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(© André Busse) |
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Meine Frau betrog mich und lag mit ihrem Lover in meinem
Bett, ich war deprimiert und brauchte eine Aufmunterung!
Was lag da näher, als ins Kino zu gehen? Grosse Bilder, lauter Ton, da musste es doch gelingen, sich abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen. Doch welcher Film? Etwas beeindruckendes sollte es sein, ich wählte „Der Sturm" mit George Clooney aus. Da war alles gross: die Schauspieler, der Atlantik, die Wellen. Dieser Film würde mich reinwaschen. Zu meiner grossen Freude lief der Film auch im Originalton mit Untertiteln. Ich wusste mich also im Kinosaal unter gleichgesinnten Cineasten, die das Original immer einer schlechten Synchronfassung vorziehen. Um so überraschter war ich, als ich den Kinosaal betrat und feststellen musste, dass alle anderen Cineasten heute wohl frei oder etwas besseres zu tun hatten: der Saal war leer. Prima, wenn man deprimiert ist, was gibt es dann besseres als einen leeren Kinosaal? Doch die Sitze im neuen Kino waren zu weich, als dass ich mich von der obersten Reihe in den Tod stürzen konnte. Da ich mir nicht das Leben nehmen konnte, nahm ich mir den besten Platz. Genau in die Mitte setzte ich mich und bestaunte diesen schönen Purpur farbenen Vorhang der die Leinwand schützt. Das war doch schon sein Geld wert. Toller Vorhang. Und so gross. Und Purpur. Und elektrisch, wer hat das schon? Dazu noch Musik. Warum ging es mir trotzdem nicht besser? Ich weiss, sie fragen sich jetzt, was will der Kerl eigentlich noch mehr: ein guter Sitz, beheizter Raum, leise Musik und einen grossen Vorhang, dafür würden andere töten! Ich zähle nicht zu diesen Menschen. Ich wollte nur noch, dass sich der Vorhang in sein Versteck verzieht und den Film preisgibt. Doch bevor es in meinem Kinosaal losging, hörte ich aus dem Eingangsbereich einige Geräusche. Sprache zwar, aber kein Deutsch. Sollten sich noch ein paar Englisch sprechende Kinobesucher zu mir gesellen? Das wäre toll, so authentisch, fast, als ob ich in Amerika wäre. Der Tumult wurde lauter und vereinzelt kamen die Amerikaner herein. Sie gestikulierten wild und fuchtelten ganz aufgeregt in der Gegend herum. Der Akzent ihrer Sprache war mir unbekannt. Verwundert stellte ich fest, dass meine "Amerikaner" eine Gruppe von Gehörlosen war, die die Gunst der Stunde nutzten, einen aktuellen Film mit Untertiteln zu sehen. Ich habe Reportagen über Gehörlose gesehen, kann ein "„Wort" aus der Zeichensprache (Delphin) und fühle mich diesen Menschen gegenüber seltsam vertraut, vielleicht sogar ehrfürchtig. Ich hege auf jeden Fall keine Ressentiments gegen Gehörlose oder fühle mich gar unwohl in ihrer Gegenwart. Auch die beim "Reden" ausgestossenen Laute sind mir nicht unbekannt oder verblüffen mich. Ich habe sogar den Film "Jenseits der Stille" gesehen. Mit den Worten unseres 71jährigen Blockwarts:" Ich habe nichts gegen Gehörlose, aber..." Die Gruppe bestand aus ca. 20 Personen, die sich offenbar erst im Saal getroffen hatten, denn die Begrüssungsrituale waren noch nicht abgeschlossen und wurden lautstark fortgesetzt. Da sich die Gruppe im ganzen Vorführraum verteilt hatte, musste z.B. der Herr in Reihe 12, um die Aufmerksamkeit seines Freundes in Reihe 9 zu erlangen, ziemlich stark auf die Lehnen des Sitzes vor sich einschlagen, so dass sich die Vibrationen von Reihe 12 bis Reihe 9 fortsetzten konnten. Unglücklicherweise sass ich in Reihe 11 und hätte - wenn ich das Morsealphabet könnte- die Nachricht abfangen können. So versuchte ich das ganze als Vibrations-Massage zu geniessen. Und damit die Dame in Reihe 5 noch sehen konnte, was ihr Bekannter in Reihe13 "sagt", musste sie aufstehen und sich ganz gross machen. Ich in Reihe 11 konnte so nur einen Teil der Werbung verfolgen, die inzwischen begonnen hatte. Und wir alle wissen aus unzähligen Werbespots, wie wichtig Werbung ist! Nachdem nun also viel gewunken, gemorst, herumgerannt, Zettel mit dem
Inhalt des Films verteilt wurden -auch an mich, ich wurde schnell die
Gruppe integriert, was wahrscheinlich daran lag, dass ich so sprachlos
wirkte- kam der Eis-Spot und es wurde wieder hell. Der Film begann, zumindest für mich. Denn ich konnte schon Dinge hören, obwohl noch der Vorspann lief. Da dies den anderen entging, hörten sie mit ihrer Unruhe erst auf, als endlich der erste Schauspieler seinen Auftritt hat. Durch die relative Ruhe die nun eintrat, konnte ich allerdings andere mannigfaltige Geräusche aufnehmen, wie ich sie so noch nie in einem Kino gehört hatte. Am schlimmsten war das Popcorn. Noch nie hat jemand dieses unsinnige Nahrungsmittel lauter verwertet als die Dame in Reihe 12. Natürlich, wenn man selbst es nicht hört, fehlt einem die Kontrolle, was man wohl gerade mit seinem Mund für Geräusche produziert. Ich möchte nur soviel dazu sagen: Die Geräusche, die bei der Herstellung von Popcorn anfallen, waren um ein vielfaches leiser, als das, was mir geboten wurde. Insbesondere die Reinigungsaktion der Beisswerkzeuge nach Beendigung der Nahrungsaufnahme war beispiellos! Alle anderen Geräusche die ich hörte, waren auch nicht schlimmer als das Schnarchen des dicken Mannes, der einmal in der Oper neben mir eingeschlafen war. Da es sich bei dem Film nicht um ein speziell für Gehörlose bearbeitete
Version handelte, wurde nicht alles in den Untertiteln übersetzt und
auch keine Beschreibungen ("jemand schreit") angezeigt. Meinen gehörlosen
Freunden entgingen also einige pikante Details des Films, da die Übersetzter
sich wohl geweigert hatten, auch die Fäkal- und sexuelle Umgangssprache
in die Untertitel aufzunehmen. |
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