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Unsanft wurde Mathilde aus ihrem Schlaf gerissen. Schon
wieder dieser kläffende Köter bei seinem Morgenspaziergang. Es war nicht
auszuhalten. Konnte Frau Moser ihm dieses Kläffen nicht abgewöhnen? Moritz,
ihr treuer Gefährte, wühlte sich unter der Bettdecke hervor, stellte seine
Haare auf und knurrte. So! Nun war auch ihr Hund geweckt worden. Und das
bedeutete, dass sie keine Zeit mehr für einen ruhigen Morgenkaffee hatte,
denn Moritz bestand nun seinerseits auf seiner Spazierrunde. Seufzend
stand sie auf, fuhr sich mit den Kamm durch die Haare, schlüpfte in Jeans
und Sweatshirt und suchte die Hundeleine. Ihr morgendliches Pflegeprogramm
verschob sie auf später. Sie wollte nur rasch hinüber zur Hundewiese laufen.
Mitten in ihrer Bewegung hielt sie inne. Die Hundewiese - die gab es ja
gar nicht mehr. Auf dem freien Gelände, auf dem früher ein Hundeauslaufplatz
gewesen war, wurde jetzt ein Supermarkt errichtet. Das letzte bisschen
Grün hier in der Gegend, abgesehen von den paar Kinderspielplätzen, die
es Gott sei Dank noch gab.
Gut, also nahm sie noch rasch die Autoschlüssel. Musste sie halt ein Stück
weiter weg fahren, um mit dem Hund einen Spaziergang zu machen.
Auf dem Weg zur Garage traf sie ihren Garagennachbarn, Herrn Holzer. Er
grüßte sie freundlich. Dieser Kerl, dachte sie, stellt seinen Wagen immer
so knapp an meinen, dass ich die Tür gar nicht richtig aufmachen kann!
Und wenn er seinen fetten Bauch dann durchquetscht, verbiegt er immer
den Außenspiegel. Wetten, dass dies heute auch so war. Natürlich, auf
einen Blick sah sie es. Seufzend zwängte sie sich in ihr Auto, nachdem
sie den Hund über die Rückklappe hatte einsteigen lassen und brachte den
Außenspiegel wieder in die richtige Position.
Na dieser Tag fängt ja schon gut an!
Aber der lange Spaziergang tat ihr gut und sie kehrte entspannt wieder
nach Hause zurück. Als sie die Morgenzeitung unter der Fußmatte hervorholen
wollte, gab es die nächste Überraschung. Die Zeitung war nicht da! Jetzt
hatte sie den Zusteller schon extra gebeten, die Zeitung unter die Matte
zu legen, in der Hoffnung der Zeitungsdieb, der schon des öfteren ihre
Zeitung hatte mitgehen lassen, würde dies nicht bemerken. Hatte er aber
doch. Sie wusste auch, wer es war. Der Herr, der über ihr wohnte. Herr
Czerny. Aber beweisen konnte sie es nicht.
Gut, Kaffee ohne Zeitung, aber dann reicht's für heute, dachte sie. Am
Abend dachte sie noch einmal an die Ärgernisse vom Morgen. Sie zündete
sich eine Zigarette an und schaute den Rauchwolken nach. Ihre Gedanken
waren weit weg...
Bremsen quietschten, ein dumpfer Aufprall folgte. Zufrieden lächelnd machte
sie ihre Zigarette aus und ging schlafen.
Am nächsten Tag holte sie die Morgenzeitung herein, nahm sich eine Tasse
Kaffee, setzte sich an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf. Auf
der Lokalseite sprang ihr folgende Überschrift entgegen:
Mysteriöse Serie von Unfällen in Wiener Außenbezirk
Gestern in den späten Abendstunden ereignete sich eine Reihe von mysteriös
miteinander verknüpften Unfällen:
An der Straßenkreuzung Hauptstraße-Unterstraße wollte die 57 jährige Rosa
M. mit ihrem Hund die Straße überqueren, als dieser sich aus ungeklärter
Ursache plötzlich losriss. Er wurde von dem Wagen des 46jährigen Herbert
H. erfasst und zur Seite geschleudert. Rosa M., die ohne nachzudenken
auf die Fahrbahn lief, um ihrem Hund zu helfen, veranlasste den Lenker
eines herannahenden Tankwagens zu einer Notbremsung, in deren Folge der
PKW des 35jährigen Robert Cz. mit hoher Geschwindigkeit auf den Tankwagen
auffuhr. Der Tankwagen stürzte seitlich um und fing Feuer, welches auf
den Rohbau eines neu zu errichtenden Supermarktes übergriff.
Eine größere Explosion fand nicht statt, da der Tankwagen zum Glück fast
leer war. Der Hund der Rosa M. wurde nicht verletzt, verlor aber durch
den Schock anscheinend seine Stimme, da er keinen Laut mehr von sich gab.
Der Wagen des Herrn H. war stark beschädigt und fahrunfähig, der Lenker
blieb unverletzt. Robert Cz. musste den Totalschaden seines Wagens hinnehmen
und erhält außerdem eine hohe Geldstrafe, da er mit überhöhter Geschwindigkeit
unterwegs war. Der Rohbau des Supermarktes brannte trotz sofortigen Feuerwehreinsatzes
völlig ab. Herr Cz. sowie Frau M. müssen mit Regressforderungen des Bauträgers
rechnen, da sie durch ihr Verhalten im Straßenverkehr den Unfall des Tankwagens
mit verursacht hatten. Es ist zu befürchten, dass sie zur Begleichung
der Schulden ihre Wohnungen werden verkaufen müssen.
Zufrieden trank Mathilde ihren Kaffee aus. Und da soll noch einer sagen,
es gäbe keine Gerechtigkeit auf dieser Welt!
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