Es war einmal vor langer, langer Zeit, als die Luft
noch rein, die Bäume noch grün und die Eier noch eckig waren.
Moment, werdet Ihr denken, eckig? Eckige Eier gibt es doch gar nicht.
Ja, jetzt vielleicht nicht, aber damals waren die Eier noch eckig. Es
gab grosse und kleine, lange und kurze, aber eben eckige.
Das war auch ziemlich praktisch, weil man eckige Eier nach dem Einsammeln
zu hübschen Pyramiden aufbauen konnte, und zum Essen brauchte man keine
Eierbecher, die man sowieso selten da findet, wo man sie sucht.
In den alten Wäldern, zu ganz bestimmten Zeiten, konnte man sie überall
finden, sofern man nur seine Augen offen hielt und die Magie der Zeit
wahrnahm. Und glaubt mir, es gab viel Magie in dieser Zeit. Es war die
Zeit der Hexen und Zauberer, der Zwerge und Riesen, der Gnome und der
Elfen, aber auch der Träume und Verwünschungen.
Eines Tages kam ein Zauberer in einen dieser Wälder. Er war schon sehr
lange unterwegs, mit einem Ziel, dessen Grund er schon längst vergessen
hatte.
Vom langen Wandern war er erschöpft und alles, was er wollte, war ein
Plätzchen zum Ausruhen. Seine Augen waren müde von den vielen Dingen,
die er unterwegs gesehen hatte und er kämpfte schon seit geraumer Zeit
immer wieder gegen den Schlaf an.
Auf einer Lichtung, erhellt vom Vollmond, wähnte er sich am Ende seiner
Reise dieses Tages und beschloss hier, sein Quartier aufzuschlagen.
Das Moos sah verlockend weich aus und er freute sich darauf, dort seine
müden Glieder zur Ruhe zu betten.
Schnell packte er sein Bündel aus, sammelte noch ein wenig Reisig für
ein wärmendes Feuerchen zusammen und liess sich dann ächzend auf seine
Decke nieder.
"Autsch!" fluchtend sprang er wieder in die Höhe. "Verdammt nochmal,
was ist denn das?"
Er tastete unter seiner Decke nach dem, was ihn da empfindlich gedrückt
hatte und zog – ein damals übliches Ei hervor.
"So ein Ärger aber auch," schimpfte er, schnappte sich seine Decke und
zog ein Stück weiter weg von der Stelle, wo er das Ei gefunden hatte.
Wieder liess er sich seufzend nieder, und wieder sprang er empört wieder
hoch.
Seine Hand ertastete das nächste Ei, und, obwohl er Eier im Grunde recht
gern mochte, empfand er dieses Mal einen tiefen Groll gegen diese Störenfriede.
Plötzlich hörte er ein Kichern.
Erbost schaute er sich um und sah direkt in die grossen Augen eines
Hasen.
"Hihihi," kicherte dieser, "hast du dir ausgerechnet die Osterlichtung
zum Nächtigen ausgesucht?"
"Osterlichtung? Was für eine Osterlichtung?" fauchte der Zauberer den
Hasen an.
"Naja," erklärte der Hase, "hier werden die Eier für das Osterfest der
Menschen gemacht. Hast du das grosse Schild am Waldeingang nicht gesehen?"
Nein, das hatte unser Zauberer in der Tat nicht, weil er viel zu müde
war, um auf seine Umgebung zu achten.
Eigentlich hätte er jetzt ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil
er seine Umgebung nicht entsprechend gewürdigt hatte und weil er eigentlich
wusste, wie wichtig das Osterfest ist.
Aber er war so müde, dass ihm das alles egal war und er nur noch seine
Ruhe haben wollte.
Vor lauter Wut über die eckigen Eier, den kichernden Hasen und seine
eigene Müdigkeit rutschte ihm ein Fluch über die Lippen:
"Hiermit verfluche ich die eckigen Eier und bestimme ihnen, in Zukunft
nur noch rund und zerbrechlich zu sein, damit sie niemandem mehr wehtun
können!"
Der Hase sah den Zauberer entsetzt an.
"Das kannst du doch nicht machen," jammerte er, "wie sollten wir denn
dann die Eier transportieren können, wenn sie so leicht zerbrechen?"
"Das ist nicht mein Problem," grummelte der Zauberer, der nichts lieber
wollte, als endlich zu schlafen.
Betrübt schüttelte der Hase den Kopf.
"Oh je," seufzte er, "das wird kein gutes Ostern."
Da wurde dem Zauberer bewusst, was er da eigentlich getan hatte.
Reuevoll sah er den Hasen an.
"Tut mir leid, aber ich bin soooo müde. Lass mich bitte erstmal etwas
schlafen, danach mach ich das wieder rückgängig, in Ordnung? Ich bin
so müde, dass ich nicht klar denken kann und der Gegenwunsch fällt mir
jetzt nicht ein."
"Oh je, oh je, oh je," klagte der Hase, "hoffentlich geht das gut!"
Der Zauberer atmete tief durch und versprach: "Ganz bestimmt, wenn ich
wieder wach bin, dann bekommst du auch wieder deine eckigen Eier!"
Der Hase sah ihn zweifelnd an, wünschte ihm aber dennoch eine angenehme
Nachtruhe.
Erleichtert liess sich der Zauberer endlich auf seine Decke sinken
und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
Aber weil seine Reise schon so lange dauerte und er wirklich sehr erschöpft
war, schläft er noch heute.
Und deshalb haben wir heute immer noch runde Eier.