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isela
und das Einhorn(© Irene Mitterer) |
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Madame Giselle war auf dem Weg auf's Land. Wie jede Woche am Freitag hatte sie sich am späten Nachmittag in ihren Wagen gesetzt und hatte die Hauptstadt hinter sich gelassen. So fuhr sie nun in die Dämmerung hinein. Sie liebte die Wochenenden in ihrem kleinen Schloß im Herzen der grünen Steiermark, umgeben von Wäldern und Wiesen. Leichter Schneefall setzte ein, ganz entspannt fuhr Giselle die Landstraßen entlang und freute sich schon auf ein schönes Kaminfeuer. Sie war vor 35 Jahren in Wien als Gisela Novotny geboren worden, als
Tochter der Hausmeisterin Agnes Novotny und des Dachdeckers Franz Novotny.
Schon als kleines Mädchen hatte sie jedes Stückchen Stoff, das sie nur
irgendwie ergattern konnte, dazu verwendet, mit stumpfer Schere Kleider
für ihre Püppchen zuzuschneiden und mit vorerst ungelenken Stichen und
grobem Zwirn ihre Kreationen zu nähen. Bändchen, Spitzen, jeglichen Stoffabfall
verwendete sie als Aufputz für diese Kleidchen, Höschen und Röckchen.
Stunden-, ja tagelang konnte sie sich mit ihren Näharbeiten beschäftigen. Nach der Pflichtschule war Giselas größter Wunsch die Modeschule Hetzendorf
zu besuchen. Gisela war fleißig, ordentlich und brachte dank ihrer ungeheuren Kreativität viele Ideen ein, so dass sie als Beste des Jahrgangs die Schule abschloss. Ihr größter Wunsch war natürlich, nach Paris zu gehen und dort Karriere zu machen. Es war ein weiter und harter Weg bis sie in einem der führenden Modesalons landete, aber letzten Endes gelang es ihr doch. Sie wurde zu "Madame Giselle" und ihre Kreationen waren beliebt und begehrt. Nach einigen Jahren erfolgreichen Arbeitens zog es sie aber wieder zurück
in ihre Heimatstadt. Sie hatte immer sparsam gelebt und konnte sich deshalb
ein kleines Atelier aufmachen. Mittlerweile hatte sie einige Näherinnen
und Zuschneiderinnen beschäftigt, ihre Aufgaben beschränkten sich nun
auf das Entwerfen und die Beratung. Zu Ihren Kundinnen zählten die führenden
Damen des Landes oder die, die sich dafür hielten. Politikerinnen, Politikergattinnen,
Politikerfreundinnen, Möchtegern-High Society-Ladies, aber auch einige
sehr wohlhabende, sehr kultivierte und nette ältere Damen. Wieder dachte sie, wie gut es das Schicksal doch mit ihr gemeint hatte. Einst hatte sie sich gewünscht, als Näherin in einem Schloss zu leben, nun besaß sie selbst eines. Sie war glücklich, weil alles so gepflegt und gut erhalten war. Sie konnte übergangslos die Räume beziehen. Unter der Woche kümmerte sich das Haushälterehepaar um das Schloss, am Wochenende war Giselle allein. Wenn da nur diese seltsamen Vorkommnisse in dem Schloss nicht wären.... Es begann, kurz nachem sie das Schloss übernommen hatte. Ihr fiel auf,
dass sie, immer wenn sie im Schloss übernachtete, seltsame Träume hatte,
obwohl sie sonst fast nie träumte. Immer wieder sah sie sich auf einer
Wiese im Mondlicht stehen, mit einem weißen Kleid, das sie selbst einmal
entworfen hatte. Und nun war sie wieder unterwegs in ihr Schloss. Sie schaffte ihr Gepäck
ins Haus, zog sich um und begann, sich eine Kleinigkeit zum Essen vorzubereiten.
Dann machte sie es sich mit einem Glas Wein gemütlich und als ihr schön
langsam die Augen zufielen, ging sie zu Bett. Das Kleid war ihr erster großer Erfolg gewesen, und sie hatte es bei einer Benefiz-Versteigerung der Garderobe von Prinzessin Thusnelda von Brimborien einige Jahre später zurück erworben und es als Erinnerung behalten. Sie konnte sich noch genau erinnern, wie aufgeregt sie gewesen war, als sie erfuhr, dass das Kleid versteigert werden würde. Und an den Tag der Versteigerung konnte sie sich auch genau erinnern. Da saß dieser unwahrscheinlich gutaussehende Mann neben ihr, der ihr lange Zeit nicht aus dem Kopf gegangen war. Sie hatte sich gewünscht, dass auch sie Eindruck auf ihn gemacht hätte. Sie waren sich später noch einige Male bei gesellschaftlichen Veranstaltungen begegnet aber er hatte sie kaum beachtet. Eines Tages war er dann verschwunden, zurück blieb eine bisher ungekannte Sehnsucht und Traurigkeit. Sie konnte diesen Mann lange nicht vergessen und dachte auch heute noch oft an ihn. Sein Name war Christian Cologne gewesen, erinnerte sie sich. Über das Nachdenken wurde sie wieder müde und ihr fielen die Augen zu. Als sie am nächsten Tag erwachte, schaute sie sofort auf das Sofa. Das Kleid war nicht mehr da.. Hatte sie alles nur geträumt? Kopfschüttelnd erhob sie sich und versuchte, nicht mehr daran zu denken. Tagsüber machte sie lange Spaziergänge, kochte, räumte auf, las in ihren Büchern und Zeitschriften, telefonierte mit einigen Freunden und wurde gegen Abend immer unruhiger. Sie getraute sich fast nicht schlafen zu gehen. Bevor sie sich hinlegte, schaute sie in jeden Raum des Schlosses, in jeden Schrank, in jede Abstellkammer, sogar in den Keller ob sie irgendwo etwas Verdächtiges bemerkte. Sie fand nichts Außergewöhnliches, sie sah auch nirgendwo das besagte Kleid. Sie fiel in einen unruhigen Schlaf und wartete schon beinahe auf den Traum. Sie erwartete jeden Augenblick, das Einhorn wieder zu sehen, doch sie stand auf der Wiese und es erschien nicht. Auch das Mondlicht war heute anders als zuvor. Doch, da, es näherte sich etwas. Zögernd kam das Einhorn aus dem Wald heraus. Der rosarote Schimmer war heute nicht da. Auch funkelten die Augen nicht so wie früher. Kaum war das Tier auf die Lichtung getreten, tauchte ein riesengroßer, funkenspeiender Drache auf und stürzte sich auf das Einhorn. Dieses ergriff die Flucht, raste über die Wiese auf den gegenüberliegenden Waldabschnitt zu, stolperte plötzlich und flog kopfüber in den Wald hinein, wo es mit seinem Horn in einem Baumstamm stecken blieb. Der Drache kam immer näher. Giselle schrie auf und stürzte auf das Einhorn zu. Plötzlich konnte sie sich im Traum bewegen. Als der Drache die weißgekleidete Gestalt erblickte, blieb er laut schnaubend stehen, drehte sich um und verschwand im Wald. Giselle fiel ein Stein vom Herzen. Sie näherte sich vorsichtig dem Einhorn. Aus traurigen Augen schaute dieses Giselle an. Giselle wollte die Hand heben, es berühren, sein Horn aus dem Baumstamm lösen, doch das Bild verschwand und sie erwachte. Wieder lag das Kleid auf dem Sofa, umgeben von einem rosaroten Schimmer. Diesmal hielt Giselle sich nicht lange mit Nachdenken auf. Sie stand sofort auf und ging zu dem Sofa, um das Kleid zu berühren. Um sich zu vergewissern, ob es auch wirklich da war. Es lag hier, es war kein Zweifel. Sie träumte nicht mehr. Um ganz sicher zu gehen, zog sie ihren Schlafanzug aus und das Kleid an. Es passte wie angegossen, wie für sie gemacht, und dabei hätte sie schwören können, dass das Kleid ursprünglich nicht ihre Größe gehabt hatte. Giselle war eine mutige Frau, sie war ihr ganzes Leben auf sich gestellt
gewesen, sie hatte alles aus eigener Kraft geschafft, was sie sich vorgenommen
hatte. Sie hatte ihren Beruf erlernt, sie hatte Karriere gemacht, sie
hatte viel Geld verdient. Sie dankte es ihren Eltern, indem sie sie auch
heute noch unterstützte, damit sie einen schönen Lebensabend verbringen
konnten. Sie hatte ein Schloss geerbt und bewohnte dieses allein. Man
konnte also nicht sagen, dass Giselle ein überaus ängstlicher Mensch war.
Aber dies ging über ihre Nervenkapazität. Übergangslos begann sie am ganzen
Körper zu zittern und zu schlottern, ihr versagte beinahe der Atem, sie
konnte sich nicht mehr beruhigen. Schluchzend sank sie vor dem Sofa zusammen
und wartete dort bis der Morgen graute. Als es hell geworden war, schaffte
sie es endlich, hinunterzugehen und sich einen Kaffee zu machen. Während
sie diesen trank beschloss sie, das Haus noch heute zu verlassen und nie
mehr hierher zu kommen. Sie begann, ihre Sachen zusammenzupacken, und
war gerade damit fertig, als es laut an der Tür klopfte. "Liebste Giselle! Fassungslos starrte Giselle auf den Brief. Sind Fortsetzungsgeschichten erlaubt? Nächste Woche geht's weiter! Ätsch!
War nur ein Scherz! Giselle überlegte: dies war ein realer Brief, auf realem Papier, mit realer Tinte geschrieben - der Inhalt war etwas irreal, das musste sie zugeben, aber umso mehr wurde ihre Neugierde geweckt. Kurz entschlossen packte sie ihre Sachen wieder aus, rief im Atelier an und teilte dort mit, dass sie erst in einigen Tagen wieder zurückkommen werde. Den Tag über beschäftigte sie sich mit diesem und jenem, stöberte in
der Bibliothek herum, im Keller und auf dem Dachboden. Noch nie hatte
sie sich dafür Zeit genommen. Im Grund genommen war sie dem Einhorn sogar
dankbar. Endlich machte sie einmal ein paar Tage länger Ferien als sonst.
Die Entspannung würde ihr guttun. Ihre Gedanken schweiften immer wieder
ab - sie reflektierte ihr Leben, freute sich, was sie erreicht hatte -
und doch schlich sich immer öfter auch ein gewisses Gefühl der Einsamkeit
in ihr Herz. "Komisch", dachte Giselle. "Das Einhorn ist das einzige Wesen, an das ich mit einem gewissen Gefühl denke. Bin ich schon so vereinsamt, dass ich zu Traumgestalten Zuflucht nehme?" Als es Zeit zum Schlafengehen wurde, richtete sie sich auf dem Sofa vor
dem Kamin eine Schlafstatt her. Sie wollte einmal hier schlafen und beobachten,
ob sie auch hier diesen Traum hatte. Es klopfte an der Tür. Rasch lief sie hin und riss die Tür auf, ganz gespannt, was sie diesmal erwartet. Ein Paket lag vor der Tür, in braunes Packpapier eingewickelt. Eilig trug sie es in die Küche und öffnete es. Ein wunderschöner, silbrig-blauer, glänzender Stoff lag vor ihr und darauf der schon bekannte Briefumschlag. "Liebste Giselle, Giselle hatte schon lange nicht mehr selbst genäht, aber mit Feuereifer
machte sie sich an die Arbeit. Was alles getan werden musste! Zuerst entwarf
sie ein Modell. Ein langes, fließendes Kleid, das den Körper umspielte.
Dann nahm sie Maß, was ohne Hilfe etwas schwierig war. Schließlich machte
sie sich ans Schnittzeichnen und dann ans Zuschneiden. Als sie das erste
Mal wieder aufblickte, war der Tag um und sie war rechtschaffen müde. Giselle erwachte. Irgendetwas war anders an dem Traum. Natürlich, das
Einhorn war nicht da, dafür plötzlich eine Hexe. Aber noch etwas war anders
gewesen.... "Mama", überfiel sie gleich ihre Mutter, "es geschehen unglaubliche Dinge.
Ich denke schon, ich werde verrückt, dabei bin ich immer mit beiden Beinen
fest im Leben gestanden", und sie erzählte ihrer Mutter die ganze Geschichte. Völlig entgeistert starrte Gisela ihre Mutter an. "Weißt du etwas Näheres? Was hat Großmutter erlebt? Gibt es eine Geschichte?" "Nein", antwortete Frau Novotny. Sie hat nie etwas Genaues erzählt, sie hat mich nur gewarnt und darauf vorbereitet, dass es so etwas gibt. Hab' Geduld, Gisela, du wirst schon bald merken, was die Träume mit deinem Leben zu tun haben und dein Leben mit den Träumen. Fahr zurück in dein Schloss, dort wird sich das Rätsel lösen." Gisela befolgte den Rat ihrer Mutter und machte sich wieder auf den Weg
in die Steiermark. Das Kleid war fertig, dem Geheimnis auf der Spur war
sie auch, also konnte sie jetzt wirklich nur mehr abwarten. Sie glaubte,
vor Aufregung und Neugier nicht schlafen zu können aber schon bald war
sie eingeschlafen. "Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?", versuchte sie hinter einem forschen
Ton ihre Angst zu verbergen. "Das ist das Schloss meiner Großtante, ich
war in der Nähe, wollt' nur mal vorbeischauen. Hier habe ich viele Sommer
verbracht." Gisela kam näher und traute ihren Augen kaum. Das Gesicht,
es war das verwandelte Gesicht des Einhorns und noch etwas fiel ihr auf... Das Rätsel war gelöst, fröhlich auflachend ging Gisela weiter auf den Mann zu. Nun würde sie nicht länger einsam sein, dessen war sie sich absolut sicher! Und sie wusste auch schon, welches Kleid sie heute Abend tragen würde! |
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