| Elke |
Mit verklärtem Blick beobachtete Marie, wie die
leere Cocgnacflasche vor ihr auf dem Boden hin und herrollte. Es
war beruhigend, dieses Geräusch, das die Flasche auf den frisch
geputzten Terracottafliesen machte. Kling-klong-kling-klong... Wieder
und immer wieder hin und her.
Marie folgte mit den Augen den Bewegungen der Flasche, und sie spürte
plötzlich so etwas wie Freude aufkeimen. Kling-klong-kling-klong...
"Endlich bin ich diese Flasche los", sagte sie schließlich und musste
bei dem Gedanken kichern. Zum ersten Mal übrigens, dass die Tränen
einem leichten Lächeln gewichen waren, seit ihr Eric die Schlüssel
vor die Füße geworfen und mit einem lauten Türenknall das Haus verlassen
hatte.
"Danke, du Flasche!", kicherte Marie und wusste im Augenblick nicht,
welche Flasche sie meinte. Die, die vor ihr auf dem Boden noch immer
hin-und herrollte oder
|
| Corinna |
Eric, die Flasche, die ihr Leben
völlig auf den Kopf gestellt hatte. Jetzt, nachdem der Druck von ihr
abgefallen war, erinnerte sie sich, wie alles begonnen hatte.
Der dünne, schlaksige Eric war ihr in einem Cafe aufgefallen, als
er nachdenklich in sein Cognacglas starrte. Als er ihren Blick bemerkte,
stieß er vor Schreck sein Glas um - der Beginn einer Reihe von dummen
Ausrutschern, Missgeschicken und Peinlichkeiten. Zu Anfang hatte sie
ihm jede Tasse, jedes Glas, jeden Gegenstand nachgesehen, die er in
seiner Ungeschicklichkeit zu Boden fallen ließ. Aber bald hegte sie
immer wieder den Gedanken an Trennung - bevor es zum Schlimmsten kommen
konnte.
Als er von dem kostbaren Porzellan, das ihr ihre Mutter vererbt hatte,
eine Teller fallen ließ, verebbte auch das letzte liebevolle Gefühl
für ihn. Sie verachtete ihn, aus tiefster Seele. Was für ein Versager!
|
| Brittalixia |
Sie atmete tief durch.
Na denn, dachte sie, auf zu neuen Ufern! "Jetzt beginnt das grosse
Aufräumen", sagte sie laut und stand auf. Sie liess ihren Blick durch
die Wohnung schweifen.
"Ha", sagte sie, "er will die Trennung? Kann er haben!" und ein Grinsen
ging über ihr Gesicht.
Schnell eilte sie in die Küche und holte die Rolle mit den blauen
Müllbeuteln.
Als erstes verschwanden seine restlichen Klamotten, die er noch vergessen
hatte, darin, dann fiel ihr Blick auf seine Anlage.
"Ich hole sie später ab", hatte er noch zu ihr gesagt. Sie lachte
laut auf.
"Jetzt wird er mal erfahren, wie es ist, wenn etwas, was einem lieb
ist, einfach zerbricht."
Sie öffnete das Fenster, holte noch einmal tief Luft und griff zum
Telefon. Die Nummer ihrer besten Freundin, bei der er jetzt war, wusste
sie aus dem Kopf. Sie hielt sich gar nicht erst lang damit auf, Hallo
zu sagen, sondern schoss gleich damit raus:
"Ach übrigens, Deine Anlage kannst Du sofort abholen! Du brauchst
nicht einmal hochzukommen!" und legte sofort wieder auf.
Dann ging sie zum Regal rüber. Auf dem Plattenspieler lag noch die
Platte von Miles Davis.
Die haben wir beide immer so gern gehört, dachte sie mit einem Kloss
im Hals. Ein bisschen wehmütig dachte sie an die Zeit zurück, als
sie beide sich noch so gut verstanden.
Und in hohem Bogen flog die Schallplatte durch das offene Fenster.
|
| Elke |
"Auaaaaa!", dröhnte ein schrilles
Heulen zu Maries Fenster herauf. "Ja sind Sie denn völlig verrückt?
Wollen Sie mich umbringen?"
Marie erschrak. Es war nicht Erics Stimme, die unten auf der Straße
herumtobte. Vorsichtig linste Marie aus dem Fenster.
Sie erschrak noch mehr. Ein Herr in Grün, von Marie sonst gerne als
"Sch...Bulle" bezeichnet, stand mit drohender Miene vor ihrer Haustür
und hielt sich die blutende Stirn.
Marie begann zu zittern, denn seit der Demo damals, in der ihr ein
junger Polizist mit dem Gummiknüppel eine heftige Beule auf dem Kopf
verpasst hatte, verspürte Marie so etwas wie eine Bullenphobie, wenn
sie "Grün" sah.
"Typisch", schimpfte sie mit sich selbst. "Ich bin echt dümmer als
die Polizei es erlaubt. Hoffentlich haut der Typ gleich wieder ab."
Im gleichen Moment läutete es an der Wohnungstür. |
| Britta |
"Au verdammt, was mach ich jetzt
bloss?" fragte sie sich laut und sah zögernd zur Wohnungstür.
Da klingelte es erneut, und von draussen rief eine Männerstimme: "Ich
weiss, dass Sie da drin sind, öffnen Sie sofort die Tür!"
Marie seufzte tief.
"Der Tag ist blöd, ich will 'nen neuen!" jaulte sie kurz auf und öffnete
die Tür.
"Oh mein Gott, Sie bluten ja!" rief sie aus, als sie den Polizisten
sah. Sie nahm das Grün gar nicht mehr wahr, sondern nur noch das Blut,
das aus einer Wunde am Kopf tropfte.
"Soll ich einen Arzt rufen, kann ich Ihnen helfen? Es tut mir ja so
leid, ich wollte niemanden verletzen,..." strömte es auch ihr heraus.
"Was in aller Welt ist denn in Sie gefahren!" unterbracht der Polizist
sie rüde.
"Tja...äh...naja...also..."
"Na, nun kommen Sie mal auf den Punkt! Ich könnte Ihnen wegen Körperverletzung
eine Strafanzeige verpassen, das ist Ihnen ja wohl klar!"
"Ach herrje, nun kommen Sie doch erstmal rein!" forderte sie ihn auf
und versuchte, Zeit zu gewinnen. Plötzlich... |
| Gabriella |
sah sie im Spiegel, daß der
blutende Polizist hinter ihr stand.
Sie erschrak fast zu Tode und rief:"Menschenskinder, wie können Sie
mich so erschrecken! Mir ist fast das Herz stehengeblieben!"
"Na, nun mach mal nicht gleich so ein großes Faß auf, okay? Du könntest
dir die Anzeige wegen Körperverletzung ersparen, wenn du willst",
sagte der Mann mit einem süffisanten Unterton.
Marie sah ihn herausfordernd an. "Ach ja? Und wie?"
"Na Kleine, kannst du dir das nicht denken? Bist doch eine ganz Schnuckelige!
Na komm schon. Stell dich nicht so an", erwiderte er und berührte
ihre Wange.
Angewidert rannte sie aus dem Badezimmer und schrie: "Was erlauben
Sie sich? Sind Sie übergeschnappt? Ich kann es nicht glauben. Für
was halten Sie mich eigentlich? Verlassen Sie sofort meine Wohnung,
sonst rufe ich die Polizei!"
Dabei griff sie zum Telefonhörer. Er kam schnell auf sie zu und drückte
den Hörer wieder auf die Gabel.
"Aber nicht doch. Die Polizei ist doch schon da, und das würde dir
sowieso keiner glauben. Also, mach schon, oder soll ich etwas nachhelfen?
Kein Problem!"
Er fiel über sie her, riß ihr die Bluse brutal runter. Panik ergriff
sie. Was sollte sie jetzt bloß tun? Dieser Kerl war groß und stark.
Sie wehrte sich mit Händen und Füssen, trat ihm mit aller Wucht zwischen
die Beine, so daß er aufstöhnte vor Schmerzen. Er richtete sich aber
gleich wieder auf und griff sie erneut an. Er hatte sie so fest im
Griff, daß sie nichts machen konnte. Sie wich zurück. Er klammerte
sich an ihr fest. Mit ihrer rechten Hand rumfuchtelnd ,suchte sie
nach irgendeinem Gegenstand, um sich zu wehren. Da! Sie hatte etwas
gefunden, wußte gar nicht, was es war. Sie nahm es und schlug auf
seinen Kopf mit aller Kraft. Er sank bewußtlos zu Boden. Eine riesige
blutende Wunde aus seiner rechten Schläfe ergoß sich auf dem Teppich.
Erst jetzt sah sie, daß sie mit einer Flasche auf ihn eingeschlagen
hatte.
"Oh mein Gott", durchfuhr es sie, "ist er tot? Hab ich einen Polizisten
ermordet? Was mache ich denn jetzt?"
Völlig verzweifelt rannte sie hin und her. |
| Ferida |
Marie kam nicht einmal auf den
Gedanken zu überprüfen, ob der Bulle vielleicht doch noch lebte. Aber
es spielte eigentlich auch keine Rolle, in der sprichwörtlichen Tinte
saß sie jetzt auch schon. Sie raufte sich die Haare und rannte mit
dem Kopf gegen die Wand - nicht so fest, wie sie eigentlich wollte,
aber immerhin. Sie erreichte damit zum Teil, was sie wollte: ihre
Gedanken wurden ein wenig klarer und sie kam nun auf den Gedanken,
dass sie vor einer schweren Entscheidung stand:
Sollte sie die Polizei rufen? Ihre Vernunft riet ihr, genau das zu
tun, doch, wer würde ihr glauben? Der Mann war Polizist gewesen und
sollte eigentlich Schweine, die andere Leute überfielen verhaften...
Und Marie war nur eine einfache Person, die sowieso schon Schwierigkeiten
mit der Polizei hatte, weil sie die Autorität von Polizisten nicht
immer so unüberlegt anerkannte.
Oder sollte sie die Leiche auf die Seite schaffen? Wenn sie das tat,
wäre sie das erste Problem los, aber was war, wenn sie jemand dabei
erwischte? Oder wenn jemand den Polizisten in ihr Haus gesehen hatte?
Was war, wenn sich schnell herausstellte, dass sie am Verschwinden
eines Polizisten Schuld war? Man würde sie zumindest verdächtigen...
Marie zitterte am ganzen Körper, als sie zu der Leiche hinüber sah
und zum Telefonhörer griff. |
| Gabriella |
Zitternd wählte Marie die Nummer
der Polizei.
"Polizeiwache Hauptstraße, Köster", meldete sich eine robuste Stimme.
Hastig legte sie wieder auf. Nein, das konnte nicht gutgehen. Oder
doch? Würden sie ihr glauben? Sie griff erneut zum Hörer, drückte
die Wiederwahltaste, und diesmal meldete sich eine Frauenstimme.
"Polizeiwache Hauptstraße, Schuster".
Marie hatte einen Kloß im Hals. Sie konnte nichts sagen.
"Hallo? Haaaalo? Wer ist denn da?" fragte eine ungeduldige Stimme.
Marie nahm all ihren Mut zusammen und begann stockend: "Ja, hallo,
hier ist..... aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!" Weiter kam sie nicht.
Sie ließ den Telefonhörer fallen vor Schreck. Zwei blutüberströmte
Arme packten sie von hinten und versuchten, sie zu erwürgen.
"Du Miststück, hast wohl geglaubt, ich wäre tot, was?" hauchte der
Polizist schweratmend. "Ich mach dich fertig!"
Er drückte ihren Hals zu. Marie bekam keine Luft. Mit aller Kraft
versuchte, sie sich zu befreien. Als der Mann den Griff ein wenig
lockerte, er hatte anscheinend keine Kraft mehr, rief sie sofort "Hiiiiiiiilfe,
Hiiiiiiiiiiilfe".Ein erbitterter Kampf fand zwischen den beiden statt.
"Was schreist du um Hilfe, du dumme Kuh, dich hört doch niemand!"
tönte der Bulle. Und ob jemand hörte. Die Telefonleitung war nicht
unterbrochen. |
| Britta |
Verzweifelt trat sie um sich.
Er hielt wieder mit beiden Händen ihren Hals fest und drückte zu.
Plötzlich senkte sich Dunkel um sie und sie verlor das Bewusstsein.
Schweratmend sass der Mann neben ihr.
"Verdammtes Miststück", fluchte er, "was musst du dich auch so zieren!"
In der Ferne hörte er Sirenen, die immer näher kamen.
Marie stöhnte kurz auf. Er blickte auf sie nieder und versuchte, wieder
auf die Beine zu kommen.
Plötzlich hörte er ein leises "Hallo...sind Sie noch dran?"
Ihn durchfuhr ein Schreck. Hastig legte er den Hörer auf. "So was
Blödes", sprach er zu sich selbst, "was mach ich denn jetzt mit diesem
Weib?"
Er warf noch einen Blick auf sie und suchte das Badezimmer. Das Blut
strömte immer noch über seine Augen.
Als er die Tür öffnete, zuckte er zurück. So etwas hatte er noch nicht
gesehen... |
| Gabriella |
In der Zwischenzeit war auf
der Hauptwache Hauptstraße die Hölle los. Die Beamtin Schuster hatte,
nachdem sie den Aufschrei der Anruferin gehört hatte, sofort auf Laut
gestellt, so daß ihre Kollegen mithören konnten und rief: "Schnell,
verfolgt den Anruf zurück. Sie hat nicht aufgelegt! Beeilt euch, sonst
kommen wir zu spät!" Hastig wurde alles Notwendige veranlaßt, und
nach 5 Minuten rief ein Kollege: "Wir haben sie! Eric und Marie Lindemann,
Weinstr. 20. SEK ist bereits unterwegs!"
"Oh je, hoffentlich kommen die noch rechtzeitig", grübelte Frau Schuster.
Eine Gänsehaut jagte ihr den Rücken runter, bei der Vorstellung, daß
sie eventuell Zeugin eines Mordes war. |
| Tilman |
Als der erste Einsatzwagen vor
dem Haus Weinstraße 20 mit quitschenden Bremsen und lauten Martinshorn
stoppte, ließ Eric voller Schreck die zersprungene alte Miles-Davis-Scheibe
fallen. Ebenso erschrocken verfolgte er, wie vier voll aufgerüstete
Beamte im Laufschritt durch die offene Haustür eilten, die bis vor
kurzem noch zu seinem Zuhause geführt hatte. Zögernd, zugleich aber
neugierig und von einer bösen Vorahnung angetrieben, ging er ihnen
nach. Verlegen grüßte er Frau Beimer vom Erdgeschoß; konnte sich aber
trotz seiner Aufregung nicht ein leichtes Grinsen darüber versagen,
daß es bei Beimers heute schon wieder jene undefinierte Kohlspeise
gab, deren Aroma auch früher Tag für Tag dem Treppenhaus das gewisse
Etwas kleinbürgerlicher Miefigkeit verliehen hatte.
"Ach ja, früher..." Doch weiter kam er nicht mit seinen sentimentalen
Erinnerungen. Beim Geräusch einer aufgebrochenen Wohnungstür wußte
er, daß es jene war, hinter der er mit Marie viele schöne Stunden
verbracht hatte. Laut ihren Namen schreiend nahm er die letzten Stufen,
stürmte hinein und wurde unsanft von einem der Beamten abgefangen,
der ihn barsch anfauchte. Mit zitternden Knieen registrierte er noch,
daß die Wohnung leer war, dafür überall Blutspuren zu sehen waren.
Dann mußte er sich setzen. Was war passiert? |
| Gabriella |
Eric saß da, völlig verwirrt
und in großer Panik. Okay, er hatte einen schrecklichen Streit mit
Marie, sie wollten sich trennen, aber, wenn ihr was passiert ist?
Hatte sie jemand überfallen? Warum war sie nicht in der Wohnung? Woher
das viele Blut? War es ihr Blut? Oh Gott, was war bloß passiert. Er
mußte Näheres erfahren.
Er stand auf und verlangte, den leitenden Beamten zu sprechen, er
wäre der Ehemann. Erst wollten die Beamten ihn wieder abwimmeln, aber
er blieb stur. So kam schließlich ein kleiner, untersetzter Typ mit
Nickelbrille und drei Haaren auf dem Schädel, auf ihn zu und meinte
herablassend: "So, Sie sind also der Ehemann von Marie Lindemann,
ja? Schuhmann, ich bin der Einsatzleiter des Sonderkommandos hier.
Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen?"
Eric kam ins Stottern. "Ich weiß nicht so genau, vor ein paar Stunden.
Wir hatten Streit, und dann bin ich wütend weggefahren. Was ist denn
hier los, um Gottes Willen?"
Schuhmann musterte Eric kritisch. "So, Sie hatten Streit? Ist der
Streit vielleicht ein bißchen eskaliert? Sind Sie ausgerastet? Kommen
Sie, jeder weiß doch, die Täter kommen immer an den Ort ihrer Tat
zurück." Jetzt wurde es Eric aber zu bunt. "Waaaaaaas? Sie glauben
doch wohl nicht, daß ich meiner Frau etwas angetan habe? Was für ein
Unsinn! Niemals könnte ich Marie etwas antun, verdammt noch mal. Was
war hier los, wieso sind Sie hier?"
"Weil Ihre Frau, während sie überfallen wurde und um Hilfe schrie,
die Polizeistation Hauptstraße angerufen hatte. Die Beamten hörten
den Kampf am Telefon mit, sie hatte nicht aufgelegt. Anruf zurückverfolgt,
und zack, hier sind wir. Aber keine Frau, kein Täter, nur Blutspuren.
Und Sie kommen jetzt mit. Wir werden eine Blutprobe von Ihnen nehmen
und mit denen hier in der Wohnung vergleichen!" erwiderte Schuhmann
barsch, drehte sich zu einem Kollegen und sagte: "mitnehmen, und ruft
die Spurensicherung. Die sollen hier alles auf´s Korn nehmen."
Eric war ganz blaß geworden. Marie war überfallen worden? In ihrer
eigenen Wohnung? Wie ist so etwas möglich? Willenlos ließ er sich
von zwei Polizisten abschleppen. Im Polizeipräsidium nahmen sie seine
Fingerabdrücke, eine Blutprobe und setzten ihn in einen kleinen Raum,
in dem sich nur ein Tisch, zwei Stühle und ein großer Spiegel befanden.
Trostlos hing eine Glühbirne von der Decke hinab.
"Au Mann, was soll ich hier? Was wollen die von mir?" dachte Eric
verzweifelt. |
| Tilman |
Marie erwachte, als ihr übel
wurde. Der Geruch von altem, kalten Kohl breitete sich immer intensiver
in ihrer Nase aus. Sie fürchtete, sich übergeben zu müssen; war ihr
Mund doch mit breiten Paketband verklebt. Langsam gewöhnten sich ihre
Augen an die Dunkelheit und sie vermochte, die ersten Konturen aus
dem Dämmerlicht herauszuschälen: ein Staubsauger, das Bullauge einer
Waschmaschine, zwei Beine in mattglänzender Ballonseide. Sie war nicht
allein! Intensiver in die Finsterniss starrrend erkannte sie Herrn
Beimer und, ein wenig davon entfernt an das Regal mit den Aldi-Konserven
gelehnt, seine Frau. Beide auf gleiche Weise wie sie geknebelt und
an Händen und Füßen gefesselt. Waren Sie tot? Nein - das sanfte Heben
und Senken des mächtigen Busens unter der Woolwortschen Kittelschürze
von Frau Beimer beruhigte sie. Und auch das kleine Bächlein, das sich
ihr bedrohlich näherte und dessen Quell im Schoß der Beimerschen Jogginghose
zu finden war, zeigte ihr, daß ihr Nachbar nicht nur noch lebte, sondern
daß auch sein altes Harnleiterleiden nun auf wundersame Weise kuriert
worden sein mußte. Dennoch hatte sie Angst. Nicht nur vor dem Bächlein.
Denn jetzt wurde die Tür der Beimerschen Speisekammer mit einer Vehemenz
geöffnet, die nichts Gutes verhieß. Wütend wurde der Lichschalter
betätigt und .... |
| Britta |
ihr Peiniger stürzte herein.
"Du verdammtes Miststück, hast mich in eine bescheuerte Lage gebracht!
Das wirst Du mir büssen!"
Schon war er bei ihr und zerrte sie auf die Beine.
"Hmpf hmpfpf hmfhmmmpfff" versuchte sie zu sagen. Sie bekam keine
Luft mehr und ihr war schwindelig.
Von den Beimers hörten man, ausser einem leisen Stöhnen nichts. Stolpernd
verliessen sie den Kellerraum. Vor der Tür warf er sie wie einen Kartoffelsack
über die Schulter und schlich, sich vorsichtig umsehend, die Treppe
hinauf.
"Die Luft scheint rein zu sein", murmelte er.
"UUUUAAAAAAHH....."
Entsetzt schloss Marie die Augen, während der Mann die Treppe herunterfiel.
Sie versuchte sich innerlich gegen den Sturz zu wappnen. Ein brennender
Schmerz schoss durch ihre Schulter und vorsichtig öffnete sie die
Augen.
Der Mann lag schwer auf ihr. Vorsichtig versuchte sie, sich unter
ihm wegzubewegen. Zentimeterweise arbeitete sie sich voran, immer
ängstlich darauf bedacht, ihn nicht zu reizen.
Aber es kam keine Reaktion von ihm. Wie tot lag er da.
|
| Gabriella |
Auf der Polizeiwache saßen der SEK-Leiter Schuhmann und der Reviervorsteher
Heinzelmann grübelnd in einem separatem Raum. Heinzelmann schüttelte
den Kopf.
"Ich verstehe den Zusammenhang einfach nicht. Das macht doch gar
keinen Sinn, verdammt noch mal!" Auch Schuhmann sah ziemlich ratlos
aus. Er schaute nachdenklich zum Fenster hinaus. "Ach du Scheiße,
auch das noch!" rief er plötzlich.
"Was ist denn?" fragte Heinzelmann alarmiert. "Der Alte kommt, und
er macht nicht gerade ein freundliches Gesicht!" sagte Schuhmann
hektisch.
"Waaas? Was will der denn hier, du liebe Güte, das hat uns gerade
noch gefehlt", stöhnte Heinzelmann.
Im nächsten Augenblick hörten sie schon, wie eine Tür heftig zugeschlagen
wurde. Beide zuckten kurz zusammen. Kriminalrat Müller-Degenhardt
riß die Tür zu ihrem Zimmer auf und betrat herrisch mit ausgesprochen
verärgertem Gesicht den Raum.
"Was zum Teufel geht hier vor?" polterte er los.
"Herr Kriminalrat, welche Ehre, daß Sie...."
"Ach, hören Sie auf mit diesem blödsinningen Gehabe", herrschte
Müller-Degenhardt Heinzelmann an. Er wandte sich an den SEK-Leiter
Schuhmann. "Wie konnte es passieren, daß die Presse Wind von dieser
Sache bekommen hat? Ich erhielt sogar einen Anruf vom Polizeipräsidenten.
Und ich war nicht informiert, verdammt noch mal. Schuhmann! Briefing,
aber kurz, wenn ich bitten darf", forderte der Kriminalrat ihn verärgert
auf.
Schuhmann erzählte eingeschüchtert von dem Anruf, den Frau Schuster
erhalten hatte, was sie gehört hatte, daß man den Anruf zurückverfolgt
hatte, daß das SEK sofort dorthin fuhr, man aber eine leere Wohnung
vorfand, aber überall Blutspuren. Keine Leiche, kein Täter, nichts,
nur Blutspuren.
Ja, und da wäre noch etwas", sagte Schumann zögernd.
"Ja, was denn, nun fahren Sie fort!" rief Müller-Degenhardt ungeduldig.
"Ja, also, Herr Kriminalrat, da ist etwas, worüber wir uns hier
gerade beraten haben. Wir können uns keinen Reim darauf machen.
Der Ehemann von der Anruferin, Herr Eric Lindemann, den wir im übrigen
im Gewahrsam haben, hatte einen Teil einer CD in der Tasche. Wir
entdeckten sie bei der üblichen Kontrolle. Und auf der CD war Blut
und Fingerabdrücke. Wir ließen es sofort prüfen und jagten es durch
den Computer. Ja, und jetzt kommt das Merkwürdige. Es ist das Blut
von unserem Kollegen Jürgen Faust. Auch ein Teil der Fingerabdrücke
sind von ihm. Wir haben daraufhin die vielen Blutspuren in der Wohnung
der Lindemanns verglichen. Auch dieses Blut war vom Kollegen Faust.
Und wir rätseln, was der Kollege Faust damit zu tun hat", schloß
Schuhmann.
Der Kriminalrat legte die Stirn in Falten. "Faust? Der Name kommt
mir irgendwie bekannt vor. Faust. Woher kenne ich den Namen? Ich
war doch noch nie hier. Meine Herren, seit wann ist Faust hier in
der Polizeiwache?"
Jetzt meldete sich Heinzelmann zu Wort. "Der Kollege Faust ist erst
seit einem Monat hier. Er wurde strafversetzt. Es gab damals Gerüchte
um eine Vergewaltigung, mit der er zu tun gehabt haben sollte. Man
konnte ihm aber nichts nachweisen, weil das Opfer ihn nicht identifizieren
konnte. Sie haben die Strafversetzung seinerzeit angeordnet, Herr
Kriminalrat. Deshalb kommt Ihnen der Name wohl bekannt vor", sagte
Heinzelmann.
"Ja, richtig. Das war es. Wo befindet sich der Kollege jetzt?" fragte
Müller-Degenhart.
"Er ist spurlos verschwunden. Seine Frau hat hier auch schon angerufen,
weil ihr Mann nicht nach Hause kam. So wie es bis jetzt aussieht,
ist der Kollege Faust das Opfer, da sein Blut überall zu finden
war. Und dieser Eric Lindemann behauptet, von allem nichts zu wissen.
Das mit der CD erklärte er so, daß er und seine Frau Streit hatten
und sie in ihrer Wut die CD aus dem Fenster geschmissen hätte",
berichtete Schuhmann.
"Das ist in der Tat alles sehr merkwürdig. Haben Sie Beobachtungsposten
vor dem Haus angeordnet?" fragte der Kriminalrat.
Schuhmann nickte.
"Merkwürdig, sehr merkwürdig.....", murmelte Müller-Degenhardt und
ging Richtung Tür. "Halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich bin über
Handy erreichbar", sagte er noch und verließ den Raum.
|
| Tilman |
Geschlagene vier Stunden saß
sie jetzt schon im Café schräg gegenüber jener Haustür, in der Faust
verschwunden war. Wo war er nur abgeblieben? Zwischenzeitlich hatte
sie ihren Beobachtungsposten lediglich für einen kurzen Augenblick
verlassen, in dem sie sich im Laufschritt vergewissert hatte, daß
von diesem Haus kein weiterer Ausgang in Hinterhöfe oder Nebenstraßen
führte. Er saß in der Falle! Doch er kam nicht heraus!!! Ob er wußte...
Doch dabei war sie in den letzten Tagen so vorsichtig vorgegangen
bei ihren Observationen, wie sie ihr Vorgehen vor sich selber nannte,
um so größere Distanz zu dem Geschehenen zu finden. Nein, mit IHR
hatte das Ganze nicht´s zu tun. Sie hatte lediglich einen Auftrag.
Und der lautete schlicht und ergreifend, ihn zu töten. Sie war jetzt
so einer wie Lino Ventura. Warum kam das Schwein bloß nicht heraus.
HIER wollte sie es sowieso nicht machen. Da hatte sie in den letzten
Tagen schon viel bessere Plätze entdeckt, die er auf seiner Runde
so anlief und wo sie ihren Job wesentlich ungestörter würde erfüllen
können. Oder waren die ganzen Bullen aufgezogen, um ihn vor ihr zu
beschützen? Ein Gedanke, der sie beinahe lächeln ließ. ER hatte Schiß
vor IHR? Dennoch - er würde sterben - so oder so. Zumal sie durch
ihren neuen Job die allerbeste Erklärung dafür hatte, warum sie scheinbar
zufällig sich immer dort aufhielt, wo er war. Da würden ihm seine
Kumpels auch nicht helfen können. Doch - endlich öffnete sich die
Tür von Nummer 20 wieder. Schnell stürzte sie ihren Cognac hinunter
und... .
|
| Gabriella |
stand dann entnervt auf. Wie
lange sollte sie noch warten? Sie zahlte und ging noch mal in die
Nähe des Hauses, horchte an der Haustür. Es war nichts zu hören.
"Ob er doch irgendwo hinten raus ist?" grübelte sie und lief noch
einmal hinter das Haus. Vielleicht hatte sie ja einen Eingang übersehen.
Währenddessen kämpfte Marie weiter, um sich von dem Polizisten zu
befreien, der so schwer auf ihr lag. Endlich gelang es ihr. Etwas
ratlos saß sie da. Sollte sie jetzt weglaufen und zur nächsten Polizeiwache
gehen? Müsste sie nicht die Beimers erst einmal befreien?
"Ach shit, jetzt weiß ich wieder nicht, was ich machen soll. Nein,
ich muß die Beimers befreien. Die könnten an den Mundknebeln ersticken.
Ich wäre ja auch fast erstickt."
Also richtete sie sich auf. Ein stechender Schmerz jagte ihr durch
die Schulter. Sie konnte den rechten Arm kaum bewegen. Der Bulle lag
immer noch regungslos da. Auf wackeligen Beinen ging Marie in den
Keller hinunter und lief so schnell sie konnte zu den Beimers. Beide
stöhnten gequält. Als erstes nahm Marie ihnen die Knebel aus den Mündern.
"Oh, Gott sei Dank, Frau Lindemann, was ist denn bloß los? Wer ist
dieser Polizist? Warum hat er uns hier gefesselt?" fragte Frau Beimer
total verängstigt.
"Pst, ruhig! Frau Beimer, er liegt oben auf der Treppe, er ist gestürzt,
als er mich wegschleppen wollte und ich weiß nicht, ob........."
Frau Beimer ließ einen Schrei los. Marie drehte sich um. Der Bulle
stand schwankend und blutend in der Tür. Das durfte doch nicht wahr
sein! Dieser Scheißkerl war doch nicht tot. Warum war sie nicht einfach
abgehauen und hatte die nächste Polizeidienststelle informiert? Sie
verfluchte sich selber, rannte in das hinterste Ende des Kellers.
Sie suchte verzweifelt irgend etwas, womit sie sich verteidigen konnte,
fand aber nichts.
"Hör schon auf, hast eh keine Chance, Kleine!" tönte der Bulle böse.
Er zog sich die Jacke aus, die völlig blutverschmiert war. Er ging
drohend auf Marie zu. Sie fing an zu schreien, aber die Beimers konnten
ihr nicht helfen, und niemand hörte sie. Der Bulle packte sie, versetzte
ihr einen Kantenschlag ins Genick, woraufhin sie bewußtlos zusammensackte.
Suchend ließ er seinen Blick durch den Keller schweifen. Da! Das war
genau das, was er jetzt brauchte. Einen alten braunen Leinensack.
Er schaute aus dem kleinen, vermoderten Kellerfenster. Es war schon
fast dunkel draußen. Er steckte die Knebel wieder in den Mund von
den Beimers, wartete ein Weilchen, bis es richtig dunkel war. Mit
Marie in dem Leinensack über der Schulter, ging er langsam die Kellertreppe
hinauf.
"Verdammt noch mal, ist die schwer", fluchte er und ging weiter. Vorsichtig
öffnete er die Haustür und lugte hinaus. Niemand zu sehen weit und
breit. Sehr gut, dann konnte ja nichts schief gehen! Er ließ die Haustür
ins Schloß fallen und ging die karg beleuchtete Straße entlang Richtung
Wald. An einer Kreuzung kamen ihm zwei Punks auf Skatern entgegen.
Der eine tönte: "Na Alter, was trägst du denn da über der Schulter?"
"Eine Frau, die ich gleich töten und begraben werde!" antwortete Faust.
"Alles claro, Opa!" erwiderte der Punk und lachte laut los. Seine
Freundin kicherte auch vor sich hin. Faust ging weiter. Der Wald war
nicht mehr fern.
War das nicht Faust, den sie da eben gesehen hatte? Ja, er mußte es
sein. Sie hatte keinen Hinterausgang ausfindig machen können. In einem
sicheren Abstand folgte sie Faust vorsichtig. Was hatte er da bloß
auf der Schulter?
Kriminalrat Müller-Degenhardt saß brütend über der Akte Faust, die
er sich hatte kommen lassen. Er lehnte sich zurück, versuchte, den
damaligen Prozeß in Erinnerung zu rufen. So lange war es ja nicht
her. Da war doch dieses kleine Mädchen, keine 16 Jahre alt. Ein eiskalter
Schauer jagte ihm den Rücken runter, als er die Bilder des Mädchen
wieder sah. Vergewaltigt, geschlagen. Der Täter hatte sie fast tot
geprügelt. Es war ein Wunder, daß sie das überlebt hatte. Das Mädchen
hatte einen schweren Schock erlitten und mußte in die Psychiatrie
eingewiesen werden, weil sie mehrfach versucht hatte, sich das Leben
zu nehmen. Ja, jetzt erinnerte er sich wieder. Sie konnte den Täter
nicht identifizieren, weil er eine schwarze Kapuze trug, erinnerte
sich aber an eine Tätowierung, und zwar war es ein schwarzer Adler
auf dem rechten Oberarm. Und diese Tätowierung war das einzige Indiz.
Faust hatte so eine Tätowierung, aber die gab es zu Tausenden in der
Stadt. Deshalb konnte man ihm nichts nachweisen. Müller-Degenhardt
erinnerte sich noch an die Abgebrühtheit von Faust. Der Mann war so
dermaßen von sich selbst überzeugt und auf gut deutsch ein echter
Kotzbrocken. Als die Verhandlung endete mit dem Freispruch aufgrund
mangels an Beweisen, schrie der Vater des Mädchen: "Das wirst du noch
bereuen! Das schwöre ich! Ich werde dich kriegen!" Der Kriminalrat
erinnerte sich, daß der Vater so aufgebracht war, daß ihn zwei Beamte
wegschleppen mußten. Tja, und dann kam die Arie mit der Strafversetzung,
weil die Kollegen nichts mehr mit Faust zu tun haben wollten. Es herrschte
eine unmögliche Stimmung auf dem Revier. Teilweise kam es sogar zu
Prügeleien unter den Kollegen. Beliebt war der Kollege Faust nie gewesen,
aufgrund seiner Arroganz. Aber was hatte Faust jetzt mit diesem Fall
zu tun?, grübelte Müller-Degenhardt nachdenklich. Das machte wirklich
alles gar keinen Sinn. Wo war der Zusammenhang? |
| Tilman |
Schreier hatte ein Problem.
Sollte er sich wirklich blind stellen und den plumpen Kerl in seinem
schlechtsitzenden türkis-violetten Jogginganzug übersehen, der da
eben aus der Nr. 20 herauskam?
Lächerlich wirkte er fast, wie er so schwitzend die Straße entlangging.
Doch Schreier war nicht nach Lachen zumute. Schließlich wäre es jetzt
sein Job gewesen, seine Beobachtung sofort den Kollegen zu melden
und sich dann an die Verfolgung des Gesuchten zu machen. Zudem in
dem unförmigen Sack, den dieser trug, doch aller Wahrscheinlichkeit
nach die vermißte Frau war. Womöglich sogar...
Doch da war dieser Anruf, denn er vor wenigen Augenblicken auf seinem
privaten Handy erhalten hatte. Faust hatte in eindeutig in der Hand
und er wußte es! Das und noch viel mehr, wodurch Schreier wesentlich
mehr Ärger bekommen konnte als aufgrund eines kleinen Nickerchen im
Dienst. Wie gut nur, daß Berlepsch schon seit einiger Zeit die Kleine
beobachtete, die sich so auffällig für das Haus gegenüber interessierte.
Und natürlich seinen eigentlichen Auftrag vergessen hatte und einmal
mehr seinem Spitznamen "Baccardi-Bär" alle Ehre machte.
Doch da war dieser Anruf, denn er vor wenigen Augenblicken auf seinem
privaten Handy erhalten hatte. Faust hatte in eindeutig in der Hand
und er wußte es! Das und noch viel mehr, wodurch Schreier wesentlich
mehr Ärger bekommen konnte als aufgrund eines kleinen Nickerchen im
Dienst. Wie gut nur, daß Berlepsch schon seit einiger Zeit die Kleine
beobachtete, die sich so auffällig für das Haus gegenüber interessierte.
Und natürlich seinen eigentlichen Auftrag vergessen hatte und einmal
mehr seinem Spitznamen "Baccardi-Bär" alle Ehre machte.
Mitten in seine Grübeleien stürzte ein Mann, der sich hektischen Schrittes
dem besagten Haus näherte. In der Hand einen großkalibrigen Revolver.
Als Schreier aus dem Wagen sprang, wußte er, daß er den Knaben schon
einmal gesehen hatte. Richtig, das war doch der Ex der Verschwundenen!
Schnell stieß er auf ihn zu und forderte ihn auf, stehen zu bleiben.
Doch Eric drehte sich nur kurz um, schoß sofort und floh dann voller
Panik in jene Richtung, die kurz zuvor Faust gewählt hatte. Nun hatte
Schreier einen Grund, die Kollegen zu benachrichtigen. Ein wenig erleichtert
verlor er das Bewußtsein. |
| Gabriella |
Die Musik war so ohrenbetäubend
laut, aber den jungen Leuten gefiel es anscheinend so.
Suzie und Olle hingen an der Theke rum. Suzie bewegte ihren Kopf im
Takt der verrückten Musik.
"Sag mal, Alter, mir geht der Typ von vorhin nich aus der Birne!"
meinte sie.
Olle schaute sie aus ziemlich zugekifften roten Augen an. "Was denn
für ´nen Typ. Wovon redest du, Mann?" sagte er und goß sich den Schnaps
in die Kehle.
"Na der Typ vorhin, der mit dem Sack auf der Schulter! Hey Alter,
was ist, wenn das, was der gesagt hat, genau so ist? Kennste das nicht,
daß man manchmal die Wahrheit sagt, und die so scheiße und megaübel
ist, daß es einem keiner abkauft, ey? Vielleicht hat der das genau
so gemacht!" insistierte Suzie, die auf einmal hellwach war.
Olle schüttelte nur den Kopf. "Du spinnst, Alte!"
"Ist mir doch egal, ich ruf jetzt die Bullen an, ich sag ja meinen
Namen nicht, also kann nichts passieren, alles claro?"
Olle nickte nur und zeigte ihr den Vogel. Doch Suzie ließ sich nicht
beirren. Sie hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl im Bauch. Sie wählte
die Nummer der Polizei. Eine Frau Schuster meldete sich. Suzie erzählte
ihr, daß sie einen merkwürdigen Typ in der Weinstraße gesehen hätte
mit einem Sack über der Schulter, der groß genug für einen Menschen
war, und daß er in Richtung Wald ging. Und sie erzählte noch, was
er auf deren Frage geantwortet hatte. Dann legte sie schnell auf.
Frau Schuster rannte sofort zu Heinzelmann und Schuhmann und erstattete
Bericht. Jetzt kam Leben in die Bude. Schuhmann griff nach seinem
Handy und nahm Kontakt mit den Beobachtungsposten in der Weinstraße
auf. Schreier meldete sich.
"Schreier, ist Ihnen ein Typ aufgefallen, der einen Sack über der
Schulter trägt und in Richtung Wald geht?" |
| Tilman |
"Faust wird nicht entkommen
- Faust wird nicht entkommen - Faust wird nicht entkommen"
Gebetsmühlengleich ging ihr dieser einer Gedanke durch den Kopf, während
sie beobachtete, wie er ungeschickt versuchte, aus dem Altkleidercontainer
etwas passendes für seine grobschlächtige Figur zu angeln. Schließlich
biß ein alter und aus schon längst aus der Mode gekommener Mantel
im Fischgrät-Design an, der aber nur notdürftig Beimers Jogginganzughose
bedeckte. Aus der Manteltasche fingerte Faust nun eine alte Pudelmütze,
die ihm vollends das Aussehen eines Penners verlieh. Bevor er jedoch
abermals im Bauch des Containers sein Glück versuchen konnte, durchschlug
ein Projektil den mürben Stoff des alten Mantels, gerade an jener
Stelle, wo Faustens feisten Bizeps seit den ersten Armee-Tagen jene
häßlich-obzöne und zu alledem noch dilettantisch ausgeführte Tätowierung
schmückte, die sich ihr unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt hatte.
Faust duckte sich instinktiv, warf sich hinter das Metallensemble
auf den Boden, um dann sogleich wieder aufzuspringen und - er wußte,
daß er jetzt nichts mehr zu verlieren hatte -das ganze Magazin seiner
Dienstpistole in Richtung seiner Verfolger abzufeuern.
Müller-Degenhardt schrie nicht, er fluchte nicht, nein, er explodierte
einfach, als er seine Mannschaft zum letzten großen Angriff auf die
Mißgeschicke des heutigen Tages verdonnerte. Zunächst ein Tatort mit
jeder Menge Spuren, Blut und Motiv, jedoch ohne Täter und Opfer. Dann
- endlich ein Hauptverdächtiger (für was?), der aber einfach so aus
dem Präsidum herauspazierte (die uralte Klonummer!!!), dann zwei Beamte,
von denen einer sich mit Bacardi zuschüttete, der andere zuerst einnickte,
den Nächstverdächtigen mitsamt Opfer entkommen ließ, um sich sodann
vom Hauptverdächtigen niederschießen zu lassen und schließlich zu
verschwinden. Und letztendlich - als ob dies alle nicht genug wäre,
noch ein mittelschweres Massaker am Rande des schönsten Naturschutzgebietes
der Stadt, bei der drei Ornithologen, die dort gerade eine Vogelbeobachtungsstation
aufbauten, lebensgefährlich verletzt sowie der Hauptverdächtige erschossen
wurde. Daß man wenigstens das Opfer - doch wer war eigentlich bei
dieser verquasten Geschichte überhaupt Opfer, wer Täter? - lebendig,
wenn auch ein wenig angeschlagen, befreien konnte, war nur ein kleiner
Trost. Ebensowenig konnte er es der Presse als Erfolg verkaufen, daß
nun die Unschuld des bislang Hauptverdächtigen feststand. Zumal sich
jener armer Eric Lindemann dafür als Leiche auch nicht viel kaufen
konnte. Aber - das würde anders werden, sie würden ihn schon noch
kennenlernen!
Das dachte sich auch Hermann Beimer, nachdem er sich vom Schock des
Nachmittags erholt und seine Aussagen zu Protokoll gegeben hatte.
Einen Beimer sperrt man nicht ungestraft in der eigenen Speisekammer
ein. Und - einem Beimer klaut man auch nicht den Jogginganzug und
schon gar nicht die sieben alten Eierhandgranaten, die er als Erinnerung
an die schöne alte Zeit dort so lange verwahrt hatte. Hugo und Werner
dachten genauso und hatten sich sofort bereit erklärt, ein Exempel
zu statuieren. Ja, das waren noch echte Freunde, für die galt das
"Unsere Ehre heißt Treue" noch etwas! Zumal sie sich alle besten auskannten
im Gelände, wo dieses Schwein verschwunden sein sollte. Wenn solche
Leute wie der zur Polizei gehören, dann kann man sowas nicht der Polizei
überlassen. Entschlossen radelte Hermann entlang der Kleingartenkolonie
"Sonnenschein" dem Abendrot entgegen.
"Holla, und die alten Nazis sind auch dabei!" Verstohlen stieß Olli
seinen weltbesten Kumpel an, gab ihm den letzten Schluck vom Hansa-Pils
um ihm dann ein aufmunterndes "Das wird ´ne geile Party!" ins Ohr
zu flüstern. |
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