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Die Geschichte von der Puddinghexe
(© KarlHeinz Graumann)
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Ob ihr es glaubt oder auch nicht, das Hexenreich ist schon sehr merkwürdig: Da gibt es eine Hexe beispielsweise, die nennt sich Alberta, die Puddinghexe. Sie verhilft den Menschen, die zu lange stehen müssen, zu schmerzenden Beinen. Die Betroffenen haben das Gefühl, Pudding in ihren Knien zu haben. Alberta ist immer sehr stolz auf ihre Arbeit und lässt keine Gelegenheit aus, der Welt zu zeigen, dass es sie gibt.
Doch leider, leider bedenkt Alberta nicht immer, dass es außer ihr noch eine weitere Puddinghexe gibt. Dies ist ihre Schwester Kunigunde. Auch sie legt auf den Titel 'Puddinghexe' sehr großen Wert. Doch Kunigunde hat eine andere Aufgabe als Alberta: Sie sucht Menschen heim, die Pudding kochen wollen. Immer wenn in der Küche Unerfahrene einen Pudding zubereiten wollen, ist Kunigunde zu Stelle. Sie hext so lange herum, bis die Speise angebrannt und nicht mehr zu genießen ist.

Vor einigen Tagen bat mich meine beste Haushexe von allen, ihr etwas Arbeit bei der Essenszubereitung abzunehmen. In diesem Fall sollte ich nicht Kartoffeln schälen, sondern den Nachtisch bereiten. Dies mache ich immer sehr gern, da ich danach die Reste aus den Töpfen auslöffeln darf. Also stimmte ich freudig erregt zu und durfte mir sogar den Pudding aussuchen. Es sollte ein Riesentopf Schokoladendessert werden. Tatendurstig suchte ich mir die Zutaten heraus, natürlich mit erheblicher Unterstützung meiner holden Gattin. Denn welcher Normalsterbliche, der vom Kochen soviel versteht, wie ein Bulle vom Eierlegen, weiß schon so genau, welche Zutaten benötigt werden?
Nach wenigen Augenblicken war auf dem Küchentisch alles aufgebaut und ich startete mit der Arbeit. Meine Gemahlin wollte derweil einige Einkäufe tätigen.
Frohgemut machte ich mich ans Werk, was sollte denn schon passieren? Die Gebrauchsanleitungen waren alle deutlich lesbar, und ich hatte sogar meine Brille bei mir.
Also, den Topf auf den Herd, dann einen Liter nicht zu kalte Milch hinein. Dann warten, bis die Milch kochte.
Ich wartete, fünf Minuten, zehn, vielleicht auch fünfzehn Minuten. Nichts tat sich.
Hmh. Was hatte ich wohl falsch gemacht? War doch alles in Ordnung, bloß die Milch wollte nicht kochen.
Ich überprüfte den Herd. Die Platte war heiß, ich verbrannte mir sogar die Finger. Aber der Topf, was war denn mit dem Topf los? Er wollte und wollte nicht heiß werden.
Und dann sah ich die Bescherung: Das Gefäß stand gar nicht direkt auf der Kochplatte...
Ein mir unbekanntes Wesen stand hinter dem Topf und hielt ihn mit Bärenkräften hoch. Die Adern am Kopf schwollen an, aber es gab nicht auf. Dabei grinste mich die Kreatur furchterregend an und zeigte mir dabei ihren fast zahnlosen Mund. Ich fuhr sie an: "Was machst Du in meiner Küche? Lass sofort den Topf los!"
"Ich bin Kunigunde, die Puddinghexe, wenn Du es schon so genau wissen willst," krächzste das Wesen. "Ich esse für mein Leben gern Pudding und wenn Du mir die Hälfte abgibst, soll es Dein Schaden nicht sein."
"Da hört sich doch wohl alles auf," schrie ich die Hexe an, "sieh zu, daß Du Dir Deinen Pudding woanders holst. Das hier jedenfalls ist meiner. Und der ist nur für mich!"
Kunigunde lachte häßlich und begann, den Topf mit der Milch hin und her zu schwenken, bis die Milch begann, herausspritzte.
Ich versuchte natürlich, sie daran zu hindern, doch alles was ich erreichte, war, die Hexe wurde immer wilder und ausgelassener: "Er gibt mir keinen Pudding, er gibt ihn mir nicht," sang, nein gröhlte sie, "dann soll er auch keinen haben, der arme Wicht."
Mit diesen Worten schüttelte sie den Behälter so stark, daß ich über und über mit Milch bespritzt wurde. Dann, als der Topf leer war, verschwand die kleine fürchterliche Hexe auf Nimmerwiedersehen.
Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld: Überall Milchspritzer. Zu allem Überfluß kam jetzt auch noch meine Holde vom Einkaufen zurück und brach fast in Tränen ob des Chaos' aus. Meine Erklärungen nutzten nichts, wer glaubt schon an Hexen?
"Du hast Dich wieder zu blöd angestellt," maulte sie, "verschwinde aus der Küche. Und den Pudding kannst Du auch vergessen."
Das war mein Erlebnis mit der Puddinghexe Kunigunde. Nun gut, ich bin hart geblieben, sie hat nichts abbekommen. Aber leider habe auch ich keinen Nachtisch bekommen und meine Frau lacht sich heute noch scheckig über meine Ausreden mit der Puddinghexe.


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