Geruch, der Michelle an ihre früheste Kindheit erinnerte.
Diese Gestalt roch wie etwas, an das sie schon sehr lange nicht mehr gedacht hatte. Es kam ihr so vor, als ob
Britta ...sich etwas mit aller Kraft an die Oberfläche ihres Bewusstseins drängen wollte, aber sie konnte es nicht greifen. Sie fühlte, dass es wichtig war, sich zu erinnern, woher sie diesen Geruch kannte.
Neugierig musterte sie die Person, die sich zu ihnen ins Zimmer geschlichen hatte.
"Ich kenne Sie!" sagte Michelle aufs Geradewohl, "ich weiss genau, dass ich Sie kenne!"
Wortlos ging die Person zu Ines' Vater und beugte sich über ihn. Michelle sah, wie sich ihre Lippen bewegten, aber es war kein Ton zu hören.
Ines stand kreidebleich in der Ecke und rührte sich nicht.
Michelle ging einen Schritt auf das Lager von Ines Vater zu, aber der zornige Blick, den ihr der Neuankömmling zuwarf, liess sie zögern.
"Tu doch was!" hörte sie Ines wispern, "Du musst was tun!".
KarlHeinz Michelle schaute sich den Neuankömmling genauer an. Dieser Geruch, woher kannte sie ihn nur?
Der Fremde ließ sich von ihr nicht stören, er überprüfte die Wunde und beträufelte sie mit einer Tinktur.
Ines wurde bleich vor Angst:"Tu endlich was, das ist der alte Zauberer, der tief im tiefsten Keller des Schlosses lebt!"
Jetzt, wie ein Blitzstrahl erhellte sich Michelles Gedächtsnis, Der Fremde war.... ihr alter Apotheker!
Der Mann hatte in ihrer Kindheit allerlei Mittelchen selbst gemischt. Und sie war immer gern zu ihm gegangen, er hatte immer so leckere Lakritzstangen auf Lager. Das war der Geruch, aber wie kam der Alte hierher? Er musste doch bereits seit Jahren tot sein, so alt wie er damals war...
Britta "Ach, entschuldigen Sie...." sprach Michelle ihn an.
Der Zauberer dreht sich zu ihr um.
"Ja bitte?" fragte er.
"Was machen Sie da eigentlich?"
Neugierig kam Michelle näher. Und obwohl Ines sie gewarnt hatte, verspürte sie keine Angst, nur ein wages Gefühl der Vertrautheit. Es ging keine Gefahr von dem Zauberer aus, das fühlte sie.
"Die Wunde ist für den Anfang gut versorgt worden, aber es reicht nicht!" antwortete er, "ich habe eigens noch ein Heilwasser angemischt. Aber wir sollten zusehen, dass wir hier weg kommen!"
Ines schüttelte nur ganz erstaunt den Kopf. Das alles passte doch gar nicht zusammen! Sie dachte immer, dass der Zauberer aus dem Keller einer der bösen wäre, aber wieso hilft er ihnen jetzt?
KarlHeinz Als hätte er ihre Gedanken gelesen, meinte der Alte nun:
"Siehst du, kleine Prinzessin, es gibt auch gute Zauberer. Und ich habe auch die Kraft der Gedanken, genauso wie du oder wie Michelle. Deshalb lasst uns zusehen, dass wir hier verschwinden, ich fühle, dass sie kommen."
Gabriella Michelle und der Zauberer nahmen Ines' Vater zwischen ihre Arme. Ines klammerte sich an Michelles linke Hand.
"So, jetzt laßt uns alle das gleiche denken", sagte der Zauberer. "Denkt an die Zahl 1885!"
Gesagt, getan. Sie wurden in einen Strudel gezogen, wirbelten durcheinander. Michelle verlor das Bewußtsein.
Als sie wieder zu sich kam, konnte sie nicht fassen, was sie sah:
Britta Sie standen mitten in einem Gerichtssaal!
Der Raum war fast überfüllt, sämtliche Sitzplätze waren besetzt und bis an die Tür standen die Leute dicht gedrängt. Aber keiner schien sich über das plötzliche Auftauchen der vier zu wundern, viel zu gespannt sahen alle nach vorn, wo sich der Richter gerade hinsetzte. Ein Raunen ging durch die Menge als sich die kleine Seitentür öffnete und ein Mann, offenbar der Angeklagte, durch zwei Gendarmen hineingeführt wurde.
Finster sah er durch die Menge schweifen und als sein Blick auf Michelle und ihre Begleiter fiel, zuckte er zusammen.
Michelle erschrak. "Aber das ist doch
KarlHeinz wohl nicht möglich!"
Vor Angst krampfte sich ihr Magen zusammen, sie drohte ohnmächtig zu werden. Konnte es sein, dass ihre Augen ihr einen Streich spielten? Die Erinnerung kam wie eine Flut über sie:
Britta ihr Bruder, der Ritter...alles stürmte plötzlich auf sie ein.
Sie merkte nicht, wie Ines sie leise ansprach. Ständig musste sie an diese merkwürdigen Zufälle denken.
Erst als der Zauberer sie vorsichtig am Ärmel zupfte, kam sie wieder zu sich.
"Wir sollten uns setzen", sagte er, "ich denke, das Ergebnis dieser Verhandlung könnte wichtig für uns sein!"
Verwirrt folgte Michelle ihnen in die zweite Reihe. Ihr fröstelte bei dem Gedanken an den Angeklagten.
Als ob er ihr Unbehagen gespürt hätte, dreht er sich unvermittelt um und starrte sie an. Und plötzlich fuhr der Hammer des Richter runter. Sie zuckte beim Knall zusammen.
"Ich erkläre die Verhandlung hiermit eröffnet" donnerte des Richters Stimme durch den Saal.
Aufmerksam verfolgte sie das Geschehen. Der Staatsanwalt und der Anwalt des Angeklagten fochten einen bemerkenswerten Kampf, einer war ebenso redegewandt wie der andere, bis der Staatsanwalt seine letzte Zeugin aufrief.
Die Tür öffnete sich und Michelle erschrak.
Die Frau, die den Saal betrat, hätte ihr Ebenbild sein können.
Sie war ein bisschen älter, die Haare waren schon leicht angegraut, und sie hatte einen verhärmten Zug um den Mund.
Leise wiederholte sie die Eidesformel. Ihr Blick schweifte dabei unruhig durch die Menge, aber sie sah nicht ein Mal zum Angeklagten hinüber. Dieser schien sie mit seinen Blicken hypnotisieren zu wollen, aber sie blieb hart.
"Können Sie uns bitte sagen, in welchem Verhältnis Sie zu dem Angeklagten stehen?" fragte der Staatsanwalt.
"Ich bin seine Schwester," murmelte die Zeugin.
Michelle Augen weiteten sich vor Entsetzen. Plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Sie wandte sich Ines zu.
"Du heisst nicht wirklich Ines, oder?" fragte sie.
Ines lächelte sie an.
"Du heisst Michelle?" fragte sie.
"Ja. Es hat ja doch ganz schön lang gedauert, bis Du dahinter kamst."
Michelle überlegte. Sie versuchte, eine klare Linie in ihre Gedanken zu bekommen und plötzlich glaubte sie, die Lösung gefunden zu haben.
"Schnell," rief sie, "wir müssen hier weg!"
Erstaunt sah der Zauberer sie an.
"Wir müssen wieder zurück, und zwar in die Zeit kurz bevor der Kaiser überfallen wird! Ich weiss jetzt, wie ich verhindern kann, dass er angegriffen wird."
In dem Moment brach im Gerichtssaal ein Tumult aus. Der Angeklagte war bei den letzten Worten der Zeugin erregt aufgesprungen und macht Anstalten, auf sie loszustürzen.
"Schnell, verdammt nochmal, wir müssen hier weg!" rief Michelle.
KarlHeinz Wutentbrannt riss sich der Angeklagte von den Wärtern los, stürzte mit einem hasserfüllten Schrei auf Michelle, die Ältere.
Wie von Zauberhand hervorgezaubert hielt er plötzlich einen langen Dolch in der rechten Faust. Bevor er diesen der Zeugin ins Herz stoßen konnte,
Elke wurde es für ein paar Sekunden dunkel im Gerichtsaal. Auch Michelle sah nichts mehr als Dunkel. Sie fror. Ein eisiger Luftzug umgab sie.
"Hilfe", wollte sie schreien, doch sie brachte keinen Laut über die Lippen.
Nach einer Weile aber spürte sie, wie ein Sonnenstrahl ihr Gesicht wärmte. Zaghaft öffnete sie die Augen.
Ein Glitzern lag vor ihr, hinter ihr brauste Verkehrslärm. Michelle schüttelte sich, dann erst stellte sie fest, dass sie wie durch ein Wunder auf der Brücke stand und in den Fluss starrte.
"Hier hatte doch alles begonnen!", murmelte sie. "Und nun? Ich muss Ines finden. Ich muss zurück. Aber wohin...? Und wie...?"
Britta "Gebrauche die Macht deiner Gedanken!" hörte sie plötzlich wieder die Stimme in ihrem Kopf.
Sie lächelte. Mit einem Mal war ihr völlig klar, was sie zu tun hatte und fast beschwingt eilte sie davon, in Richtung Dom.
Das Bauwerk stand mächtig und gross auf der Mitte des Platzes.
Michelle zögerte nur kurz, aber dann zog sie kurzentschlossen die Tür auf und ging zu der Grabplatte. Es war plötzlich nicht mehr wichtig, zu lesen, was darauf stand, jetzt war nur noch eines von Bedeutung...
Elke Wie magisch angezogen beugte sich Michelle zur Grabplatte hinunter, fasste sie mit beiden Händen links und rechts an und hob sie langsam hoch. Leicht wie eine Feder öffnete sich das Grab. Michelle staunte. War es die Kraft ihrer Gedanken gewesen, die es ihr ermöglicht hatte, diese schwere Platte zu heben? Und was würde sie nun erwarten?
Vorsichtig blickte sie in das Dunkel des offenen Sarges und
Britta starrte ins Leere.
Verblüfft liess sie den Sargdeckel fallen. Der Lärm war ohrenbetäubend.
"Pssst...", hörte sie eine Stimme hinter sich.
Erschrocken drehte sie sich um.
Hinter ihr stand ein Mann. Sein gutgeschnittenes Gesicht mit den edlen Zügen kam ihr vage bekannt vor, sie wusste, dass sie ihn schonmal irgendwo gesehen hatte, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.
"Wer sind Sie?" fragte sie ihn.
"Aber Michelle," antwortete er, "was soll das Spiel? Sind wir jetzt schon per Sie?" Fassungslos schüttelte er den Kopf. "Was machst Du hier eigentlich? Und warum hast Du den Sarg von unseren Vorfahren geöffnet?" Mißstrauisch sah er sie an.
KarlHeinz Michelle stutzte, jetzt fiel es ihr wieder ein: Dieses Gesicht. Es hatte eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit mit dem Verletzten, dem Vater von Ines-Michelle. Ihr Vater!?
Gabi

"Vater? Bist du es wirklich?" fragte Michelle fassungslos.
"Natürlich bin ich es", antwortete er sanft.
Lautlos rannen Michelle die Tränen herunter.
"Aber, ich verstehe nicht......."
"Mein Kind, man muß nicht immer alles verstehen im Leben. Weißt du, als ich damals von euch ging, hatten wir keine Gelegenheit, voneinander Abschied zu nehmen. Und deshalb bin ich hier, damit wir beide uns verabschieden können und du nicht mehr mit dem Schuldgefühl leben mußt, du hättest mich, in Stich gelassen, als ich im Sterben lag.Kleines, du hast mich niemals in Stich gelassen. Immer warst du in meinem Herzen. Und ich weiß, wie schwer die Zeit danach für dich war. Komm, laß dich in die Arme nehmen, Kleines!"
Michelle rannte zu ihrem Vater und fiel in seine Arme. Sie weinte wie verrückt, wahre Schleusen öffneten sich. Endlich konnte sie sich befreien, in dem sie ihre Seele weinen ließ. Immer hatte sie die Schuld in ihrem tiefsten Innern verborgen, sich niemanden mitgeteilt. Stets waren ihre Augen von einem Trauerflor umgeben. Keiner wußte, warum sie immer so traurig war.
"Ach Papa, ich hab dich doch immer so lieb gehabt, aber ich konnte es dir nie sagen, und als du starbst, war ich nicht da. Weißt du? Ich konnte nicht. Ich konnte dem Tod nicht ins Auge sehen. Ich hatte einfach Angst. Kannst du mir das verzeihen?" stotterte sie schluchzend.
Ihr Vater streichelte ihr liebevoll über den Kopf.
"Kleines, ich hab dich doch auch immer so lieb gehabt, mein ganzes Leben lang habe ich es dir niemals gesagt, aber jetzt weißt du es. Komm, laß dich ein letztes Mal drücken, dann werde ich meine Reise antreten, und du wirst in deine Zeit zurückkehren. Du mußt mir aber eins versprechen!"
"Was denn, Papa?" sagte Michelle leise.
Noch immer rannen ihr die Tränen herunter. Sie konnte noch nicht begreifen, was hier geschah. Aber sie wußte, daß sie eine zweite Chance erhalten hatte, sich von ihrem Vater liebevoll zu verabschieden.
"Du mußt mir versprechen, mehr Freude in dein Leben zu lassen. Öffne dein Herz für die schönen Dinge im Leben. Gehe hinaus ins Leben und sei glücklich. Du hast so einen lieben Ehemann und eine so niedliche Tochter. Fang an zu leben! Versprichst du mir das?" fragte er eindringlich.
Michelle sah ihren Vater an. "Ja, Papa, ich werde jetzt anfangen zu leben!"
Sie drückten sich noch einmal fest.
"Und mach dir keine Sorgen, dort wo ich hingehe ist es sehr friedlich, mir geht es gut. Und denke immer daran, du bist immer in meinem Herzen. Die Liebe nimmt man mit!" sagte er noch und seine Gestalt verblaßte, bis sie sich ganz aufgelöst hatte.
Michelle stand da. Frieden machte sich in ihrer Seele breit. Sie war ganz ruhig und spürte ein Glücksgefühl. Etwas, was seit Jahren zerrissen war, war wieder vereinigt.
Glücklich verließ sie den Raum. Kaum war sie draußen, wurde sie von einem merkwürdigen Strudel erfaßt, und ehe sie sich versah, befand sie sich wieder am Kaffeetisch. Ihr Bruder stupste sie an.
"Michelle, was ist los? Du scheinst meilenweit weg zu sein? Aber es scheint etwas Schönes zu sein, weil du lächelst!"
Sie schaute in die Runde.
"Ja, es ist alles gut!" sagte sie glücklich.
Alle am Tisch wunderten sich. Sie hatten Michelle seit Jahren nicht mehr lächeln sehen. Aber sie fragten nicht. Sie freuten sich, daß Michelle wieder die alte war.


F I N


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