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E-mail zur Jahrhundertwende
(© Irene Mitterer)

 
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Liebe Unbekannte!

Saß gestern im Stadtpark auf einer Bank, Sonne schien, spielende Kinder, Reifen nachjagend, Bälle fangend um mich herum, das Gras in so saftigem Grün, ließ meine Blicke schweifen, sah ein Blatt Papier liegen unter einem Busch.
Hob es auf, neugierig lesend die Zeilen, die da standen. Von Wehmut war die Rede, von tiefem Sehnen in einsamem Herzen, in feiner Schrift, die von weiblicher Hand zeugt.

In Gedanken vertieft trat ich den Heimweg an, schlenderte über den Naschmarkt, denkend an das Gelesene, berührt und betroffen. Die abendlichen Handgriffe taten sich von allein, nicht dazu angetan, mein Denken zu unterbrechen.

Von Familie war da die Rede, eingebettet in diese, geborgen und doch - etwas fehlt, so wie ich es verstehe, ein geistiges Gegenüber, Sinne wachzurütteln, Gedanken zu beflügeln, Phantasie spielen zu lassen. Ein Spazieren durch bekannte und unbekannte Gegenden, zu erforschen, zu entdecken, aber auch wiederzuerkennen und zu begrüßen.

So lege ich nun diesen Brief hier ab, vielleicht trägt der Wind ihn zu dir, geantwortet mußte sein.

*


Lieber Unbekannter!

Zum zweiten Mal in dieser Woche sitze ich auf dieser Bank, die Sonne auf meinem Gesicht, mit Gedanken weit weg, gewaltsam zurückgeholt durch ein Aufblitzen unter jenem Busch. Waren das meine Aufzeichnungen, die mir letztens, scheinbar aus dem Täschchen geglitten, verloren gegangen waren?
Insgeheim gehofft habend, jemand möge sie finden, an mich denken, das wäre schon genug. Jetzt eine Antwort vorfindend, in wohlklingender Sprache, durchaus ansprechend. Was soll ich davon halten? Ich blicke mich um, werde ich beobachtet?

*


Liebe Unbekannte!

Ich werde mich hüten, unsere Korrespondenz, gerade erst begonnen, durch zu große Neugierde zu gefährden. Ich beobachte dich nicht, möchte mich an deinen Worten erfreuen und nicht Taten erzwingen.

*


Lieber Unbekannter!

So denke auch ich, vorsichtig geworden durch mancherlei Unbill, der mir in meinem Leben begegnet ist - nichts zu wissen, nur zu ahnen - und doch plagt mich die größere Neugierde. So viele Fragen drängen sich auf, ich möchte vieles wissen und auch wieder nicht.
Bist du alt, bist du jung?
Bist du gerade oder bist du krumm?
Bist du arm oder reich?
Bist du Gelehrter oder einfacher Mann,
ein Schreiber oder Advokat?
Zar oder Zimmermann?

Doch nein, gib mir keine Antwort, ich möchte noch ein Weilchen träumen...

*


Liebe Unbekannte!

Schon bald muß ich verreisen, so vieles bleibt ungesagt, unbeantwortet. Der Sommer hat gerade erst begonnen, warte auf eine Nachricht von mir, in zwei Wochen oder drei. Bleib mir gewogen, liebe Unbekannte, in Gedanken an Dich.

*


Liebe Unbekannte!

Ich wage es, hier wieder eine Nachricht zu deponieren. Bist du wohlauf und besuchst noch diese Stelle hier im Park? Bin nun wieder zurück von ausgedehnter Reise und warte auf ein Wort von dir.

*


Lieber Unbekannter!

Fast hatte ich die Hoffnung aufgegeben, doch heute sah ich schon von Weitem das verräterische Weiß unter dem Busch. Mit klopfendem Herzen ging ich darauf zu. Du nimmst mein Denken über Gebühr in Anspruch, wie werde ich den Verlust ertragen, wenn du nicht mehr schreibst?
Ich denke zu viel an dich und überlege, nicht mehr herzukommen.
Der Wind, der Regen und der nahende Herbst werden deine Nachrichten auflösen und ich werde dich vergessen.

*


Liebe Unbekannte!

Statt vieler Worten ein Strauß bunter Blumen in Gedanken. Sieh dich um, alles was hier blüht gehört dir.

*


Lieber Unbekannter!

Ich wollte nicht mehr antworten, und jetzt rührst du mich zu Tränen. Dies sind die schönsten Blumen, die ich jemals bekam.

*


Liebe Unbekannte!

Was rührt dich zu Tränen? Willst du es mir erzählen? Ich warte morgen auf dich.

*


Liebe Unbekannte!

Du bist nicht gekommen, hast du mich von der Ferne beobachtet? Wo ist die Neugierde geblieben?

*


Lieber Unbekannter!

Ich habe dich nicht beobachtet und die Neugierde wurde von Angst verdrängt. Du hast mich einen Sommer lang in meinen Gedanken begleitet, mein Leben bereichert, meiner Seele Nahrung gegeben und meinem Alltag Inhalt.
Bevor die Herbstwinde kommen, der Schnee die Blumen sterben läßt und alles bedeckt, das im Sommer hier gelebt hat, sage ich dir Leb Wohl!
Behalt mich in Erinnerung, in diesem Sommer.


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