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Die Möbel, die unser Wohnzimmer besetzt hielten,
waren plötzlich wie besessen.
Schienen wie von zwanghaftem Diensteifer befallen. Sie behaupteten ihren
Platz und leisteten, wenn es sein mußte, sogar Widerstand: "Hier
stehen wir, hier bleiben wir! Keinen Millimeter zur Seite!" - "Laß
sie, sagte ich zu meiner zu allem entschlossenen Frau, "schließlich
haben sie sich um uns verdient gemacht." Renate, um Einfälle nie
verlegen, geht nun konspirativ gegen das Meublement vor. Das Sofa bemerkt
es zuerst und biedert sich, wie es sich für ein Sofa gehört,
sofort liebedienerisch an; die seßhaften Sessel verstecken sich
hinterm Couchtisch, grinsen gemein. Wir lassen sie also links stehen,
eigentlich geht es ja auch nur so. (Immerhin war das einmal ein Vorschlag
aus "Kultur im Heim"gewesen!) Mir machte das schon alles gar nichts mehr
aus, Renate schon. Das hatte Folgen! Renate versucht nun, mit der aus
einem Block gehauenen Schrankwand ins Gespräch zu kommen. Mit der
versucht sie es immer und immer wieder, obwohl sie ganz genau weiß,
daß gerade die so unbeweglich ist wie sonst nichts in diesem Zimmer.
Nein, die bekamen wir nicht auf unsere Seite. Die war verstockt, beharrte
eigensinnig auf ihrem Standpunkt. Eigenschaften, die sonst nur Immobilien
eigen sind.
Jedesmal, wenn wir wieder einmal einen Versuch starten wollen, uns von
dem ganzen alten Kram zu trennen, vernehmen wir ein metaphorisches Geraune?
Wir hatten den Fernseher in Verdacht.
Da jammert der auch schon, will partout um keinen Preis hervor, kreischt,
kreischt wie ein kleines Kind.
Schreit plötzlich, schreit auf Englisch auf: "Jeh, jeh, jeh!" Da
kommt ein Zwischenruf von hinten: Das Bücherregal. Wir hören
nicht darauf. Unsere Bücher möchten wir selbstverständlich
weiter um uns haben. Aber alles andere...? An jeder Straßenecke,
vor jedem Wohnblock liegt jetzt herum (wie hingestellt und nicht abgeholt),
was lange seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan hat. An den Sammelplätzen
hat sich das Meublement - verwohnt bis zum Gehtnichtmehr - zusammengerottet.
Die Wohnideen der letzten 100 Jahre - einfach kreuz und quer über
den Haufen geworfen. Abgewetzte Sitzgelegenheiten, eingeknickte Bänke,
Stühle, Schränke verstellen den Weg. Unerfüllte Wünsche,
abgestandene Gefühle, kaum befriedigte Lüste, schweben - eine
letzte Ahnung von irgendetwas - über den schnell errichteten Barrikaden.
Ein Haufen Glück. Ein Häufchen Unglück. Ein Mischmasch
aus beidem. Besonders wenn so ein ramponiertes Teil offen sein Herz ausschüttet,
tiefe Einblicke in sein Innenleben gestattet, ist das kaum noch zu ertragen.
Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob nicht vielleicht auch
ich ....?So manch ein Stück kann allerdings auch von Glück sagen,
hier nicht schon viel, viel früher gelandet zu sein. Wo hat man so
etwas nur noch so lange ausgehalten, ja ertragen? Mich würde aber
trotzdem nicht wundern, käme jetzt jemand, und nähme sich das
Ding wieder stillschweigend mit ins Haus. Noch wäre Zeit dazu.
Kaum etwas von all dem Zeug kann doch wirklich an sich halten. Alles wird
ausgeplaudert, anstandslos. Und gelegentlich erzählt so ein Sesselungetüm
dann auch noch - immer noch wie besessen von seiner ursprünglichen
Wohnidee - aus seinem mehr oder weniger spießigen Polsterleben.
Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Zeitgenossen es doch gibt,
die den Müll anderer Leute ausschnüffeln und - hast du nicht
gesehen - mit dem einen oder anderen Stück glücklich wieder
abziehen. Wie kommen die eigentlich dazu, frage ich mich, sich Dinge herauszunehmen,
die ihnen nicht zustehen? Gehört sich das?
Unbekümmert setzen sie sich an den gedeckten Tisch, legen sich in's
gemachte Bett, mischen sich frech in Intimitäten. Denken die sich
überhaupt etwas dabei?
Wenn ich nur daran denke, wo sich dies und jenes Teil (besonders jenes!)
aus unserer Wohnung jetzt herumtreibt, dann kommt mir das so vor, als
ob dieses Mist-Stück, nur weil es nichts Besseres mit sich anzufangen
weiß, fremdgegangen wäre.
So einfach, wie man vielleicht einmal geglaubt hat, daß man sich
von den Sachen trennen könnte, ist es jedenfalls nicht mehr. Die
Dinge hängen einem an. Die Leute haben mittlerweile ein Auge drauf.
Man sieht dem ganzen Zeug doch schon aus einiger Entfernung an, wer es
einmal 'besessen' hat und was genau einer damit getrieben hat. Nur zu
gerne wird man doch bereit sein, das alles, was man da zu sehen kriegt,
zu verallgemeinern.
Was aber auch für ein Sammelsurium! Ein kurzer Abriß der letzten
20 bis 30 Jahre. Friedensware. Schicksalsschläge. Sogar Zusammengeschraubtes
von IKEA ist bereits darunter. (Dieser Liebe hätte man wirklich gewünscht,
daß sie etwas länger hielte.) Aber mach was dagegen, niemand
hat heutzutage mehr Geduld - selbst Möbeln läßt man keine
Chance -, sich peu a' peu an einen Beischläfer zu gewöhnen.
Geheimnisvoll schweigt, weil immer noch wie neu (!), ein Drehstuhl vor
sich hin. Vor welchem Schreibtisch hat darin wohl einer seinen Arsch drehen
wollen? Nun hat man ihm das gute Stück, dem man den Chefsessel noch
immer ansieht, einfach unterm Allerwertesten weggezogen.
Plumps. Da liegt er! Unter wahren Ungetümen von Beleuchtungskörpern
brechen Ehebetten zusammen. Das Schicksal einer alten Bettstatt geht mir,
bei aller Liebe, dann aber doch nicht so sehr ans Herz. Für eine
Stehlampe daneben entwickle ich sonderbarerweise mehr Mitgefühl.
Auf drei Beinen balanciert - total ungeschickt, aber irgendwie nett anzusehen
-, ein spitzfüßiges Couchtischchen aus den 50ern. Noch immer
teilt ein windschiefer Raumteiler - dienstgeil bis zuletzt - den ganzen
Plunder in annähernd gleich große Hälften. Warum eigentlich?
Man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, all den Nippes herauszunehmen...
Einmal abgesehen von den Abfalleimern, begehen natürlich die Sitzmöbel,
ob sie das nun wollen oder nicht, den größten Geheimnisverrat.
Bevor man die aussondert, wird zwar immer erst noch einmal versucht, die
unübersehbaren Spuren gelebten Lebens zu beseitigen, bzw. zu verwischen,
bis man es schließlich dann aber doch sein läßt und sie
lediglich um Verschwiegenheit ersucht. Vergebens. Sie sind bereits dabei,
sich plausible Ausreden für den Fall einfallen zu lassen, daß
sie beim Petzen erwischt werden. Und sind sie nicht überhaupt verpflichtet,
wahrheitsgemäß auszusagen? Gab es da nicht diesen Passus: "Mir
ist bekannt, daß unrichtige oder unvollständige Angaben unweigerlich
die sofortige Entlassung aus dem Öffentlichen Dienst nach sich zieht...?"
Steht das nicht irgendwo? Auch hiesige Möbel können also erzählen.
Olala! Da wird sich so manch einer aber ganz schön wundern.
Zumindest Gedanken machen wird der sich, wenn nicht gar auf komische Ideen
kommen. Schließlich hatten auch wir uns hier eingerichtet und den
unbezähmbaren Leidenschaften gefrönt. Haben Exzesse (von denen
man gehört hatte) nachgestellt - kurz und gut: gelebt, wie es sich
gehörte...oder auch nicht gehörte. (Von der Intensität
hiesigen gelebten Lebens künden heute immerhin noch die wesentlich
kürzeren Lebens-Laufzeiten!) Neulich, ein Spaß, den ich mir
mittlerweile noch einige Male, wenn auch immer nur klammheimlich, gegönnt
habe, blieb ich beim Spaziergang direkt vor einem kleinen Lebensmittelladen
stehen. Was sag ich, einer ehemaligen HO-Verkaufsstelle. Sein bevorstehendes
schnelles Ende stand längst angeschrieben: "Räumungsverkauf
".
Ich sinnierte lange vor dem Schaufenster, das bereits Anstalten machte
zu erblinden, schloß die Augen und stellte mir die Auslagen des
Lädchens in frühen DDR-Zeiten vor... Nicht nur der Geschmack
der Wörter war bald wieder da, alles war plötzlich wieder da,
selbst der bekannte Geruch (den hier Duft zu nennen völlig unangebracht
gewesen wäre) mischte sich unter die Erinnerungen, kroch in jede
Gedächtnislücke.
Köstlich, mmh -, so etwas ist heutzutage einfach nicht mehr aufzutreiben.
Plötzlich hätte ich alles in mich hineinschlingen mögen
- und das trotz strengster Diät. Nur unter den an und für sich
sehr flachen Ladentisch wollte mir, wie ich mich auch anstrengte, kein
einziger Blick gelingen. Dabei hätte mich wirklich einmal brennend
interessiert, was da noch so alles herumliegt bzw. für wen es zurückgelegt
worden war. Aber das nur nebenbei.
Meine Klientel wird sich ja nicht ausgerechnet bis in diesen Laden verlaufen
haben...
Obwohl ich jetzt ein Lüstchen dazu verspüre,
meine Nase da hinein zu hängen, lasse ich all das Gerümpel,
mit dem die Flure des ehemaligen "Rates des Kreises"( Wann je wird es
wieder solch schöne Genitive geben?) verstellt sind, links liegen.
Im Vorübergehen drängen sich mir unauslöschliche Bilder
auf. Mir wird ein großer Haufen Telefone, alle noch wie neu (es
schienen sogenannte Feldtelefone zu sein), nie wieder aus dem Kopf kommen.
Was für eine Symbolik! Dieses Telefonhäufchen mischt sich mit
schwarz- weiß Fotos von anderen geschichtsträchtigen Abfallhaufen,
die in einschlägigen Büchern immer wieder gern reproduziert
werden. Wenn ich über die ohnehin schon saukomische Situation nachdenke,
meine "Machtübernahme" rekapituliere , was eigentlich nur hieß,
daß ich die Schlüssel zum Allerheiligsten, dem Archiv, in die
Hand gedrückt bekam, kommt mir dieses Häufchen sofort wieder
in den Sinn. Die vielen Schnüre, die Leitungen, die Stecker, die
Wiederholung des immer Gleichen, das konnte eigentlich nur von Joseph
Beuyes in Auftrag gegeben worden sein. Hatte der sich nicht mit DDR-Produktdesign
befaßt? War hier vielleicht einer seiner Schüler am Werk gewesen?
Vielleicht gibt es ja doch eine zwar verschlüsselte, aber dennoch
vielsagende Botschaft an uns...? Vielleicht ist sie das aber auch schon!?
Wie soll man da nicht auf komische Gedanken kommen? Urplötzlich wurde
alles, von dem die Genossen glaubten, nie davon lassen zu können,
über den Haufen geschmissen. Entsprechend viel lag herum. Kleinzeug
vor allem. Frei konvertierbar. Formulare und anderer Papierkram. Wenn
der Wind über die Mauer kam und wie wild geworden in den Hof blies,
glaubte man das Wirken des Leibhaftigen zu spüren. ( "Den Teufel
spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte."
) Es stiebte wie verrückt. Der genialische Schöpfungsplan wirbelte
so gründlich durcheinander, daß man sich nur noch fragen konnte,
wozu das gut gewesen war. Am Ende mußten sich das wohl die einen
wie die anderen - freilich aus total unterschiedlichen Beweggründen
- fragen. Ein Akt der Gnade? Ein Werk des Antichristen? Wer weiß,
was dieser Lesestoff noch alles an Verwirrung gestiftet hätte, wenn
er an richtiger Stelle eingelesen worden wäre? Jetzt kam erst einmal
der Hausmeister daher und kehrte das alles fein säuberlich zusammen.
Ein großer Haufen Müll. Der Müll meiner Geschichte.
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