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Floh war das schwächste von den vier Vogeljungen gewesen,
aber dennoch hatte er schon im ersten Kampf ums Überleben gewonnen. Und
dann kam sein großer Tag. Er durfte das erste Mal das Nest verlassen um
seine ersten Flugversuche zu machen. Seine drei Geschwister und er hüpften
am Anfang noch zaghaft auf dem Ast herum, auf dem sich das Nest befand.
Sie spreizten die Flügel, wie um fortzufliegen und flatterten unbeholfen.
Alle vier waren sie übermütig, aber sie wußten ganz genau, daß sie achtgeben
mußten, damit sie nicht von ihrem Ast fielen und dann nicht mehr hinauf
kamen. Sie freuten sich alle schon darauf, endlich die Eltern ein Stück
durch den Wald begleiten zu dürfen. Aber bis es soweit war, würde es noch
ein wenig dauern.
Der erste, der es schaffte, einen kleinen Kreis um das Nest zu fliegen,
war Wros, Flohs größter Bruder. Auch die anderen beiden wagten bald darauf
einen Versuch und Floh war der einzige, der nicht genügend Mut dazu hatte,
um es ihnen nachzumachen. Er war darüber sehr traurig und saß alleine
auf seinem Ast, während die anderen jubilierend durch die Luft flatterten.
Er sah ihnen nicht zu, sondern starrte hinunter auf den Boden, wo ein
großer grauer Stein lag. Die einzige, die Mitleid mit ihm hatte, war seine
Mutter. Sie setzte sich neben ihn und beobachtete ihn eine Weile. Dann
sagte sie: "Na komm schon Floh, warum versuchst du es nicht einfach noch
einmal. Du wirst sehen, du kannst es!"
Aber Floh wollte es gar nicht noch einmal versuchen. Doch plötzlich geschah
etwas, auf das er nicht vorbereitet war. Sein übermütiger Bruder Alar
kam von hinten auf ihn zu und flog so knapp über ihm hinweg, daß Floh
nach vorne kippte. Der arme kleine Vogel stürzte von seinem Ast.
Verzweifelt breitete er die Flügel aus und begann zu flattern, aber er
konnte nicht fliegen, der Boden kam ihm immer näher. Und schließlich landete
er knapp neben dem Stein, auf den er zuvor noch hinunter geblickt hatte.
Sein Herzchen klopfte laut und er war so verwirrt, daß er sich zunächst
nicht regte. Doch dann sah er nach oben.
"Seltsam, von unten sieht alles ganz anders aus." dachte er bei sich.
Er sah, daß seine Mutter mit lautem Gezeter zu ihm herunter geflogen kam.
Sie landete neben ihm.
"Floh!" tschilpte sie erschrocken. "Ist dir nichts geschehen?"
Floh antwortete nicht. Wenn er hätte weinen können, dann hätte er genau
das vermutlich jetzt getan. Doch so sah er nur mit seinen traurigen Vogelaugen
zum Nest hinauf, in dem sich seine Geschwister versteckten. Noch nie wäre
er so gerne dort gewesen.
"Floh!" rief ihm seine Mutter zu. "Floh, versuche es! Du mußt fliegen."
Aber Floh wollte noch immer nicht. Er saß nur da und starrte nach oben.
Plötzlich wurde er jedoch aus seinen trüben Gedanken gerissen, als er
das schrille Warngeschrei seiner Mutter vernahm, das er so gut kannte.
Es bedeutete: "Gefahr! Gefahr! Bringt euch in Sicherheit!"
Sie flog vom Boden auf und Floh wollte instinktiv das selbe tun, aber
er flatterte nur mit den Flügeln, ohne hochzukommen. Seine Mutter zog
aufgeregt kleine Kreise um ihn. Auch der kleine Floh spürte die Gefahr,
aber er konnte ihr einfach nicht ausweichen. Und da sah er die Katze,
die sich langsam und vorsichtig an den hilflosen Vogel heranschlich. Sie
war schrecklich groß und ganz schwarz, bis auf einen weißen Fleck auf
der Brust. Ihre Augen waren leuchtend gelb und jetzt zu schmalen Schlitzen
verengt. Ihr Schwanz peitschte hin und her, sie lauerte sprungbereit,
jeden Moment würde sie den armen kleinen Vogel anspringen. Floh versuchte
angestrengt aufzufliegen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Seine
Mutter flatterte noch immer über ihm herum und schimpfte laut. "Mami!"
piepste er verzweifelt. Und dann sprang die Katze. Floh war fast starr
vor Schreck, als er das riesige Tier auf ihn zukommen sah. Er schlug so
gut er konnte mit den Flügeln, wie er es bei den anderen gesehen hatte
und duckte sich dabei leicht. Er kniff die Augen zusammen und holte noch
einmal tief Luft. Gleich würde er tot sein. Das ging ihm noch durch den
Kopf und dann...
Plötzlich spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen verschwand. Er würde
nicht sterben, er flog!
Doch in seiner Aufregung konnte er an nichts anderes denken, als schnell
von hier weg zu kommen. Er öffnete die Augen und sah nach unten. Er flatterte
einen Meter über den Boden dahin. Die Katze hatte ihn knapp verfehlt und
nahm eben einen zweiten Anlauf, um ihn doch noch zu erwischen. Aber Floh
flog ihr davon. Er flog und flog und vor lauter Aufregung bemerkte er
nicht, wie er sich immer weiter von seinem Nest entfernte.
Schließlich war er so weit fortgeflogen, daß er schon völlig erschöpft
war. Er sah vor sich einen Baum, der beinahe so aussah wie der Baum, Auf
dem sich sein Nest befand. Und auch auf diesem Baum gab es ein Nest. War
er etwa wieder Zuhause? Er flog hinauf und ließ sich am Rand des Nestes
nieder. Nein, er war nicht Zuhause, das bemerkte er jetzt. Das Nest war
viel größer als das, in dem er geboren worden war und es lagen zwei Eier
darin, die auch viel größer waren als das, aus dem er geschlüpft war.
Wo war er? Als er über diese Frage nachzudenken begann, hörte er plötzlich
das Geräusch von sehr großen Schwingen. Er sah in die Richtung, aus der
es kam und blieb vor Schreck starr sitzen. Ihm näherte sich ein riesiger
Vogel und Floh wußte instinktiv, daß dieser Vogel sein Feind war.
Der große Vogel ließ sich am Rand des Nestes nieder. Floh konnte ihn nur
anstarren, sosehr er auch spürte, daß er fliehen mußte.
"Ja was haben wir denn da?" sagte der Große. "Was führt dich denn hier
her? Sei froh, daß ich gerade gut gespeist habe, denn du wärst ein ausgesprochener
Leckerbissen für mich."
"Ich bin von Zuhause weggeflogen, und jetzt finde ich nicht mehr heim."
piepste Floh kläglich.
"Du armer kleiner Vogel!" meinte der Große mitleidig. "Wo bist du denn
Zuhause?"
"Auf der großen Linde!" antwortete Floh freimütig.
Der andere lachte.
"Ich kenne viele große Linden, mein junger Freund." erwiderte er. "Du
bist zwar einer, den ich gerne fressen würde, aber ich bekomme selber
bald Kinder und deine Mutter macht sich bestimmt Sorgen um dich, nicht
war? Und darum werde ich dir helfen, dein Zuhause wiederzufinden."
Floh betrachtete den großen Vogel schüchtern. Er hatte einen starken gelben,
nach unten gebogenen Schnabel und sehr große Flügel. Sein Gefieder war
braun und er war sehr schlank.
"Komm, mein kleiner!" forderte er Floh auf. "Du mußt einer aus dem Tal
sein und ich glaube, ich habe das Nest schon einmal gesehen, in dem du
geboren bist. Ich fliege oft über das Tal."
Er erhob sich mit diesen Worten in die Lüfte und Floh folgte ihm schüchtern.
Der Raubvogel flog Voraus und wartete immer wieder auf Floh, der mit seinen
kleinen Flügeln nicht so schnell nachkam. Aber irgendwann kamen sie zu
der großen Linde, auf der sich sein Nest befand. Und so führte der große
Raubvogel den kleinen Floh nach Hause. Das ist übrigens das einzige Mal,
daß es geschah, daß ein Raubvogel einem kleinen wehrlosen Singvogel half.
Zumindest wüßte ich nichts darüber daß dies noch einmal vorgekommen wäre.
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