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Irene hielt Rupert für einen völligen Spinner. Sie hatte
ihn vor nicht ganz einem Jahr kennengelernt und ihn dann des öfteren getroffen.
Irene war sich ziemlich sicher, daß dies meistens keine zufälligen Begegnungen
gewesen waren, sondern das Rupert es darauf angelegt hatte, sie zu sehen.
Aber das spielte eigentlich jetzt keine Rolle mehr.
Rupert hatte ihr einmal eine Geschichte erzählt - zumindest
hatte sie es damals für eine Geschichte gehalten - und jedes mal, wenn
er sie getroffen hatte, erwähnte er es wieder. Irene wußte mittlerweile,
daß er es ernst zu meinen schien, auch wenn sie ihm immer wieder gesagt
hatte, daß sie nicht an irgendwelche paranomalen Phänomene glaubte und
ihn für einen ziemlichen Spinner halte. Aber Rupert schien das nicht zu
überzeugen, jedes Mal begann er wieder davon zu erzählen. Schließlich
war Irene zornig geworden und hatte ihn angeschrien - sie wußte nicht
mehr, was sie genau geschrien hatte, sie wußte nur mehr, daß Rupert sich
wütend umgedreht hatte und davongelaufen war.
Und jetzt saß sie mit ihm an einem der kleinen Tische vor einem kleinen
Lokal in der Innenstadt. Es war ihr Stammlokal und sie genoß es, diesen
Schönen Nachmittag im Freien verbringen zu können. Das einzige, was sie
heute störte, war Ruperts Anwesenheit. Sie hatte sich schon des öfteren
gefragt, wie er es anstellte, daß er immer wußte, wann sie hier war. Aber
heute war es ihr besonders zuwieder, vor allem, weil er das letzte Mal,
als sie ihn gesehen hatte, ihr mit einem drohenden Unterton in der Stimme
versprochen hatte: "Du wirst schon sehen, ich werde es dir beweisen, daß
meine Geschichte kein Märchen ist!"
Irene hatte ihn verduzt angesehen, hatte sich aber so weit unter Kontrolle,
daß sie sich einfach nur umgedreht hatte und gegangen war. Aber jetzt
war es so weit - Irene spürte, daß er es sehr ernst meinte und sie wußte
nicht, ob sie immer noch der Meinung war, daß dies alles doch nur eine
lächerliche Geschichte sei. Sie hatte die größte Angst davor, daß er doch
recht haben könnte und es gäbe wirklich ein Tor in eine andere Dimension.
Er hatte ihr geschworen, daß er die Wahrheit sagte und daß er noch niemals
jemand zuvor davon erzählt hatte, weil er der Meinung gewesen war, daß
er eben noch nicht die richtige Person getroffen hatte. Und er behauptete
steiff und fest, daß ausgerechnet Irene die richtige war, was diese überhaupt
nicht verstehen konnte. Irene spürte, wie die Bereitschaft zu glauben
in ihr immer grösser wurde. Sie fragte sich, ob sie wohl schon die ganze
Zeit an Ruperts Geschichte geglaubt hatte, doch ihr rationieller Verstand
hatte es einfach nie wahrhaben wollen. Andererseits wunderte sie sich,
daß sie plötzlich versucht war, anders zu denken und sich in die Gedankenwelt
ihres Gegenübers hineinzuversetzen. Sie suchte plötzlich fieberhaft für
irgend einen anderen Anhaltspukt, der ihr die Gewissheit geben sollte,
daß Rupert wirklich ein Spinner war, für den sie ihn noch wenige Stunden
zuvor gehalten hatte. Doch sie fand keinen. Und was noch wesentlich schlimmer
war: Sie hatte ihm gerade eben versprochen, ihn in das Haus zu begleiten,
in dem er wohnte und wo sich angeblich diese Tür in die andere Dimension
befand. Irene fragte sich, ob es wirklich sie gewesen war, die diese Worte
ausgesprochen hatte, oder ob irgend etwas anderes, etwas Fremdes von ihr
Besitz ergriffen hatte. Sie stand, die Hände auf den Tisch gestützt, auf
und bemerkte, daß ihre Knie zitterten. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Rupert führte sie durch eine der vielen engen Gassen der Stadt - Irene
war hier noch nie hergekommen, sie hatte sich immer gefürchtet, diese
dunklen, verwinkelten Gassen zu betreten. Vor einem gelb angestrichenen
alten Haus mit hohen Fenstern und einem großen Eingangstor blieb Rupert
stehen und kramte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche. Diesen steckte
er in das Schloß, drehte ihn um und öffnete die Tür, die er dann für Irene
aufhielt. Die Frau zögerte. Sie sah noch einmal die enge Straße hinunter,
als würde sie diese nie wieder sehen, blickte aber dann wieder zum Eingang
und ging entschlossen hinein.
Es war dunkel, kühl und es roch muffig nach alten, feuchten Teppichen.
Irgendwo bellte ein Hund. Irene erschrak, als die Tür mit einem lauten,
hallenden Knall hinter den beiden zufiel. Rupert nahm sie an der Hand
und führte sie eine ausgetretene Steintreppe hinauf in den ersten Halbstock,
von wo aus eine ebensolche Treppe wieder nach unten führte. Noch einige
Stufen und die beiden standen in einem langen Kellergang, der auf beiden
Seiten von hölzernen, mit verrosteten Vorhängeschlössern versperrte Kellerabteile
gesäumt würde. Der Gang würde von einigen Glühbirnen, die hier und da
zwischen dicken, schwarzen Rohren nackt von der Decke hingen, spärlich
beleuchtet. Hier stank es nach Hundepisse und verschimmeltem Gerümpel.
Irene fühlte einen leichten Druck in der Magengegend, sie riß sich aber
zusammen und folgte Rupert, der sie noch immer an der Hand führte. Sie
gingen bis ganz vor - dorthin, wo der Gang einen Knick machte, und folgten
ihm weiter, bis an das Ende, wo sie vor einem dieser Kellerabteile halten
blieben. Rupert ließ Irenes Hand los, wandte sich nach ihr um und musterte
aufmerksam ihr Gesicht, während er wieder in seiner Hosentasche herumwühlte.
Irene fragte sich, was nun geschehen würde. Zweifel stiegen in ihr auf.
Was war, wenn Rupert doch gelogen hatte und sie hier in diesem finsteren
Kellerabteil vergewaltigen wollte? Sie könnte sich gegen ihn wahrscheinlich
nicht einmal wehren - er war beinahe um einen Kopf größer als sie, hatte
breite Schulten und seine Arme waren von dicken Muskeln überzogen. Ihr
lief es kalt über den Rücken hinunter, das Rupert sie ansah. Als er den
Schlüssel gefunden hatte, drehte er sich wieder um und fummelte damit
an einem Vorhängeschloß herum, das metallisch glänzte. Die Abteiltüre
quitschte in den Angeln als Rupert sie öffnete. Erst jetzt bemerkte Irene,
daß das ganze Abteil von innen mit Holzplatten vernagelt worden war, es
sollte niemand hineinsehen können. Der dahinterliegende Raum war leer,
bis auf einen antiken Kasten, der hinten an der Wand stand. Rupert zog
Irene am Arm herein und schloß die Abteiltüre wieder sorgfältig hinter
ihr zu, nachdem er das Vorhängeschloß außen abgenommen und innen angebracht
hatte. Er schloß wieder ab und steckte den zweiten Schlüssel, der am selben
Bund war, in das Schloß an der Schranktür. Diese öffnete sich knarrend
und Irene hielt gespannt den Atem an. Als sie sah, was sich in diesem
Schrank befand stockte ihr der Atem. Sie hätte beinahe laut aufgeschrien,
aber sie konnte es sich im letzten Moment noch verkneifen. Dieser Kasten
hatte keine Rückwand mehr, man konnte das alte Steingemäuer sehen, in
welchem ein großes Loch prangte. Irene konnte nicht sehen, was sich auf
der anderen Seite der Maür befand - ihre Augen wurden geblendet von einem
gelben Licht, welches zwar eigentlich nicht sehr stark war, aber im Vergleich
zu der schwummrigen Dämmerung im übrigen Keller, an die sich Irenes Augen
gewöhnt hatten, war es strahlend hell. Irene hielt sich die Hand vor die
Augen, die Finger ein wenig auseinander gespreitzt, damit sie sich langsam
an das Licht gewöhnen konnten. Rupert hielt noch immer ihren Arm fest,
ging in die Hocke und zog sie zu sich herunter.
"Das ist also das geheimnisvolle Tor in eine andere Welt!" flüsterte er
so leise, daß sie ihn kaum verstehen konnte.
"Warst du denn schon einmal auf der anderen Seite?" wisperte Irene genau
so leise zurück.
Es dauerte einige Sekunden, ehe Rupert antwortete: "Ja, aber das ist schon
länger her und ich war nur sehr kurz drüben."
Über diese Worte war Irene sehr erleichtert, man konnte also durch dieses
Loch in der Mauer hindurch in diese andere Welt gehen und man kam von
dort auch wieder in ihre Welt zurück.
Mittlerweile hatte sich in Irene - obwohl es ihr nicht wirklich bewusst
geworden war - der Wunsch festgesetzt, durch dieses Loch in der Mauer
zu steigen. Ihre Neugierde war stärker als ihre Angst vor dem, was dort
vielleicht geschehen könnte. Sie registrierte, daß ihr Herz heftig klopfte
und daß ihr Atem rasend schnell ging, aber sie musste einfach dort durch!
Wie magisch wurde sie von dem Licht angezogen.
Irene drängte sich an Rupert vorbei, der noch immer vor dem Kasten hockte.
Sie kniete jetzt direkt vor dem Loch und spürte das Licht direkt auf ihrer
Haut - es hinterlies ein schwaches Prickeln, welches ihr die feinen Härchen
auf den Armen aufstellte. Aber sie empfand es nicht als unangenehm, eher
im Gegenteil - es war, als würde sie ein schwacher Hauch des Windes berühren.
Eine Sekunde lang zögerte sie noch, doch dann stieg sie duch das Loch
und ließ sich fallen - fallen, in eine andere Welt.
Sie fühlte sich getragen von unsichtbaren Armen, die verhindern sollten,
daß sie mit zu großer Geschwindigkeit nach unten stürzte. Und sie war
glücklich. Sie hatte keine Angst mehr, alleine eine fremde Welt zu betreten....
"Irene!" hörte sie plötzlich eine ihr seltsam vertraut vorkommende Stimme
rufen. Aber sie hörte nicht darauf.
"Irene - es tut mir leid - - -" hörte sie abermals die Stimme und plötzlich
wußte sie wieder, woher sie sie kannte: Rupert!
"- - - aber ich konnte nicht anders, ich mußte es tun!" schrie er.
Und Irene begriff. Ein lauter, entsetzter Schrei kam über ihre Lippen,
sie schrie, daß sie meinte, die Lungen würden ihr platzen - aber es war
zu spät. Viel zu spät.
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