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Als er reinkam, sah sie ihre Kollegin vielsagend an.
"Na, der scheint sich wohl verlaufen zu haben," raunte sie ihr zu und
musterte den Mann missbilligend.
Nein, er passte so gar nicht in diese Umgebung mit seinen ausgebeulten
Cordhosen und dem karierten Flanellhemd. Und erst dieser unmögliche Drei-Tage-Bart,
obwohl der ja momentan absolut in sein soll. Naja, und eine Schere hat
er ja wohl auch längere Zeit schon nicht an seine Haare gelassen. Er sah
völlig verwahrlost aus.
Sie beschloss, sich nicht weiter um ihn zu kümmern und unterhielt sich
mit ihrer Kollegin über das kommende Weihnachtsgeschäft, behielt ihn aber
im Blick. Man weiss ja nie. Er schlenderte die vollgestopften Regale entlang,
zupfte mal an diesem, mal an jenem, schüttelte gelegentlich den Kopf und
wandte sich anschliessend zu ihr um.
"Ja bitte?" fragte sie blasiert. Nein, er passte nun wirklich nicht hierher.
Wahrscheinlich war er bloss einer von diesen Pennern, die ab und zu mal
reinkamen, in der Hoffnung, sich ein bisschen aufwärmen zu können.
"Entschuldigen Sie," sagte er mit leiser Stimme, "ich bräuchte einmal
Ihre Hilfe."
Na bitte, dachte sie, hab ich doch richtig getipt. Aber eine angenehme
Stimme hat er. Was er wohl sonst so macht? Unwillig schüttelte sie den
Kopf. So ein Blödsinn, was mach ich mir Gedanken über so einen Herumstreuner.
"Hören Sie, wenn Sie denken, Sie könnten sich hier bei uns durchschnorren,
dann sind Sie falsch gewickelt!" antwortete sie unfreundlich.
"Wie bitte?" Erstaunt sah er sie an.
Er hat schöne Augen, dachte sie.
Irritiert senkte sie ihren Blick.
"I-ich meine," stotterte sie, "wir sind hier ein Herrenbekleidungs-geschäft
und nicht die Wohlfahrt."
Allmählich empfand sie die Situation als peinlich. Herr Gott nochmal,
konnte er nicht einfach wieder gehen? Hilfesuchend sah sie sich nach ihrer
Kollegin um, aber diese bemühte sich gerade, unauffällig in Richtung Personalbüro
zu gehen.
Verdammt, dachte sie, was für eine blöde Situation! Manchmal hilft es,
vor dem Reden das Gehirn einzuschalten, schimpfte sie auf sich selber.
"Hören Sie," sagte der Mann, "ich weiss nicht, für wen Sie mich halten,
aber ich brauche eine neue Jacke, meine alte ist mir, nunja, sagen wir,
abhanden gekommen."
Vorsichtig sah sie ihm ins Gesicht. Eigentlich sah er ja ganz aufrichtig
aus. Vielleicht trog ja doch der Schein?
Sie räusperte sich. "Verzeihen Sie," antwortete sie ihm, "es war nicht
gegen Sie persönlich, aber wenn Sie wüssten, was hier manchmal für Leute
reinkommen! Es tut mir wirklich leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.
Na, dann lassen Sie uns mal sehen, was ich für Sie tun kann."
"Schon gut", erwiderte er und lachte kurz auf, "ich sehe ja nun wahrlich
nicht salonfähig aus und könnte schon den einen oder anderen Rat gebrauchen.
Ich hoffe, dass Sie mir da wirklich helfen können!"
Erleichtert drehte sie sich um und ging auf den Ständer mit den Jackets
zu.
***
Schade, dachte er lächelnd, als er das Geschäft verliess,
eigentlich hat sie ja ganz hübsch ausgesehen, aber ihren Geschmack konnte
man ja nun wirklich keinem anderen mehr zumuten, und musste sie denn mich
denn unbedingt so provozierend ansehen? Es war ja geradezu einladend.
Nein, ich hätte gar nicht anders handeln können. Zum Glück bleiben andere
nun von dieser geschmacklosen Person verschont, es war gut, dass ich hier
war. Er grinste und lenkte seine Schritte zum nächsten Herrenbekleidungsgeschäft.
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