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Die Flasche
(© Elke Bräunling, Britta Lüthe, Gabrielle Marten, Tilman Thiemig, Ferida)
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Elke

Mit verklärtem Blick beobachtete Marie, wie die leere Cocgnacflasche vor ihr auf dem Boden hin und herrollte. Es war beruhigend, dieses Geräusch, das die Flasche auf den frisch geputzten Terracottafliesen machte. Kling-klong-kling-klong... Wieder und immer wieder hin und her.
Marie folgte mit den Augen den Bewegungen der Flasche, und sie spürte plötzlich so etwas wie Freude aufkeimen. Kling-klong-kling-klong...
"Endlich bin ich diese Flasche los", sagte sie schließlich und musste bei dem Gedanken kichern. Zum ersten Mal übrigens, dass die Tränen einem leichten Lächeln gewichen waren, seit ihr Eric die Schlüssel vor die Füße geworfen und mit einem lauten Türenknall das Haus verlassen hatte.
"Danke, du Flasche!", kicherte Marie und wusste im Augenblick nicht, welche Flasche sie meinte. Die, die vor ihr auf dem Boden noch immer hin-und herrollte oder

Corinna Eric, die Flasche, die ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt hatte. Jetzt, nachdem der Druck von ihr abgefallen war, erinnerte sie sich, wie alles begonnen hatte.

Der dünne, schlaksige Eric war ihr in einem Cafe aufgefallen, als er nachdenklich in sein Cognacglas starrte. Als er ihren Blick bemerkte, stieß er vor Schreck sein Glas um - der Beginn einer Reihe von dummen Ausrutschern, Missgeschicken und Peinlichkeiten. Zu Anfang hatte sie ihm jede Tasse, jedes Glas, jeden Gegenstand nachgesehen, die er in seiner Ungeschicklichkeit zu Boden fallen ließ. Aber bald hegte sie immer wieder den Gedanken an Trennung - bevor es zum Schlimmsten kommen konnte.
Als er von dem kostbaren Porzellan, das ihr ihre Mutter vererbt hatte, eine Teller fallen ließ, verebbte auch das letzte liebevolle Gefühl für ihn. Sie verachtete ihn, aus tiefster Seele. Was für ein Versager!
Brittalixia Sie atmete tief durch.
Na denn, dachte sie, auf zu neuen Ufern! "Jetzt beginnt das grosse Aufräumen", sagte sie laut und stand auf. Sie liess ihren Blick durch die Wohnung schweifen.
"Ha", sagte sie, "er will die Trennung? Kann er haben!" und ein Grinsen ging über ihr Gesicht.
Schnell eilte sie in die Küche und holte die Rolle mit den blauen Müllbeuteln.
Als erstes verschwanden seine restlichen Klamotten, die er noch vergessen hatte, darin, dann fiel ihr Blick auf seine Anlage.
"Ich hole sie später ab", hatte er noch zu ihr gesagt. Sie lachte laut auf.
"Jetzt wird er mal erfahren, wie es ist, wenn etwas, was einem lieb ist, einfach zerbricht."
Sie öffnete das Fenster, holte noch einmal tief Luft und griff zum Telefon. Die Nummer ihrer besten Freundin, bei der er jetzt war, wusste sie aus dem Kopf. Sie hielt sich gar nicht erst lang damit auf, Hallo zu sagen, sondern schoss gleich damit raus:
"Ach übrigens, Deine Anlage kannst Du sofort abholen! Du brauchst nicht einmal hochzukommen!" und legte sofort wieder auf.
Dann ging sie zum Regal rüber. Auf dem Plattenspieler lag noch die Platte von Miles Davis.
Die haben wir beide immer so gern gehört, dachte sie mit einem Kloss im Hals. Ein bisschen wehmütig dachte sie an die Zeit zurück, als sie beide sich noch so gut verstanden.
Und in hohem Bogen flog die Schallplatte durch das offene Fenster.
Elke "Auaaaaa!", dröhnte ein schrilles Heulen zu Maries Fenster herauf. "Ja sind Sie denn völlig verrückt? Wollen Sie mich umbringen?"
Marie erschrak. Es war nicht Erics Stimme, die unten auf der Straße herumtobte. Vorsichtig linste Marie aus dem Fenster.
Sie erschrak noch mehr. Ein Herr in Grün, von Marie sonst gerne als "Sch...Bulle" bezeichnet, stand mit drohender Miene vor ihrer Haustür und hielt sich die blutende Stirn.
Marie begann zu zittern, denn seit der Demo damals, in der ihr ein junger Polizist mit dem Gummiknüppel eine heftige Beule auf dem Kopf verpasst hatte, verspürte Marie so etwas wie eine Bullenphobie, wenn sie "Grün" sah.
"Typisch", schimpfte sie mit sich selbst. "Ich bin echt dümmer als die Polizei es erlaubt. Hoffentlich haut der Typ gleich wieder ab." Im gleichen Moment läutete es an der Wohnungstür.
Britta "Au verdammt, was mach ich jetzt bloss?" fragte sie sich laut und sah zögernd zur Wohnungstür.
Da klingelte es erneut, und von draussen rief eine Männerstimme: "Ich weiss, dass Sie da drin sind, öffnen Sie sofort die Tür!"
Marie seufzte tief.
"Der Tag ist blöd, ich will 'nen neuen!" jaulte sie kurz auf und öffnete die Tür.
"Oh mein Gott, Sie bluten ja!" rief sie aus, als sie den Polizisten sah. Sie nahm das Grün gar nicht mehr wahr, sondern nur noch das Blut, das aus einer Wunde am Kopf tropfte.
"Soll ich einen Arzt rufen, kann ich Ihnen helfen? Es tut mir ja so leid, ich wollte niemanden verletzen,..." strömte es auch ihr heraus.
"Was in aller Welt ist denn in Sie gefahren!" unterbracht der Polizist sie rüde.
"Tja...äh...naja...also..."
"Na, nun kommen Sie mal auf den Punkt! Ich könnte Ihnen wegen Körperverletzung eine Strafanzeige verpassen, das ist Ihnen ja wohl klar!"
"Ach herrje, nun kommen Sie doch erstmal rein!" forderte sie ihn auf und versuchte, Zeit zu gewinnen. Plötzlich...
Gabriella sah sie im Spiegel, daß der blutende Polizist hinter ihr stand.
Sie erschrak fast zu Tode und rief:"Menschenskinder, wie können Sie mich so erschrecken! Mir ist fast das Herz stehengeblieben!"
"Na, nun mach mal nicht gleich so ein großes Faß auf, okay? Du könntest dir die Anzeige wegen Körperverletzung ersparen, wenn du willst", sagte der Mann mit einem süffisanten Unterton.
Marie sah ihn herausfordernd an. "Ach ja? Und wie?"
"Na Kleine, kannst du dir das nicht denken? Bist doch eine ganz Schnuckelige! Na komm schon. Stell dich nicht so an", erwiderte er und berührte ihre Wange.
Angewidert rannte sie aus dem Badezimmer und schrie: "Was erlauben Sie sich? Sind Sie übergeschnappt? Ich kann es nicht glauben. Für was halten Sie mich eigentlich? Verlassen Sie sofort meine Wohnung, sonst rufe ich die Polizei!"
Dabei griff sie zum Telefonhörer. Er kam schnell auf sie zu und drückte den Hörer wieder auf die Gabel.
"Aber nicht doch. Die Polizei ist doch schon da, und das würde dir sowieso keiner glauben. Also, mach schon, oder soll ich etwas nachhelfen? Kein Problem!"
Er fiel über sie her, riß ihr die Bluse brutal runter. Panik ergriff sie. Was sollte sie jetzt bloß tun? Dieser Kerl war groß und stark. Sie wehrte sich mit Händen und Füssen, trat ihm mit aller Wucht zwischen die Beine, so daß er aufstöhnte vor Schmerzen. Er richtete sich aber gleich wieder auf und griff sie erneut an. Er hatte sie so fest im Griff, daß sie nichts machen konnte. Sie wich zurück. Er klammerte sich an ihr fest. Mit ihrer rechten Hand rumfuchtelnd ,suchte sie nach irgendeinem Gegenstand, um sich zu wehren. Da! Sie hatte etwas gefunden, wußte gar nicht, was es war. Sie nahm es und schlug auf seinen Kopf mit aller Kraft. Er sank bewußtlos zu Boden. Eine riesige blutende Wunde aus seiner rechten Schläfe ergoß sich auf dem Teppich. Erst jetzt sah sie, daß sie mit einer Flasche auf ihn eingeschlagen hatte.
"Oh mein Gott", durchfuhr es sie, "ist er tot? Hab ich einen Polizisten ermordet? Was mache ich denn jetzt?"
Völlig verzweifelt rannte sie hin und her.
Ferida Marie kam nicht einmal auf den Gedanken zu überprüfen, ob der Bulle vielleicht doch noch lebte. Aber es spielte eigentlich auch keine Rolle, in der sprichwörtlichen Tinte saß sie jetzt auch schon. Sie raufte sich die Haare und rannte mit dem Kopf gegen die Wand - nicht so fest, wie sie eigentlich wollte, aber immerhin. Sie erreichte damit zum Teil, was sie wollte: ihre Gedanken wurden ein wenig klarer und sie kam nun auf den Gedanken, dass sie vor einer schweren Entscheidung stand:
Sollte sie die Polizei rufen? Ihre Vernunft riet ihr, genau das zu tun, doch, wer würde ihr glauben? Der Mann war Polizist gewesen und sollte eigentlich Schweine, die andere Leute überfielen verhaften... Und Marie war nur eine einfache Person, die sowieso schon Schwierigkeiten mit der Polizei hatte, weil sie die Autorität von Polizisten nicht immer so unüberlegt anerkannte.
Oder sollte sie die Leiche auf die Seite schaffen? Wenn sie das tat, wäre sie das erste Problem los, aber was war, wenn sie jemand dabei erwischte? Oder wenn jemand den Polizisten in ihr Haus gesehen hatte? Was war, wenn sich schnell herausstellte, dass sie am Verschwinden eines Polizisten Schuld war? Man würde sie zumindest verdächtigen...
Marie zitterte am ganzen Körper, als sie zu der Leiche hinüber sah und zum Telefonhörer griff.
Gabriella Zitternd wählte Marie die Nummer der Polizei.
"Polizeiwache Hauptstraße, Köster", meldete sich eine robuste Stimme.
Hastig legte sie wieder auf. Nein, das konnte nicht gutgehen. Oder doch? Würden sie ihr glauben? Sie griff erneut zum Hörer, drückte die Wiederwahltaste, und diesmal meldete sich eine Frauenstimme.
"Polizeiwache Hauptstraße, Schuster".
Marie hatte einen Kloß im Hals. Sie konnte nichts sagen.
"Hallo? Haaaalo? Wer ist denn da?" fragte eine ungeduldige Stimme.
Marie nahm all ihren Mut zusammen und begann stockend: "Ja, hallo, hier ist..... aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!" Weiter kam sie nicht. Sie ließ den Telefonhörer fallen vor Schreck. Zwei blutüberströmte Arme packten sie von hinten und versuchten, sie zu erwürgen.
"Du Miststück, hast wohl geglaubt, ich wäre tot, was?" hauchte der Polizist schweratmend. "Ich mach dich fertig!"
Er drückte ihren Hals zu. Marie bekam keine Luft. Mit aller Kraft versuchte, sie sich zu befreien. Als der Mann den Griff ein wenig lockerte, er hatte anscheinend keine Kraft mehr, rief sie sofort "Hiiiiiiiilfe, Hiiiiiiiiiiilfe".Ein erbitterter Kampf fand zwischen den beiden statt.
"Was schreist du um Hilfe, du dumme Kuh, dich hört doch niemand!" tönte der Bulle. Und ob jemand hörte. Die Telefonleitung war nicht unterbrochen.
Britta Verzweifelt trat sie um sich. Er hielt wieder mit beiden Händen ihren Hals fest und drückte zu.
Plötzlich senkte sich Dunkel um sie und sie verlor das Bewusstsein. Schweratmend sass der Mann neben ihr.
"Verdammtes Miststück", fluchte er, "was musst du dich auch so zieren!"
In der Ferne hörte er Sirenen, die immer näher kamen.
Marie stöhnte kurz auf. Er blickte auf sie nieder und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.
Plötzlich hörte er ein leises "Hallo...sind Sie noch dran?"
Ihn durchfuhr ein Schreck. Hastig legte er den Hörer auf. "So was Blödes", sprach er zu sich selbst, "was mach ich denn jetzt mit diesem Weib?"
Er warf noch einen Blick auf sie und suchte das Badezimmer. Das Blut strömte immer noch über seine Augen.
Als er die Tür öffnete, zuckte er zurück. So etwas hatte er noch nicht gesehen...
Gabriella In der Zwischenzeit war auf der Hauptwache Hauptstraße die Hölle los. Die Beamtin Schuster hatte, nachdem sie den Aufschrei der Anruferin gehört hatte, sofort auf Laut gestellt, so daß ihre Kollegen mithören konnten und rief: "Schnell, verfolgt den Anruf zurück. Sie hat nicht aufgelegt! Beeilt euch, sonst kommen wir zu spät!" Hastig wurde alles Notwendige veranlaßt, und nach 5 Minuten rief ein Kollege: "Wir haben sie! Eric und Marie Lindemann, Weinstr. 20. SEK ist bereits unterwegs!"
"Oh je, hoffentlich kommen die noch rechtzeitig", grübelte Frau Schuster. Eine Gänsehaut jagte ihr den Rücken runter, bei der Vorstellung, daß sie eventuell Zeugin eines Mordes war.
Tilman Als der erste Einsatzwagen vor dem Haus Weinstraße 20 mit quitschenden Bremsen und lauten Martinshorn stoppte, ließ Eric voller Schreck die zersprungene alte Miles-Davis-Scheibe fallen. Ebenso erschrocken verfolgte er, wie vier voll aufgerüstete Beamte im Laufschritt durch die offene Haustür eilten, die bis vor kurzem noch zu seinem Zuhause geführt hatte. Zögernd, zugleich aber neugierig und von einer bösen Vorahnung angetrieben, ging er ihnen nach. Verlegen grüßte er Frau Beimer vom Erdgeschoß; konnte sich aber trotz seiner Aufregung nicht ein leichtes Grinsen darüber versagen, daß es bei Beimers heute schon wieder jene undefinierte Kohlspeise gab, deren Aroma auch früher Tag für Tag dem Treppenhaus das gewisse Etwas kleinbürgerlicher Miefigkeit verliehen hatte.
"Ach ja, früher..." Doch weiter kam er nicht mit seinen sentimentalen Erinnerungen. Beim Geräusch einer aufgebrochenen Wohnungstür wußte er, daß es jene war, hinter der er mit Marie viele schöne Stunden verbracht hatte. Laut ihren Namen schreiend nahm er die letzten Stufen, stürmte hinein und wurde unsanft von einem der Beamten abgefangen, der ihn barsch anfauchte. Mit zitternden Knieen registrierte er noch, daß die Wohnung leer war, dafür überall Blutspuren zu sehen waren. Dann mußte er sich setzen. Was war passiert?
Gabriella Eric saß da, völlig verwirrt und in großer Panik. Okay, er hatte einen schrecklichen Streit mit Marie, sie wollten sich trennen, aber, wenn ihr was passiert ist? Hatte sie jemand überfallen? Warum war sie nicht in der Wohnung? Woher das viele Blut? War es ihr Blut? Oh Gott, was war bloß passiert. Er mußte Näheres erfahren.
Er stand auf und verlangte, den leitenden Beamten zu sprechen, er wäre der Ehemann. Erst wollten die Beamten ihn wieder abwimmeln, aber er blieb stur. So kam schließlich ein kleiner, untersetzter Typ mit Nickelbrille und drei Haaren auf dem Schädel, auf ihn zu und meinte herablassend: "So, Sie sind also der Ehemann von Marie Lindemann, ja? Schuhmann, ich bin der Einsatzleiter des Sonderkommandos hier. Wann haben Sie Ihre Frau das letzte Mal gesehen?"
Eric kam ins Stottern. "Ich weiß nicht so genau, vor ein paar Stunden. Wir hatten Streit, und dann bin ich wütend weggefahren. Was ist denn hier los, um Gottes Willen?"
Schuhmann musterte Eric kritisch. "So, Sie hatten Streit? Ist der Streit vielleicht ein bißchen eskaliert? Sind Sie ausgerastet? Kommen Sie, jeder weiß doch, die Täter kommen immer an den Ort ihrer Tat zurück." Jetzt wurde es Eric aber zu bunt. "Waaaaaaas? Sie glauben doch wohl nicht, daß ich meiner Frau etwas angetan habe? Was für ein Unsinn! Niemals könnte ich Marie etwas antun, verdammt noch mal. Was war hier los, wieso sind Sie hier?"
"Weil Ihre Frau, während sie überfallen wurde und um Hilfe schrie, die Polizeistation Hauptstraße angerufen hatte. Die Beamten hörten den Kampf am Telefon mit, sie hatte nicht aufgelegt. Anruf zurückverfolgt, und zack, hier sind wir. Aber keine Frau, kein Täter, nur Blutspuren. Und Sie kommen jetzt mit. Wir werden eine Blutprobe von Ihnen nehmen und mit denen hier in der Wohnung vergleichen!" erwiderte Schuhmann barsch, drehte sich zu einem Kollegen und sagte: "mitnehmen, und ruft die Spurensicherung. Die sollen hier alles auf´s Korn nehmen."
Eric war ganz blaß geworden. Marie war überfallen worden? In ihrer eigenen Wohnung? Wie ist so etwas möglich? Willenlos ließ er sich von zwei Polizisten abschleppen. Im Polizeipräsidium nahmen sie seine Fingerabdrücke, eine Blutprobe und setzten ihn in einen kleinen Raum, in dem sich nur ein Tisch, zwei Stühle und ein großer Spiegel befanden. Trostlos hing eine Glühbirne von der Decke hinab.
"Au Mann, was soll ich hier? Was wollen die von mir?" dachte Eric verzweifelt.
Tilman Marie erwachte, als ihr übel wurde. Der Geruch von altem, kalten Kohl breitete sich immer intensiver in ihrer Nase aus. Sie fürchtete, sich übergeben zu müssen; war ihr Mund doch mit breiten Paketband verklebt. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie vermochte, die ersten Konturen aus dem Dämmerlicht herauszuschälen: ein Staubsauger, das Bullauge einer Waschmaschine, zwei Beine in mattglänzender Ballonseide. Sie war nicht allein! Intensiver in die Finsterniss starrrend erkannte sie Herrn Beimer und, ein wenig davon entfernt an das Regal mit den Aldi-Konserven gelehnt, seine Frau. Beide auf gleiche Weise wie sie geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt. Waren Sie tot? Nein - das sanfte Heben und Senken des mächtigen Busens unter der Woolwortschen Kittelschürze von Frau Beimer beruhigte sie. Und auch das kleine Bächlein, das sich ihr bedrohlich näherte und dessen Quell im Schoß der Beimerschen Jogginghose zu finden war, zeigte ihr, daß ihr Nachbar nicht nur noch lebte, sondern daß auch sein altes Harnleiterleiden nun auf wundersame Weise kuriert worden sein mußte. Dennoch hatte sie Angst. Nicht nur vor dem Bächlein. Denn jetzt wurde die Tür der Beimerschen Speisekammer mit einer Vehemenz geöffnet, die nichts Gutes verhieß. Wütend wurde der Lichschalter betätigt und ....
Britta ihr Peiniger stürzte herein.
"Du verdammtes Miststück, hast mich in eine bescheuerte Lage gebracht! Das wirst Du mir büssen!"
Schon war er bei ihr und zerrte sie auf die Beine.
"Hmpf hmpfpf hmfhmmmpfff" versuchte sie zu sagen. Sie bekam keine Luft mehr und ihr war schwindelig.
Von den Beimers hörten man, ausser einem leisen Stöhnen nichts. Stolpernd verliessen sie den Kellerraum. Vor der Tür warf er sie wie einen Kartoffelsack über die Schulter und schlich, sich vorsichtig umsehend, die Treppe hinauf.
"Die Luft scheint rein zu sein", murmelte er.
"UUUUAAAAAAHH....."
Entsetzt schloss Marie die Augen, während der Mann die Treppe herunterfiel. Sie versuchte sich innerlich gegen den Sturz zu wappnen. Ein brennender Schmerz schoss durch ihre Schulter und vorsichtig öffnete sie die Augen.
Der Mann lag schwer auf ihr. Vorsichtig versuchte sie, sich unter ihm wegzubewegen. Zentimeterweise arbeitete sie sich voran, immer ängstlich darauf bedacht, ihn nicht zu reizen.
Aber es kam keine Reaktion von ihm. Wie tot lag er da.
Gabriella

Auf der Polizeiwache saßen der SEK-Leiter Schuhmann und der Reviervorsteher Heinzelmann grübelnd in einem separatem Raum. Heinzelmann schüttelte den Kopf.
"Ich verstehe den Zusammenhang einfach nicht. Das macht doch gar keinen Sinn, verdammt noch mal!" Auch Schuhmann sah ziemlich ratlos aus. Er schaute nachdenklich zum Fenster hinaus. "Ach du Scheiße, auch das noch!" rief er plötzlich.
"Was ist denn?" fragte Heinzelmann alarmiert. "Der Alte kommt, und er macht nicht gerade ein freundliches Gesicht!" sagte Schuhmann hektisch.
"Waaas? Was will der denn hier, du liebe Güte, das hat uns gerade noch gefehlt", stöhnte Heinzelmann.
Im nächsten Augenblick hörten sie schon, wie eine Tür heftig zugeschlagen wurde. Beide zuckten kurz zusammen. Kriminalrat Müller-Degenhardt riß die Tür zu ihrem Zimmer auf und betrat herrisch mit ausgesprochen verärgertem Gesicht den Raum.
"Was zum Teufel geht hier vor?" polterte er los.
"Herr Kriminalrat, welche Ehre, daß Sie...."
"Ach, hören Sie auf mit diesem blödsinningen Gehabe", herrschte Müller-Degenhardt Heinzelmann an. Er wandte sich an den SEK-Leiter Schuhmann. "Wie konnte es passieren, daß die Presse Wind von dieser Sache bekommen hat? Ich erhielt sogar einen Anruf vom Polizeipräsidenten. Und ich war nicht informiert, verdammt noch mal. Schuhmann! Briefing, aber kurz, wenn ich bitten darf", forderte der Kriminalrat ihn verärgert auf.
Schuhmann erzählte eingeschüchtert von dem Anruf, den Frau Schuster erhalten hatte, was sie gehört hatte, daß man den Anruf zurückverfolgt hatte, daß das SEK sofort dorthin fuhr, man aber eine leere Wohnung vorfand, aber überall Blutspuren. Keine Leiche, kein Täter, nichts, nur Blutspuren.
Ja, und da wäre noch etwas", sagte Schumann zögernd.
"Ja, was denn, nun fahren Sie fort!" rief Müller-Degenhardt ungeduldig.
"Ja, also, Herr Kriminalrat, da ist etwas, worüber wir uns hier gerade beraten haben. Wir können uns keinen Reim darauf machen. Der Ehemann von der Anruferin, Herr Eric Lindemann, den wir im übrigen im Gewahrsam haben, hatte einen Teil einer CD in der Tasche. Wir entdeckten sie bei der üblichen Kontrolle. Und auf der CD war Blut und Fingerabdrücke. Wir ließen es sofort prüfen und jagten es durch den Computer. Ja, und jetzt kommt das Merkwürdige. Es ist das Blut von unserem Kollegen Jürgen Faust. Auch ein Teil der Fingerabdrücke sind von ihm. Wir haben daraufhin die vielen Blutspuren in der Wohnung der Lindemanns verglichen. Auch dieses Blut war vom Kollegen Faust. Und wir rätseln, was der Kollege Faust damit zu tun hat", schloß Schuhmann.
Der Kriminalrat legte die Stirn in Falten. "Faust? Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Faust. Woher kenne ich den Namen? Ich war doch noch nie hier. Meine Herren, seit wann ist Faust hier in der Polizeiwache?"
Jetzt meldete sich Heinzelmann zu Wort. "Der Kollege Faust ist erst seit einem Monat hier. Er wurde strafversetzt. Es gab damals Gerüchte um eine Vergewaltigung, mit der er zu tun gehabt haben sollte. Man konnte ihm aber nichts nachweisen, weil das Opfer ihn nicht identifizieren konnte. Sie haben die Strafversetzung seinerzeit angeordnet, Herr Kriminalrat. Deshalb kommt Ihnen der Name wohl bekannt vor", sagte Heinzelmann.
"Ja, richtig. Das war es. Wo befindet sich der Kollege jetzt?" fragte Müller-Degenhart.
"Er ist spurlos verschwunden. Seine Frau hat hier auch schon angerufen, weil ihr Mann nicht nach Hause kam. So wie es bis jetzt aussieht, ist der Kollege Faust das Opfer, da sein Blut überall zu finden war. Und dieser Eric Lindemann behauptet, von allem nichts zu wissen. Das mit der CD erklärte er so, daß er und seine Frau Streit hatten und sie in ihrer Wut die CD aus dem Fenster geschmissen hätte", berichtete Schuhmann.
"Das ist in der Tat alles sehr merkwürdig. Haben Sie Beobachtungsposten vor dem Haus angeordnet?" fragte der Kriminalrat.
Schuhmann nickte.
"Merkwürdig, sehr merkwürdig.....", murmelte Müller-Degenhardt und ging Richtung Tür. "Halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich bin über Handy erreichbar", sagte er noch und verließ den Raum.

Tilman Geschlagene vier Stunden saß sie jetzt schon im Café schräg gegenüber jener Haustür, in der Faust verschwunden war. Wo war er nur abgeblieben? Zwischenzeitlich hatte sie ihren Beobachtungsposten lediglich für einen kurzen Augenblick verlassen, in dem sie sich im Laufschritt vergewissert hatte, daß von diesem Haus kein weiterer Ausgang in Hinterhöfe oder Nebenstraßen führte. Er saß in der Falle! Doch er kam nicht heraus!!! Ob er wußte... Doch dabei war sie in den letzten Tagen so vorsichtig vorgegangen bei ihren Observationen, wie sie ihr Vorgehen vor sich selber nannte, um so größere Distanz zu dem Geschehenen zu finden. Nein, mit IHR hatte das Ganze nicht´s zu tun. Sie hatte lediglich einen Auftrag. Und der lautete schlicht und ergreifend, ihn zu töten. Sie war jetzt so einer wie Lino Ventura. Warum kam das Schwein bloß nicht heraus. HIER wollte sie es sowieso nicht machen. Da hatte sie in den letzten Tagen schon viel bessere Plätze entdeckt, die er auf seiner Runde so anlief und wo sie ihren Job wesentlich ungestörter würde erfüllen können. Oder waren die ganzen Bullen aufgezogen, um ihn vor ihr zu beschützen? Ein Gedanke, der sie beinahe lächeln ließ. ER hatte Schiß vor IHR? Dennoch - er würde sterben - so oder so. Zumal sie durch ihren neuen Job die allerbeste Erklärung dafür hatte, warum sie scheinbar zufällig sich immer dort aufhielt, wo er war. Da würden ihm seine Kumpels auch nicht helfen können. Doch - endlich öffnete sich die Tür von Nummer 20 wieder. Schnell stürzte sie ihren Cognac hinunter und... .
Gabriella stand dann entnervt auf. Wie lange sollte sie noch warten? Sie zahlte und ging noch mal in die Nähe des Hauses, horchte an der Haustür. Es war nichts zu hören.
"Ob er doch irgendwo hinten raus ist?" grübelte sie und lief noch einmal hinter das Haus. Vielleicht hatte sie ja einen Eingang übersehen.

Währenddessen kämpfte Marie weiter, um sich von dem Polizisten zu befreien, der so schwer auf ihr lag. Endlich gelang es ihr. Etwas ratlos saß sie da. Sollte sie jetzt weglaufen und zur nächsten Polizeiwache gehen? Müsste sie nicht die Beimers erst einmal befreien?
"Ach shit, jetzt weiß ich wieder nicht, was ich machen soll. Nein, ich muß die Beimers befreien. Die könnten an den Mundknebeln ersticken. Ich wäre ja auch fast erstickt."
Also richtete sie sich auf. Ein stechender Schmerz jagte ihr durch die Schulter. Sie konnte den rechten Arm kaum bewegen. Der Bulle lag immer noch regungslos da. Auf wackeligen Beinen ging Marie in den Keller hinunter und lief so schnell sie konnte zu den Beimers. Beide stöhnten gequält. Als erstes nahm Marie ihnen die Knebel aus den Mündern.
"Oh, Gott sei Dank, Frau Lindemann, was ist denn bloß los? Wer ist dieser Polizist? Warum hat er uns hier gefesselt?" fragte Frau Beimer total verängstigt.
"Pst, ruhig! Frau Beimer, er liegt oben auf der Treppe, er ist gestürzt, als er mich wegschleppen wollte und ich weiß nicht, ob........."
Frau Beimer ließ einen Schrei los. Marie drehte sich um. Der Bulle stand schwankend und blutend in der Tür. Das durfte doch nicht wahr sein! Dieser Scheißkerl war doch nicht tot. Warum war sie nicht einfach abgehauen und hatte die nächste Polizeidienststelle informiert? Sie verfluchte sich selber, rannte in das hinterste Ende des Kellers. Sie suchte verzweifelt irgend etwas, womit sie sich verteidigen konnte, fand aber nichts.
"Hör schon auf, hast eh keine Chance, Kleine!" tönte der Bulle böse.
Er zog sich die Jacke aus, die völlig blutverschmiert war. Er ging drohend auf Marie zu. Sie fing an zu schreien, aber die Beimers konnten ihr nicht helfen, und niemand hörte sie. Der Bulle packte sie, versetzte ihr einen Kantenschlag ins Genick, woraufhin sie bewußtlos zusammensackte. Suchend ließ er seinen Blick durch den Keller schweifen. Da! Das war genau das, was er jetzt brauchte. Einen alten braunen Leinensack. Er schaute aus dem kleinen, vermoderten Kellerfenster. Es war schon fast dunkel draußen. Er steckte die Knebel wieder in den Mund von den Beimers, wartete ein Weilchen, bis es richtig dunkel war. Mit Marie in dem Leinensack über der Schulter, ging er langsam die Kellertreppe hinauf.
"Verdammt noch mal, ist die schwer", fluchte er und ging weiter. Vorsichtig öffnete er die Haustür und lugte hinaus. Niemand zu sehen weit und breit. Sehr gut, dann konnte ja nichts schief gehen! Er ließ die Haustür ins Schloß fallen und ging die karg beleuchtete Straße entlang Richtung Wald. An einer Kreuzung kamen ihm zwei Punks auf Skatern entgegen. Der eine tönte: "Na Alter, was trägst du denn da über der Schulter?" "Eine Frau, die ich gleich töten und begraben werde!" antwortete Faust. "Alles claro, Opa!" erwiderte der Punk und lachte laut los. Seine Freundin kicherte auch vor sich hin. Faust ging weiter. Der Wald war nicht mehr fern.

War das nicht Faust, den sie da eben gesehen hatte? Ja, er mußte es sein. Sie hatte keinen Hinterausgang ausfindig machen können. In einem sicheren Abstand folgte sie Faust vorsichtig. Was hatte er da bloß auf der Schulter?

Kriminalrat Müller-Degenhardt saß brütend über der Akte Faust, die er sich hatte kommen lassen. Er lehnte sich zurück, versuchte, den damaligen Prozeß in Erinnerung zu rufen. So lange war es ja nicht her. Da war doch dieses kleine Mädchen, keine 16 Jahre alt. Ein eiskalter Schauer jagte ihm den Rücken runter, als er die Bilder des Mädchen wieder sah. Vergewaltigt, geschlagen. Der Täter hatte sie fast tot geprügelt. Es war ein Wunder, daß sie das überlebt hatte. Das Mädchen hatte einen schweren Schock erlitten und mußte in die Psychiatrie eingewiesen werden, weil sie mehrfach versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Ja, jetzt erinnerte er sich wieder. Sie konnte den Täter nicht identifizieren, weil er eine schwarze Kapuze trug, erinnerte sich aber an eine Tätowierung, und zwar war es ein schwarzer Adler auf dem rechten Oberarm. Und diese Tätowierung war das einzige Indiz. Faust hatte so eine Tätowierung, aber die gab es zu Tausenden in der Stadt. Deshalb konnte man ihm nichts nachweisen. Müller-Degenhardt erinnerte sich noch an die Abgebrühtheit von Faust. Der Mann war so dermaßen von sich selbst überzeugt und auf gut deutsch ein echter Kotzbrocken. Als die Verhandlung endete mit dem Freispruch aufgrund mangels an Beweisen, schrie der Vater des Mädchen: "Das wirst du noch bereuen! Das schwöre ich! Ich werde dich kriegen!" Der Kriminalrat erinnerte sich, daß der Vater so aufgebracht war, daß ihn zwei Beamte wegschleppen mußten. Tja, und dann kam die Arie mit der Strafversetzung, weil die Kollegen nichts mehr mit Faust zu tun haben wollten. Es herrschte eine unmögliche Stimmung auf dem Revier. Teilweise kam es sogar zu Prügeleien unter den Kollegen. Beliebt war der Kollege Faust nie gewesen, aufgrund seiner Arroganz. Aber was hatte Faust jetzt mit diesem Fall zu tun?, grübelte Müller-Degenhardt nachdenklich. Das machte wirklich alles gar keinen Sinn. Wo war der Zusammenhang?
Tilman Schreier hatte ein Problem. Sollte er sich wirklich blind stellen und den plumpen Kerl in seinem schlechtsitzenden türkis-violetten Jogginganzug übersehen, der da eben aus der Nr. 20 herauskam?
Lächerlich wirkte er fast, wie er so schwitzend die Straße entlangging. Doch Schreier war nicht nach Lachen zumute. Schließlich wäre es jetzt sein Job gewesen, seine Beobachtung sofort den Kollegen zu melden und sich dann an die Verfolgung des Gesuchten zu machen. Zudem in dem unförmigen Sack, den dieser trug, doch aller Wahrscheinlichkeit nach die vermißte Frau war. Womöglich sogar...
Doch da war dieser Anruf, denn er vor wenigen Augenblicken auf seinem privaten Handy erhalten hatte. Faust hatte in eindeutig in der Hand und er wußte es! Das und noch viel mehr, wodurch Schreier wesentlich mehr Ärger bekommen konnte als aufgrund eines kleinen Nickerchen im Dienst. Wie gut nur, daß Berlepsch schon seit einiger Zeit die Kleine beobachtete, die sich so auffällig für das Haus gegenüber interessierte. Und natürlich seinen eigentlichen Auftrag vergessen hatte und einmal mehr seinem Spitznamen "Baccardi-Bär" alle Ehre machte.
Doch da war dieser Anruf, denn er vor wenigen Augenblicken auf seinem privaten Handy erhalten hatte. Faust hatte in eindeutig in der Hand und er wußte es! Das und noch viel mehr, wodurch Schreier wesentlich mehr Ärger bekommen konnte als aufgrund eines kleinen Nickerchen im Dienst. Wie gut nur, daß Berlepsch schon seit einiger Zeit die Kleine beobachtete, die sich so auffällig für das Haus gegenüber interessierte. Und natürlich seinen eigentlichen Auftrag vergessen hatte und einmal mehr seinem Spitznamen "Baccardi-Bär" alle Ehre machte.
Mitten in seine Grübeleien stürzte ein Mann, der sich hektischen Schrittes dem besagten Haus näherte. In der Hand einen großkalibrigen Revolver.
Als Schreier aus dem Wagen sprang, wußte er, daß er den Knaben schon einmal gesehen hatte. Richtig, das war doch der Ex der Verschwundenen! Schnell stieß er auf ihn zu und forderte ihn auf, stehen zu bleiben. Doch Eric drehte sich nur kurz um, schoß sofort und floh dann voller Panik in jene Richtung, die kurz zuvor Faust gewählt hatte. Nun hatte Schreier einen Grund, die Kollegen zu benachrichtigen. Ein wenig erleichtert verlor er das Bewußtsein.
Gabriella Die Musik war so ohrenbetäubend laut, aber den jungen Leuten gefiel es anscheinend so.
Suzie und Olle hingen an der Theke rum. Suzie bewegte ihren Kopf im Takt der verrückten Musik.
"Sag mal, Alter, mir geht der Typ von vorhin nich aus der Birne!" meinte sie.
Olle schaute sie aus ziemlich zugekifften roten Augen an. "Was denn für ´nen Typ. Wovon redest du, Mann?" sagte er und goß sich den Schnaps in die Kehle.
"Na der Typ vorhin, der mit dem Sack auf der Schulter! Hey Alter, was ist, wenn das, was der gesagt hat, genau so ist? Kennste das nicht, daß man manchmal die Wahrheit sagt, und die so scheiße und megaübel ist, daß es einem keiner abkauft, ey? Vielleicht hat der das genau so gemacht!" insistierte Suzie, die auf einmal hellwach war.
Olle schüttelte nur den Kopf. "Du spinnst, Alte!"
"Ist mir doch egal, ich ruf jetzt die Bullen an, ich sag ja meinen Namen nicht, also kann nichts passieren, alles claro?"
Olle nickte nur und zeigte ihr den Vogel. Doch Suzie ließ sich nicht beirren. Sie hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl im Bauch. Sie wählte die Nummer der Polizei. Eine Frau Schuster meldete sich. Suzie erzählte ihr, daß sie einen merkwürdigen Typ in der Weinstraße gesehen hätte mit einem Sack über der Schulter, der groß genug für einen Menschen war, und daß er in Richtung Wald ging. Und sie erzählte noch, was er auf deren Frage geantwortet hatte. Dann legte sie schnell auf. Frau Schuster rannte sofort zu Heinzelmann und Schuhmann und erstattete Bericht. Jetzt kam Leben in die Bude. Schuhmann griff nach seinem Handy und nahm Kontakt mit den Beobachtungsposten in der Weinstraße auf. Schreier meldete sich.
"Schreier, ist Ihnen ein Typ aufgefallen, der einen Sack über der Schulter trägt und in Richtung Wald geht?"
Tilman "Faust wird nicht entkommen - Faust wird nicht entkommen - Faust wird nicht entkommen"
Gebetsmühlengleich ging ihr dieser einer Gedanke durch den Kopf, während sie beobachtete, wie er ungeschickt versuchte, aus dem Altkleidercontainer etwas passendes für seine grobschlächtige Figur zu angeln. Schließlich biß ein alter und aus schon längst aus der Mode gekommener Mantel im Fischgrät-Design an, der aber nur notdürftig Beimers Jogginganzughose bedeckte. Aus der Manteltasche fingerte Faust nun eine alte Pudelmütze, die ihm vollends das Aussehen eines Penners verlieh. Bevor er jedoch abermals im Bauch des Containers sein Glück versuchen konnte, durchschlug ein Projektil den mürben Stoff des alten Mantels, gerade an jener Stelle, wo Faustens feisten Bizeps seit den ersten Armee-Tagen jene häßlich-obzöne und zu alledem noch dilettantisch ausgeführte Tätowierung schmückte, die sich ihr unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt hatte. Faust duckte sich instinktiv, warf sich hinter das Metallensemble auf den Boden, um dann sogleich wieder aufzuspringen und - er wußte, daß er jetzt nichts mehr zu verlieren hatte -das ganze Magazin seiner Dienstpistole in Richtung seiner Verfolger abzufeuern.

Müller-Degenhardt schrie nicht, er fluchte nicht, nein, er explodierte einfach, als er seine Mannschaft zum letzten großen Angriff auf die Mißgeschicke des heutigen Tages verdonnerte. Zunächst ein Tatort mit jeder Menge Spuren, Blut und Motiv, jedoch ohne Täter und Opfer. Dann - endlich ein Hauptverdächtiger (für was?), der aber einfach so aus dem Präsidum herauspazierte (die uralte Klonummer!!!), dann zwei Beamte, von denen einer sich mit Bacardi zuschüttete, der andere zuerst einnickte, den Nächstverdächtigen mitsamt Opfer entkommen ließ, um sich sodann vom Hauptverdächtigen niederschießen zu lassen und schließlich zu verschwinden. Und letztendlich - als ob dies alle nicht genug wäre, noch ein mittelschweres Massaker am Rande des schönsten Naturschutzgebietes der Stadt, bei der drei Ornithologen, die dort gerade eine Vogelbeobachtungsstation aufbauten, lebensgefährlich verletzt sowie der Hauptverdächtige erschossen wurde. Daß man wenigstens das Opfer - doch wer war eigentlich bei dieser verquasten Geschichte überhaupt Opfer, wer Täter? - lebendig, wenn auch ein wenig angeschlagen, befreien konnte, war nur ein kleiner Trost. Ebensowenig konnte er es der Presse als Erfolg verkaufen, daß nun die Unschuld des bislang Hauptverdächtigen feststand. Zumal sich jener armer Eric Lindemann dafür als Leiche auch nicht viel kaufen konnte. Aber - das würde anders werden, sie würden ihn schon noch kennenlernen!
Das dachte sich auch Hermann Beimer, nachdem er sich vom Schock des Nachmittags erholt und seine Aussagen zu Protokoll gegeben hatte. Einen Beimer sperrt man nicht ungestraft in der eigenen Speisekammer ein. Und - einem Beimer klaut man auch nicht den Jogginganzug und schon gar nicht die sieben alten Eierhandgranaten, die er als Erinnerung an die schöne alte Zeit dort so lange verwahrt hatte. Hugo und Werner dachten genauso und hatten sich sofort bereit erklärt, ein Exempel zu statuieren. Ja, das waren noch echte Freunde, für die galt das "Unsere Ehre heißt Treue" noch etwas! Zumal sie sich alle besten auskannten im Gelände, wo dieses Schwein verschwunden sein sollte. Wenn solche Leute wie der zur Polizei gehören, dann kann man sowas nicht der Polizei überlassen. Entschlossen radelte Hermann entlang der Kleingartenkolonie "Sonnenschein" dem Abendrot entgegen.

"Holla, und die alten Nazis sind auch dabei!" Verstohlen stieß Olli seinen weltbesten Kumpel an, gab ihm den letzten Schluck vom Hansa-Pils um ihm dann ein aufmunterndes "Das wird ´ne geile Party!" ins Ohr zu flüstern.

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