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Sperrmüll
(© Manfred Burghardt)

 
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Die Möbel, die unser Wohnzimmer besetzt hielten, waren plötzlich wie besessen.
Schienen wie von zwanghaftem Diensteifer befallen. Sie behaupteten ihren Platz und leisteten, wenn es sein mußte, sogar Widerstand: "Hier stehen wir, hier bleiben wir! Keinen Millimeter zur Seite!" - "Laß sie, sagte ich zu meiner zu allem entschlossenen Frau, "schließlich haben sie sich um uns verdient gemacht." Renate, um Einfälle nie verlegen, geht nun konspirativ gegen das Meublement vor. Das Sofa bemerkt es zuerst und biedert sich, wie es sich für ein Sofa gehört, sofort liebedienerisch an; die seßhaften Sessel verstecken sich hinterm Couchtisch, grinsen gemein. Wir lassen sie also links stehen, eigentlich geht es ja auch nur so. (Immerhin war das einmal ein Vorschlag aus "Kultur im Heim"gewesen!) Mir machte das schon alles gar nichts mehr aus, Renate schon. Das hatte Folgen! Renate versucht nun, mit der aus einem Block gehauenen Schrankwand ins Gespräch zu kommen. Mit der versucht sie es immer und immer wieder, obwohl sie ganz genau weiß, daß gerade die so unbeweglich ist wie sonst nichts in diesem Zimmer. Nein, die bekamen wir nicht auf unsere Seite. Die war verstockt, beharrte eigensinnig auf ihrem Standpunkt. Eigenschaften, die sonst nur Immobilien eigen sind.
Jedesmal, wenn wir wieder einmal einen Versuch starten wollen, uns von dem ganzen alten Kram zu trennen, vernehmen wir ein metaphorisches Geraune? Wir hatten den Fernseher in Verdacht.
Da jammert der auch schon, will partout um keinen Preis hervor, kreischt, kreischt wie ein kleines Kind.
Schreit plötzlich, schreit auf Englisch auf: "Jeh, jeh, jeh!" Da kommt ein Zwischenruf von hinten: Das Bücherregal. Wir hören nicht darauf. Unsere Bücher möchten wir selbstverständlich weiter um uns haben. Aber alles andere...? An jeder Straßenecke, vor jedem Wohnblock liegt jetzt herum (wie hingestellt und nicht abgeholt), was lange seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit getan hat. An den Sammelplätzen hat sich das Meublement - verwohnt bis zum Gehtnichtmehr - zusammengerottet. Die Wohnideen der letzten 100 Jahre - einfach kreuz und quer über den Haufen geworfen. Abgewetzte Sitzgelegenheiten, eingeknickte Bänke, Stühle, Schränke verstellen den Weg. Unerfüllte Wünsche, abgestandene Gefühle, kaum befriedigte Lüste, schweben - eine letzte Ahnung von irgendetwas - über den schnell errichteten Barrikaden. Ein Haufen Glück. Ein Häufchen Unglück. Ein Mischmasch aus beidem. Besonders wenn so ein ramponiertes Teil offen sein Herz ausschüttet, tiefe Einblicke in sein Innenleben gestattet, ist das kaum noch zu ertragen. Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob nicht vielleicht auch ich ....?So manch ein Stück kann allerdings auch von Glück sagen, hier nicht schon viel, viel früher gelandet zu sein. Wo hat man so etwas nur noch so lange ausgehalten, ja ertragen? Mich würde aber trotzdem nicht wundern, käme jetzt jemand, und nähme sich das Ding wieder stillschweigend mit ins Haus. Noch wäre Zeit dazu.
Kaum etwas von all dem Zeug kann doch wirklich an sich halten. Alles wird ausgeplaudert, anstandslos. Und gelegentlich erzählt so ein Sesselungetüm dann auch noch - immer noch wie besessen von seiner ursprünglichen Wohnidee - aus seinem mehr oder weniger spießigen Polsterleben. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Zeitgenossen es doch gibt, die den Müll anderer Leute ausschnüffeln und - hast du nicht gesehen - mit dem einen oder anderen Stück glücklich wieder abziehen. Wie kommen die eigentlich dazu, frage ich mich, sich Dinge herauszunehmen, die ihnen nicht zustehen? Gehört sich das?
Unbekümmert setzen sie sich an den gedeckten Tisch, legen sich in's gemachte Bett, mischen sich frech in Intimitäten. Denken die sich überhaupt etwas dabei?
Wenn ich nur daran denke, wo sich dies und jenes Teil (besonders jenes!) aus unserer Wohnung jetzt herumtreibt, dann kommt mir das so vor, als ob dieses Mist-Stück, nur weil es nichts Besseres mit sich anzufangen weiß, fremdgegangen wäre.
So einfach, wie man vielleicht einmal geglaubt hat, daß man sich von den Sachen trennen könnte, ist es jedenfalls nicht mehr. Die Dinge hängen einem an. Die Leute haben mittlerweile ein Auge drauf.
Man sieht dem ganzen Zeug doch schon aus einiger Entfernung an, wer es einmal 'besessen' hat und was genau einer damit getrieben hat. Nur zu gerne wird man doch bereit sein, das alles, was man da zu sehen kriegt, zu verallgemeinern.
Was aber auch für ein Sammelsurium! Ein kurzer Abriß der letzten 20 bis 30 Jahre. Friedensware. Schicksalsschläge. Sogar Zusammengeschraubtes von IKEA ist bereits darunter. (Dieser Liebe hätte man wirklich gewünscht, daß sie etwas länger hielte.) Aber mach was dagegen, niemand hat heutzutage mehr Geduld - selbst Möbeln läßt man keine Chance -, sich peu a' peu an einen Beischläfer zu gewöhnen. Geheimnisvoll schweigt, weil immer noch wie neu (!), ein Drehstuhl vor sich hin. Vor welchem Schreibtisch hat darin wohl einer seinen Arsch drehen wollen? Nun hat man ihm das gute Stück, dem man den Chefsessel noch immer ansieht, einfach unterm Allerwertesten weggezogen.
Plumps. Da liegt er! Unter wahren Ungetümen von Beleuchtungskörpern brechen Ehebetten zusammen. Das Schicksal einer alten Bettstatt geht mir, bei aller Liebe, dann aber doch nicht so sehr ans Herz. Für eine Stehlampe daneben entwickle ich sonderbarerweise mehr Mitgefühl. Auf drei Beinen balanciert - total ungeschickt, aber irgendwie nett anzusehen -, ein spitzfüßiges Couchtischchen aus den 50ern. Noch immer teilt ein windschiefer Raumteiler - dienstgeil bis zuletzt - den ganzen Plunder in annähernd gleich große Hälften. Warum eigentlich? Man hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, all den Nippes herauszunehmen... Einmal abgesehen von den Abfalleimern, begehen natürlich die Sitzmöbel, ob sie das nun wollen oder nicht, den größten Geheimnisverrat. Bevor man die aussondert, wird zwar immer erst noch einmal versucht, die unübersehbaren Spuren gelebten Lebens zu beseitigen, bzw. zu verwischen, bis man es schließlich dann aber doch sein läßt und sie lediglich um Verschwiegenheit ersucht. Vergebens. Sie sind bereits dabei, sich plausible Ausreden für den Fall einfallen zu lassen, daß sie beim Petzen erwischt werden. Und sind sie nicht überhaupt verpflichtet, wahrheitsgemäß auszusagen? Gab es da nicht diesen Passus: "Mir ist bekannt, daß unrichtige oder unvollständige Angaben unweigerlich die sofortige Entlassung aus dem Öffentlichen Dienst nach sich zieht...?"
Steht das nicht irgendwo? Auch hiesige Möbel können also erzählen. Olala! Da wird sich so manch einer aber ganz schön wundern.
Zumindest Gedanken machen wird der sich, wenn nicht gar auf komische Ideen kommen. Schließlich hatten auch wir uns hier eingerichtet und den unbezähmbaren Leidenschaften gefrönt. Haben Exzesse (von denen man gehört hatte) nachgestellt - kurz und gut: gelebt, wie es sich gehörte...oder auch nicht gehörte. (Von der Intensität hiesigen gelebten Lebens künden heute immerhin noch die wesentlich kürzeren Lebens-Laufzeiten!) Neulich, ein Spaß, den ich mir mittlerweile noch einige Male, wenn auch immer nur klammheimlich, gegönnt habe, blieb ich beim Spaziergang direkt vor einem kleinen Lebensmittelladen stehen. Was sag ich, einer ehemaligen HO-Verkaufsstelle. Sein bevorstehendes schnelles Ende stand längst angeschrieben: "Räumungsverkauf ".
Ich sinnierte lange vor dem Schaufenster, das bereits Anstalten machte zu erblinden, schloß die Augen und stellte mir die Auslagen des Lädchens in frühen DDR-Zeiten vor... Nicht nur der Geschmack der Wörter war bald wieder da, alles war plötzlich wieder da, selbst der bekannte Geruch (den hier Duft zu nennen völlig unangebracht gewesen wäre) mischte sich unter die Erinnerungen, kroch in jede Gedächtnislücke.
Köstlich, mmh -, so etwas ist heutzutage einfach nicht mehr aufzutreiben. Plötzlich hätte ich alles in mich hineinschlingen mögen - und das trotz strengster Diät. Nur unter den an und für sich sehr flachen Ladentisch wollte mir, wie ich mich auch anstrengte, kein einziger Blick gelingen. Dabei hätte mich wirklich einmal brennend interessiert, was da noch so alles herumliegt bzw. für wen es zurückgelegt worden war. Aber das nur nebenbei.
Meine Klientel wird sich ja nicht ausgerechnet bis in diesen Laden verlaufen haben...

Obwohl ich jetzt ein Lüstchen dazu verspüre, meine Nase da hinein zu hängen, lasse ich all das Gerümpel, mit dem die Flure des ehemaligen "Rates des Kreises"( Wann je wird es wieder solch schöne Genitive geben?) verstellt sind, links liegen. Im Vorübergehen drängen sich mir unauslöschliche Bilder auf. Mir wird ein großer Haufen Telefone, alle noch wie neu (es schienen sogenannte Feldtelefone zu sein), nie wieder aus dem Kopf kommen. Was für eine Symbolik! Dieses Telefonhäufchen mischt sich mit schwarz- weiß Fotos von anderen geschichtsträchtigen Abfallhaufen, die in einschlägigen Büchern immer wieder gern reproduziert werden. Wenn ich über die ohnehin schon saukomische Situation nachdenke, meine "Machtübernahme" rekapituliere , was eigentlich nur hieß, daß ich die Schlüssel zum Allerheiligsten, dem Archiv, in die Hand gedrückt bekam, kommt mir dieses Häufchen sofort wieder in den Sinn. Die vielen Schnüre, die Leitungen, die Stecker, die Wiederholung des immer Gleichen, das konnte eigentlich nur von Joseph Beuyes in Auftrag gegeben worden sein. Hatte der sich nicht mit DDR-Produktdesign befaßt? War hier vielleicht einer seiner Schüler am Werk gewesen?
Vielleicht gibt es ja doch eine zwar verschlüsselte, aber dennoch vielsagende Botschaft an uns...? Vielleicht ist sie das aber auch schon!? Wie soll man da nicht auf komische Gedanken kommen? Urplötzlich wurde alles, von dem die Genossen glaubten, nie davon lassen zu können, über den Haufen geschmissen. Entsprechend viel lag herum. Kleinzeug vor allem. Frei konvertierbar. Formulare und anderer Papierkram. Wenn der Wind über die Mauer kam und wie wild geworden in den Hof blies, glaubte man das Wirken des Leibhaftigen zu spüren. ( "Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte." ) Es stiebte wie verrückt. Der genialische Schöpfungsplan wirbelte so gründlich durcheinander, daß man sich nur noch fragen konnte, wozu das gut gewesen war. Am Ende mußten sich das wohl die einen wie die anderen - freilich aus total unterschiedlichen Beweggründen - fragen. Ein Akt der Gnade? Ein Werk des Antichristen? Wer weiß, was dieser Lesestoff noch alles an Verwirrung gestiftet hätte, wenn er an richtiger Stelle eingelesen worden wäre? Jetzt kam erst einmal der Hausmeister daher und kehrte das alles fein säuberlich zusammen. Ein großer Haufen Müll. Der Müll meiner Geschichte.


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