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Der gestohlene Regen
(© André Busse, Britta Lüthe)
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Britta:

Wütend stapfte Dwarf, der Regenzwerg, hin und her und schimpfte wie ein Rohrspatz:
"So ein Mist, vor ein paar Wochen hat es noch sooo schön geregnet und jetzt scheint die blöde Sonne und trocknet alles aus!"
Zornig stampfte er mit dem Fuss auf den knochentrockenen Boden und begann sofort zu niesen.
"Hatschi," prustete er, "dieser verdammte Staub! So kann das nicht weitergehen! Ich wander aus!"
Nachdenklich hielt er inne und kratzte sich am Kopf.
"Hm...auswandern? Ist eigentlich gar keine schlechte Idee. Ich werde einfach den Regen suchen gehen!" überlegte er.
Schnell eilte er in seine kleine Hütte, packte sein Bündel und machte sich auf den Weg...

André: Doch in welche Richtung sollte er gehen? Er schaute zum Himmel: alles blau, nicht die kleinste Wolke zu sehen. Er befragte einen kleinen Steintroll, der zufällig des Weges kam, ob er den Regen gesehen habe.
"Den Regen? Wer mag den schon! Ich sehne mich nach Sonne und schaue nicht nach Regen, vor dem suche ich höchstens Schutz und sehe zu Boden. Wo die Sonne auf und untergeht, das kann ich dir gerne sagen, doch dem Regen will ich keine Beachtung schenken".
Sicherheitshalber ließ Dwarf sich beschreiben, wo die Sonne im allgemeinen auf und unter ging. Doch das entmutigte ihn etwas: Die Sonne nahm ungemein viel Raum im Himmel in Anspruch. An einem einzigen Tag durchmass sie das ganze Himmelszelt, war da überhaupt Platz für Regen?
Während Dwarf tief in Gedanken versunken überlegte, wie man denn den Regen aufspüren könnte, begann er mit seinen großen Füssen feine Vibrationen im Boden zu spüren. Erst als die Schwingungen seine ausgetrockneten Fußsohlen kitzelten, wurden sie ihm bewusst. War da womöglich ein Gewitter im Anzug? Hat der Regen IHN gefunden und er brauchte sich gar nicht auf die Suche machen? Gespannt untersuchte Dwarf den Himmel auf Anzeichen von Wolken. Irgendwo müsste doch etwas zu sehen sein. Doch der Himmel strahlte unablässig seine blaue Hitze ab, und Dwarf konnte kein Anzeichen für ein Unwetter erkennen. Die feinen Vibrationen waren stärker geworden und er konnte auch ein fernes Grummeln hören. Dort, am Horizont, eine Staubwolke! Was war das nur? Das Grummeln wurde immer lauter und schwoll zu einem Dröhnen an, die Erde erzitterte immer heftiger. Die Staubwolke wurde immer größer und kam rasch näher. Dwarf bekam es mit der Angst zu tun. Was kam da nur so schnell auf ihn zugeschossen? Er musste sich die Ohren zu halten, so laut wurde das Dröhnen und Stampfen, seine großen Füße gaben ihm auf dem bebenden Boden gerade noch soviel Halt, dass er nicht hinfiel. Dann erkannte Dwarf was es war: eine riesige Lastkutsche, die wohl von zwei dutzend großen schwarzen Pferden gezogen wurde. Solch ein Ungetüm hatte Dwarf noch nie gesehen! Beladen war das Gefährt mit hunderten von Fässern aus Holz. Mit lautem quietschen, krachen und stöhnen, stoppte das Gespann, als es bei Dwarf angekommen war. EsDoch die größte Überraschung für Dwarf war der Kutscher des Lastwagens. Einen so fetten Mann hatte er noch nie gesehen! Er glaubte schon, ein Phantom vor sich zu haben, da er in dem riesigen weichen Gesicht keine Augen finden konnte. Erst bei genauerem hinsehen erspähte er die Augen zwischen der gewaltigen Stirn- und Wangenfalte.
"Kleiner Regenzwerg, du siehst sehr vertrocknet aus, wie wäre es mit einem Fässchen Wein?" rief der Lastkutscher mit hoher Stimme vom Kutschbock herunter.
"Mein Name ist Dwarf, fett... großer Mann. Ein Fässchen Wein könnte mir nur kurzfristig helfen. Ich suche den Regen, weißt du, wo er ist?" fragte Dwarf und gab sich Mühe, seine Stimme fest und entschlossen klingen zu lassen. Er fühlte sich sehr unwohl bei all den riesigen Pferden und dem gigantischem Wagen.
"Das will ich wohl meinen. Ich bin auf dem Weg in eine Gegend, wo es ständig regnet. Die Leute dort sind deswegen so betrübt, dass ich in ihnen gute Kunden für meinen Wein gefunden habe. Wenn du willst, nehme ich dich dorthin mit. Ich habe am Ende des Wagens große Fässer mit Wasser für die Pferde, du kannst in einem von ihnen Platz nehmen." sagte der dicke Kutscher nicht ohne Häme.
In einem schwappendem nassem Fass ins Regenland? Das gefiel Dwarf! Er stapfte los Richtung Heck der Lastkutsche, als die Worte des Fahrers ihn aufhielten.
"Halt mein kleiner Freund, wohin so eilig? Willst du nicht den Preis für die Passage wissen? Wenn ich dich dorthin bringe, bekomme ich von dir 10 Silberlinge, vor der Abfahrt!"
Das war ein Problem! Dwarf hatte überhaupt nur 4 Silberlinge. Herrje, aber er wollte hier weg. Allein schon die Fahrt im nassen Fass zog ihn magisch an. Allen Anstand beiseite schiebend bot Dwarf dem Fahrer an: "Acht Silberlinge! Die Hälfte sofort, den Rest bei Ankunft!?"
"Einverstanden!"
Dwarf kletterte die Leiter zum Kutschbock hoch und es kam ihm wie die Bezwingung eines hohen Berges vor. Die vier Silberlinge verschwanden in den fleischigen Händen des Fuhrmanns, wobei Dwarf geschäftig darauf achtete so zu tun, als ob er die vier Silberlinge aus seinem Lederbeutel abzählen müsse. Froh, Abstand zum Fahrer zu gewinnen verschwand der Regenzwerg hinter der Kutsche und machte es sich in einem halbvollem Wasserfass bequem.
"Kann losgeh´n!" rief er nach vorne.
Mit lautem Peitschenknall setzte das Gespann sich in Bewegung. Auf, in Richtung des Landes, wo es soooo viel Regen gab.
Britta: "Haaaaaaalt", hörte Dwarf plötzlich jemanden laut rufen, und schon purzelte er aus dem Fass.
Mit einem Ruck hatte die Kutsche angehalten.
"Hey!", brüllte Dwarf sauer, "was soll denn das? Mein schönes Wasserfass!"
"Psssst!" raunte der Kutscher ihm zu. "Versteck dich, schnell!"
Erschrocken klappte Dwarf seinen Mund zu, der soeben wieder anheben wollte zu schimpfen, und er beschloss, dass er ausnahmsweise mal hören würde.
Schnell sprang er in das inzwischen fast leere Wasserfass, zog einen Leinensack, der zufällig danebenlag, über sich und wagte kaum zu atmen.
"Was hast du da geladen?" tönte die Stimme, die eben noch so herrisch Halt gerufen hatte.
"Oh...äh...", stotterte der Kutscher, "nichts besonderes, nur...
André: ...Fässer mit köstlichem Wein! Wollt ihr einen Handel machen?"
Der dicke Kutscher sah sich mit einem Menschenauflauf konfrontiert, der aus vielen Bauern, Knechten und Mägden bestand. Einige von ihnen waren bewehrt mit Dreschflegeln und Heugabeln. Sie waren offensichtlich nicht bester Laune. In der Stimme ihres Anführers schwang deutlich Gereiztheit mit.
"Wir wollen keinen Wein! Wir sind auf der Suche nach dem Regen, jemand muss ihn vertrieben haben. Unsere Felder verdorren und wir können keine Ernte einbringen."
"Das ist ja fürchterlich!" antwortete der Lastkutscher, der vor lauter Aufregung heftig anfing zu schwitzen.

Dwarf in seinem Versteck lauschte dem Gespräch. Da war also noch jemand, der den Regen vermisste! Was war nur geschehen? Er grübelte vor sich hin und genoss dabei die Tropfen, die aus dem Fass über ihm unablässig auf seinen Kopf fielen. Wassertropfen? Mit einem mal merkte Dwarf, dass doch eigentlich Wein aus dem Fass tropfen müsste. Oder war es nur ein weiteres Fass mit Wasser für die Pferde? Dwarf öffnete den Mund und liess einige Tropfen auf seine Zunge perlen. Er als Regenzwerg brauchte nur eine Sekunde, um mit Sicherheit die Herkunft des Wassers zu bestimmen: es schmeckte nach Regen! Was sollte unser kleiner Freund Dwarf nun tun...?

Britta:

Er hatte jetzt wirklich ein Problem.
Auf der einen Seite war da der wirklich sehr grosse Kutscher, auf der anderen Seite vermisste ja nicht nur er den Regen, wie er sah.
Vorsichtig schob er die Nase über den Rand des Fasses und versucht die Lage abzuschätzen. Er erschrak, als er sah, wie viele Leute die Kutsche umringten.
"Hey Kutscher", zeig uns, was Du in Deinen Fässern hast!" brüllte eine Stimme.
"Ja los, wir wollen es sehen!"
Dwarf sah, wie sich das Gesicht des Kutschers verfinsterte.
"Wehe, Ihr kommt mir zu nahe", dröhnte er und hob drohend seine Peitsche.
Die Menschen wichen erschrocken zurück.
"Verdammt," dachte Dwarf, was mach ich denn jetzt nur?"
"Los, halt Dich fest!" rief der Kutscher ihm noch zu, und dann gab er seinen Pferden die Peitsche.
"NEIIIIIN!" brüllte Dwarf so laut er konnte. Ob das reichte, dass die Menschen auf ihn aufmerksam wurden?

André: Nein! Denn im Vergleich zum Getöse der Peitsche und der sich aufbäumenden Pferde war Dwarfs Stimme zu leise. Die Lastkutsche nahm bereits schnelle Fahrt auf, als unser kleiner tapferer Regenzwerg damit begann, ein Seil - das die Fässer auf dem Wagen sicherte - mit seinem Messer zu bearbeiten. Schon purzelte das erste Fass von der Ladefläche. Als es auf den Boden schlug, zerbrach es sofort und sein Inhalt ergoss sich auf die Erde. So sahen Dwarf und die Leute, die der Kutsche folgten, dass nicht etwa Wein die Erde nässte, sondern reines klares Wasser! Über der entstandenen Pfütze bildete sich sofort eine kleine Wolke, die schnell gen Himmel stieg. Sein Spürsinn hatte ihn also nicht getäuscht! Der Lastführer musste den Regen gestohlen haben und wollte ihn wegschaffen. Das sollte ihm nicht gelingen! Immer mehr Fässer fielen nun vom Lastwagen und Dwarf musste sich vorsehen, dass ihn keines davon erschlug. die meisten Fässer zerbrachen beim Aufprall und bildeten ebenfalls kleine Wolken. Der dicke Kutscher sah hilflos zu, wie sich seine Beute hinter ihm verteilte. Er gab seinen Pferden weiterhin wütend die Peitsche, weil er Angst vor den Dorfbewohnern hatte. Als alle Fässer Über Bord gegangen waren, sprang auch Dwarf von der Ladefläche. Er purzelte über den Boden und kam in einer Pfütze zum Stillstand. Gierig sog er das Aroma des Regens in sich auf. Viele zarte Wolken hatten sich zu größeren Wolken zusammengeballt, so dass der Himmel sich langsam verdunkelte. Regen lag in der Luft.
Einem Phantom gleich verschwand der dicke Kutscher mit seinem riesigen Gefährt am Horizont. Blitze zuckten vom Himmel und gaben seinem Verschwinden ein gespenstisches Aussehen.
Die Bauern erreichten Dwarf und halfen ihm auf.
"Endlich Regen! Du hast den Regen zurückgebracht, vielen Dank! Du bist wahrlich ein Regenzwerg!"
Verlegen sah Dwarf zu Boden. Er war doch kein Held, außerdem hatte ihn der Spaß vier Silberlinge gekostet!
"Die bekommst du von uns erstattet! Und ein festliches Mahl dazu! Aber für den bösen Fuhrmann werden wir uns einen netten Fluch ausdenken...."
Fröhlich marschierten sie durch den beginnenden Regen zu dem Dorf, um für Dwarf ein kleines Fest zu veranstalten.

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