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Der Professor
(© Britta Lüthe)

 
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Schon während meines Studiums hat mich die Sprachforschung eigentlich am meisten interessiert und nur böse Zungen würden behaupten, daß das möglicherweise mit dem überaus attraktiven Professor zusammen hing, der die Vorlesungen hielt und durchaus dazu beitragen konnte, die Phantasie anzuregen. Ich komme nicht umhin, offen zugeben zu müssen, daß dieser Professor tatsächlich nicht ohne Reiz war, nicht ohne Lachreiz, um genau zu sein. Die Bezeichnung Gockel in Zusammenhang mit ihm zu nennen, würde den Nagel vermutlich relativ genau auf den Kopf treffen.
Er war ein besonders junger und ein besonders schöner, vor allem aber ein besonders eitler Mann. Jede seiner Bewegungen zeugte von dem, was er von sich hielt, und wenn er uns Studentinnen mit seinen wundervollen Augen ansah, dann fehlte nicht viel und wir schmolzen hin. Fast jedenfalls, wäre da nicht dieser Makel gewesen!

Er kippelte nämlich leidenschaftlich gern mit dem Stuhl. Und je leidenschaftlicher er sein Thema behandelte, desto heftiger kippelte er. Von manchen Menschen behauptet man, sie würden mit Händen und Füßen reden, er dagegen sprach eine deutliche Sprache mit Hilfe seines Stuhles.
Nun sagt man mir mitunter schon einen gewissen Hang zum Zynismus nach, wobei ich allerdings jeden Verdacht streng von mir weisen muß, der in die Richtung ginge, ich wäre versucht gewesen, ein bißchen nachzuhelfen. Nein, den größten Spaß bei den Vorlesungen hatte ich allein bei der Vorstellung, der gute Professor KÖNNTE einmal umkippen.
Ich stellte mir vor, wie er während eines durchaus ernstzunehmenden Vortrages ganz langsam nach hinten weg sackte, um dann mit einem lauten Knall höchst unelegant und völlig unangemessen auf dem Boden zu landen. Eine meiner Lieblingsvorstellungen war es auch, wie er vielleicht mit einem leichten Stöhnen ganz sanft zur Seite wegglitt und ich stellte ernsthafte Überlegungen an, wie man als respektabler Professor aus solch einer Situation wieder herauskäme, denn bei all seiner Schönheit ließ seine Fähigkeit zum humorvollen Umgang mit kleinen Mißgeschicken doch ein bißchen zu wünschen übrig und auch Situationskomik wußte er nicht angemessen zu würdigen.
Es war mir letztendlich nicht mehr möglich, diesen Mann zu sehen ohne lachen zu müssen und ich vermute, daß er irgendwann argwöhnte, daß ich ihn nicht an- sondern auslachte.
Und so kam dann das, was dann unweigerlich kommen mußte:
Das Seminar endete mich etwas plötzlich und von meiner Seite aus gänzlich ungeplant und mir wurde auf diese Weise schmerzlich bewußt, daß die Phantasie durchaus in der Lage ist, reale Konsequenzen hervorzurufen.

Leider hat der Professor mir nie den Gefallen getan, wirklich einmal umzukippen. Andererseits ist es auch wieder gut so, denn so wurde mir die Macht der Phantasie bewußt und die Linguistik konnte so einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, wenn auch nicht unbedingt einen, der wissenschaftlich verwertbar gewesen wäre.


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