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Die alte Uhr
(© Britta Lüthe)

 
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Gelangweilt bummelte Sina über den Trödelmarkt, zu dem sie sich von ihren Freunden hat schleifen lassen, und liess ihre Blicke mal hier hin, mal dahin schleifen, ohne grosses Interesse zu verspüren.
Sie hatte von Anfang an keine Lust dazu gehabt, aber ihre Freunde waren mal wieder der Meinung, sie würde sich zu sehr verkriechen und hatten sie sanft genötigt, mitzukommen.
Plötzlich fiel ihr Blick auf einen Stand mit alten Uhren. Sie konnte nicht einmal sagen, warum dieser sie so anzog, aber fast von allein bewegten ihre Beine sich in die Richtung des Standes, und ehe sie es sich versah, stand sie direkt davor.
Neugierig sah sie sich um, bis ihr Blick auf eine wunderschöne alte Deckeluhr fiel.
Sie war begeistert! Die feine Verzierung auf der Uhr faszinierte sie.
Vorsichtig nahm sie die Uhr in die Hand und besah sie von allen Seiten.
Sie öffnete den Deckel und bestaunte die fein gearbeiteten Zeiger.
"Funktioniert die Uhr noch?" fragte Sina den Mann, der hinter dem Stand sass.
Er nickte.
"Seien Sie vorsichtig, das ist eine ganz besondere Uhr!" ermahnte er sie.
Zweifelnd sah sie ihn an.
"Sicher," erwiderte sie, "sie ist schön gearbeitet, aber eben doch nur eine Uhr. Ich denke, sie könnte meinem Vater gut gefallen."
"Nun ja," sprach der Händler, "es mag etwas seltsam klingen, aber die Uhr sucht sich ihren Besitzer aus. Oder was glauben Sie, warum Sie hier stehen?"
Sie lachte. "So ein Blödsinn!"
'Was für ein Spinner,'dachte sie, legte die Uhr wieder hin und wollte weitergehen.
Aber etwas bewog sie, sich doch noch einmal umzudrehen und die Uhr erneut in die Hand zu nehmen.
Plötzlich tasteten ihre Finger eine kleine Erhebung. Fast unbewusste drückte sie darauf und schon öffnete sich der hintere Deckel der Uhr. Neugierig hob sie die Uhr an ihre Augen, um das Bild, dass sich hinter dem Deckel verbarg, genauer anzusehen.
Ein leichtes Schwindelgefühl erfasst sie, sie schloss die Augen, hielt sich an dem Stand fest.
'Das fehlt jetzt nur noch, dass ich ohnmächtig werde. Ich hätte vielleicht doch frühstücken sollen," dachte sie kurz. Aber dann war es auch schon wieder vorbei.

Als sie die Augen öffnete, erschrak sie.
Wo war der Stand geblieben? Sie stand plötzlich direkt vor einer grossen, dicken Eiche.
Ein Gefühl der Panik erfasste sie. Was um alles in der Welt war denn geschehen?
Sie sah sich um. Keiner der Stände des Trödelmarktes war zu sehen, stattdessen befand sie sich in einem weiträumigen Park mit alten Bäumen und einer bunten Blumenwiese.
Da hörte sie ein leises Lachen und Gewisper.
Vorsichtig beugte sie sich um die Eiche und zuckte erschrocken zurück.
Direkt auf der anderen Seite des Stammes hatte sich ein Paar auf einer Picknickdecke niedergelassen. Aber es sah so seltsam aus, als ob sie direkt von einem Kostümfest kämen. Die Frau, das gescheitelte Haar zu grossen Schnecken gedreht, lag eng am Kopf, das lange Kleid war so eng geschnürt, dass sie wohl kaum Luft bekommen konnte und die.Ärmel sahen aus wie aufgeblasen.
Der Mann sah zwar nicht ganz so ungewöhnlich aus, aber mit Frack und Zylinder wirkte auch er etwas fehl am Platze.
Sina riskierte erneut einen Blick.
Sie sah, wie die Frau verschämt lächelte, während sie dem Mann etwas hinüber reichte.
Behutsam und leise rückte Sina näher um zu sehen, was es war.
Vor Erstaunen blieb ihr beinahe die Luft weg! Sie erkannte die Uhr, die sie noch vor ein paar Minuten in den Händen gehalten hatte.
Sie sah, wie der Mann den hinteren Deckel öffnete und der Frau etwas zeigte, was diese bewog, leicht zu erröten.
Erneut packte Sina ein leichtes Schwindelgefühl, und als sie die Augen wieder öffnete, befand sie sich vor dem Uhrenstand, mit der Deckeluhr in der Hand. Enttäuscht sah sie sich um. Sie hätte gern noch mehr erfahren über dieses seltsame Paar.

Der Mann hinter dem Stand lächelte.
"Nehmen Sie jetzt diese Uhr?" fragte er.
Sina nickte.
"Was kostet die Uhr?" fragte sie.
Prüfend sah der Mann ihr ins Gesicht.
"Wissen Sie," sprach er, "ich habe das Gefühl, die Uhr gehört zu Ihnen. Nehmen Sie sie als Geschenk mit!"
Sie stammelte, dass das doch nicht ginge. Sicher sei die Uhr viel zu wertvoll.
Der Mann erwiderte: "Das ist sie. Sie ist eine der ältesten Taschenuhren, die es gibt. Aber mein Gefühl sagt mir, dass es nicht richtig wäre, Geld von Ihnen dafür zu nehmen. Sie gehört Ihnen!"
Dankbar lächelte Sina ihm zu.
Der Mann lachte. "Ihr Lächeln ist Bezahlung genug!"
Ein letztes Mal lächelte sie ihm zu, dann suchte sie ihre Freunde, um ihnen zu sagen, dass sie nach Hause wolle.

Als sie kurze Zeit später wieder einmal ihren Vater besuchte, nahm sie die Uhr mit. Sie wollte sie ihm doch schenken, da sie wusste, dass er Uhren sammelte.
Als Sina ihm die Uhr zeigte, weiteten sich seine Augen.
"Was ist?" fragte Sina.
"I-i-ich kenne die Uhr!" stammelte ihr Vater. Er nahm sie ihr vorsichtig aus der Hand.
"Sieh hier," forderte er sie auf, nachdem er den hinteren Deckel geöffnet hatte, "dieses Bild ist von Deiner Ururgrossmutter. Sie hatte diese Uhr Deinem Ururgrossvater zur Verlobung geschenkt. Ich erinnere mich, dass ich die Uhr in meiner Kindheit das letzte Mal gesehen hatte, aber durch den Krieg und unsere Flucht ist sie verloren gegangen. Bewahre sie gut! Denn es ist in unserer Familie Tradition, dass diese Uhr von den weiblichen Nachkommen immer weitergegeben wird. Sie birgt ein Geheimnis, dass nur die Frauen der Familien sehen können."
Sina lächelte. Das Geheimnis kannte sie vermutlich.

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