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Ein alter Mann besass einmal einen Papagei. Genau genommen war es eigentlich
eine Papageiin. Beide haben schon eine beachtliche Zeit miteinander verbracht
und waren einander sehr vertraut.
Stunden um Stunden hatte der alte Mann damit zugebracht, der Papageiin das
Sprechen bei zu bringen, denn er fühlte sich nach dem Tod seiner Frau manchmal
etwas einsam und sehnte sich nach einem Gesprächspartner.
Aber so sehr er sich auch abmühte, und so viel er mit der Papageiin übte,
sie gab nie etwas anderes als ein krächzendes "öhm..." von sich. Und weil
das schon seit Jahren so war, wurde sie kurzerhand "Frau Öhm" genannt. Er
hatte schon ganz vergessen, wie sie ursprünglich mal hiess, seine Frau hatte
sie mit in die Ehe gebracht, aber das war so lange her, dass er sich nicht
mehr erinnern konnte.
Manchmal, wenn er sich wieder und wieder abmühte, Frau Öhm das Sprechen
beizubringen, dann fühlte er sich an seine Frau erinnert. Er erinnerte sich,
dass auch sie immer wieder versucht hatte, Frau Öhm zum Reden zu bringen.
Das waren Momente, in denen er ein wenig traurig wurde, denn ihm wurde bewusst,
wie sehr er seine Frau vermisste.
Eines Tages, und das war wieder einmal so ein Tag,
an dem ihm seine Frau ganz besonders fehlte, beschloss er, ihr auf dem
Friedhof einen Besuch abzustatten.
Aber als er die Tür öffnete, um hinaus zu gehen, schoss Frau Öhm an ihm
vorbei ins Freie.
Erschrocken sah er hinter ihr her.
Meistens sass sie zu Hause ganz ruhig auf ihrer Stange, nur selten flog
sie in der Wohnung hin und her, obwohl er ihr jede Freiheit liess.
Dies war das erste Mal, dass sie nach draussen flog.
Vor Schreck blieb dem Mann fast das Herz stehen.
Eilig schlurfte er ihr hinterher, immer lockend ihren Namen rufend.
Frau Öhm flatterte auf einen Baum und sah sich neugierig um.
Kaum hatte er keuchend den Baum erreicht, flatterte sie schon zum nächsten.
Eine ganze Weile ging das so, er rannte und rief und sie flatterte immer
ein kurzes Stück vor ihm her.
Auf diese Weise gelangten sie in einen Park. Der Mann konnte sich vor
Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten, aber er wollte seine Frau
Öhm auch nicht verlieren. Immer wieder versuchte er sie zu locken, aber
ihm kam es so vor, als ob sie ihm hoch oben, von ihrem Baum hämisch angrinste.
Irgendwann konnte er nicht mehr, und er liess sich müde auf eine Gartenbank
sinken, in dem sicheren Gefühl, Frau Öhm verloren zu haben.
Verzweifelt verbarg er sein Gesicht in den Händen und spürte, wie ein
Schluchzen seinen Hals hochkroch.
Da merkte er plötzlich, wie sich jemand neben ihm niederliess.
Erschrocken sah er auf und sah – Frau Öhm, die ihn mit ihren klugen Papageienaugen
ansah.
Und wie erstaunt war er, als er plötzlich hörte:
"Die ganzen Jahre hast Du mich nicht zu Wort kommen lassen, und jetzt
endlich hab ich Dich soweit, dass ich auch mal reden kann!"
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