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Jedesmal, wenn uns ein amtliches Briefchen ins Haus
flattert und wieder einmal eine Behörde um einen ultimativen Lebensbeweis
einkommt, machen wir uns entnervt in die Spur nach unseren Spuren.
Fünfmal sind wir bis jetzt umgezogen. Immer im Kreis herum. Immer
im Umkreis von nur wenigen Kilometern. Weiter fortgezogen hat es uns nie.
Irgendwann, wenn es wieder einmal soweit war, haben wir dann irgendwelche
Sachen hochgehalten und die alles entscheidende Frage gestellt: "Brauchen
wir das noch?" Und jedesmal lautete die Antwort vollkommen gleich: "Weg
damit!" - um dann ziemlich bald hinterher feststellen zu müssen,
daß wir gerade das nicht hätten wegschmeißen sollen...
Daß auch einmal um jedes, aber auch wirklich um beinahe jedes noch
so kleine Stückchen Papier so viel Aufhebens gemacht werden würde,
wie sollte man das nur ahnen. Dazu, das alles noch einmal ordentlich ordnen
zu können, würden wir später immer noch kommen, dachten
wir. Denkste! Manches Lebenszeichen finden wir doppelt und dreifach vor,
aber dann... da müssen wir auf ganz leisen Sohlen geschlichen sein.
Nichts! Rein gar nichts...! Kein Abdruck. Nicht einmal ein Fingerzeig.
Zu dieser Zeit scheint es uns einfach nicht gegeben zu haben. Dabei waren
wir gerade da doch besonders aktiv. Haben gemacht und getan, uns da eingemischt
und dort hineingedrängt. Sogar Leben gezeugt haben wir. Ach, und
was weiß ich nicht noch alles? Damals haben wir uns eben auf vielen
Hochzeiten herumgetrieben! Und wenn wir Glück hatten, großes
Glück, da warf dieses Leben sogar noch Glück für uns ab.
Was blieb uns eigentlich auch anderes, als sich genau in dieses Leben
zu schicken?
Wenn man sich darin auch nicht (so richtig) ausleben konnte, einfach austreten
konnte man daraus auch nicht. Es sei denn, man war ein Totalverweigerer,
und es konnte einem sowieso gestohlen bleiben. Sich aber seiner Zeit verweigern,
heißt schließlich nichts anderes, als sie einfach nur verstreichen
zu lassen. "Weg damit ?!" - Na, vielleicht noch was!?
Ce la vie! Irgendwie steckt man ja trotzdem noch mittendrin. Mit drin!
Manchmal denke auch ich: nimmst es einfach wie es war und setzt es dir
nur irgendwie anders wieder zusammen. Dann ließe sich vielleicht
sogar noch etwas damit anfangen!? Aber dazu müßte man es erst
noch einmal wieder haben. Aber es ist weg! Gelebt. Durchgebracht. Womit
soll ich denn jetzt noch belegen können, daß auch dieses Leben
( im Gegensatz zu der veröffentlichten und damit weit verbreiteten
Meinung) durchaus "lebenswert" war. Man hat halt gelebt. Muß ja.
Und selbst die, die heute unter öffentlichen Druck ständig ihre
Vergangenheit umschreiben, werden bald merken, daß die Summe untem
Strich trotzdem immer gleich bleibt.
Dabei hätte gerade ich es wissen sollen, wie wichtig diese klitzekleinen
Lebensabschnitte einmal werden können. In unserem Laden waren sie
eine ganze Zeit lang das Allerwichtigste überhaupt. Ohne Marken kein
Leben. Die Abschnitte mußten sorgsam mit Mehlkleister auf Zeitungspapier
aufgeklebt und für die Nachwelt aufbewahrt werden.
An Wochenenden saß alles, was sich nur schmutzige Hände machen
konnte, um den großen Küchentisch herum und klebte. Klebte
was das Zeug hielt. Dieses wochenendliche Kleben, in dem ich da lebte,
war in seiner stupiden Regelmäßigkeit bald schlimmer als der
leidige Abwasch, zu dem ich nur gelegentlich verdonnert wurde. Spaß
hatte ich eigentlich nur dann, wenn so ein Zeitungsfoto, auf dem mein
Mehlkleisterpinsel wie wild herumtanzte, in meinem Sinne mitspielte und
der dort Ab-Gebildete (es waren ja meist ältere Herrschaften!) aus
der Fassung geriet. Das Zeitungspapier wellte sich dann, und so ein Gesicht
fing an, richtig zu leben. Manch einer arbeitete auch aktiv mit, legte
die Stirn in Falten, schnitt Grimassen oder machte Faxen. Wilhelm Pieck,
unser Arbeiterpräsident, war ein solcher Spaßvogel. Ulbricht,
obwohl er immer vorgab, volkstümlich sein zu wollen, war dagegen
ein regelrechter Spielverderber. Der verzog keine Miene, der blöde
Hund. Nach dem Einpinseln sah er immer gleich aus. Immer wie ein Mann
mit Bart, der Griesbrei gegessen hatte. Hatte einmal eine Zeitungsseite
keine Fotos, was leider sehr oft vorkam (lange Reden!), dann mußte
man sich seine Einfälle aus den Kleisterspuren selbst herauslesen.
Da spielte es dann durchaus eine Rolle, ob einer a la prima strich oder
eben lasierend, so wie die alten Meister auch. Ich bevorzugte - wie heute
noch in der Kunst - die Primamalerei, sparte keieswegs mit Mehl und trug
immer dick auf. Irgendwann stellten sich dann die Bilder wie von selbst
ein. Die nächste Zeitungsseite hielt schon wieder ganz andere Überraschungen
bereit.
"Leipziger Messe" - ganze Fotostrecken breiten sich plötzlich vor
einem aus. Walter Ulbricht schüttelt Hände oder bekam sie geschüttelt...
Eine Art Sinnlosbehörde müßte her. Aber ganz schnell noch.
Und das möglichst noch, solange sich die Leute hier an den ganzen
ausgemachten Unsinn auch noch einigermaßen erinnern können.
Denn natürlich vergißt man so etwas - oder will es vergessen.
Auch vergessen machen wollen's die einen oder anderen bereits. Besonders
diejenigen, die uns mit der Verblödung immer ein paar Schritte voraus
waren, haben plötzlich gar kein erkennbares Interesse mehr daran,
daß man sich das auch noch länger merkt. Eine solche "blödsinnige"
Sammelstelle wäre also schon aus diesem Grunde angebracht und unbedingt
erforforderlich. Wenn die führenden Genossen schon fest mit unserer
Dummheit rechneten, wollen wir ihnen das wenigstens auch nicht so schnell
vergessen. Also nicht einfach abschreiben den ganzen Quatsch, als hätte
es ihn nie gegeben. Es gab ihn! Man erinnere sich! Wer weiß, wozu
man das Wissen noch einmal brauchen kann? Ganz schnell noch erfassen also
diesen Blödsinn (Etwa so wie Dr. Murkes gesammeltes Schweigen), die
Belege könnten einmal wichtig werden. Auch sinnloseste Sinnlosigkeiten
müssen hieb und stichfest belegt werden können. Das wird nicht
einfach werden - ich weiß - , zumal kein erkennbares System ( wie
bei der Stasi) hinter der ganzen Angelegenheit steckt. Keiner wird später
einmal glauben wollen, daß es so etwas überhaupt gegeben hat.
Ein Bundesbeauftragter für Sinnlosigkeiten - warum nicht wieder ein
Pfarrer ? - könnte auch dieser Einrichtung vorstehen. Ein Gebäude
für die zu erwartende Materialflut ließe sich garantiert noch
schnell finden. Genau hier könnte übrigens auch die immer mal
wieder geforderte Schreibstube angegliedert sein, wo unter fachlicher
Anleitung Lebensläufe umgeschrieben werden können. Damit käme
auch in diese Angelegenheit endlich System hinein, ansonsten fummelt ja
doch jeder weiter für sich allein an seinem Leben herum. Wenn auch
nicht eben viel dabei "herumgekommen" ist, Arbeit haben wir ja trotzdem
damit gehabt. Also aufbewahren! Vielleicht gelingt es einem ja doch, wenigstens
später einmal kräftig darüber zu lachen. Von all dem anderen
Kram, den man bisher so penibel aufgesammelt hat, hat man ja doch weiter
nichts als nur Ärger zu erwarten! - Ich weiß, ich weiß!
Es ist gar nicht so einfach, jetzt im Rückblick nicht auch noch überlegen
zu tun, aber warum soll einem denn nicht wenigstens einmal etwas "vorschweben"
dürfen?
Eigentlich warte ich ja sowieso nur noch darauf, daß
mich mal einer anspricht und mir auf den Kopf zusagt, daß ich ja
gar nicht mehr ich selber sei. Das wär's dann. Dann müßte
ich auch noch zugeben, daß ich tatsächlich ein anderer bin.
Zwar kein völlig anderer, aber immerhin: ein anderer. "Sie sind jedenfalls
nicht der, der Sie vorgeben, sein zu wollen", wird der Mann dann sagen
(natürlich ist es ein Mann, welche Frau spricht das schon so direkt
an!) und wird darauf verweisen, daß er mich (wen auch immer genau
er damit meinen mag), über lange Jahre hindurch gut gekannt hat,
um jetzt nicht auf so eine Fälschung hereinzufallen. Immerhin hätte
er doch Augen im Kopf, sagt der Mann, die hätten ihn noch nie getrogen.
Im übrigen verfüge er über ein phänomenales Personengedächtnis,
auf das erwiesenermaßen schon ganz andere, die hier einmal nichts
zur Sache täten, zurückgegriffen hätten.
Wenn sich möglicherweise auch diese anderen jetzt täuschen ließen,
ihm jedenfalls könne ich kein X für ein U vormachen... "Pech
gehabt, mein Lieber!" sagt er mit unverhohlenem Stolz , "Künstlerpech!"
Um mich auszuweisen, wie er es gefordert hat, halte ich ihm meinen eingeschweißten
bundesdeutschen Personalausweis unter die Nase. - "Sag ich doch", sagt
der Mann , "sag ich doch", und dabei geht er zum einvernehmlichen Du über
(eine Anbiederei, die mir seit jeher auf den Keks geht). "Du bist das
jedenfalls nicht! Das kann sonstjemand sein, Du auf gar keinen Fall. "Wie
überhaupt hast Du Dich in den Besitz dieses Dokumentes gebracht?"
will er plötzlich wissen und strafft sich gewaltig, wächst förmlich
über sich hinaus. Dies zu erfahren, wäre für ihn erst einmal
von Interesse. Über alles andere müßte er nachdenken.
Er wirft mir einen Blick zu, der mir gewissermaßen unterstellt,
mich heimtückisch selbst umgebracht zu haben. Zum ersten Mal schaue
ich mir deshalb mein Paßbild - ein künstlerisch gestaltetes
Foto übrigens, eine Atellieraufnahme - genauer an. Die Fotografin
(Foto Engels, Bad F.) achtete damals, wie ich mich noch gut erinnere (so
häufig geht man ja nicht zum Fotografen!), genau darauf, daß
ich auch ja meine Schokoladenseite in die Kamera drehe. (Sie nahm sogar
meinen Kopf in beide Hände und drehte selbst.) Ich war schon drauf
und dran gewesen, mich hinterher bei meiner schlechteren Hälfte zu
entschuldigen, die sich ja regelrecht vernachlässigt vorkommen mußte.
Neben der Rätin machte das Konterfei in der Broschüre, das mir
in seiner kleineren Ausführung auch als Paßbild zupaß
kam, dann aber durchaus etwas her. -
Tatsächlich! Ist das denn die Möglichkeit!! Ich selbst erkenne
mich zwar noch, vor allem, weil ich mich lang genug ja nur so gekannt
habe - ganz schön stattlich! - , aber ich erkenne mich auch kaum
noch wieder. Begegnete ich mir selbst auf der Straße, ich würde
doch glatt an mir vorübergehen! Der etwas bärbeißige Typ
auf dem Foto, keine Frage, das war ich mal. Klar. Aber hat mich nicht
heute morgen ein völlig anderer aus dem Rasierspiegel heraus angeschaut.
Etwas jünger, etwas grauer, etwas...... Verflucht, habe ich denn
tatsächlich wirklich alles, was an mich erinnern könnte, aus
meinem Leben getilgt. Nicht nur äußerlich? Wirkt sich diese
Verkleidung vielleicht im Gesicht auf eine besondere Art aus? Nun gut,
nachdem wir im Laufe der letzten Jahre - wahrlich unsere Wechseljahre
(Hitzewallungen, Schwindelanfälle, Depressionen blieben nicht aus!)
nun schon den Staat, den Wohnort, das Auto, die Schule, die Bank, die
Krankenkasse, eigentlich reineweg alles gewechselt haben - alles in allem
ein einziges Bäumchen - wechsle - Dich - Spiel -, kommt es auf die
lächerlichen paar anderen Sachen, die da noch fehlen, auch nicht
mehr an. No problem!
Gelegentlich befallen uns Zweifel. Erhebliche Zweifel. Sind wir das überhaupt
noch? So kennen wir uns doch gar nicht. Als wir den Kopf hochnehmen und
uns anblicken, sind wir zwar nicht gerade überrascht von uns, auch
tun wir nicht fremd miteinander, dafür kennen wir uns zu gut, aber
anders, anders als erwartet ( als gewöhnlich!) , sind wir schon.
Sind wir aber auch wirklich noch mit denen identisch, die unsere Namen
tragen? Renate und Manfred Brandhorst.
Mit der Wäsche, der Wäsche zum Wechseln, hat alles angefangen.
Als erstes gehe ich mir an die Wäsche, schaffe die Feinripphemden
vom Halse. Moderneres Design muß ran. Bruno Banani, ein Ostprodukt!
Ich werde zum Wechselbalg. Das steht mir, das nicht! Das lasse ich fallen,
dies tue ich mir an. Der Wechselkurs ist günstig. Die Aktien steigen.
- Aber Gesinnung, Glauben, Konfession? Was wird aus den Oberhemden, die
freilich überhaupt nicht mehr zu mir passen!? Unter Weitem von der
Stange lassen sie sich noch ein Weilchen verbergen. Die Beinkleider wechsele
ich allerdings sofort. Neuerdings bevorzuge auch ich die schrille Einfachheit
der Blue Jeans, obwohl die, wie man hört, absolut "out" sein sollen.
Macht aber nichts, sie haben wohl nur ihren Charakter verloren, ihren
Bekenntnischarakter. Das ist sogar gut so; bekennen will ich mich nämlich
zu nichts mehr - nicht einmal zu Hosen.
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