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Wer erste Flug
(© Ferida)

 

Floh war das schwächste von den vier Vogeljungen gewesen, aber dennoch hatte er schon im ersten Kampf ums Überleben gewonnen. Und dann kam sein großer Tag. Er durfte das erste Mal das Nest verlassen um seine ersten Flugversuche zu machen. Seine drei Geschwister und er hüpften am Anfang noch zaghaft auf dem Ast herum, auf dem sich das Nest befand. Sie spreizten die Flügel, wie um fortzufliegen und flatterten unbeholfen. Alle vier waren sie übermütig, aber sie wußten ganz genau, daß sie achtgeben mußten, damit sie nicht von ihrem Ast fielen und dann nicht mehr hinauf kamen. Sie freuten sich alle schon darauf, endlich die Eltern ein Stück durch den Wald begleiten zu dürfen. Aber bis es soweit war, würde es noch ein wenig dauern.
Der erste, der es schaffte, einen kleinen Kreis um das Nest zu fliegen, war Wros, Flohs größter Bruder. Auch die anderen beiden wagten bald darauf einen Versuch und Floh war der einzige, der nicht genügend Mut dazu hatte, um es ihnen nachzumachen. Er war darüber sehr traurig und saß alleine auf seinem Ast, während die anderen jubilierend durch die Luft flatterten. Er sah ihnen nicht zu, sondern starrte hinunter auf den Boden, wo ein großer grauer Stein lag. Die einzige, die Mitleid mit ihm hatte, war seine Mutter. Sie setzte sich neben ihn und beobachtete ihn eine Weile. Dann sagte sie: "Na komm schon Floh, warum versuchst du es nicht einfach noch einmal. Du wirst sehen, du kannst es!"
Aber Floh wollte es gar nicht noch einmal versuchen. Doch plötzlich geschah etwas, auf das er nicht vorbereitet war. Sein übermütiger Bruder Alar kam von hinten auf ihn zu und flog so knapp über ihm hinweg, daß Floh nach vorne kippte. Der arme kleine Vogel stürzte von seinem Ast.
Verzweifelt breitete er die Flügel aus und begann zu flattern, aber er konnte nicht fliegen, der Boden kam ihm immer näher. Und schließlich landete er knapp neben dem Stein, auf den er zuvor noch hinunter geblickt hatte. Sein Herzchen klopfte laut und er war so verwirrt, daß er sich zunächst nicht regte. Doch dann sah er nach oben.
"Seltsam, von unten sieht alles ganz anders aus." dachte er bei sich. Er sah, daß seine Mutter mit lautem Gezeter zu ihm herunter geflogen kam. Sie landete neben ihm.
"Floh!" tschilpte sie erschrocken. "Ist dir nichts geschehen?"
Floh antwortete nicht. Wenn er hätte weinen können, dann hätte er genau das vermutlich jetzt getan. Doch so sah er nur mit seinen traurigen Vogelaugen zum Nest hinauf, in dem sich seine Geschwister versteckten. Noch nie wäre er so gerne dort gewesen.
"Floh!" rief ihm seine Mutter zu. "Floh, versuche es! Du mußt fliegen."
Aber Floh wollte noch immer nicht. Er saß nur da und starrte nach oben. Plötzlich wurde er jedoch aus seinen trüben Gedanken gerissen, als er das schrille Warngeschrei seiner Mutter vernahm, das er so gut kannte. Es bedeutete: "Gefahr! Gefahr! Bringt euch in Sicherheit!"
Sie flog vom Boden auf und Floh wollte instinktiv das selbe tun, aber er flatterte nur mit den Flügeln, ohne hochzukommen. Seine Mutter zog aufgeregt kleine Kreise um ihn. Auch der kleine Floh spürte die Gefahr, aber er konnte ihr einfach nicht ausweichen. Und da sah er die Katze, die sich langsam und vorsichtig an den hilflosen Vogel heranschlich. Sie war schrecklich groß und ganz schwarz, bis auf einen weißen Fleck auf der Brust. Ihre Augen waren leuchtend gelb und jetzt zu schmalen Schlitzen verengt. Ihr Schwanz peitschte hin und her, sie lauerte sprungbereit, jeden Moment würde sie den armen kleinen Vogel anspringen. Floh versuchte angestrengt aufzufliegen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Seine Mutter flatterte noch immer über ihm herum und schimpfte laut. "Mami!" piepste er verzweifelt. Und dann sprang die Katze. Floh war fast starr vor Schreck, als er das riesige Tier auf ihn zukommen sah. Er schlug so gut er konnte mit den Flügeln, wie er es bei den anderen gesehen hatte und duckte sich dabei leicht. Er kniff die Augen zusammen und holte noch einmal tief Luft. Gleich würde er tot sein. Das ging ihm noch durch den Kopf und dann...
Plötzlich spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen verschwand. Er würde nicht sterben, er flog!
Doch in seiner Aufregung konnte er an nichts anderes denken, als schnell von hier weg zu kommen. Er öffnete die Augen und sah nach unten. Er flatterte einen Meter über den Boden dahin. Die Katze hatte ihn knapp verfehlt und nahm eben einen zweiten Anlauf, um ihn doch noch zu erwischen. Aber Floh flog ihr davon. Er flog und flog und vor lauter Aufregung bemerkte er nicht, wie er sich immer weiter von seinem Nest entfernte.
Schließlich war er so weit fortgeflogen, daß er schon völlig erschöpft war. Er sah vor sich einen Baum, der beinahe so aussah wie der Baum, Auf dem sich sein Nest befand. Und auch auf diesem Baum gab es ein Nest. War er etwa wieder Zuhause? Er flog hinauf und ließ sich am Rand des Nestes nieder. Nein, er war nicht Zuhause, das bemerkte er jetzt. Das Nest war viel größer als das, in dem er geboren worden war und es lagen zwei Eier darin, die auch viel größer waren als das, aus dem er geschlüpft war. Wo war er? Als er über diese Frage nachzudenken begann, hörte er plötzlich das Geräusch von sehr großen Schwingen. Er sah in die Richtung, aus der es kam und blieb vor Schreck starr sitzen. Ihm näherte sich ein riesiger Vogel und Floh wußte instinktiv, daß dieser Vogel sein Feind war.
Der große Vogel ließ sich am Rand des Nestes nieder. Floh konnte ihn nur anstarren, sosehr er auch spürte, daß er fliehen mußte.
"Ja was haben wir denn da?" sagte der Große. "Was führt dich denn hier her? Sei froh, daß ich gerade gut gespeist habe, denn du wärst ein ausgesprochener Leckerbissen für mich."
"Ich bin von Zuhause weggeflogen, und jetzt finde ich nicht mehr heim." piepste Floh kläglich.
"Du armer kleiner Vogel!" meinte der Große mitleidig. "Wo bist du denn Zuhause?"
"Auf der großen Linde!" antwortete Floh freimütig.
Der andere lachte.
"Ich kenne viele große Linden, mein junger Freund." erwiderte er. "Du bist zwar einer, den ich gerne fressen würde, aber ich bekomme selber bald Kinder und deine Mutter macht sich bestimmt Sorgen um dich, nicht war? Und darum werde ich dir helfen, dein Zuhause wiederzufinden."
Floh betrachtete den großen Vogel schüchtern. Er hatte einen starken gelben, nach unten gebogenen Schnabel und sehr große Flügel. Sein Gefieder war braun und er war sehr schlank.
"Komm, mein kleiner!" forderte er Floh auf. "Du mußt einer aus dem Tal sein und ich glaube, ich habe das Nest schon einmal gesehen, in dem du geboren bist. Ich fliege oft über das Tal."
Er erhob sich mit diesen Worten in die Lüfte und Floh folgte ihm schüchtern. Der Raubvogel flog Voraus und wartete immer wieder auf Floh, der mit seinen kleinen Flügeln nicht so schnell nachkam. Aber irgendwann kamen sie zu der großen Linde, auf der sich sein Nest befand. Und so führte der große Raubvogel den kleinen Floh nach Hause. Das ist übrigens das einzige Mal, daß es geschah, daß ein Raubvogel einem kleinen wehrlosen Singvogel half. Zumindest wüßte ich nichts darüber daß dies noch einmal vorgekommen wäre.


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