Ich traf sie erstmalig am 28. Februar. Ich schlenderte gedankenverloren
durch die Gassen meiner Heimatstadt. Der Tag im Betrieb war furchtbar
gewesen. Die Kaffeekasse war leer gewesen, Meier aus der Buchhaltung
hatte sich überraschend krank gemeldet, meine Lieblingssekretärin wollte
plötzlich nichts mehr von mir wissen, ein Kunde fühlte sich übervorteilt
und zu allem Überfluss hatte mich mein Chef vor versammelter Mannschaft
zur Schnecke gemacht.
Alles in allem war ich nun völlig fertig.
Und dann stand sie plötzlich vor mir und strahlte mich aus Augen, von
denen eine merkwürdige Faszination ausging, an. Mich, den alten Mann,
der kurz vor der Pensionierung stand, sprach sie an. Nicht den jungen,
sportgestählten Jogger, der an uns vorüberkam. Auch nicht den Jungen,
der gleich gegenüber sich bemühte, das Abendrot mit seinem Malstift
einzufangen. Nein, sie sprach mich an und entführte mich an eine ruhige
Stelle im Stadtpark.. Hier sprachen wir über meine Sorgen. Sie hörte
mir zu, ohne mich zu unterbrechen, nachdenklich.
Nach einiger Zeit des Redens hielt ich inne, schaute sie an. Als ich
in ihre Augen sah, kroch mir eine Gänsehaut über den Rücken. Wie kam
sie dazu, sich mit mir zu beschäftigen? Sie war doch höchstens sechzehn
Jahre alt. Ich musste aufpassen, dass man mich nicht als Sittenstrolch
verfolgte, weil ich mich mit einem so jungen Mädchen traf. Mein Gott,
wenn man mich hier sah! Was würde meine Wirtin sagen, wenn abends die
Polizei vor der Tür stünde? Was meine wenigen Freunde?
Das Mädchen lächelte: “Sie sollten sich nicht so viele Gedanken über
mich machen. Es war schön mit Ihnen zu plaudern, von Ihren Sorgen zu
erfahren. Aber Sie werden sehen, alles wird sich wieder einrenken, glauben
Sie mir!“
Mit diesen Worten stand sie auf und wandte sich zum Gehen.
„Halt, warten Sie,“ rief ich, „Sie können doch jetzt nicht einfach gehen!“
„Ich muss leider, aber wir werden uns bald wiedersehen.“
Mit diesen Worten verschwand sie im aufziehenden Nebel. Lange stand
ich noch da und überdachte das soeben Erlebte. Dann, als meine Füße
begannen von der Kälte zu schmerzen begab ich mich auf den Heimweg.
Tage und Wochen gingen ins Land, die Missverständnisse in meiner Firma
hatten sich in Wohlgefallen aufgelöst. Nun war ich, trotz meines fortgeschrittenen
Alters, die rechte Hand meines Chefs geworden. Er wollte eben nicht
auf meine Lebenserfahrung und mein Wissen verzichten.
Es war Sommer, zumindest nach dem Kalender. Fast täglich konnte man
im Wetterbericht hören, dass der Mai viel zu nass gewesen war und der
nun im Kalender stehende Juni nicht viel besser werde. Es sei viel zu
kühl und einige Zugvögel meinten schon, sie hätten sich hierher verirrt.
Mein Urlaub näherte sich mit Riesenschritten. Ich wollte eigentlich
für einige Wochen an die See fahren, doch bei diesem Wetter verging
mir dazu die Lust. Also schlurfte ich eines Abends griesgrämig in ein
nahegelegenes Cafe, um mir Gedanken über die kommende Freizeit zu machen.
Ich bestellte mir eine große Tasse heißen Kaffee und stierte blind aus
dem Fenster.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Eine wohltönende Stimme schreckte mich
aus meinen Gedanken auf. Ich schaute auf. Eine Mittvierzigerin stand
an meinem Tisch und schaute mich fragend an. Ich blinzelte verwirrt,
die Frau kannte ich nicht, war ihr noch nie begegnet. Aber diese Augen.......
Wo hatte ich die nur schon einmal gesehen?
„Darf ich mich nun zu Ihnen setzen?“ fragte sie erneut. Geistesabwesend
sprang ich auf und bot ihr einen Stuhl an, ging langsam zurück an meinen
Platz. Ich zermarterte mir das Hirn: Diese Augen!!!
„Wie geht es Ihnen? Erkennen Sie mich nicht?“ Die Frau lächelte mich
an. „es ist schon einige Monate her.....“
Ich schaute sie an, sah hauptsächlich diese strahlenden Augen. Nein,
das konnte nicht sein. Diese Augen!!!! Das junge Mädchen damals hatte
die gleichen Augen gehabt.
„Nein, nicht was Sie denken. Ich bin nicht die Mutter. Ich bin es selbst.“
„Das kann doch nicht sein. Sie haben es gerade selbst erwähnt, es ist
nur einige Monate her!!??“
„Doch,“ erwiderte sie, „es ist wirklich so. Auch wenn Sie es nicht verstehen.
Nach Ihrer Zeitrechnung bin ich heute etwa achtundvierzig Jahre jung
oder alt, wie man es nimmt. Aber trösten Sie sich, alle meine Vorfahren
sind, nach Ihrer Zeitrechnung etwa sechsundneunzig Jahre alt geworden.“
„Was soll das bedeuten: ‚Nach Ihrer Zeitrechnung’? Stammen Sie nicht
von hier? Sind Sie eine Außerirdische?“ Mir verschlägt es fast die Sprache.
Ich, ein alter Buchhalter, treffe ein Wesen aus einer anderen Welt.
„Nein, nein,“ entgegnet sie. „Ich bin von dieser Welt, so wie Sie und
alle anderen Menschen hier im Cafe. Trotzdem bin ich anders, aber ich
kann es Ihnen nicht erklären. Eines Tages werden Sie alles verstehen.
Nun ist aber wieder die Zeit gekommen, dass ich Sie verlassen muss.
Es hat mich gefreut, Sie gesund und munter wieder zu sehen. Es wird
nicht lang dauern und wir werden uns erneut treffen.“
Mit diesen Worten erhob sie sich und schickte sich an zu gehen.
„Warten Sie,“ rief ich. „Kann ich Sie noch ein Stück begleiten?“
„Nein, das ergibt keinen Sinn. Ich muss meinen Weg allein gehen.“ Damit
verschwand sie, genau wie damals im Februar.
Lange noch saß ich, tief in Gedanken versunken, in meinem kleinen Cafe.
Wer oder was war diese Frau. Sie kam nicht von einem anderen Stern,
hatte sie betont. Sie war von dieser Welt. Aber, wie konnte das sein?
Wie konnte ein Mensch innerhalb so kurzer Zeit derart altern? Ging das
alles mit rechten Dingen zu?
Fragen über Fragen, aber keine befriedigende Antwort in Sicht. Niemand,
den ich hätte fragen können. So vergaß ich mit der Zeit das Problem,
ich hätte so oder so nichts an den Tatsachen ändern können.
Die Monate vergingen wie im Fluge. Schon war der Herbst gekommen, ging
vorüber. Der Winter kam und mit ihm das Weihnachtsfest. Allein, nur
mit meiner ebenso einsamen Zimmerwirtin feierte ich das Fest der Feste.
Nun stand der Jahreswechsel, Silvester, vor der Türe. Meine Zimmerwirtin
hielt es daheim nicht mehr aus, sie buchte einen Kurzurlaub auf den
Malediven. Ein Urlaub, den ich mir als einfacher, alter Buchhalter nie
leisten könnte. Ich war allein, allein mit meinen Gedanken und Sehnsüchten.
Der letzte Tag des Jahres kam, mein Chef hatte alle Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen zu sich bestellt und wünschte nun uns allen einen guten
Jahreswechsel und alles Gute für das kommende Jahr. Wir prosteten uns
zu, redeten noch ein wenig. Bald darauf verstreuten wir uns in alle
Winde. Die meisten zog es heim zu ihren Familien und zu ihren Freunden.
Nur ich, ich hatte niemanden, mit dem ich die Silvesternacht hätte feiern
können.
Einsam schlenderte ich durch die dunklen, kalten Gassen meiner Heimatstadt,
ließ das nun vergehende Jahr an mir vorüberziehen. Gute und schlechte
Zeiten hatte ich erlebt, allerdings überwogen die besseren.
Plötzlich, ich weiß heute auch nicht mehr warum, blieb ich stehen. Ich
fühlte mich beobachtet. Vorsichtig sah ich mich um, in diesen Zeiten
musste man immer damit rechnen, überfallen zu werden. Aber nichts Verdächtiges
war in meiner Nähe auszumachen.
Langsam ging ich weiter, immer noch mit einem merkwürdigen Gefühl im
Nacken. So schnell es meine müden alten Füße erlaubten drehte ich mich
nun um. Nichts. Doch, da hinten in einem Hauseingang, da war jemand.
Eine zusammengekauerte Gestalt, die mich unverwandt ansah. Ich trat
auf sie zu, ohne an eine mögliche Gefahr zu denken. Es war eine alte,
uralte Frau mit verwittertem Gesicht. Aber ihre Augen strahlten heller
als der Mond. Wieder kroch mir eine Gänsehaut über den Rücken. Diese
Augen, sie passten nicht zu ihr. Langsam dämmerte es mir.
„Sind Sie das?“ fragte ich. „Sie, das junge Mädchen vom Februar? Die
reife Frau vom Sommer?“
Die Alte kicherte leise: „Sie haben mich wiedererkannt. Wer hätte das
erwartet. Ich habe es Ihnen prophezeit: ‚Wir sehen uns wieder!’ Erinnern
Sie sich noch?“
Natürlich erinnerte ich mich, wehmütig schaute ich sie an.
„Seien Sie nicht traurig,“ meinte sie, „ich bin nun sechsundneunzig,
mein Leben ist so gut wie vorüber. Aber ich habe eine Bitte an Sie:
Würden Sie mich auf meinem letzten Wege begleiten? Es tut gut, eine
vertraute Seele bei sich zu haben.“
Unfähig zu sprechen nahm ich ihren linken Arm und zog sie zu mir hoch.
Sie war leicht wie eine Feder, Tränen wallten in mir auf. Wo war dieses
wunderbare Geschöpf geblieben? Wo die Jugend? Nur die strahlenden Augen
erinnerten an sie.
Langsam, gemessenen Schrittes, gingen wir durch die Stadt. Nicht ich,
der kräftige Mann, nein sie, das zerbrechliche, uralte Wesen führte
mich. Die Straßen lagen still und verlassen, wir sprachen kein Wort,
um den feierlichen Moment nicht zu stören.
Dann, nachdem wir etwa zehn Minuten schweigend gegangen waren, blieb
sie abrupt stehen. Beinahe wäre ich gestolpert, so unvermittelt war
es. Sie schaute mich an:
„Hier ist es. Sehen Sie die Nebelwand? Durch diese muss ich gehen.“
„Werden wir uns wiedersehen?“ fragte ich mit belegter Stimme.
Sie schüttelte langsam das welke Haupt: „Nein, das ist nicht möglich.
Es ist schon selten genug, dass mich jemand überhaupt sehen konnte.
Leben Sie wohl.“
Mit diesen Worten machte sie sich von mir los und ging langsam auf den
Nebel zu.
„Warten Sie, wie heißen Sie eigentlich?“ rief ich hinter ihr her. Ich
wollte ihr folgen, aber eine unsichtbare Macht hielt mich zurück.
Sie drehte sich noch einmal um: „Ich heiße Zweitausend!“
„Wie bitte?“
„Ich bin das Jahr 2000, das nun zu Ende geht!“
Überall begannen die Glocken der Kirchtürme das Neue Jahr einzuläuten.
Noch drei Schläge, noch drei Schritte. Ich stand da wie betäubt.
Noch ein Schlag, dann war Mitternacht.
Die Frau machte den letzten Schritt und...... verschwand.
Hinten im Nebel sah ich ein neugeborenes Kind, das mich mit strahlenden,
faszinierenden Augen ansah.