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Verfolgt
(© Michael Grossmann, Gabriella Marten)
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Es war noch dunkel, als Hans Seidenhöfer den Ausgang der U-Bahn erreichte und auf die nahegelegene Haltestelle zuging. Der Platz war weit überschaubar und die Haltestelle lag mitten auf einer von zwei Straßen getrennten Verkehrsinsel. Hans schaute auf seine Uhr, 5.43 Uhr. In etwa 7 Minuten würde sein Bus kommen. Wie an jedem Morgen, war noch nicht viel los, kaum ein Mensch war zu sehen, wenig Verkehr auf der Straße, und er stand wie immer alleine an der Haltestelle.
Hans Seidenhöfer war ein stattlicher Mann von 36 Jahren und seit 3 Jahren mit seiner großen Liebe, Jennifer, verheiratet. Wie gerne dachte Hans an die Flitterwochen zurück, er erinnerte sich immer wieder mit einem Lächeln daran, als ob sie gestern gewesen wären. Seine Arbeit als Feinmechaniker bereitete ihm Freude und füllte ihn aus. Er hatte nette Kollegen, die seine humorvolle Art schätzten. Nur sein Chef hatte so einige Macken und konnte wegen Nichtigkeiten schon mal ausrasten. Hans distanzierte sich von ihm, so gut es ging. Gähnend schaute er auf die Uhr und stellte fest, dass der Bus gleich kommen müsste. Die Straße vor ihm war leer, es war kaum ein Geräusch zu hören. Gelangweilt schaute Hans nach links, dann nach rechts. In der Ferne blinkten Scheinwerfer auf, Hans konnte sich ein weiteres Gähnen nicht verkneifen. Ob es schon der Bus war? Kaum, denn dann wäre er ja ausnahmsweise einmal pünktlich, und diese Linie war eher bekannt für ihre Verspätungen.

Das Licht der Scheinwerfer kam näher, und jetzt konnte Hans die Umrisse eines Lkws erkennen. Schade, es war noch nicht der Bus. Das Geräusch des Lasters wurde lauter und das Licht immer größer. Da es sonst nichts Interessantes gab, richtete sich sein Augenmerk auf den Laster, der jetzt schnell heranfuhr und gleich an ihm vorbei zischen würde. Sein Blick erstarrte plötzlich, denn der Laster bog von der Straße ab und schien, direkt auf ihn zuzufahren. Hans versuchte noch, dem Fahrer ein Zeichen zu geben, aber es war zu spät. Der Laster raste auf ihn zu, Hans blieb in der Schrecksekunde nichts anderes übrig, als rückwärts auf die Straße zu laufen und sich mit einem Hechtsprung vor dem herannahenden Lkw zu retten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er ungeheures Glück hatte, denn in diesem Moment fuhr auf der Straße kein Auto. Hans taten sämtliche Glieder weh, er lag immer noch auf der Straße und sah dem Lkw fassungslos hinterher, der mitten durch die Haltestelle gerast war und dabei das Wartehäuschen umgemäht hatte.
"Der muss total besoffen sein", dachte Hans und wollte sich langsam aufrichten, als er quietschende Reifen hörte und sah, wie der Laster abrupt abbremste. Was hatte das jetzt zu bedeuten? War der Fahrer verrückt oder was? Und das am frühen Morgen! Mühsam richtete sich Hans wieder auf. Er spürte schmerzhaft jeden einzelnen seiner Knochen, aber anscheinend war glücklicherweise nichts gebrochen. Aber, verflucht, seine Hose war zerrissen! "So ein Mistkerl", dachte er und schaute wütend auf den Lkw. Hans traute seinen Augen nicht. Der Lkw wendete und fuhr erneut in seine Richtung! Das durfte doch nicht wahr sein! Panik ergriff ihn. Was sollte er jetzt tun? Oder war es doch nur Zufall, und der Lkw würde jetzt ganz normal an ihm vorbeifahren? Nein, er wollte es nicht darauf ankommen lassen. Er rannte zurück zum U-Bahn-Eingang. Da der aber ein ganzes Stück entfernt war, lief er so schnell er konnte. Immer wieder blickte er zurück und tatsächlich! Der verfluchte Lkw verfolgte ihn. Angstschweiß lief ihm über die Stirn. Er verstand die Welt nicht mehr. Noch ein paar Meter war der U-Bahn-Eingang entfernt. Der Lkw kam bedrohlich näher. Hans blickte noch einmal zum Fahrer. Er konnte ihn nicht erkennen. Er drehte sich so hastig um, dass er auch noch stolperte und zu Boden fiel und nicht schnell genug wieder hochkam. "Jetzt ist alles aus", dachte er. Er lag auf dem Boden, starr vor Angst. Der Lkw verlangsamte sein Tempo und rollte langsam und bedrohlich auf ihn zu. Hans war immer noch unfähig, sich zu rühren. Als der Laster ihn fast erreicht hatte, blieb er plötzlich stehen. Die Fahrertür öffnete sich. "Wer ist dieser Kerl", dachte Hans und sah, wie ein Mann aus dem Laster stieg und mit langsamen Schritten auf ihn zukam. Er war von ungewöhnlicher Statur, ziemlich groß, etwa 2 Meter, und sehr breitschultrig. Seine schulterlangen Haare wirkten ungepflegt, genauso wie seine ganze Erscheinung.
"Was soll das, sind Sie verrückt geworden?" stieß Hans hervor. "Wer zum Geier sind Sie?"
Der Mann blieb vor Hans stehen, sagte nichts, griff in seine Manteltasche und zog eine Pistole heraus.
"Der Tod", sagte der Mann tonlos und drückte ab.

Es knallte, und im nächsten Moment schreckte Hans schweißgebadet hoch. Er brauchte eine Weile, bis er erleichtert feststellte, dass er sich in seinem Bett befand.
"Was ist los?" fragte seine Frau, die neben ihm lag und aufgewacht war.
"Ach, ich habe nur schlecht geträumt, Schatz", sagte Hans, der immer noch Mühe hatte, seine Gedanken zu sortieren. Der Traum war so verdammt real gewesen. Er legte sich wieder hin und schaute zum Wecker, 0:42 Uhr.
"Blöder Traum", dachte Hans, "jetzt werde ich morgen früh wieder total müde sein."

Am nächsten Morgen fuhr Hans wie gewohnt seinen Arbeitsweg entlang. Ihn beschlich ein großes Unbehagen, als er aus dem U-Bahn-Tunnel stieg und den Weg zur Bushaltestelle ging. Dieses Bild glich genau dem aus seinem Traum, es schien alles so wirklich zu sein. Nervös ging er an der Haltestelle auf und ab und sah sich immer wieder um.
"Jetzt spiel nicht verrückt, es war schließlich nur ein Traum", versuchte er, sich selbst zu beruhigen. Plötzlich erschrak er! In der Ferne sah er wieder Scheinwerfer aufblitzen, genau wie in seinem Traum. Panik ergriff ihn. Er rannte wie der Teufel zum U-Bahn-Eingang.
"Diesmal nicht, du Schwein!" rief Hans und versteckte sich hinter dem Mauervorsprung des Eingangs. Mit rasendem Herzen beobachtete Hans die Haltestelle und sah, wie der Lichterkegel immer heller wurde.
"Er fährt vorbei. Er fährt vorbei", sagte Hans sich immer wieder. Er stand zitternd wie Espenlaub am U-Bahn-Eingang. Nein, er fuhr nicht vorbei! Zu seinem Entsetzen sah Hans, wie der Lkw direkt auf den U-Bahn-Eingang zufuhr und einen halben Meter vor ihm anhielt. Die Fahrerkabine öffnete sich, der Motor lief weiter. Und, Hans traute seinen Augen nicht, der Kerl aus seinem Traum, ja, genau derselbe, stieg aus und ging in langsamen Schritten auf ihn zu. Hans war so gelähmt vor Angst, dass er nicht mal zu atmen wagte, geschweige denn, sich fortbewegen konnte. Der 2-Meter-Typ mit der schmierigen Mähne stand jetzt direkt vor ihm. Mit einem diabolischen Funkeln starrte er Hans direkt in die Augen. Hans war wie hypnotisiert. Da! Der Mann griff in seine rechte Jackentasche! Er holte eine Magnum automatik heraus und setzte sie Hans direkt an die Stirn.
"Erkennst du mich wieder?" fragte der Kerl mit einer dröhnenden, tiefen, unheimlichen Stimme.
Hans war zu keiner Reaktion fähig.
"Nein? Ich bin der Tod. Erinnerst du dich nicht? Wir haben uns doch heute Nacht bereits kennengelernt."
"A..aber, d.. das w.. war doch nur ein Traum", stotterte Hans, immer noch den kalten Lauf der Waffe auf seiner Stirn spürend.
Der andere ließ ein schauriges Gelächter hören, welches nicht von dieser Welt zu sein schien. "Ach, ihr Menschen, ihr seid so dumm und kleingeistig! Was ist Traum, was ist Realität? Was gibt es da für einen Unterschied? KEINEN!"
Hans sah, wie der Mann den Abzug durchdrückte. Er schoß! Ja, er schoß! Hans hörte einen Klick. Die Waffe war nicht geladen!
"Ha, ha, ha, du Wurm du. Noch ist deine Zeit nicht gekommen, aber bald, sehr bald. Ich bin stets hinter dir. Du siehst mich nicht, du hörst mich nicht, doch ich bin da! Mach dich auf etwas gefaßt!" dröhnte der Riese, stieg wieder in seinen Lkw und fuhr von dannen.

Hans klappte auf den Stufen der U-Bahntreppe zusammen. Er piekte sich. Nein, es war kein Traum. Was hatte das um Gottes zu willen zu bedeuten?
"Mehr als du dir vorstellen kannst!" hörte er von weitem noch einmal die schaurige Stimme. Hans versuchte sich zu beruhigen. Seine Gedanken flogen wild durcheinander. Er könnte zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Aber würden sie seine absurde Geschichte glauben? Von dem Traum musste er ja nichts erzählen. Aber trotzdem.
"Vielleicht kommt er ja nicht wieder", versuchte Hans sich einzureden. Er musste jetzt die Nerven behalten. Plötzlich tauchten wieder Scheinwerfer auf, die aus derselben Richtung kamen.
"Nicht schon wieder!" schrie Hans und lief wie der Teufel in den U-Bahntunnel. Aber es war nur der Bus, der pünktlich seine Haltestelle anfuhr und der Hans eigentlich zu seiner Arbeit bringen sollte. Heute würde daraus nichts mehr werden, denn eine halbe Stunde später saß Hans im örtlichen Polizeipräsidium und gab seine Anzeige zu Protokoll. Seinen Traum erwähnte er natürlich nicht.

Es dauerte nicht lange, da kam er kopfschüttelnd wieder aus dem Präsidium heraus.
"Hätte ich mir ja denken können, dass die Schwachköpfe damit nichts anfangen würden!" dachte er wütend. Er ging in Gedanken versunken die Treppen herunter zur Straße, als ein kleiner Junge auf ihn zugerannt kam.
"Hallo, sind Sie Hans Seidenhöfer?" fragte der Junge, ganz außer Atem.
"Ja, das bin ich. Was ist denn?" fragte Hans verwundert.
Der Junge antwortete, immer noch nach Luft ringend: "Ich soll Ihnen diesen Brief geben. Ein großer Mann gab mir den und 10,- DM. Er sagte mir, ich soll Ihnen folgendes sagen, dass Sie das tun sollen, was in dem Brief steht. Sie wüßten schon, von wem der Brief sei. Sein Name hätte drei Buchstaben, und Sie wären sich bereits zweimal begegnet. Und er würde Ihnen etwas schenken, wenn Sie das tun, was in dem Brief steht."
Hans bekam ganz weiche Knie.
"Was würde er mir schenken?" fragte er mit einem beklemmenden Gefühl im Bauch.
"Ja, das verstehe ich gar nicht, aber egal. Er sagte, er würde Ihnen Zeit schenken!" sagte der Junge und rannte davon. Hans setzte sich auf die vorletzte Treppenstufe. Ein Schauer jagte den anderen. Eine eiskalte Hand umklammerte sein Herz. Mit zitternden Händen öffnete er den Brief.
Dort stand geschrieben: "Ich weiss, dass du zur Polizei gegangen bist, aber das macht nichts. Ich nehme an, die haben dir sowieso nicht geglaubt und selbst wenn. Nimm zur Kenntnis, dass mich niemand fassen kann. Denn ich bin nur für dich existent, in der Realität und in deinen Träumen. Du weisst nicht, wer ich bin und woher ich komme? Das ist auch nicht nötig. Du erfährst es, wenn die Zeit reif dafür ist. Nun zur Sache. Zunächst möchte ich, dass du weisst, dass du dich vor mir nicht verstecken kannst. Betrachte mich als deinen ständigen, unsichtbaren Begleiter. Ich möchte ein Spiel spielen, ich nenne es das Todesspiel. Die Regeln sind einfach, ich werde versuchen, dich zu töten, und du hast die Chance, das zu verhindern. Wie? Ganz einfach. In jeder nun folgenden Nacht wirst du in deinen Träumen einen Hinweis auf mein Vorhaben erhalten. Aber sei auf der Hut! Denn ich persönlich werde nicht Hand an dich legen, aber ich kann für gefährliche Situationen sorgen, die dich das Leben kosten können. Und wehe, du erzählst es irgendjemanden! Vergiss nicht, dass ich über dich wache! Die Dauer des Spiels bestimme ich! Du hörst wieder von mir.
Der Tod"

Hans schüttelte völlig verstört den Kopf.
"Das kann doch alles einfach nicht wahr sein. Das ist doch ein böser Alptraum. Das gibt es doch gar nicht. Nein, das gibt es nicht!" brüllte er wütend, riß den Brief in tausend Fetzen und warf sie in alle Richtungen.
Hans schaute auf die Uhr. Es war schon 14.00 Uhr. Seine Frau war jetzt auf der Arbeit. Er mußte noch im Büro anrufen und sich eine Erklärung für sein Nichterscheinen ausdenken. Er winkte sich ein Taxi heran und gab seine Adresse an.
Vor seinem Haus angekommen, drehte sich der Fahrer um, nahm seine dunkle Brille ab, und sagte: "Hans, du hast noch etwas vergessen!"
Er drückte Hans den Brief mit einem diabolischen Grinsen in die Hand und fuhr davon. "Nein! Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!" Hans war einer Ohnmacht nahe. Der Tod hatte ihn gefahren! Wie konnte das sein? Wieso ist der Brief wieder ganz? Er hatte ihn doch in tausend Stücke zerfetzt.
"Ich werde wahnsinnig!" dachte er verzweifelt und machte mit zitternden Fingern so lange an der Haustür herum, bis er den Schlüssel endlich ins Schloß bekam.

Im Haus verbarrikadierte er sich. Alle Jalousien ließ er herunter, schloß alle Türen ab, ließ den Hausschlüssel im Schloß von innen stecken, schob den Riegel vor und griff nach einer Flasche Whisky. Er brauchte jetzt unbedingt etwas, um sich zu betäuben.
"Hans? Bist du zu Hause? Hans? Mach doch die Tür auf! Der Schlüssel steckt anscheinend. Ich komme nicht rein! Hans!"
Er hörte die Rufe wie aus weiter Ferne. Es dauerte eine Weile, bis er in seinem durch den Whisky-Rausch umnebelten Kopf realisierte, dass da seine Frau rief. Er torkelte zur Haustür und öffnete ihr.
"Hans, du lieber Himmel, du bist ja betrunken! Seit wann trinkst du? Was ist los?" fragte seine Frau teils verärgert, teils besorgt. Sie hatte ihren Mann noch nie so erlebt. "Hat man dir gekündigt?" fragte sie ängstlich.
"Gekündigt? Nein, keine Sorge, alles in Ordnung", lallte Hans. Seine Frau brachte ihn mühsam ins Bett. Er schlief augenblicklich ein und hatte einen furchtbaren Traum.

Hans befand sich auf einem einsamen Gelände. Es stürmte derart heftig, daß er sich die Hand vor die Augen halten musste, um sich vor dem Staub zu schützen. Der Boden war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Hans bemühte sich mehr zu erkennen, aber nichts ausser ein paar Gesteinsbrocken und einsamen Büschen war zu sehen. Er versuchte, ein paar Schritte zu laufen und kämpfte gegen den Sturm. Plötzlich vernahm er ein leises dumpfes Geräusch aus der Ferne, das sich wie ein aufkommendes Gewitter anhörte. Das Geräusch wurde immer lauter. Allmählich ergriff ihn Panik. Er begann, in die entgegengesetzte Richtung des Geräusches zu laufen, musste aber feststellen, dass es sinnlos war. Der Lärm verstärkte sich trotzdem zunehmend. Es hörte sich jetzt auch ganz anders an, eher wie ein sehr lautes Rauschen. Hans drehte sich um und erstarrte vor Schreck. Vor seinen Augen türmte sich eine gigantische Wasserwelle auf, die wohl um die hundert Meter hoch sein musste. Hans lief um sein Leben, zu spät. Die Wasserwelle verschlang ihn gnadenlos.

Schweissgebadet wachte Hans auf und sah sich um.
"Gott sei Dank, es war nur ein Traum", dachte er erleichtert. "Er war so furchtbar, du liebe Güte. Bestimmt hatte ich diesen Alptraum aufgrund der ganzen gestrigen Erlebnisse", überlegte er sich.
Das Nebenbett war leer. Ein Zettel lag auf seinem Nachttisch. Darauf stand: "Guten Morgen, mein Schatz! Ich hoffe, ich brauche mir keine allzu großen Sorgen um dich zu machen, denn gestern Abend warst du in einem so merkwürdigen Zustand und dazu noch betrunken. Nein, ich mache dir keine Vorwürfe, aber ich möchte, dass du weisst, dass ich immer für dich da bin, und wenn du Sorgen hast, du mit mir darüber reden kannst. Leider muss ich jetzt zur Arbeit. Ich hoffe, es geht dir gut. Ruf mich an, wenn irgendetwas ist. Küsschen Jennifer."

Hans begann zu grübeln. War es doch kein Traum, mit diesem grässlichen Typen und diesem Brief über das Todesspiel? Unruhe kroch in ihm hoch. Er erinnerte sich, in jedem Traum sollte ja ein Hinweis sein, mit dem dieser Typ ihn umbringen wollte. Sollte hier etwa eine Flutwelle...? Nein, das war ausgeschlossen! War es wirklich ausgeschlossen? Hans rannte zum Fenster und sah einen strahlendblauen Himmel. Nichts deutete auf ein Unwetter hin. Plötzlich fiel ihm ein, dass er sich immer noch nicht auf seiner Arbeitsstelle abgemeldet hatte. Er ging gerade Richtung Telefon, als er ein Knallen mit einem klimpernden Geräusch hörte, das aus der Küche zu kommen schien. Er lief hin und sah fassungslos, dass ein riesiger Wasserstrahl aus der Wand schoss, wo vorher noch der Wasserhahn montiert war. Da! Wieder dieses Geräusch, diesmal aus dem Badezimmer. Hier bot sich das gleiche Bild. Von überall schoss das Wasser heraus. Hans geriet in Panik und versuchte, den Haupthahn abzustellen, aber mit Entsetzen stellte er fest, dass auch dieser abgerissen war. Er rannte zum Telefon, um so schnell wie möglich einen Klempner zu bestellen, aber die Leitung war tot. Das Wasser überschwemmte inzwischen seine Füße. Er eilte zur Tür und wollte hinauslaufen, aber sie liess sich nicht öffnen.
"Ich weiss, dass du dahintersteckst, du Schwein! Aber du kriegst mich nicht!" schrie Hans, packte einen Stuhl und schmiss ihn gegen die Fensterscheibe. Sie blieb heil!
"Oh Gott, was soll ich nur machen?" stöhnte er. Er hastete die Treppe nach oben. Das Wasser hatte sich bereits im gesamten Erdgeschoß des Hauses verbreitet und stieg in bedrohlichem Tempo an. Völlig ratlos stand Hans am Geländer des ersten Stockwerks und sah nach unten.
"Das gibt es doch gar nicht. Das kann doch alles nicht wahr sein!" dachte er verzweifelt und rannte zum Dachboden hinauf.

Schnell schloß er die Tür hinter sich.
"Hier bin ich erstmal sicher. Hier gibt es keine Wasserleitungen", dachte er.
"Dass ich nicht lache, du Wurrrrrrrm, duuuuu!" hörte er die tiefe dröhnende Stimme. Sie hallte wie ein Echo, aus der Tiefe der Erde kommend.
Hans setzte sich auf eine vergammelte Matratze. Der Dachboden war voll von altem Gerümpel, das noch von seiner Mutter stammte. Sie konnte nie etwas wegwerfen. Und die letzten Jahre ihres Lebens hatte sie mit im Haus gewohnt. Ein leises Quietschen riß Hans aus seinen Gedanken. Er schaute um sich, konnte aber nichts entdecken. Da! Da war wieder dieses Quietschen. Es hielt an. Hans folgte dem Geräusch. In dem dämmrigen Licht konnte er kaum etwas sehen. Er traute seinen Augen nicht, als er die Quelle des Quietschens entdeckte. Eine alte Holztruhe, die seiner Mutter gehört hatte, öffnete sich ganz langsam, wie von Geisterhand. Während der Deckel sich, langsam wie in Zeitlupe, hob, entstand ein Licht. Es wurde immer heller, je mehr der Spalt sich öffnete. Dann, mit einem Ruck, fiel der Truhendeckel nach hinten und produzierte eine riesige Staubwolke. Hans stand etwa drei Meter entfernt von der Truhe. Er sah, dass darin ein gleißend helles Licht schien. Was hatte das zu bedeuten? Langsam und vorsichtig näherte er sich der Truhe. Als er fast bei ihr angelangt war, stolperte er über einen kantigen Gegenstand. Verärgert stieß er ihn weg. Im gleichen Moment begann eine monotone, düstere, klosterartige Musik, die einen ritualartigen Charakter hatte, den ganzen Dachboden zu überfluten. Sie war so laut, dass Hans sich die Ohren zuhalten musste. Ein Lichtstrahl erschien und beleuchtete den Boden an der Stelle, an der Hans gestolpert war. Er blickte darauf. Eine Gänsehaut jagte ihm den Rücken herunter. Ein großes, in weißer Kreide gemaltes Pentagramm, war da auf den Boden gezeichnet.
"Na, du Wurrrrrrrm, verstehst du jetzt endlich?" hörte er da die dröhnende Stimme. Lautes höhnisches Gelächter hüllte ihn von allen Seiten ein. Hans ging unbeirrt zur Kommode. Er wußte instinktiv, dass er dort Antworten finden würde. Das Licht in der Kommode war so hell, dass er sich erst einmal die Augen zuhalten mußte. Dann blinzelte er vorsichtig hinein. Das erste, was ihm entgegenschlug, war ein großes Blatt Papier. Es war schwarz und mit roter Farbe beschrieben, oder war es Blut?
"Oh mein Gott, es ist Blut!" dachte Hans schaudernd.
Mit Blut waren drei Zahlen akkurat auf das Blatt gezeichnet worden. Die Zahl lautete 666.
Hans fasste sich völlig fassungslos an den Kopf. Jetzt verstand er.

Nicht der Tod war sein Gegner, sondern der Geist seines Vaters. Jetzt fiel ihm die ganze Geschichte wieder ein, die er damals, nach dem furchtbaren Ereignis, verdrängt hatte. Die alten Schuldgefühle kamen wieder hoch. Es war jetzt etwa 24 Jahre her, als Hans zufällig Augenzeuge einer eindeutigen Szene zwischen seinem Vater und dessen Geliebter wurde. Er kam damals früher von der Schule nach Hause und überraschte die beiden in flagranti. Sie waren so mit ihrem Liebesspiel beschäftigt, dass sie zuerst gar nicht bemerkt hatten, dass er an der Schlafzimmertür stand. Als sie ihn erblickten, schraken beide kreidebleich hoch. Die Frau verliess fluchtartig das Haus, und zwischen Hans und seinem Vater kam es zu einem schlimmen Streit. Hans gab seinem Vater in seiner Wut einen Stoss, dieser stolperte über einen am Boden liegenden Gegenstand und fiel so unglücklich, dass er sich dabei das Genick brach. Dieser Vorfall wurde als Unglücksfall ausgelegt, seiner Mutter gegenüber verschwieg Hans die wahre Geschichte. Seine Mutter sollte ihren Mann in guter Erinnerung behalten, aber die Schuldgefühle liessen ihn nicht los. Jetzt erinnerte sich Hans, dass sich immer genau sechs Jahre später etwas Grauenvolles ereignet hatte. Das erste Mal, sechs Jahre nach dem Vorfall mit seinem Vater, starb unter mysteriösen Umständen seine damalige Freundin. Eigentlich war es ein Unfall, sie fuhr mit ihrem Wagen gegen einen Baum. Das Merkwürdige aber war, dass der Wagen vor dem Aufprall auf der Strasse eine große Bremsspur hinterlassen hatte, die wie eine große Zahl aussah: Es war eine 6! Dann, weitere sechs Jahre später passierte erneut eine Tragödie.
"Unsinn! Duuuu Narrrrrrrrr! Was reimst duuuuu diiiiirrrr da zusammen? Du Kleingeist! Dein Vater warrrrrrrrrr eine Witzfigur, während deine Mutter ein ganz anderes Kaliber hatte!" hörte Hans da wieder die dröhnende schaurige Stimme.
Erschrocken stellte er fest, dass ER seine Gedanken hören konnte.
"Natürlich kann ich deine Gedanken hööören, verflucht noch mal! Hast du iiiiiiimmer noch nicht begriffen, werrrrrrrrrr ich bin?" grollte er, und das ganze Haus fing an zu wackeln.
Hans war völlig verwirrt.
"Aber wieso war meine Mutter ein anderes Kaliber? Was hast du mit meiner Mutter zu schaffen?"
"Haaaaaaaa, viiiiiiel meeeeeeehr, als du glaubst! Weeer, glaubst du, hat das Pentagramm auf dem Dachboden gezeichnet? Und die Kerzen überall? Bist du blind? Du Wurrrrrrrrrrrm!"
Seine Mutter. Hans dachte an seine Mutter. Sie war ein sonderbare Frau gewesen, hatte auch einen recht skurrilen Freundeskreis gehabt, und einmal in der Woche traf sie sich mit ihren Freunden hier oben auf dem Dachboden. Er hatte sich immer gefragt, was sie hier machte. Sie hatte aber stets abgeblockt. Oh Gott, doch nicht etwa....
"Sprrrrrich diiiiiiiiiesen Namen nicht aus!" grollte die Stimme.
"Welchen Namen, um Gottes willen?" fragte Hans völlig verunsichert.
"Diiiiiiiiesen Namen! Sprichst du ihn noch einmal aus, wirrrrrrrrrrst du es bereuen!"
Hans setzte sich vor das Pentagramm, sah die in Blut geschriebene Zahl 666 an, da begriff er endlich.

Er schrie es heraus. "Meine Mutter war eine Satanistin!"
"Jaaaaaa! Sie war eine treue Anhängerin und hat mir gute Dienste geleistet. Deshalb bist du auch biiiiiiiiiis jetzt verschooooont geblieben. Biiiiiiiis jetzt!"
"Was soll das heißen?" fragte Hans voller Angst, jetzt wo er wußte, dass der Leibhaftige sein Gegner war.
"Deine Seeeeeele soll verschont bleiben, den Pakt schloß ich mit deiner Mutter, aber du wirst mir binnen eines Jahres die Seeeeeeele deines Erstgeborenen verkaufen, dafür bleibst du am Leben! Sonst bist du des Todes! So wirrrrrrrd es sein!" dröhnte es aus der Tiefe.
"Neeeeeeeein! Nieeeeeeeemals!" schrie Hans. "Außerdem haben wir keine Kinder, und meine Frau kann keine Kinder bekommen. Seit Jahren versuchen wir es vergeblich.. Wenn du alles weisst, müsstest du das doch auch wissen. Aber auch wenn ich ein Kind hätte, nieeeeeeeeeemals würde ich dir die Seele verkaufen! Niemals!" brüllte Hans.
"Ach nein? Das wollen wir doch mal sehen!"
Ein lautes Zischen machte sich im Raum breit, und Hans befand sich plötzlich inmitten einer riesigen Feuerflamme.
"Neeeeeeeeein, neeeeeeeein", schrie er und versuchte, der Flamme zu entkommen, aber wohin er ging, die Flamme ging mit ihm. Er verbrannte, er verbrannte bei lebendigem Leibe und schrie und schrie. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, verschwand die Flamme.
"Uuund? Bist duuuu jetzt bereit, mir die Seeeeeele deines Erstgeborenen zu verkaufen?" dröhnte hallend die böse Stimme des Teufels.
"Nein, und wenn ich dabei draufgehe, nein, niemals!" brüllte Hans mit aller Kraft.
"Guuuuut, dann erteile ich dirrrrrr eine weitere Lektion! Da!" Hans schaute sich zu Tode geängstigt um. Was würde jetzt Schreckliches kommen? Er sah nichts. Doch, jetzt, er hörte so etwas wie ein schleichendes Krabbeln, doch woher kam es? Er sah nichts. Es war zum Haareraufen. Woher kam es?
"Ich werde wahnsinnig, ich werde wahnsinnig", schrie er wie ein Wilder. Dann hörte er ein Plumpsen, und plötzlich fielen tausende von riesigen, dicken schwarzen Spinnen in der Größe von Fußbällen über ihn her. Sie bissen ihn am ganzen Körper, fingen an seinen Beinen an, ihn aufzufressen. Hans schrie wie ein Wahnsinniger, bis er nicht mehr konnte. Er gab auf. Er hatte keine Chance.
"Jaaaaaaa, ich willige ein." Im gleichen Moment verschwanden die Gigantenspinnen. Hans sackte in sich zusammen.
"Ich bringe mich um, ich bringe mich um, ich halte das nicht länger aus", dachte er.
"Neiiiiiiiiiin. Du wirrrrrrst dich nicht umbringen. Das werrrrrde ich zu verhindern wissen. So leicht kommst du niiiiicht davon! Wir haben einen Pakt. Sobald dein Erstgeborenes auf der Welt ist, werrrrrrde ich wiederkommen und mirrrrr die Seeeele hoooolen!" dröhnte der Teufel und ließ sein schauriges Lachen hören, welches sich immer weiter entfernte.
Hans war am Ende, völlig am Ende. Er ließ sich einfach zur Seite fallen und blieb regungslos liegen.
Die Haustür öffnete sich. Seine Frau kam heim.
"Hans? Schatz? Hans, wo bist du? Du stell dir vor, ich komme gerade von meiner Ärztin! Ich habe eine tolle Nachricht für dich! Hans?

Hans schreckte hoch. Der Dachboden, auf dem er sich befand, war in schummrigem Licht getaucht. Es begann, dunkel zu werden. Er horchte. Hatte er eben nicht die Stimme seiner Frau gehört? Er richtete sich mühsam auf und ging die Treppe hinunter.
"Jenni?" rief er, doch es regte sich nichts. Hans war völlig verwirrt und zitterte am ganzen Körper. "Habe ich diesen ganzen Mist nur geträumt?" fragte er sich. "Warum war ich eigentlich auf dem Dachboden? Ach ja, ich bin vor dem Wasser davongerannt und..."
Hans stockte, als er sah, dass seine Wohnung völlig in Ordnung war, keine Spur mehr vom Wasser. Auch die Anschlüsse, aus denen das Wasser in riesigen Fontänen herausgespritzt war, waren unversehrt.
"Jenni, bist du da?", rief er noch einmal. Keine Reaktion. Er begann sich zu sorgen, denn es war schon kurz vor 19.00 Uhr. Um diese Zeit war Jenni immer schon zu Hause. Das Läuten des Telefons riss Hans aus seinen Gedanken. Er nahm den Hörer ab und hörte die vertraute, grässliche Stimme.
"Na, duuuuu Wurrrrrrrrrm, hast du meinen Hinweis verstanden, den ich dir in meinen Traum gegeben habe? Du wirst schon noch drauf kommen. Ich werde dich vernichten, du..."
"Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl, du kannst mir keine Angst mehr machen!" brüllte Hans in den Hörer. Eine Stinkwut machte sich in ihm breit.
"Na, na, du Wurrrrrrm, ich an deiner Stelle würde mal den Fernseher anstellen, dann weisst du vielleicht, was ich meine."
Hans knallte den Hörer auf und riss den Telefonstecker aus der Dose. Seiner Wut wich die Sorge um seine Frau. Hans beschlich plötzlich ein böse Ahnung. Widerwillig schaltete er den Fernseher an.
Ein Sprecher gab gerade eine Nachrich durch: "...weiss niemand, wie es zu diesem schweren Unfall kommen konnte. Ein Augenzeuge berichtete, dass der Wagen direkt in den Gegenverkehr gerast war und mit einem Lkw frontal zusammenstiess. Die Polizei konnte inzwischen den Halter des Unglückfahrzeugs ermitteln, es ist eine Frau namens Jennifer Seidenhöfer."
Hans nahm die restlichen Worte des Sprechers nur noch schemenhaft war. Das durfte einfach nicht sein, nein ausgeschlossen, nicht seine Jenni!
Da klingelte es plötzlich an der Tür.

Hans zuckte zusammen.
"Nein, ich gehe nicht an die Tür! Ich denke nicht daran. Wer weiß, was sich der Teufel jetzt wieder Grausames ausgedacht hat, nein ich gehe nicht!" beschloss er wütend und erschrocken zugleich. Da wurde auf einmal der Fernseher ganz laut, so dass Hans hinhören mußte.
"...Die Polizei stellt Vermutungen an, dass es sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht um einen Unfall handelt, sondern um den Selbstmord von Frau Seidenhöfer. Zum einen schließt die Polizei dies aus der Tatsache, dass es keinerlei Bremsspuren des Wagens gab und zum zweiten erinnern die Beamten an die gestrige Tragödie, die sich im Hause Seidenhöfer ereignet hatte. Wir berichteten, dass Herr Seidenhöfer auf tragische Weise durch eine Briefbombe ums Leben kam. Das Päckchen war ihm in den frühen Abendstunden geliefert worden. Die Herkunft konnte bisher nicht ermittelt werden. Und nun das Wetter für morgen, Donnerstag, den 11. Dezember....."
Hans stand wie gelähmt da. Er tot? Durch eine Briefbombe? Plötzlich fasste er sich an den Kopf und dachte geistesgegenwärtig: "Moment mal, der Sprecher hatte eben gesagt ' morgen, den 11. Dezember', wie ist das möglich? Das ist doch erst in vier Wochen?"
Hans verstand die Welt nicht mehr. Spielte alles in der Zukunft? Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Das Telefon klingelte. Wie vom Blitz getroffen fuhr er herum. Wieso konnte das Telefon klingeln? Er hatte doch das Kabel rausgerissen? Was passierte hier? Zitternd nahm er den Hörer ab.
"Du Wurrrrrrrrrrrm! Hast du noch nicht begriffen? Zeit? Kabel? Du Kleingeist! Verfluuuuuuuucht noch mal. Ein Wimpernschlag von mir ist ein Jahr Erdenzeit für dich. Zeit hat keine Bedeutung, du Narrrrr! Öffne die Tür!" dröhnte hämisch des Teufels Stimme.
Und schon läutete es wieder an der Tür.
Jemand rief: "Hallo? Hier ist der Paketdienst! Hallo?...."

"Nicht mit mir, du elendes Schwein!" schrie Hans. "Ich gehe nicht an die Tür, ich mache einfach nicht auf!"
"Es nützt dir nichts, du Wurrrm! Du kriegst dein Paket, so oder so!" dröhnte es vor der Haustür.
In der nächsten Sekunde ertönte ein lautes Klirren. Hans sah etwas durch die Fensterscheibe fliegen. Es war ein kleines graues Päckchen, das genau vor ihm auf dem Boden landete. Voller Panik lief Hans zur Tür, aber das Päckchen folgte ihm wie von Geisterhand.
"Neiiin, ich will nicht, lass mich in Frieden!" brüllte er.
Wohin Hans auch lief, das Päckchen folgte ihm unaufhörlich. Dann blieb er stehen, griff nach dem Päckchen, lief nach draussen und schleuderte es mit aller Kraft weg. Aber das Päckchen flog zu seinem Entsetzen wie ein Bumerang zu ihm zurück und landete vor seinen Füßen.
Dann gab es einen lauten Knall.

Hans erschrak zu Tode. Er war sich sicher, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Da hörte er plötzlich einen entsetzlichen Schrei und eine Explosion. Er schaute vor sich auf den Boden. Das graue Päckchen lag unversehrt vor ihm. Aber gegenüber, bei seinem Freund und Nachbarn, Günter Neubauer, sprangen die großen Wohnzimmerfenster in tausend Stücke, eine riesige Rauchwolke stieg aus dem Haus, und Günter rannte schreiend aus dem Haus. Er stand mitten in Flammen. Eine lebendige brennende Fackel.
"Oh mein Gott!" schrie Hans und rannte so schnell er konnte zu seinem Freund. Hastig riß er sich seine Strickjacke vom Leib und schlug wie wild auf Günter ein, um das Feuer zu ersticken. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, doch es gelang ihm, das Feuer vollständig zu löschen. Inzwischen kamen die Nachbarn herbei und blickten fassungslos zu dem inzwischen völlig in Flammen stehenden Haus.
"Jonah ist noch im Haus! Jonah ist noch im Haus!" brüllte Günter verzweifelt.
"Kümmert euch um ihn! Ich hole seinen Jungen raus! Und ruft die Feuerwehr und einen Krankenwagen, schnell!" rief Hans und rannte ins Haus.
Überall war Rauch. Er konnte so gut wie nichts sehen.
"Jonah? Jonah? Wo bist du?" rief er immer wieder und wühlte sich durch die rauchige Luft. Das Atmen fiel ihm unendlich schwer.
"Hier bin ich. Hier bin ich!" hörte er Jonahs hustende und röchelnde Stimme. Sie schien aus der Küche zu kommen. Aber vor der Küche brannte es lichterloh. Wie sollte er Jonah retten?
"Jonah! Mach den Wasserhahn auf und mach dich ganz naß. Und wirf mir ein klatschnasses grosses Tuch durch die Küchentür. Ich hol dich raus! Mach schnell! Alles wird gut!" brüllte Hans.
Einen Augenblick später flog ein nasses großes Geschirrtuch durch die Tür. Hans sah Jonah, triefend, am Kücheneingang. Der Kleine zitterte wie Espenlaub.
"Jonah, pass auf, geh an die Wand zurück, und auf drei rennst du los und springst mit einem Satz durch die Flammen. Ich fang dich hier auf und bedecke dich sofort mit dem nassen Tuch. Es wird dir nichts geschehen, glaub mir!"
"Nein, Onkel Hans, ich werde verbrennen. Ich hab solche Angst!" schrie Jonah weinend.
"Nein, wirst du nicht! Komm, vertrau mir! Du bist doch ein tapferer Junge, komm! Dein Papa ist auch okay. Er ist gerettet. Los! Auf drei, okay? Ich zähle jetzt, lauf zur Wand zurück, Jonah!"
Der Junge rannte verstört zurück an die Wand.
"Eins, zwei und drei!" rief Hans. Jonah nahm Anlauf und sprang durch das Feuer. Hans schmiß sofort das klatschnasse Handtuch über den Jungen und erstickte die Flammen, die in Jonahs Haar sofort Feuer gefangen hatten, im Keim. Er packte den Jungen und lief nach draußen.
Mit Jubelrufen wurden die beiden begrüßt. Jonah war unverletzt, nur völlig verstört. Er rannte zu seinem Vater. Der hatte es dank Hans auch gerade so geschafft. Ein Sanitäter kümmerte sich bereits um ihn. Alle Nachbarn klopften Hans bewundernd auf die Schulter. Was für ein mutiger Mann er wäre, hörte er etliche Male. Hans ging taumelnd zu seinem Haus zurück. Irgendetwas sagte ihm, dass er Schuld an diesem Drama hatte, und er sollte Recht behalten. Kaum vor seinem Haus angekommen, riß das graue Päckchen auf, und ein Hampelmann an einer Sprungfeder sprang heraus.
Er hielt einen Zettel in der Hand. Noch halb im Schock von dem eben Erlebten las er zitternd den Inhalt: "Durch deine Feigheit, das Päckchen nicht zu öffnen, mußte ein anderer leiden. Das nächste Mal wird es jemand sein, der dir mehr bedeutet. T."

Hans ging in staksigen Schritten zurück ins Haus. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, spürte er einen starken Schlag auf den Kopf, taumelte zu Boden und verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in seinem Bett wieder. Neben ihm lag schlafend seine Frau.
"Jenni, Jenni, bist du es wirklich?" sagte er freudestrahlend und drückte seine Frau fest an sich. Sie wachte auf und fragte schlaftrunken, was denn los wäre.
"Ich bin so froh, dass es dir gut geht! Das muss wohl alles wieder ein furchtbarer Traum gewesen sein", sagte er und ließ sich erleichtert ins Bett fallen.
"Natürlich geht es mir gut", sagte sie, "was hast du denn geträumt?"
"Ach, das erzähle ich dir später, jetzt muss ich erst einmal duschen, um wieder auf klare Gedanken zu kommen."

Er stand auf und ging am Fenster vorbei. Dabei sah er kurz hinaus und erschrak!
Das konnte doch nicht sein, das war unmöglich! Das Haus seines Nachbarn war vollständig abgebrannt, ein paar Rauchschwaden stiegen noch empor. Also war es doch kein Traum! "Schatz, was ist denn bei unserem Nachbarn passiert, das Haus ist ja völlig abgebrannt?" Seine Frau erhob sich langsam aus dem Bett
"Es ist gestern Abend passiert, es war fürchterlich. Keiner wusste, wie das geschehen konnte. Gott sei Dank konnte Günter sich und Jonah rechtzeitig retten."
Hans schaute Jennifer ungläubig an. "Du sagst, er hat sich selber gerettet? Niemand half ihm oder seinem Sohn?"
"Das war gar nicht nötig, weil die beiden gottlob das Feuer rechtzeitig bemerkten und nach draussen liefen", sagte Jennifer. "Ich habe es ja gestern selber miterlebt und die beiden gleich umarmt. Sie sind jetzt erst mal in einem Hotel, wenigstens fehlt es ihnen nicht an Geld."
Hans´ Augen wurden immer größer. "Du warst dabei gestern Abend?" fragte er.
"Ja natürlich, ich war ja noch nicht so schnell im Bett wie du, ich hab noch etwas ferngesehen, und plötzlich waren ziemlich laute Geräusche draussen zu hören."
Völlig verwirrt setzte sich Hans aufs Bett. "Was geschieht hier nur?" dachte er und fasste sich an den Kopf. Dabei fühlte er eine kleine schmerzende Beule. "Was war denn gestern Abend mit mir?" wollte er wissen.
"Das wollte ich dich noch fragen", entgegnete sie. "Du warst gestern sturzbetrunken, ich musste dich noch ins Bett bringen, sonst hättest du es wohl nicht gefunden. Was war denn los, hattest du Ärger?"
Hans seufzte tief. Er musste Jennifer alles berichten, was er erlebt hatte, auch wenn er befürchtete, dass sie ihn für verrückt halten würde. Vielleicht war er es auch. Aber er hatte keine Kraft mehr, das alleine durchzustehen.
"Ja, Jenni, ich hatte tatsächlich Ärger, ich werde es dir gleich erzählen, aber ich möchte vorher noch duschen."
"Okay, Schatz, dann mache ich inzwischen das Frühstück", sagte Jennifer.

Hans ging langsamen Schrittes ins Bad, wo er erst automatisch zu den Wasseranschlüssen hinsah. "Dieser Alptraum musste endlich ein Ende haben", dachte er. Dann zog er sich aus und kletterte in die Duschkabine. Er schob die Glastür zu und drehte das Wasser auf. Nach einer anfänglich kalten Brise wurde das Wasser wärmer. Hans stellte sich unter den Strahl und genoss dieses Gefühl des prickelnden Wassers auf seiner Haut. Er stand mit dem Rücken zur Duschtür und bemerkte nicht, wie etwas Dunkles ausserhalb der Duschkabine erschien. Der dunkle Umriss einer Gestalt kam näher und näher an die Dusche heran, Hans sah sie nicht. Die Gestalt war nun ganz dicht vor der Kabine und verdunkelte das Innere. Hans drehte sich um.
Im gleichen Moment wurde die Tür aufgerissen. Hans blieb fast das Herz stehen. Da stand Er! Er war es! Diese zwei Meter große ungepflegte Gestalt!

"Dr. Meyers, wir hatten einen Neuzugang diesen Morgen. Diagnose?" fragte Prof. Hinkelfeld seinen Assistenzarzt.
"Herr Professor. Es handelt sich um einen Herrn Hans Seidenhöfer. Seine Frau hatte ihn vor der Duschkabine gefunden. Er schrie und tobte wie ein Wahnsinniger. Sie rief den Notarzt, und der hat ihn gleich hier zu uns in die Psychiatrie gebracht. Nun, es scheint sich um eine schwere Psychose zu handeln. Meines Erachtens eindeutig extremer paranoider Verfolgungswahn. Als er eingeliefert wurde, war er kaum zu bändigen. Unaufhörlich schrie er, der Teufel wäre hinter ihm her. Schwerer Fall. Sehr schwerer Fall. Wir mußten ihn mit Haldol ruhigstellen. Es blieb uns nichts anderes übrig", schloß Dr. Meyers seinen Bericht.
"Hm, wollen wir uns den Mann mal ansehen", brummte Prof. Hinkelfeld und ließ sich von Schwester Heidi die Tür zur geschlossenen Abteilung öffnen.
Hans lag fixiert im Beobachtungszimmer. Er hatte einen starren Blick. Seine Augen waren weit aufgerissen. Er murmelte ständig etwas vor sich hin, was niemand verstand.
"Schwester Heidi, wie hat sich der Patient in der letzten Stunde verhalten?" wollte Prof. Hinkelfeld wissen.
"Herr Professor, ich habe so etwas noch nie erlebt. Es hat sehr lange gedauert, bis das Haldol überhaupt Wirkung zeigte. Der Mann schrie, er stände in Flammen, dann wieder seien tausende von Spinnen über ihn hergefallen und würden ihn bei lebendigem Leibe auffressen. Schrecklich. Der arme Mann hat ganz furchtbare Halluzinationen. Erst seit etwa zehn Minuten ist er ruhig geworden", berichtete Schwester Heidi, sichtlich bestürzt.
Prof. Hinkelfeld näherte sich Hans und wollte seinen Arm nehmen.
Doch kaum hatte er Hans berührt, zuckte dieser, wie vom Blitz getroffen zusammen und schrie: "Neeeeeein, laß mich in Ruhe. Neiiiiiiiiin. Ich kann nicht mehr!"
Prof. Hinkelfeld fuhr erschrocken zurück. Er schüttelte den Kopf. "Eindeutig ein schwerer Nervenschock. Was ist diesem Mann bloß geschehen? Schwester, erhöhen Sie die Haldoldosis um 50 mg", ordnete er an und stand ratlos vor dem Patienten.

Im Hotel "Morgenstern" herrschte auch in der Mittagszeit reges Treiben. Günter Neubauer stand mit ernster Miene in seinem gemieteten Zimmer und beobachtete seinen Sohn Jonah, der noch im Bett schlummerte. Wie konnte das nur geschehen, fragte er sich. Er hatte fast alles verloren. Erst seine Frau, die ihn vor zwei Jahren wegen eines anderen Mannes verlassen hatte und jetzt auch sein Haus. Wenigstens ist ihm Jonah geblieben, er liebte den Jungen über alles. Eigentlich hatte er noch Glück gehabt. Ihm und Jonah war nichts passiert letzte Nacht, ausser ein paar Brandwunden. Er konnte seinem Nachbarn Hans Seidenhöfer gar nicht genug danken für diese Rettungsaktion, die er letzte Nacht vollbrachte, um seinen Sohn vor dem Feuertod zu bewahren.

Gegen Abend lag Hans Seidenhöfer ruhig in seinem Bett. Er stand noch immer unter dem Einfluss von Haldol, trotzdem arbeitete es in seinem Kopf fieberhaft. Schwester Heidi kam herein. Hans musterte sie genau. Sie war auffallend hübsch und man sah ihr an, dass sie das Herz auf dem rechten Fleck hatte.
"Na, Herr Seidenhöfer, wie fühlen Sie sich jetzt?"
Hans´ Stimme klang schläfrig. "So wie man sich fühlt, vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln. Jeder denkt hier, ich hätte Halluzinationen. Ja, ich hab die Nerven verloren, aber aus einem realen Grund. Aber Sie glauben mir das auch nicht, stimmt´s?"
"Ich weiss nicht. Eigentlich machen Sie auf mich nicht den Eindruck, dass Sie verrückt wären", meinte Schwester Heidi.
Hans´ Miene verzog sich zu einem Grinsen. "Wissen Sie, in den letzten Tagen habe ich mich selber oft gefragt, ob ich verrückt bin. Und ich bin froh, wenn jemand bei mir ist, so wie Sie jetzt. Wieso ist meine Frau eigentlich nicht hier, sie müsste doch wissen, wo ich bin, oder?"
"Ihre Frau kommt sie morgen Nachmittag besuchen. Sie waren bisher noch nicht ansprechbar. Aber jetzt sehen Sie schon viel besser aus, Herr Seidenhöfer!" sagte Schwester Heidi aufmunternd.
Hans ließ sich beruhigt in die Kissen zurückfallen. Seine Jenni war am Leben, das war die Hauptsache, aber die Sache mit dem Brand konnte er sich absolut nicht erklären. Er hatte doch den kleinen Jonah da rausgeholt, grübelte er.

"Schatz, hat alles funktioniert?"
"Oh ja, wie am Schnürchen! Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell und so einfach gehen würde!"
"Und, machst du jetzt weiter, wie besprochen?"
"Ja, alles klar. Ab morgen, jeden Nachmittag. Ich melde mich wieder, mein Liebling!"

Morgenvisite in der geschlossenen Psychiatrie. Prof. Hinkelfeld sah sich den Patienten Seidenhöfer an.
"Na, Herr Seidenhöfer, heute geht es uns viel besser, nicht wahr?" Hans nickte.
"Was war denn mit Ihnen gestern los? Haben Sie noch Erinnerungen daran? Ist etwas konkretes geschehen?"
Hans überlegte kurz und sagte dann: "Tut mir leid, Herr Professor, ich habe keine Erinnerung, alles ist irgendwie schwarz in meinem Kopf."
Prof. Hinkelfeld runzelte die Stirn. "Na, warten wir mal ab, ob Sie sich weiterhin stabilisieren, nicht wahr!"
Und die Visitenkolonne zog weiter. Hans atmete erleichtert auf. Er wollte dem Professor nichts von der Verfolgung erzählen, dann hätte er ihn nur noch mehr für verrückt erklärt. Und außerdem fühlte sich Hans hier in der Psychiatrie aus irgendeinem Grunde sicher.

Am Nachmittag kam seine Frau ihn besuchen.
"Jenni, mein Schatz, wie schön, dass du mich besuchen kommst!" freute sich Hans. Seine Augen leuchteten vor Freude.
"Ach Hans, was war denn bloß los mit dir? Ich war so verzweifelt, ich musste den Notarzt rufen. Ich hoffe, du bist mir nicht böse deshalb", sagte sie mit zärtlicher Stimme und streichelte ihn über die Stirn.
"Nein, nein, es ist schon gut, Liebes. Ich hätte bestimmt auch so gehandelt!" bekräftigte Hans.
"Mein Schatz, ich hab dir deinen Lieblingskirschsaft mitgebracht, den ich immer selber mache. So etwas Leckeres gibt es hier ja bestimmt nicht. Magst du ein Glas trinken?" fragte Jenni und schaute ihm dabei liebevoll in die Augen.
"Oh ja, gerne. Die Medikamente trocknen einem ganz schön den Mund aus."
Jenni goß ein grosses Glas voll und reichte es ihm. Gierig trank er den köstlichen Saft und leerte das Glas in einem Zug.
"Hm, köstlich, wie immer!" brummte er zufrieden.
"Schatz, die Ärzte haben mir gesagt, dass ich dich immer nur kurz besuchen darf, dafür aber jeden Nachmittag, in Ordnung? Nicht traurig sein, ja?" meinte Jenni.
Hans schüttelte den Kopf. "Mach dir keine Sorgen Liebes, ich bin nur froh, dass es dir gut geht!"
Sie umarmten sich kurz, und Jenni verließ die Station wieder.

Hans lehnte sich in die Kissen zurück und dachte an Jenni. Er war ganz in Gedanken versunken. Das Haldol versetzte ihn immer noch in einen leichten Dämmerzustand. Aber plötzlich wurde ihm ganz heiß. Er öffnete seine Augen und schrie vor Entsetzten. Er stand in Flammen! Er war eine lebende Fackel, sah das denn niemand?
"Neiiiiiiiiin! Hiiiiilfe! Löscht das Feuer! Hiiiilfe!" schrie er wie am Spiess und rannte wie ein Wilder im Zimmer herum, fuchtelte mit dem Laken, um die Flammen an seinem Körper zu löschen.
Schwester Heidi und zwei Pfleger kamen alarmiert gerannt und sahen entsetzt den tobenden, schreienden Hans Seidenhöfer. Seine Schreie gingen in Mark und Bein.
"Oh mein Gott, er hat wieder einen Anfall!" rief Schwester Heidi.
Hans schrie und schrie. "Löscht das Feuer! Löscht das Feuer. Ich verbrenne. Ich verbrenne! Hiiiiiiiilfe!"
"Herr Seidenhöfer! Herr Seidenhöfer! Welches Feuer? Da ist kein Feuer!" versuchte Schwester Heidi auf ihn einzureden, aber es war vergebens.
Sie mußten ihm wieder eine sehr starke Beruhigungsspritze geben, was sich als ein schwieriges Unterfangen herausstellte, weil Hans tobte wie ein Irrer. Die zwei kräftigen Pfleger hatten alle Mühe, seinen Arm stillzuhalten. Endlich gelang es Schwester Heidi, ihm die Spritze zu injizieren. Einen Augenblick später sank Hans ohnmächtig zusammen. Er wurde wieder auf seinem Bett fixiert.
Kopfschüttelnd ging Schwester Heidi zu Prof. Hinkelfeld und berichtete von dem Vorfall.

Am Abend sah Schwester Heidi nach Hans, der regungslos da lag. Laut Prof. Hinkelfeld stand es wohl sehr schlecht um ihn, seine Worte machten sie nachdenklich. Er hatte etwas von extremer Paranoia gesagt.
Hans lächelte, als er Schwester Heidi kommen sah. Er war noch benommen von der erneuten Haldoldosis.
"Na, Herr Seidenhöfer, wie fühlen Sie sich?" fragte sie. Ihre Worte klangen mitfühlend. "Besser, Schwester Heidi, aber ich habe so einen trockenen Hals. Würden Sie mir bitte etwas von dem Kirschsaft geben, der auf dem Nachttisch steht?"
Schwester Heidi wollte gerade nach der Flasche greifen, als plötzlich furchtbare Schreie aus einem anderen Raum zu ihnen drangen. Schwester Heidi lief sofort zu dem Zimmer, aus dem die Schreie kamen und traute ihren Augen nicht. Pfleger Jochen fuchtelte mit seinen Händen wild um sich und schrie wie am Spiess. Er verhielt sich ähnlich wie zuvor Hans bei seinem Anfall. Etwa eine halbe Stunde später kam Schwester Heidi wieder zu Hans.
"Was war denn los?" wollte er wissen.
Schwester Heidi machte eine ernste und nachdenkliche Miene. "Ich verstehe das nicht, unser Pfleger Jochen, der noch nie derartig auffiel, hatte plötzlich einen Anfall, ähnlich wie Ihrer heute."
Während sie sprach, goss sie das Glas auf dem Nachttisch mit Kirschsaft voll, bis die Flasche leer war. Als sie die Flasche wieder hinstellen wollte, stiess sie gegen das Glas. Es kippte um, und der ganze Saft ergoss sich über den Tisch und tropfte auf den Boden.
"Oje, das tut mir leid, jetzt hab ich alles verschüttet."
Hans sah die Nervosität der Schwester und griff nach ihrer Hand.
"Ist nicht schlimm, Schwester Heidi, macht überhaupt nichts. Dann trinke ich eben ein bisschen Wasser, würden Sie mir welches bringen?"
"Natürlich, tut mir wirklich leid", sagte die Schwester und eilte hinaus. Wenig später kam sie mit einem Glas Wasser und einem Lappen wieder.
"Hier bitte, Ihr Wasser. Ich putze nur eben das klebrige Zeug weg", sagte sie.
Hans bedankte sich und trank das Glas in einem Zug aus. Dann legte er sich entspannt zurück und beobachtete Schwester Heidi noch einen Moment, wie diese eifrig putzte. Dann schloss er die Augen und sank in einem tiefen Schlaf.

Prof. Hinkelfeld ließ sich gerade von seinem Assistenzarzt den Vorfall vom Pfleger Jochen noch einmal berichten. Er schüttelte ratlos den Kopf. Schwester Heidi kam hinzu.
"Herr Professor, Herr Seidenhöfer ist wieder völlig in Ordnung, wie ausgewechselt."
Der Professor zog seine Stirn kraus. "Ich verstehe das nicht. Das ergibt doch keinen Sinn. Schwester, nehmen Sie bitte von Herrn Seidenhöfer und vom Pfleger eine Blutprobe und geben Sie die Proben sofort ins Labor, mit dem Hinweis, dass es sehr eilt. Ich will in spätestens zwei Stunden das Ergebnis haben, und es ist mir völlig egal, dass es schon Abend ist, dann machen die eben Überstunden, klar? Sie sollen die Proben auf irgendwelche Fremdstoffe untersuchen, nach Drogen, nach irgendwelchen Substanzen, die nicht in den menschlichen Organismus gehören!"
Schwester Heidi nickte und machte sich gleich auf den Weg.

Eine Viertelstunde später ging Prof. Hinkelfeld mit Dr. Meyers zum Pfleger Jochen. Er lag ganz ruhig da und starrte ins Leere.
"Jochen? Hören Sie mich? Jochen?" fragte Prof. Hinkelfeld.
Etwas langsam, aber voll bei Bewußtsein, drehte sich der Pfleger zu den beiden Ärzten. "Ja, Herr Professor?"
"Jochen, was war denn um Himmels willen vorhin mit Ihnen los? Können Sie sich noch erinnern? Versuchen Sie es!" forderte der Professor ihn auf.
"Ich habe wie immer meinen Dienst gemacht, Herr Professor. Hab alle Patienten begrüßt und hier und da gefragt, ob alles in Ordnung ist. Ich war im Stationszimmer, hab mit der Stationsschwester die Medikation der Patienten besprochen, wie immer bei der Übergabe. Dann habe ich eine Zigarette geraucht. Nichts Außergewöhnliches ist geschehen. Und plötzlich wurde mir ganz heiß. Herr Professor, glauben Sie mir, es war furchtbar, ich stand in Flammen, überall Feuer. Ich war dabei, am lebendigem Leibe zu verbrennen. Es war das Grauenhafteste, was ich je erlebt habe. Dann ist alles schwarz. Ich nehme an, aufgrund der sehr starken Beruhigungsspritze, die man mir gab, die ja auch Herr Seidenhöfer bekommen hatte. Puh, die haut einen wirklich sofort um. Aber Gott sei Dank ist es so. Weil, ehrlich, dieses lebendige Verbrennen war so entsetzlich, ich wäre vermutlich aus dem Fenster gesprungen. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Aber jetzt verstehe ich, wie sehr der arme Herr Seidenhöfer gelitten haben muss. Er sagte ja, dass er schon unzählige solcher Anfälle zu Hause gehabt hätte."
Prof. Hinkelfeld nickte und meinte dann: "Jochen, Sie haben doch sicher auch Herrn Seidenhöfer bei Ihrem Routinegang begrüßt, nicht wahr? Wie ging es ihm zu diesem Zeitpunkt? War er in Ordnung?"
"Ja, er war gut drauf. Er schwärmte von seiner Frau Jenni, und von dem tollen Kirschsaft, den sie ihm immer zubereitet. Ach ja, er war sogar so nett und hat mir von dem Kirschsaft ein Glas eingeschenkt. Er schmeckt wirklich vorzüglich!"
"Na, dann ruhen Sie sich mal weiter gut aus. Heute machen Sie auf keinen Fall mehr Dienst. Alles Gute!" wünschte der Professor und ging mit seinem Kollegen zu Hans Seidenhöfer.

"Na, Herr Seidenhöfer, Sie machen uns ja große Sorgen, Menschenskinder. Wie geht es Ihnen jetzt?"
"Gut, Herr Professor. Sehr gut sogar. Ich verstehe das auch nicht. Diese Anfälle kommen ganz plötzlich. Und dann ist es so, als ob nichts gewesen wäre. Ich habe gehört, dass Pfleger Jochen auch so einen schrecklichen Anfall hatte. Kann es etwas Ansteckendes sein?"
Prof. Hinkelfeld schüttelte den Kopf. "Nein, mit Sicherheit nicht, aber wir werden der Sache schon auf die Spur kommen. Deshalb hat Schwester Heidi vorhin Blutproben von Ihnen genommen. Jochen schwärmte so von dem leckeren Kirschsaft, den Sie ihm angeboten haben." "Oh, das tut mir jetzt aber leid, Herr Professor, der ist jetzt alle. Er ist wirklich köstlich. Meine Frau Jenni macht alle Säfte selbst. Aber dieser Kirschsaft, den sie mir seit zwei Wochen täglich macht, ist wirklich der Beste bisher. Sie sagt, dass sie mich jeden Nachmittag besuchen kommt. Morgen nachmittag wird sie mir dann wieder frischen Kirschsaft mitbringen. Dann können Sie ihn gerne probieren."
"Ja, das Angebot nehme ich gern an, Herr Seidenhöfer. Na, dann schlafen Sie mal weiter. Wir sehen uns dann morgen", verabschiedete sich Prof. Hinkelfeld, und auch der Assistenzarzt wünschte Hans eine gute Nacht.

Zwei Stunden später saßen Prof. Hinkelfeld, Dr. Meyers und Schwester Heidi im Arztzimmer beisammen und diskutierten das Unfaßbare. Prof. Hinkelfeld ging auf und ab und schüttelte immer wieder wütend den Kopf.
"Ich habe es geahnt! Das konnte nicht von ungefähr kommen. Halluzinogene im Blut bei beiden! Und auch noch die von der übelsten Sorte. Ein Horror-LSD-Trip ist nichts dagegen. Unglaublich! Tja, und wo der herkommt, ist ja wohl klar. Von dem Kirschsaft! Jochen hat von dem Zeug getrunken. Herr Seidenhöfer hatte seinen ersten Anfall, kurz nachdem seine Frau weg war. Außerdem hat er erzählt, dass seine Frau ihm seit zwei Wochen diesen ach so köstlichen Kirschsaft zubereitet, und seit dieser Zeit hat er diese grausamen Halluzinationen. Menschenskinder, dass er selbst noch nicht auf die Idee gekommen ist. Das Ganze ist wirklich nicht zu glauben. Wie kann eine Frau ihrem Mann so etwas antun?" Prof. Hinkelfeld war außer sich.
"Was unternehmen wir jetzt, Herr Professor?" fragte Schwester Heidi.
"Ja, das werden wir jetzt genau besprechen in jedem einzelnen Detail."
Noch Stunden saßen die drei zusammen.

Am nächsten Mittag brachte Schwester Heidi Hans sein Mittagessen. Er sah sehr gut aus.
"Herr Seidenhöfer, Sie sehen prima aus, wie das blühende Leben!" sagte sie fröhlich.
"Ach, Schwester Heidi, seit Wochen habe ich mich nicht mehr so wohl gefühlt!" sagte Hans glücklich.
"Kommt Ihre Frau Sie heute wieder besuchen, Herr Seidenhöfer?"
Hans´ Augen strahlten. "Ja, meine Jenni wird heute um 16.00 Uhr kommen. Ich freue mich schon."
"Na, das ist schön, dann genießen Sie jetzt mal Ihr Mittagsessen, und dann machen Sie ein Nickerchen, in Ordnung?" meinte Schwester Heidi und ging zum Pfleger Peter, der auf Anordnung von Prof. Hinkelfeld auf diesem Stationszimmer blieb und sich nicht von der Stelle zu rühren hatte.
Er sollte besonderes Augenmerk auf Herrn Seidenhöfer legen und vor allem verhindern, dass er von dem Kirschsaft trank, wenn seine Frau kam. Schwester Heidi brachte Peter sein Essen und zwinkerte ihm zu. Er nickte verschwörerisch.

Am Nachmittag, gegen 15.45 Uhr, kamen Prof. Hinkelfeld, Dr. Meyers und Schwester Heidi zu Hans.
"Na, Herr Seidenhöfer. Wie geht es Ihnen?" erkundigte sich der Professor freundlich.
"Sehr gut, Herr Professor. Mir ging es niemals besser. Gleich kommt auch meine Frau Jenni zu Besuch. Ich freue mich schon darauf."
Im Hintergrund hörte man Geräusche, und die Tür ging auf. Jennifer Seidenhöfer kam herein mit einer großen Tasche in der Hand.
"Ach Jenni, gerade sprach ich von dir! Schön, dass du da bist!" freute sich Hans. "Darf ich vorstellen, Herr Professor, meine Frau Jennifer."
Hans stellte allen seine Frau vor.
Jenni war ganz unruhig und etwas verwirrt, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.
"Nett, Sie kennenzulernen, Frau Seidenhöfer, Ihr Mann hat schon so geschwärmt von Ihrem phantastischen Kirschsaft. Und da Ihr Mann wieder kerngesund ist, könnten wir doch alle darauf anstoßen, zur Feier des Tages, was meinen Sie?" fragte Prof. Hinkelfeld, sehr gespannt, wie Jenni reagieren würde.
"Gerne, aber ich weiß gar nicht, ob es für alle reichen wird. Ich habe nur eine Flasche mitgebracht, und es sollte ja eigentlich für meinen Mann sein", stotterte Jenni sichtlich aufgeregt.
"Aber Schatz, natürlich wird er ausreichen. Schwester Heidi, holen Sie ein paar Gläser? Wir müssen sie ja nicht alle voll bis zum Rand machen", scherzte Hans.
"Genau! Ein Schlückchen in Ehren muß genügen!" meinte Prof. Hinkelfeld augenzwinkernd. Schwester Heidi kam mit einem Tablett und fünf kleinen Gläsern zurück.

Jenni holte die Flasche aus ihrer Tasche und zögerte. Prof. Hinkelfeld beobachtete, wie ihre Hände zitterten.
"Lassen Sie mal, Frau Seidenhöfer, ich mach das schon", bot sich Schwester Heidi an, nahm Jenni die Flasche aus der Hand und schenkte alle Gläser halbvoll ein. Sie achtete sorgsam darauf, dass genug in der Flasche blieb, verschloß sie gut und stellte sie absichtlich etwas weiter weg auf den Boden.
"So, dann wollen wir mal auf die Genesung Ihres Mannes anstoßen. Er kann heute noch entlassen werden!" rief Prof. Hinkelfeld.
Alle hoben die Gläser. Schwester Heidi stand direkt neben Hans und schaute zum Fenster des Stationszimmers. Sie machte eine kaum sichtbare kurze Kopfbewegung. Daraufhin drückte die Stationsschwester den Alarmknopf. Schwester Heidi stolperte und fegte dabei Hans das Glas aus den Händen. Der Inhalt ergoß sich blutrot über seine Bettdecke.
"Ach, Herr Seidenhöfer, das tut mir jetzt aber leid. Die Alarmsirene hat mich eben so erschreckt, dass ich doch glatt gestolpert bin", sagte sie mit kläglicher Stimme.
Prof. Hinkelfeld nickte ihr ganz unscheinbar zu.
"Aber Schwester, das macht doch nichts. Ich werde nachher noch etwas trinken. Ehrlich gesagt bin ich von Ihren leckeren Keksen von vorhin sowieso so satt, dass ich im Moment gar nichts Süßes mehr in meinen Magen bekomme", sagte Hans lachend.

"Also, auf ein Neues!" sprach Prof. Hinkelfeld.
Alle setzten erneut an, nur Jenni nicht.
"Frau Seidenhöfer, was ist denn? Wollen Sie Ihren eigenen, selbstgemachten Saft nicht trinken?" fragte der Professor.
"Ach, Herr Professor, der ist doch für meinen Mann gemacht. Und ich habe gar keinen Durst", sagte Jenni.
"Aber, aber, Frau Seidenhöfer, Sie werden doch wohl auf die Genesung Ihres Mannes ein winziges Schlückchen anstoßen wollen, nicht wahr?" sagte er jetzt etwas eindringlicher. Jenni wurde ganz rot im Gesicht. Sie zitterte. Der Assistenzarzt und auch Schwester Heidi hatten selbstverständlich nichts von dem Saft getrunken, nur so getan, ebenso wie der Professor.
"Frau Seidenhöfer", sprach Prof. Hinkelfeld jetzt mit so ernster und eindringlicher Stimme, dass Hans ihn ganz verwundert anschaute, "stimmt etwas nicht mit dem Saft? Warum sind Sie auf einmal so nervös? Sie zittern ja wie Espenlaub! Was ist los mit Ihnen?"
Jenni stellte das Glas ab, wollte ihre Tasche nehmen und fluchtartig den Raum verlassen. Der Professor hielt sie am Arm fest.
"Herr Professor, was machen Sie denn da, meine Frau...." wollte Hans empörend eingreifen. Schwester Heidi flüsterte Hans ins Ohr, er solle den Professor mal machen lassen. Er hätte seine Gründe. Hans beobachtete ganz verdutzt das weitere Geschehen. Prof. Hinkelfeld nahm das Glas von Jenni und hielt es ihr hin.
"Also, Frau Seidenhöfer, trinken Sie einen Schluck, na los!"
"Nein, lassen Sie mich in Ruhe. Ich will nicht davon trinken. Sie können mich doch nicht zwingen, von dem Kirschsaft zu trinken. Der ist doch für meinen Mann!" versuchte Jenni sich zu wehren.
"So, so, für Ihren Mann ist er also gut, für Sie nicht? Darf ich fragen, warum nicht?" fragte Prof. Hinkelfeld mit böser Stimme.
Jenni schüttelte nur den Kopf und wollte flüchten. Aber sie entkam seinem harten Griff nicht. Schließlich schrie sie.
"Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich!"
"Frau Seidenhöfer, ich frage Sie zum letzten Mal, warum wollen Sie den Saft nicht trinken? Kommen Sie, wir wissen sowieso alle Bescheid, Sie können uns nichts mehr vormachen!" brüllte jetzt der Professor.
Jenni guckte entsetzt alle an. "Aber, aber Sie haben doch alle eben davon getrunken!"
"Nein! Das haben wir eben nicht! Wir haben nur so getan. Und Schwester Heidi hat das Glas Ihres völlig ahnungslosen Mannes absichtlich umgestossen! Also raus mit der Sprache, verdammt noch mal!"
Hans hörte fassungslos zu, war völlig verwirrt. Was spielte sich hier ab? Er sah seine Frau an, die wie eine Verrückte zitterte.
"Ich, ich, es war nicht meine Idee. Ich meine, ich wollte es nicht, aber, ich..." stotterte Jenni.
"Was wollten Sie nicht? Wer hat Ihnen geholfen. Und wie sind Sie an das Zeug herangekommen. Das kann man schließlich nicht an jeder Straßenecke kaufen wie Lutschbonbons. Also, reden Sie endlich!" schrie der Professor so eindringlich, dass Jenni unter Tränen schließlich stockend gestand.

"Es war Seans Idee. Ich habe seit einiger Zeit eine heimliche Beziehung zu ihm. Er ist Franzose. Und, und ich erzählte ihm, was für ein Langweiler mein Mann ist, und, dass ich es nicht mehr aushalte in dieser Ehe und..."
"Jenni! Was sagst du da? Wir haben doch eine glückliche Ehe geführt!" schrie Hans entsetzt. Er konnte nicht fassen, was er da hörte.
Plötzlich hörte Jenni auf zu weinen und bekam ein versteinertes, hartes Gesicht. "Ach, du blöder Dummkopf! Du hast ja keine Ahnung. Glückliche Ehe? Dass ich nicht lache! Unsere Ehe war langweiliger als eine Schlaftablette. Und du mit deiner scheiß Beamtenmentalität. Immer schön sparen. Alles in die Lebensversicherung, damit, wie sagtest du immer, damit wir im Alter was haben. Was interessiert es mich, was ich im Alter habe, wenn ich grau und häßlich bin? Ich will JETZT leben, verdammt noch mal. JETZT, verstehst du? Oh, wie ich deine Sprüche und deine Vorgarten-Mentalität hasste. Und dann lernte ich vor ein paar Wochen Sean kennen. Ja! Das ist ein Mann, das kann ich dir sagen. Das ist ein wirklicher Mann! Du bist ein Witz, ein schlechter Scherz dagegen! Ach, jetzt ist eh alles egal. Sean hat mir die Droge besorgt. Er sagte mir, ich solle jeden Tag ein bißchen in den Saft tun. Irgendwann drehst du durch und bringst dich um. Mit der Riesensumme aus deiner Lebensversicherung hätten wir, Sean und ich, uns ein wunderschönes Leben in der Karibik gemacht. Tja, aus der Traum. Aber die Wochen mit Sean waren es wert!" fügte sie noch gehässig hinzu.

Hans war fertig mit den Nerven. Er sank in sich zusammen und begrub verzweifelt den Kopf in seinen Händen. Schwester Heidi streichelte ihm liebevoll über das Haar. Hans schüttelte immer wieder den Kopf.
"Wie konntest du mir das nur antun, Jenni? Wie konntest du nur? Hast du überhaupt eine Vorstellung von dem, was ich durchgemacht habe, welche Qualen ich erlitten habe, wie grausam du warst? Ich kann es einfach nicht glauben! Ihr hattet mich fast so weit, dass ich mich umbringen wollte!"
Weinend brach er zusammen. Schwester Heidi gab ihm zwei Beruhigungstabletten.

"Haben Sie genug gehört, Kommissar Keller?" fragte Prof. Hinkelfeld triumphierend.
Ein Vorhang wurde beiseite geschoben. Ein Mittvierziger mit leicht angegrautem Haar und langem Tweedmantel kam hervor.
"Ja, allerdings. Jetzt brauche ich nur noch den Nachnamen von diesem Sean! Also, Frau Seidenhöfer? Raus damit!"
Jenni traute ihren Augen und Ohren nicht. Auch Hans war völlig überrascht.
"Das war ja ein richtig abgekartetes Spiel! Ich glaube es nicht!" schrie sie.
"Ja, nur Ihr Mann war völlig ahnungslos!" sagte Prof. Hinkelfeld grimmig.
"Also, den Namen, Frau Seidenhöfer!" drängte Kommissar Keller.
Nach einigem Zögern rückte sie damit raus. "Er heißt Sean Perrin."
Schwester Heidi rief plötzlich aufgeregt: "Herr Kommissar, da unten auf dem Parkplatz sitzt noch jemand in dem Wagen von Frau Seidenhöfer. Ich wette, dass er es ist!"
Der Kommissar wandte sich an Jenni.
"Und, ist er es?" Jenni nickte gequält.
Hans sprang sofort auf und sah hinunter. "Tatsächlich, das ist der Kerl, der mich die ganze Zeit auf übelste Weise verfolgt hat. Er ist es! Ich erkenne ihn eindeutig wieder. Nie in meinem Leben werde ich dieses Gesicht vergessen. Oh mein Gott, ich kann es immer noch nicht fassen", schrie er und wollte auf seine Frau losgehen.
Dr. Meyers konnte ihn gerade noch zurückhalten. Prof. Hinkelfeld ließ auf Anordnung vom Kommissar im Empfang unten anrufen. Es würden vier Pfleger herunterkommen. Der Mann in dem blauen Kombi dürfe auf keinen Fall entwischen. Frau Seidenhöfer wurde an Ort und Stelle von Kommissar Keller festgenommen und abgeführt.
"Er war es wert!" rief sie Hans noch einmal böse zu.
Hans schüttelte nur völlig geknickt den Kopf.

Sean Perrin sah vier Männer auf sich zukommen, startete den Motor, um schnell zu verschwinden, aber sie erwischten ihn gerade noch rechtzeitig und hielten ihn fest, bis der Kommissar kam.
Beide wurden in Handschellen in die grüne Minna gebracht, die verborgen hinterm Krankenhaus stand. Hans beobachtete von oben, wie seine Frau und dieser Kerl in Handschellen abgeführt wurden. Er war völlig entsetzt. Es erschien ihm alles wie ein schlechter Alptraum.
"Herr Seidenhöfer, ich möchte Sie gerne noch einen Tag hierbehalten. Ich mache mir Sorgen, dass Sie sich aus Verzweiflung etwas antun könnten. Bleiben Sie noch einen Tag, bis Sie sich einigermaßen beruhigt haben, einverstanden?" sagte Prof. Hinkelfeld.
Hans nickte nur.

Am Abend sah Schwester Heidi nach Hans, der mit traurigem Gesicht in seinem Bett lag. Es war ihm anzusehen, dass die Ereignisse der letzten Tage, besonders die Tatsache, dass seine Frau ihn aus dem Weg räumen wollte, sehr an ihm zerrten.
Schwester Heidi näherte sich ihm langsamen Schrittes. "Herr Seidenhöfer, wie geht es Ihnen? Eigentlich eine dumme Frage, verzeihen Sie."
Hans lächelte kurz, als er sie sah. "Ist schon in Ordnung, Schwester Heidi. Ich freue mich, dass Sie da sind. Sie haben sich immer so rührend um mich gekümmert, ich konnte Ihnen noch gar nicht dafür danken."
Schwester Heidi setzte sich zu ihm. "Wofür denn danken, ich bin so froh, dass Ihnen nichts passiert ist. Diese Geschichte tut mir sehr leid für Sie."
Hans nahm ihre Hand und drückte sie leicht. "Ich kann es immer noch nicht glauben", sagte er, "aber wenigstens ist der Spuk jetzt vorbei. Ich dachte wirklich schon, ich hätte den Verstand verloren."
Schwester Heidi musste sich bemühen, ihre liebevollen Gefühle für Hans zurückzuhalten. Am liebsten hätte sie ihn zärtlich in die Arme genommen. Aber ihr war bewusst, dass Hans jetzt Zeit brauchte, um diese Geschichte zu verarbeiten. Kurzerhand holte sie einen Zettel aus ihrer Tasche und schrieb etwas darauf. Dann legte sie den Zettel auf seinen Nachttisch.
"Wenn du jemanden zum Reden brauchst, dann kannst du mich unter dieser Nummer erreichen", sagte sie, wobei ihr das "Du" mehr zufällig rausrutschte.
Hans erkannte, dass die Nummer nichts mit der Klinik zu tun hatte, sondern ihre Privatnummer sein musste.
"Ja, das werde ich bestimmt tun", sagte Hans.
Er fand sie sehr nett und einfühlsam, zu mehr Gefühlen war er jedoch noch nicht in der Lage. Schwester Heidi stand auf und ging mit wild klopfendem Herzen zur Tür. Hans sah ihr nach. Als sie die Tür fast erreicht hatte, drehte sie sich um.
"Ach, da fällt mir noch ein, dass Kommissar Keller angerufen hat. Er wollte morgen früh noch mal mit dir sprechen. Dann bis morgen, schlaf gut."
Hans bedauerte es fast, dass sie schon ging. Er würde sie morgen ja noch mal sehen. Er wusste, dass es nicht das letzte Mal sein würde.

Am frühen Vormittag kam Kommissar Keller.
"Guten Morgen, Herr Seidenhöfer. Wie geht es Ihnen heute?"
Hans saß aufrecht im Bett. "Guten Morgen, Herr Kommissar. Danke, es geht, obwohl ich die letzte Nacht kaum geschlafen hatte, weil ich immer wieder über diese Geschehnisse grübeln musste. Ich kann mir vieles nicht zusammenreimen. Was ist mit dem Haus meines Nachbarn? Ist es nun abgebrannt oder nicht? Habe ich Günter und Jonah gerettet oder nicht?"
Kommissar Keller nickte. "Das Haus Ihres Nachbarn, Günter Neubauer, ist tatsächlich abgebrannt. Der Brand wurde von Sean Perrin gelegt, er ist geständig."
Hans´ Gesicht verzerrte sich. "Diese verfluchten Schweine! Sie haben sogar noch einen Mord riskiert! Das Ganze will einfach nicht in meinen Schädel. Meine liebe und sanftmütige Jenni, und dann so etwas. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie unter ganz massivem Einfluß von diesem Franzosen stand, ihm irgendwie hörig war oder so."
Er schüttelte ungläubig immer wieder den Kopf.
Der Kommissar pflichtete ihm bei. "Ja, es ist schon erstaunlich, mit welcher Kaltblütigkeit die beiden vorgegangen sind. Und bei dem Brand hatten die beiden sogar noch damit gerechnet, dass Sie dabei sterben. Ihrer Frau war absolut klar, dass Sie sofort helfen würden. Nein wirklich, so etwas ist mir in dieser Art noch nicht untergekommen, und glauben Sie mir, ich habe in 15 Dienstjahren schon Einiges erlebt. Übrigens habe ich mit Ihrem Nachbarn Günter Neubauer gesprochen. Er konnte bestätigen, dass Sie ihn gerettet haben, und ich denke, er wird sich bald bei Ihnen melden."
Hans atmete erleichtert auf. Günter und sein Sohn könnten erst mal zu ihm kommen, überlegte er sich. So hätte er auch eine gute Ablenkung, ausserdem möchte er in dem Haus die erste Zeit auch nicht allein verbringen.
Kommissar Keller gab Hans noch die Nummer vom Hotel und dann verabschiedete er sich.
Danach rief Hans im Hotel an und machte Günter das Angebot, bei ihm zu wohnen, so lange er wollte. Günter freute sich sehr darüber und nahm gerne an.

Am Nachmittag ging Hans nach Hause.
"Nach Hause? Ist es noch mein zu Hause?" dachte er grübelnd.
Einerseits spürte er auch eine große Erleichterung, dass diese schrecklichen Erlebnisse nun ein Ende hatten, aber er wollte einfach nicht wahrhaben, dass seine geliebte Jenni dahinter steckte. Hans schien um Jahre gealtert zu sein. Er schloß die Haustür auf und ging ins Wohnzimmer. Grübelnd saß er eine Weile da und dachte über den Scherbenhaufen, der sein Leben jetzt war, nach, als das Telefon klingelte.
"Ach, das ist bestimmt Günther", dachte er und ging ans Telefon. "Ja, Seidenhöfer?"
"Du Wurrrrrrrm, wie gefällt dir mein Spiel? Haha! Deine Jenni war mein erstes Opfer, du elender winziger Wurrrrrrm! Ich werde dich zerstören, zerstören, zerstören....!"


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