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Eine Leiche zum Geburtstag
(Michael)

 

Gedankenversunken schlenderte Paul durch die Straßen. An seinem heutigen 33. Geburtstag konnte er sich nicht recht erfreuen. Warum heute, fragte er sich immer wieder. Warum mußte er sich ausgerechnet seinen Geburtstag aussuchen, um seiner Frau Elke zu eröffnen, daß er sich scheiden lassen wollte. Er hatte Angst davor, das mußte er sich selbst eingestehen. Aber er wollte sämtliche Fliegen mit einer Klappe schlagen. Das heute mal wieder die gesamte Verwandtschaft auftauchte, die Paul sowieso total auf den Keks ging, war ein günstiger Anlaß, um seine Entscheidung mitzuteilen. Das heißt, seine Schwester Astrid mochte er. Sie hob sich von der ganzen arroganten Sippschaft ab. Das war auch kein Wunder, wurde sie doch von der gesamten Verwandtschaft verhöhnt und verspottet, seit herausgekommen war, daß sie lesbisch ist. Sie hatte auch eine Partnerin namens Julia, mit der sich Paul auch gut verstand. Die beiden waren die einzigen, auf die Paul sich freute.

Paul hatte Elke vor neun Jahren, bei einer Feier seines damaligen Studienkollegen Michael kennengelernt. Michael hatte zu dieser Zeit eine Affäre mit Elke, die sie aber sofort beendete, nachdem sie Paul kennengelernt hatte. Drei Monate später läuteten bereits die Hochzeitsglocken. Eine übereilte Hochzeit, wie Paul heute wußte, aber ihr wahres Wesen erkannte er durch seine Verliebtheit damals noch nicht. Das wurde ihm erst so richtig bewußt, als der Hausarzt von Elke ihr eröffnete, daß sie keine Kinder bekommen könne. Paul war absolut gesund. Und doch mußte er sich immer wieder Vorwürfe seiner Frau anhören. Elke schien für alles einen Sündenbock zu brauchen, jetzt hatte sie ihn in Paul gefunden.

Paul irrte weiter durch die Straßen, er mußte sich seine Worte zurechtlegen. Dabei fielen ihm immer wieder Szenen aus seiner Ehe ein. Schreckliche Szenen. Hatte sie ihn jemals richtig geliebt? Warum hatte sich Elke zu einem Menschen entwickelt, für die er nur noch Verachtung übrig hatte? Sie war unberechenbar, jähzornig und wußte ihre Rolle als Frau in genau den richtigen Situationen einzusetzen. Wie gut erinnerte er sich noch an dem Streit, den sie mal wieder aus völlig nichtigem Anlaß heraufbeschworen hatte. Und an dem ihm, der sonst kaum die Fassung verliert, zum ersten Mal die Hand ausgerutscht war. Ja, er hatte sie georfeigt, und er empfand es als Genugtuung. Leider hatte das ausgekochte Biest daraufhin die Polizei verständigt und Paul als Schläger hingestellt. Selbst ihren ganzen Verwandten und Freunden hatte sie daraufhin von ihrem "unberechenbaren Schläger" berichtet. Und sie glaubten ihr. Außer Astrid, denn sie konnte Elke als Mensch gut einschätzen und durchschaute sie schnell. Paul war froh, daß wenigstens sie ihm glaubte. Auch die Nachbarn waren oft Zeuge großer Auseinandersetzungen zwischen Elke und Paul. Das heißt, sie hatten eigentlich nur Elkes gespielten Angstschreie gehört. In diesen Situationen hätte er sie wirklich umbringen können. Aber er war auch zu beherrscht, um sich zu so einer Tat hinreißen zu lassen. Er dachte dabei auch an seine Geliebte Irene, mit der er sich eine Zukunft ausmalte. Er kannte sie schon seit drei Jahren und wollte sich schließlich eine Zukunft mit ihr nicht verbauen. Sie war ein Engel und hatte viel Verständnis für ihn. Und er rechnete es ihr hoch an, daß sie bis jetzt diese Geduld hatte, "nur" seine Geliebte zu sein. Aber jetzt wollte er endlich frei sein für sie. Drei Jahre heimliche Treffen, fast jeden Tag nach seiner Arbeit waren genug. Diese paar Stunden, die er seiner Frau als Überstunden darlegte, genoß er in vollen Zügen. In ihren Armen erlebte er die Zuneigung und Liebe, die er bei seiner Frau vermißte. Aber sobald er nach Hause kam hagelte es wieder Vorwürfe und Streit.

Viele hatten Elke oft zur Scheidung geraten, aber sie verstand es meisterhaft, den Leuten weis zu machen, wie sehr sie Paul doch liebte und ihn nicht verlassen könne, so sehr sie auch leide. In Wirklichkeit litt Paul.
Ja, seine Frau hatte es geschafft, daß er in der ganzen Verwandtschaft und in der Nachbarschaft als unberechenbar galt, der eines Tages vielleicht seine Frau umbringen würde. Auch seine Eltern Reinhold und Corinna zweifelten zunehmend an ihm, was Paul besonders kränkte. Das Verhältnis zu seinen Eltern kühlte daraufhin merklich ab.
Das Elkes direkte Verwandtschaft nicht besser waren, als sie selbst, wunderte ihn nicht weiter. Ihre Arroganz und Selbstverliebtheit spiegelte sich deutlich in ihren Eltern Siggi und Siegrid wieder, die Paul ihre Ablehnung vom ersten Tage an spüren ließen. Auch Elkes Geschwister Moritz und Britta folgten dem Beispiel ihrer Eltern. Moritz war um einiges jünger als Elke, Britta dagegen drei Jahre älter. Sie hatte auch einen Mann, Jörg, der Britta absolut hörig war. Er hätte ihr nie widersprochen, eine eigene Meinung hatte er nie. Auch nicht im Bezug auf Paul. Pauls Verwandtschaft war auch nicht groß. Neben seinen Eltern gab es noch seine Großeltern Elfriede und Uwe. Für sie war die Zeit nach dem Krieg stehengeblieben. Ihre Vorstellungen von Moral und Anstand entsprachen nicht mehr der heutigen Zeit. Paul hätte mit ihnen über seine Eheprobleme nie sprechen können. Das war ein Thema, das in ihrer Welt nicht vorkam. Ganz zu schweigen von sexuellen Sachen. Das sie mit Astrid und ihrer Neigung zum eigenen Geschlecht nicht klarkamen, versteht sich von selbst.
Astrid war die Einzige aus der Verwandtschaft, zu der Paul vertrauen haben konnte. Wie oft drängte sie ihn, endlich die Scheidung einzureichen. Paul hoffte vergebens, das seine Frau sich ändern würde.
Aber heute stand sein Entschluß fest. Alles sollte nun ein Ende haben, er wollte mit Irene wegziehen und irgendwo neu anfangen. Wenn er den heutigen Tag nur schon hinter sich hätte!

Als Paul die Tür zu seiner Wohnung aufschloß erwartete er wie immer das nörgelnde Gekeife seiner Frau. Und er wurde nicht enttäuscht. "Wo warst du so lange?" stürmte seine Frau heran. "Unsere Gäste kommen in einer guten halben Stunde! Meinst du vielleicht, ich richte hier alles alleine her? Schließlich ist es DEIN Geburtstag! Also los, helfe mir mit, den Tisch zu decken!" "Ja, du Hexe", dachte Paul und schluckte seinen Ärger herunter. Er mußte jetzt bis zum Eintreffen der Verwandtschaft unbedingt Ruhe bewahren. Bald würde er alles hinter sich haben. Auf das dumme Gesicht seiner Frau freute er sich schon.

Paul bemerkte in seinen Gedankengängen gar nicht, daß ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht huschte. Als seine Frau dies sah, wunderte sie sich. "Sag mal, du siehst ja so zufrieden aus", bemerkte sie zynisch. "Na und", entgegnete Paul,"hast du was dagegen?" "Komm schon, raus damit", fuhr sie ihn sichtlich verärgert an. "Deine ganze verhaßte Sippschaft kommt gleich und du freust dich? Was ist es also, los, erzähle! Riskier nicht, daß ich noch wütender werde!" Jetzt merkte auch Paul, wie langsam die Wut in ihm hoch kroch. "Also gut, meine Liebe. Ich wollte eigentlich warten, bis wir alle vollzählig sind, aber du wolltest es ja nicht anders." Jetzt lief Paul zur Höchstform auf. "Ich werde dich verlassen, hörst du? Ja, ich lasse mich scheiden. Du gemeines Luder hast mich genug gequält, jetzt ist endgültig Schluß damit. Ich werde ein neues Leben beginnen, mit einer anderen Frau! Mit einer tollen Frau, dessen Qualitäten du niemals erreichen wirst." Er hielt einen Moment inne. Zu seiner Verwunderung blieb seine Frau ganz ruhig. Er hatte eigentlich jetzt mit einem Wutausbruch gerechnet. Dann ging Elke mit langsamen Schritten auf ihn zu. "Paul", sagte sie mit ruhiger Stimme,"wenn du das tust, bringe ich dich um". Paul dachte, er hätte sich verhört. Seine Frau ging weiter auf ihn zu, gleichzeitig wich er ein paar Schritte zurück. "Was soll das, bist du jetzt total durchgedreht, oder was?" Plötzlich fiel sein Blick auf das Messer, das auf dem Tisch lag, direkt neben seiner Frau. Ihre Hand näherte sich dem Messer, sie griff danach und ging mit finsterer Miene, aber gleichmäßigen Schritten weiter auf ihn zu. Ihre Stimme blieb immer noch ruhig dabei. "Es ist ganz einfach, Paul. Ich habe dich in Notwehr erstochen. Man wird mir ohne weiters glauben, schließlich genießt du ja einen nicht so guten Ruf bei den Leuten." Paul merkte, wie er anfing zu zittern. "Leg das Messer weg, du weißt ja nicht mehr, was du tust." Paul wollte noch etwas sagen, aber dazu kam er nicht mehr. Mit einem Aufschrei stürzte seine Frau auf ihn zu. In letzter Sekunde konnte er noch ausweichen, ihr Messer stach ins Leere. In selben Moment griff Paul nach ihrer Hand mit dem Messer, schleuderte sie mit aller Kraft gegen die Wand. Mit einem Schmerzensschrei ließ sie das Messer fallen. Völlig außer sich schlug sie nun auf ihn ein. Dann stieß er sie mit aller Kraft zurück. Sie stolperte und fiel zu Boden. Dabei stieß sie mit dem Nacken auf die Tischkante und blieb regungslos liegen. Paul brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Dann bemerkte er, daß sich seine Frau nicht mehr rührte. War sie ohnmächtig? Oder war sie...? Pauls Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich über sie beugte. Kein Herzschlag mehr, keinen Puls mehr. Sie war tot. Offenbar hatte sie sich das Genick gebrochen. Pauls Gedanken überschlugen sich. Nein, er fühlte keinen Trauer. Dafür hatte er sie zu sehr verachtet. Aber was geschah jetzt mit ihm? Würde man ihm glauben, daß er in Notwehr gehandelt hat? Nein, er hatte einen zu schlechten Ruf. Jeder würde denken, daß er seine Frau geschlagen hat und sie sich daraufhin tödlich verletzte. Er würde ins Gefängnis gehen müssen. Was würde dann aus seiner Beziehung zu Irene werden? Seine Arbeit würde er auch verlieren. Nein, er konnte nicht zulassen, daß seine Frau selbst nach ihren Tod noch sein Leben zerstörte. Er faßte einen Entschluß.

Niemand durfte vom Tod seiner Frau erfahren. Noch heute Nacht würde er seine Frau in irgendeinem kahlen Gelände vergraben und niemand würde sie je finden. Nach einer gewissen Zeit würde er seine Frau als vermißt melden, den trauernden Ehemann spielen, daß heißt, eigentlich brauchte er nicht großartig trauern, das würde ihm sowieso keiner abnehmen. Dann würde er mit Irene in eine andere Stadt ziehen und ein neues Leben beginnen. Aber das größte Problem lag noch vor ihm: Wo sollte er die Leiche verstecken, während er seine Gäste empfing?
Panik machte sich in ihm breit. Die Leiche mußte er sofort verstecken. Aber wo?
Paul sah sich fieberhaft um. Wo in Gottes Namen sollte er die Leiche verstecken? Schließlich hatte ihre Wohnung nur 48 qm bei 2 1/2 Raum. Und zur Gewohnheit seiner Verwandtschaft gehörte es auch, sich jeden Raum in der Wohnung anzuschauen, wenn sie zu Besuch waren. Damit sie sich auch ja wieder über die Einrichtung negativ auslassen konnten. Zu meckern gab es immer etwas. Darin zeichneten sich besonders seine Schwiegereltern aus. Paul durchzuckte es plötzlich. Ihm wurde klar, daß es nicht leicht sein würde, die ganze Verwandtschaft zu empfangen, wenn gleichzeitig seine Frau irgendwo tot in der Wohnung lag. Aber er hatte keine Wahl. Absagen konnte er nicht mehr, dazu war es zu spät. Außerdem mußte er den Schein waren, durfte sich nichts anmerken lassen. Aber wo sollte er sie verstecken? Im Keller? Dann müßte er durchs Treppenhaus mit der Leiche, bei Tage einfach unmöglich.
Dann fiel plötzlich sein Blick auf die alte Standuhr im Wohnzimmer, die Elke von ihrer Großmutter geerbt hatte. Das ist es! Das ideale Versteck. Der Kasten mit dem Pendelwerk hatte ungefähr die Größe von Elke, das mußte klappen.

Paul schaute auf die Uhr. In etwa zehn Minuten würden die ersten Gäste kommen. Er durfte keine Zeit verlieren. Hoffentlich kam keiner auf die Idee, früher zu erscheinen. Aber das war eigentlich nie der Fall.
Paul nahm die Arme der Toten und zog sie aus der Küche ins Wohnzimmer. An der Standuhr angekommen merkte er, wie er ins Schwitzen kam. Er öffnete den Uhrenkasten und ihm fiel dabei auf, daß das Schloß nicht mehr richtig funktionierte. Aber er hatte keine Wahl. Das Schloß mußte halten. Paul richtete den Körper auf und nun mußte er ihn etwas anheben, um ihre Füße über den Absatz des Kastens zu bekommen. Er schaffte es mit ungeheurer Kraftanstrengung, dabei lief ihm der Schweiß von der Stirn. Er schob den Körper hinein und warf die Tür des Kastens zu. Das Schloß schloß nur halbherzig und so sehr sich Paul auch bemühte, er kriegte den Schlüssel nicht richtig herumgedreht.
Da klingelte es plötzlich an der Tür. Es war soweit! Die ersten Gäste kamen. Nun konnte der Tanz beginnen. Hastig beseitigte Paul noch die letzten Spuren des Kampfes bevor er die Tür öffnete.

Eine halbe Stunde später saß die versammelte Mannschaft im Wohnzimmer beisammen. Jetzt kam auch Paul hinzu, der sich vorher in der Küche an die Zubereitung der Getränke und Snacks gemacht hatte. Paul spürte jetzt erst richtig seine Nervosität. Kontinuierlich blickte er immer wieder zur Standuhr hinüber. Er konnte sich nicht richtig auf die Gespräche mit seiner Verwandtschaft konzentrieren. Immer wieder mußte er Nachfragen, was denn gerade gesagt wurde. Er begann zu schwitzen. Seine Gedanken begannen sich zu überschlagen. Würde das Schloß halten? Nicht auszudenken, wenn die Leiche plötzlich herausfiele. War sie auch wirklich tot? Was wäre, würde sie jetzt plötzlich....? Paul versuchte, sich zusammenzureißen. Die feinfühlige Astrid bemerkte als erste, daß mit Paul etwas nicht stimmte. Aber sie wollte ihn nicht bloßstellen und sagte erst mal nichts.
Dann merkte auch Britta etwas. "Sag mal, Paul, du machst einen etwas nervösen Eindruck auf mich. Stimmt etwas nicht?" fragte Britta direkt, was nun mal ihre Art war. Ehe Paul was sagen konnte, fuhr sie fort: "Ist es wegen Elke? Fragst du dich, wo sie bleibt?" Jetzt schlug Paul das Herz bis zum Hals. Was sollten diese Worte? Ahnte sie etwas?
"Ich sagte dir doch vorhin schon, daß wir einen Streit hatten und das sie darauf hin einfach wegging. Ja natürlich frage ich mich, wo sie bleibt." versuchte Paul seine Unruhe zu erklären.
"Nun, es gibt ja mehrere Möglichkeiten" sagte Britta. "Vielleicht hat sie einen Liebhaber, mit dem sie sich jetzt tröstet." Paul werte ab. Er wußte, daß Britta nur provozierte und versuchte, nicht darauf einzugehen. "Oder...., ist ihr vielleicht was zugestoßen?", betonte Britta.
"Einen Unfall?" fragte Corinna nach, die jetzt auch neugierig war. "Möglich", meinte Britta, "aber es gibt ja auch andere Todesarten, nicht wahr?" Jetzt fragte auch Moritz nach: "Du meinst, sie ist vielleicht überfallen worden?"
"Sagt mal, was soll der Unsinn eigentlich? Elke ist nur ein paar Stunden weg und schon seid ihr aus dem Häuschen", konnte Paul sich jetzt nicht mehr zurückhalten. "Ach, Paul", sagte Britta forsch, "du scheinst mich nicht zu verstehen. Vielleicht hast du es ja jetzt geschafft". Paul wurde ängstlich und wütend zugleich. Britta sah ihn scharf an. Und alle anderen verstanden auch mittlerweile, was Britta damit andeutete. Alle sahen nun zu ihm herüber. Pauls Hände verkrampften sich um die Stuhllehnen. "Ja, Paul", tönte Britta, "vielleicht hast du es ja jetzt endlich geschafft, sie..."
"Aufhören! Laßt ihn in Ruhe!" warf sich jetzt Astrid dazwischen.
"Ständig stellt ihr Paul als Unmenschen hin! Das ist er aber nicht! Das war er nie!" Paul war erleichtert. Astrid war wirklich die Beste Freundin, die man sich wünschen kann.
"Wir kennen Paul genau, wir alle kennen ihn. Erzähl uns nichts!" fauchte Britta Astrid an."
"Ihr kennt euch ja nicht mal selbst", ärgerte sich jetzt auch Julia.
"Mischen Sie sich nicht ein", grollte jetzt auch Uwe, Pauls Großvater, "Sie gehören ja gar nicht zur Familie."
Jetzt wurde es Astrid zu bunt:" Julia ist meine Freundin, ich stehe zu ihr, egal wie Du darüber denkst."
Paul sagte immer noch nichts. Es schien, als wenn die verborgenen Konflikte in der Familie nun ausbrachen. Aber warum mußte es gerade heute sein?
"Wie wir darüber denken, sagen wir dir lieber nicht", zischte Uwes Frau Elfriede. "Jetzt hört schon endlich damit auf", ergriff Elkes Vater Reinhold das Wort, "Elke wird bestimmt gleich auftauchen."
Daraufhin beruhigte sich die Menge. Nur Paul nicht. Innerlich völlig aufgewühlt, zählte er schon die Minuten, die Paul endlos lange vorkamen. Ein paar Stunden noch, sagte er zu sich, dann ist das Erste überstanden.

Je mehr Zeit verging, desto häufiger kamen die Fragen nach Elke. Paul versuchte, äußerlich so gelassen wie möglich zu bleiben. Er sah zur Standuhr rüber und frohlockte. Es konnte jetzt nicht mehr lange dauern, bis die ersten geh.... Pauls Herz blieb fast stehen! Die Tür des Uhrenkastens war einen Spalt offen! Hatte das Schloß also doch nicht gehalten. Es war ein Wunder, daß die Leiche noch nicht herausgefallen war. Aber das konnte jeden Moment passieren.
Paul ging unauffällig zur Standuhr rüber und während er das tat, ging die Tür langsam weiter auf und jetzt konnte Paul schon ihren Kopf sehen, der sich gegen die Tür lehnte. Hastig drückte er die Tür wieder zu und schloß sie, so gut er konnte. Keuchend drehte er sich um. Alle sahen ihn an.
Da erhoben sich plötzlich Uwe und Elfriede. "Ich glaube, Paul, es wird für uns Zeit."

Nach einer Viertelstunde waren alle, bis auf die Eltern von Elke, gegangen. Als auch sie aufbrachen, nahm Siggi seinen Schwiegersohn kurz zur Seite. "Du weißt, Paul, wir konnten dich noch nie leiden. Und ich hoffe für dich, das Elke nichts zugestoßen ist. Wenn doch, dann bringe ich dich um."
Paul drohte ohnmächtig zu werden, als er die Tür hinter seinen Schwiegereltern schloß. Er wußte, was er zu tun hatte, nachdem das alles erledigt war. Er würde wegziehen, weit weg. Mit Irene. Aber in dieser Nacht hatte er noch viel zu tun. Er mußte die Leiche vergraben.

Am diesem Abend riefen noch oft Pauls Verwandte an, um sich nach Elkes Verbleiben zu erkundigen. Paul hatte viel Mühe, sie zu beruhigen, besonders Elkes Eltern, insbesondere Siggi. Er drohte Paul immer wieder mit Konsequenzen, falls Elke was passierte. Diese Drohung nahm Paul nur allzu ernst, denn schließlich kannte er seinen Schwiegervater. Schon einmal hatte er ihm ein blaues Auge verpaßt, weil Paul angeblich Elke geschlagen hatte, was aber nicht stimmte. Die Geschichten, die Elke ihren Eltern über ihren Mann erzählte, mochte er sich nicht vorstellen. Aber dieses Leben war nun bald vorbei.

Paul wartete bis nach Mitternacht, dann löschte er das Licht in der Wohnung. Der Mond schien hell und gab Paul Flutlicht bei seinem Vorhaben.
Dann holte er die Leiche aus der Standuhr und zog sie vor die Wohnungstür. Er lauschte an der Tür, ob im Treppenhaus alles ruhig war. Dann öffnete er die Tür und zog die Leiche ins Treppenhaus. Jetzt mußte es schnell gehen, denn es konnte ja immer noch jemand kommen.
Es war nicht sehr schwer für Paul, die Leiche die Treppe runter zu ziehen. Als er es bis unten vor der Haustüre geschafft hatte, fuhr er vor Schreck zusammen, als er hörte, daß jemand vor der Haustür stand und an irgendeiner Wohnung klingelte. Wohin so schnell? Die Kellertreppe runter! Paul zog hastig die Leiche die Treppe hinunter und schaffte es gerade sich mitsamt Leiche rechts neben der Treppe zu verstecken, als die Tür aufgedrückt wurde. Das Licht ging im Treppenhaus an und Paul hörte die Person die Treppe hinaufgehen. Dann hörte er ein paar Stimmen und eine Wohnungstür ins Schloß fallen.
Paul wartete, bis das Licht wieder erlosch und zog dann die Leiche die Kellertreppe wieder hinauf. Oben angekommen, öffnete Paul vorsichtig die Haustür und vergewisserte sich, daß draußen alles ruhig war. Dann zog er die Leiche nach draußen und war froh, daß sein Auto direkt vor der Haustür geparkt war. Er zog sie bis vor dem Kofferraum und öffnete ihn. Dann legte er die Leiche hinein und schloß ihn wieder. Er sah sich noch mal um. Es war niemand zu sehen. Anschließend ging er noch mal in den Keller, um sich eine Schaufel zu holen. Dann stieg er ins Auto und fuhr los.

Paul kannte die einsame Stelle gut, wo er seine Frau vergraben wollte. Sie lag direkt neben einem Friedhof, den Paul und Elke oft besucht hatten, weil Elkes Großeltern dort bestattet waren. Diese Stelle war reines Ackergelände, es würde niemanden auffallen, daß hier gegraben wurde. Und die Leiche würde hier auch niemand so schnell finden.
Als Paul am Friedhof ankam, vergewisserte er sich auch hier, daß niemand in der Nähe war. Dann holte er die Leiche aus dem Kofferraum und trug sie zu der bewußten Stelle.
Nach einer halben Stunde harten Grabens, war das Loch groß genug für seine Frau. Er legte sie hinein und begann mit dem Zuschaufeln.
Als er dies erledigt hatte ging Paul zufrieden und erleichtert zurück zu seinem Auto. Er hatte es geschafft. Er war frei! Nun hieß es erstmal gründlich ausschlafen. Morgen würde er das Verschwinden seiner Frau melden.

In dieser Nacht schlief Paul ziemlich unruhig. Zu viele Gedanken schwirrten im seinen Kopf herum. Er wußte, daß er nicht sofort seine Sachen packen und mit Irene verschwinden konnte. Dadurch würde er sich eines Verdachtsmoments aussetzen und das konnte er nicht riskieren. Auch Irene konnte er die Wahrheit über das Verschwinden seiner Frau nicht sagen. Auch, wenn sie eine verständnisvolle Person war, aber hätte sie auch dafür Verständnis?

Es vergingen fast zwölf Monate. In dieser Zeit mußte Paul sich immer wieder Drohungen seines Schwiegervaters gefallen lassen. Er gab keine Ruhe und Paul traute sich in dieser Zeit nur nach draußen, wenn es unbedingt nötig war. Zum Beispiel, um seine Geliebte Irene zu besuchen, was er in dieser Zeit oft tat. Auch vertraute er seine Geschichte Astrid an, die Verständnis zeigte und sich für Paul als vertrauensvolle Freundin erwies.
Inzwischen hatten sich Paul und Irene eine Wohnung in einer anderen weit entfernten Stadt genommen. Beiden gelang es, wieder eine Anstellung in ihren Berufen zu bekommen. Paul war froh und glücklich, endlich mit Irene zusammen zu sein, ohne Angst haben zu müssen. Die Polizei hatte nach einiger Zeit die Suche nach Pauls Frau aufgegeben. Sie hatten keine Hoffnung mehr, sie jemals zu finden.
Alles hatte Paul hinter sich gelassen, seine Verwandten hatte er kein Sterbenswort erzählt. Endlich hatte er auch Ruhe vor Elkes Vater. Nur Astrid wußte, wo er wohnte und kam ihn mit Julia oft besuchen. Auch Irene freundete sich mit den Frauen an. Irene hatte nicht viele Verwandte. Ihre Eltern und Großeltern waren bereits tot. Übrig blieben nur ihre zwei Brüder Genoh und KarlHeinz, die in entfernten Städten wohnten und mit denen Irene kaum Kontakt hatte. Aber sie hatte eine gute Freundin namens Carola.
Paul genoß dieses neue Leben. Er konnte ja nicht ahnen, daß seine Vergangenheit ihn auf grauenvolle Weise einholen würde.

Eines Abends war Paul alleine, weil Irene ihre Freundin Carola besuchte. Er saß gerade beim Abendessen, als das Telefon klingelte. Paul nahm den Hörer ab. "Hallo", meldete er sich. Zunächst antwortete niemand, dann hörte Paul ein Atmen, das sehr schwerfällig klang. "Hallo, wer ist da?", sprach Paul jetzt mit schärferer Stimme.
"Pauuuuul.......", erklang plötzlich die Stimme am anderen Ende der Leitung. Paul erschrak förmlich. Eine solche merkwürdige Stimme hatte er noch nie gehört. Sie klang sehr hoch mit einem sonderbaren Echo. "Wer sind Sie, was wollen Sie?", wollte Paul nun endlich wissen.
"Pauuuuul..........duuu weiiiist, weeer iiich biiin...." Paul ließ vor Schreck fast den Hörer fallen. Das war doch.....! Nein, das ist unmöglich! Sie konnte es nicht sein! Sie war tot! Und doch hatte diese Stimme eine erstaunliche Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau. Da machte sich wohl einer einen Scherz, dachte Paul, aber einen sehr schlechten!
"Hören Sie, wer Sie auch sind, das ist nicht gerade komisch", sagte Paul und legte daraufhin den Hörer verärgert auf.
Danach begann Paul zu überlegen. Klar, das war ein schlechter Witz, aber von wem? Einer aus seiner Verwandtschaft? Nein. Die wußten ja nicht, wo er wohnte, geschweige denn, seine Telefonnummer.
Paul entschied sich, nicht weiter darüber nachzudenken und schaltete den Fernseher ein, um sich abzulenken. Als Irene kam, erzählte er ihr nichts von dem Vorfall.

Am nächsten Tag saß Paul in seinem Büro und arbeitete gerade ein paar Akte auf, als das Telefon klingelte. Paul nahm ab, meldete sich und erneut schallte ihm die gleiche Stimme entgegen, die er am vorigen Abend gehört hatte. "Pauuuuul..., duuu weiiiissst docccch nooooch...."
"Mensch, lassen Sie mich endlich in Ruhe. Woher wissen Sie überhaupt die Nummer meiner Arbeitsstelle?", schreite Paul äußerst verärgert in den Hörer.
"Duuuuu weeiiisst doooch.....vooor eiiineeem Jaaaahr", schallte es ins Pauls Ohren. "Sie sind nicht Elke! Wer sind Sie? Warum belästigen Sie mich? Was soll das? Wenn Sie nicht aufhören, rufe ich die Polizei!", schrie Paul und knallte den Hörer auf.
Paul ging daraufhin in den Waschraum, um sich abzukühlen. Dabei grübelte er. Wer war diese Person? Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe? Vor allem, was wußte sie? Wußte Sie vielleicht mehr? Hatte sie ihn vielleicht damals zufällig beobachtet und wollte ihn nun erpressen?
Die andere Möglichkeit natürlich wäre....., aber das war unmöglich! Elke war tot, da war er sich sicher und an Geister glaubte er nicht. Er nahm sich vor, falls sie noch mal anrufen sollte, sofort den Hörer aufzulegen. Irgendwann würde sie aufgeben.

Das nächste Mal geschah bereits am gleichen Abend. Sofort legte Paul auf, wenn er ihre Stimme hörte. Wenn Irene an den Apparat ging, meldete sich niemand. Pauls zunehmende Nervosität blieb Irene nicht verborgen. Sie sorgte sich um ihn. Er erklärte es ihr damit, daß er zur Zeit im Büro ziemlichen Streß hätte. Was auch nicht unbedingt gelogen war, denn nun häuften sich auch dort die Anrufe.
Paul war sich inzwischen sicher, daß jemand versuchte, ihn zu erpressen. Das nächste Mal würde er Forderungen verlangen. Wer weiß, vielleicht hatte sie irgendwelche Beweise, die ihn nachträglich überführen könnten. Er wollte nun endlich Klarheit haben.

Am selben Abend war Paul wieder alleine in der Wohnung. Voller Nervosität wartete er auf den bewußten Anruf. Paul zuckte zusammen, als das Telefon klingelte. Zitternd nahm er den Hörer ab.
"Pauuuul", meldete sich eine ihm wohlbekannte Stimme.
"Jetzt sagen Sie mir endlich, was sie wollen!", verlangte Paul wütend.
"Aaaaabeeer Pauuuul....iiiich wiiiill, daaaß duuu deeeiiineee Schuuuuld beegleeiiichssst. Moooorgen iiist eees geeenaauuu eeiin Jaaahr heeer", hallte es in Pauls Ohren.
Ehe Paul etwas erwidern konnte, wurde die Leitung unterbrochen. Er wußte nicht mehr, wie ihm geschah.
Könnte es sein, daß Elke doch noch lebt? Ist sie vielleicht aus ihrem nassen Grab gestiegen und wollte sich jetzt an ihm rächen?
Jetzt reichte es Paul. Er mußte sich vergewissern, ob seine Frau noch lebt, oder nicht. Dazu mußte er ihr Grab öffnen, das er ihr vor einem Jahr schaufelte. Kurz entschlossen setzte er sich ins Auto und fuhr los.

An der Stelle angekommen, schaute er auf den ackerartigen Boden, der sein Aussehen seit einem Jahr nicht verändert hatte. Es sah nicht so aus, als wenn hier nochmals gegraben wurde.
Dennoch machte sich Paul an die Arbeit. Nach einer Viertelstunde stieß er auf etwas Hartes. Vorsichtig legte er mit seinen Händen die Lehmschicht frei. Es kam eine Hand zum Vorschein, die schon sehr knöchern aussah. Dann legte Paul den Rest des Körpers frei und war kurz davor, sich zu übergeben. Schließlich war er es nicht gewöhnt, eine Leiche mit fortgeschrittener Verwesung auszugraben.
Jetzt hatte Paul die Gewißheit, daß seine Frau wirklich tot war. Diesen Beweis zu erbringen, das war die Mühe wert. Hastig schaufelte Paul das Grab wieder zu und bemühte sich, alle Spuren zu verwischen.
Auf der Rückfahrt stellte er sich immer die gleiche Frage. Wer war sie denn nun?

Inzwischen war es nach Mitternacht. Als er wieder zurückkam, brannte das Licht in der Wohnung. Irene mußte inzwischen wieder Zuhause sein, dachte Paul. Er war jetzt entschlossen, ihr alles zu beichten. Seine verdreckte Kleidung hätte er jetzt sowieso schlecht erklären können, außerdem wollte er nicht mehr Versteck spielen. Jetzt konnte er nur noch auf das Verständnis von Irene hoffen.
Paul ging die Stufen hinauf zu seiner Wohnung. Die Wohnungstür stand einen Spalt offen. Komisch, dachte Paul, hatte sie denn vergessen, die Tür zu schließen? "Hallo Irene!", rief Paul, als er die Wohnung betrat. Er bekam keine Antwort. Als er vor dem Wohnzimmer stand, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen.
Paul war fassungslos, als er Irene erblickte, die auf dem Boden lag, ihre Augen waren weit aufgerissen. Paul rannte sofort zu ihr hin und fühlte ihren Puls.
Nichts mehr! Sie war tot! Paul bekam einen Weinkrampf. "Irene, Irene, warum du? Wer hat das getan? Wer war das Schwein??"
"Ich glaube, das wissen Sie besser als ich", hörte Paul plötzlich eine Stimme hinter sich und fuhr herum. Es war Kommissar Volker, bei dem Paul damals seine Vermißtenanzeige aufgegeben hatte, mit zwei Polizisten.
"Was ist denn los, ich verstehe ni.....?" Paul war ziemlich verdattert.
"Nun, Paul, wir haben einen anonymen Anruf erhalten, eine Frauenstimme, die uns diese Adresse mitgeteilt hat und gesagt hat, daß hier gerade eine Frau von ihrem Freund umgebracht würde", erzählte der Kommissar. "Wir hielten das erst für einen Witz, aber wir mußten dieser Sache natürlich nachgehen. Wie wir jetzt sehen, war es wohl kein Witz."
"Was soll dieser Unsinn, ich habe meine Freundin nicht ermordet, ich bin gerade erst wiedergekommen und habe sie so aufgefunden", verteidigte sich Paul.
"Tut mir leid, Paul, aber ich muß Sie wegen Mordverdachts vorläufig festnehmen. Inzwischen werden wir die Todesursache feststellen, oder wollen Sie sie uns sagen?" provozierte er Paul.
"Ich habe es nicht getan!" schrie Paul, "warum sollte ich meine Freundin umbringen. Ich habe sie sehr geliebt! Sie sollten lieber den wahren Täter finden!"
Die Polizisten führten Paul ab und fuhren zusammen mit dem Kommissar zum Polizeipräsidium. Während der Fahrt überlegte Paul, ihm war klar, daß es sich bei der anonymen Anruferin nur um Dieselbe handeln konnte, die ihn seit kurzer Zeit belästigt. Hatte sie auch Irene umgebracht? Wer war sie eigentlich? War er jetzt genauso in Gefahr?
Paul faßte in seiner gefühlsmäßigen Verfassung einen Entschluß. Wenn sie ihn schon wegen Mordes festnahmen, dann wenigstens wegen seiner Frau und nicht wegen seiner geliebten Irene. Das sie tot war, zerriß ihm das Herz. Ihm war jetzt alles egal, er wollte den Kommissar die wahre Geschichte erzählen.

Im Büro des Kommissars erzählte Paul jede Einzelheit der Vorkommnisse vor einem Jahr. Auch was in letzter Zeit geschehen war. Danach machte der Kommissar ein nachdenkliches Gesicht.
"Nun, Paul, ich muß zugeben, daß ich Ihnen schon damals nicht glaubte, als sie die Vermißtenanzeige aufgegeben hatten. Sie waren der Polizei ja nicht ganz unbekannt, wegen ihrer Schlägergeschichten. Ihre Verwandten haben Sie auch nicht gerade ins beste Licht gerückt. Aber Ihre jetzige Geschichte..."
"Sie müssen mir glauben, Herr Kommissar, ich kam gerade erst nach Hause, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß meine Frau noch begraben war. Sie haben doch gesehen, wie ich aussah. Und ich bin ziemlich sicher, daß da eine verrückte Frau am Werk ist, die mir auch nach dem Leben trachtet. Es ist bestimmt die Gleiche, die Sie angerufen hat. Hatte sie denn eine ungewöhnliche Stimme? So hochtönig mit einem seltsamen Echo?" Paul sah den Kommissar erwartungsvoll an. "Ja, Paul, sie hatte eine solche Stimme, aber die wird sie wohl elektronisch verstellt haben. Hmm, vielleicht ist an ihrer Geschichte was dran, aber selbst, wenn Sie nicht der Mörder ihrer Freundin sind, so müssen Sie sich auf jeden Fall wegen Totschlags Ihrer Frau verantworten. Sie können natürlich auf Notwehr plädieren, aber ich bezweifle, daß man Ihnen unter diesen Umständen glauben wird. Sie bleiben diese Nacht erst mal in Untersuchungshaft. " sagte der Kommissar und erhob sich von seinem Platz.
"Naja, hier kann mir wenigstens nichts passieren. Eine Frage noch, Herr Kommissar, weiß man inzwischen die Todesursache?" fragte Paul, dessen Gesicht von Trauer gezeichnet war.
"Ja, Paul, ihr wurde das Genick gebrochen. Deshalb glaube ich nicht, daß es eine Frau gewesen sein kann, nur ein Mann und zwar ein kräftiger. Auch Sie hätten es tun können."
Das Genick gebrochen? Genau, wie seine Frau damals. Wer sollte so etwas tun? Wenn es nicht diese Frau war, wer war es dann? Pauls Gedanken überschlugen sich, während er ins Untersuchungsgefängnis gebracht wurde.
Währenddessen nahm sich der Kommissar seine Assistentin Claudia an die Seite. "Wissen Sie, das Merkwürdigste an der Toten waren ihre aufgerissenen Augen und ihr angsterfülltes Gesicht. Das habe ich bisher in der Intensität noch bei keiner Toten erlebt. Sie muß etwas Schreckliches gesehen haben, bevor sie starb."

Die Tür schloß sich hinter Paul. Es war beinahe stockdunkel in der Zelle. Im Schein des schwachen Lichts, das durch das schmale Fenster in der Tür hereindrang, konnte er seine Liege erkennen und ließ sich erschöpft darauf nieder. Plötzlich hörte Paul ein Atmen, was ihm wohlbekannt war. Wie der Blitz schnellte er von der Liege hoch. "Pauuuul", erschallte es im Raum. Paul gefror das Blut in den Adern. Diese Stimme! Sie klang noch grauenvoller, als am Telefon. Den ganzen Raum erfüllte die Stimme.
"Pauuuul, iiiich biiins", sprach die Stimme und Paul konnte sich vor Angst nicht vom Fleck rühren. Der Raum war immer noch dunkel, es war nichts zu sehen.
"Wer.....wer bist du?" stammelte Paul.
"Aaaaber, Pauuuul, weeeiisst duuu niiicht meeehr, voooor geeenauuu eeeiiineeeem Jaaaahr", tönte die Stimme, die Paul immer näher zu kommen schien.
"Nein, das....das kann nicht sein! Du bist es nicht! Du bist tot!" schrie Paul angsterfüllt.
"Jaaaa, Pauuuul, iiiiich biiiiiin toooot, aaaabeeer deeeiiineee Schuuuuld beeei miiiir iiist noooch ooooffeeen." Die Stimme kam Paul immer näher.
"Welche Schuld?? Ich hab keine Schuld! Du hattest mich angegriffen, ich habe mich nur verteidigt!" wehrte sich Paul verzweifelt.
"Daaas iiist auuuuuch noooch niiiicht aaaalleees, diiiieseees Weeeiiibssstüüück Ireeeneee, miiit deeeerrr duuuu miiiich beeetrooogen haaaast! Siiiie haaaat iiihreee Leeeektiiion beeekooommeeen! Uuuund jeeetzt iiiist eees auuuuch füüür diiich Zeeeiiit!"
Die Stimme kam Paul jetzt sehr nahe und er geriet in Panik. Schreiend lief er zur Tür.
"Wache!!! Wache!! Nein!! Bleib mir vom Leib!!!" Jetzt sah Paul diese Gestalt auf sich zu kommen. Pauls Augen waren vor Angst aufgerissen, er spürte, wie sich eiskalte Hände um seinen Hals legten.
"Aaaaaaaah!!!!!" Paul stieß einen gellenden Angstschrei aus, dann packten diese eiskalten Hände sich fest um Pauls Hals und rissen ihn herum. Paul sackte zu Boden, sein Kopf hing herunter.
"He, was ist denn hier für ein Lärm?", rief einer der Wachleute und eilte zur Pauls Zelle. Er öffnete die Tür und fand Paul auf den Boden liegend.
< "Was ist denn mit ihm?" fragte ein zweiter Wachmann, der hinzukam.
"Ich glaube, da ist nichts mehr zu machen", sagte der Wachmann, der keinen Puls mehr bei Paul feststellte.
"Siehst du seine Augen?" fragte der zweite Wachmann. "Er sieht aus, als hätte er gerade einen Geist gesehen."


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